Im Wirtschaftsjournalismus gehört die Frage zu Weihnachten wie der Tannenbaum: Könnte unsere Wirtschaft nicht menschlicher und gnädiger, also irgendwie christlicher sein? Eine durchdeklinierte Wirtschaftsethik lässt sich aus der Lehre des Jesus von Nazareth aber nicht basteln, wenn man sie ernst nimmt.
An Versuchen, eine christliche Wirtschaftsethik zu formulieren, gibt es keinen Mangel. Es gibt Konzepte wie den “Liebeskommunismus” der Urgemeinde oder die katholischen Soziallehre, es gibt immer wieder Wortmeldungen in Einzelfragen: Enzykliken, kirchliche Stellungnahmen zu Sozialreformen und Finanzkrise, bis hin zu Heiner Geißlers “Was würde Jesus heute sagen”.
Schon die inhaltliche Bandbreite der vertretenen Positionen lässt das Dilemma erkennen: Dass sich aus den Lehren des bemerkenswerten Mannes Jesus von Nazareth nur sehr indirekt Schlussfolgerungen für wirtschaftliche und soziale Fragen ziehen lassen.
Der Grund dafür ist, dass der religiöse Denker aus Nazareth sich sehr für die absoluten Dinge interessierte – und so gut wie gar nicht für die praktischen Fragen des menschlichen Zusammenlebens. Man darf sich nicht davon täuschen lassen, dass er seine Botschaft in Gleichnisse aus dem täglichen Leben verpackte. Es ging ihm nie um die reale Bezahlung von “Arbeitern im Weinberg”, um “verlorene Groschen” oder ungerechte Richter” – um nur ein paar von seinen Gleichnissen zu nennen.
Für materielle Dinge, den “schnöden Mammon” interessierte Jesus sich nicht. Er warnte sogar ausdrücklich davor, sich dafür zu interessieren. Ihm ging es ausschließlich um das Absolute, den Urgrund unserer Existenz, wie er ihn sah: Die Stellung des Menschen vor einem bedingungslos liebenden Gott. Und diese Ausschließlichkeit ist keine Schwäche seiner Botschaft, sondern begründet im Gegenteil überhaupt erst ihre über Jahrtausende anhaltende Faszination. Aber wenn man aus seinen überlieferten Worten eine konkrete Wirtschaftsethik ableiten will, zahlt man seine zeitübergreifende Größe in Kleingeld aus.
Das bedeutet aber durchaus nicht, dass seine Botschaft – wenn man sie ernst nimmt – keine Konsequenzen hätte für wirtschaftliches und soziales Denken und Handeln. Man darf sie nur nicht missverstehen als Sozialgesetzbuch oder Bauanleitung für ein wirtschaftspolitisches Programm. Zu Konsequenzen führt sie durch die Radikalität, mit der Jesus ausnahmslos jeden Menschen mit den Augen des liebevollen Gottes ansah, den er predigte.
Und so gesehen ist der einzelne Mensch eben nicht Humankapital, Kostenfaktor, Leistungstträger oder Hartz-IV-Empfänger – sondern Mensch. Und mit seinem Gleichnis von den “Arbeitern im Weinberg” etwa wollte Jesus deutlich machen, dass Gott für jeden Menschen gleich viel übrig hat. Womit der entschiedene Nicht-Materialist nicht meinte: gleich viel Geld, sondern: gleich viel Zuneigung.
Wenn wir diese religiöse Aussage in die nüchternen Kategorien unserer heutigen Wirtschafts- und Sozialordnung übersetzen wollen, sagen wir wohl am besten: gleich viel Würde. Und dann muss man heute gar nicht mehr die Bibel bemühen und Jesus von Nazareth als Kronzeugen anführen, um für diese Forderung breite Zustimmung zu finden: Dass die Würde jedes einzelnen Menschen in ökonomischen und sozialen Zusammenhängen jederzeit zu respektieren ist.
Das gilt zumindest für die Theorie. In der Praxis hat man allzu oft den Eindruck, dass Menschen eben doch vor allem als Mehr- oder Minderleister, Steuerzahler oder Sozialschmarotzer, Humankapital oder Kostenfaktor gesehen werden.
Wenn wir uns das zu Weihnachten vor Augen führen, schlagen wir am besten gleich den Bogen zum nächsten großen Fest. Denn das wäre doch mal ein schöner guter Vorsatz für das neue Jahr: das nicht mehr mitzumachen.



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