Gefährlicher Drahtseilakt

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Staatshilfen für Schaeffler und Continental. Die International Herald Tribune fordert eine Wiederbelebung der Beziehungen zwischen Deutschland und den USA. Fundstück: Das bankrotte England träumt vom Euro.

„Real existierende Ausbeutung!“, schimpft ef online, der Internetauftritt der liberalen Zeitschrift „Eigentümlich frei“, angesichts der Staatshilfen. „Vor kurzem, als Maria-Elisabeth Schaeffler sich eine Aktienmehrheit beim DAX-Unternehmen Conti sicherte, schlug ihr seitens der Presse noch harter Wind entgegen.“ Das beste, was ihr gegenüber bekundet wurde, sei der Respekt gewesen, den man auch einem Räuberhauptmann entgegenbringe. „Und natürlich wurde nach staatlicher Regulierung gerufen, um solche Raubzüge zu verhindern.“ Doch von nun an trage auch Maria-Elisabeth Schaeffler das Stigma der Ausbeuterin. Wer hat, dem wird gegeben, habe sie wohl gedacht, und sich flugs ein paar Bürgschaften der Landesregierung gezogen. „Die Fünf-Milliarden-Euro-Frau lässt sich mit Geld subventionieren, das Handwerkern und Arbeitern abgepresst wurde, zum Beispiel den bald arbeitslosen Conti-Beschäftigten. Was Adolf Merckle zu Recht verweigert wurde, zockt Schaeffler jetzt durch.“

Amerika braucht Deutschland

Eine Neubelebung der Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika fordert die International Herald Tribune. „Erinnern wir uns an Deutschland 1945: Mit der Hilfe der USA schaffte es das Land, sich aus den Ruinen zu einem friedlichen, prosperierenden Staat zu entwickeln.“ Zwar stehe Amerika nicht vor einer Stunde Null wie damals Deutschland, doch könne man viel über Neuerfindung lernen. „Deutschland kann uns helfen, u. a. was Europa und Wirtschaft betrifft.“ So sei ein starkes Europa von großer Bedeutung für die Genesung Amerikas, und Deutschland sei derzeit das einzige Land, in dem Pflichtgefühl für eine starkes und effektives Europa mit der Überzeugung für gute transatlantischen Beziehungen einher gehe. Durch Deutschland könne Barack Obama die 27 EU-Nationen zu Reformen bewegen, um eine solide Basis für die Zusammenarbeit zu schaffen. „Zwar steckt Deutschland in einer Rezession, aber es verfügt über eine Sparquote von elf Prozent, eine starke herstellende Industrie und einen beinah ausgeglichenen Haushalt.“ Auch habe es ein umfangreiches Paket zur Stimulierung beschlossen. „Ein guter Anfang wäre, einen energischen, für Deutschland sprechenden US-Botschafter in Berlin zu benennen. Noch ist der Posten frei.“

Kanada stürzt freiwillig ins Defizit

Maßlos enttäuscht zeigt sich die Montreal Gazette über die Pläne der kanadischen Regierung, das Land unnötig in ein Haushaltsdefizit zu stürzen. Am Dienstag werde offiziell bekannt gegeben, dass Kanada ein Defizit von 43 Milliarden Dollar in 2009 haben werde, und 2010/2011 nochmals 30 Milliarden Dollar. „Wir entzünden ein Feuer auf einem zugefrorenen See, das uns für einige Zeit wärmen wird. Doch was kommt dann?“, fragt das Blatt besorgt. Das Argument, das Land müsse Schulden machen, um die Wirtschaft anzukurbeln, sei fadenscheinig. „Die kanadische Wirtschaft steht besser da als behauptet. Die Bank of Kanada hat ein starkes Wachstum ab 2010 vorausgesagt. Warum also schaufeln wir uns selbst in ein großes Loch?“ Weil jede Interessengruppe angekrochen käme und um Almosen bitte, so die Vermutung. „Wir brauchen keinen Stimulus, wir brauchen durchdachte Investitionen. Stattdessen schließt die Regierung Hypotheken auf unsere Zukunft ab, um sich heute die Macht zu sichern.“

Kerviel gibt seinem Arbeitgeber Mitschuld

In einem Exklusivbericht wartet das französische Magazin L’Express mit Details aus der Anhörung von Jerôme Kerviel auf. Der ehemalige Angestellte der Société Générale, der der Bank einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro eingebracht haben soll, habe seinem direkten Vorgesetzten vorgeworfen, von dem Betrug gewusst zu haben. Dieser habe das in einer harten Auseinandersetzung vor dem Untersuchungsrichter verneint und Kerviel als „Betrüger“ und „Lügner“ bezeichnet. Kerviel habe außerdem auf Anweisungen der Bank verwiesen, die den Angestellten gewisse Lücken gelassen hätten, und mehrfach hintergefragt, wie es sein könne, dass einer Bank wie der Société Générale die betreffenden Positionen bei ihren Kontrollen nicht aufgefallen seien. Ihm nachgewiesene Falschaussagen habe Kerviel schließlich damit begründet, dass er anfangs den „Schein habe wahren wollen“.

Rezession schlägt Japanern aufs Gemüt

„Der wirtschaftliche Abschwung hat sich auf die Psyche Japans niedergeschlagen“, resümiert die Japan Times bitter. Die Menschen im Land stünden unter Stress, aufgrund der düsteren Zukunftsaussichten und der Rezession im Land. Laut einer Studie des Gesundheitsministeriums hätte einer von fünf Japanern Schlafprobleme und nutze Alkohol oder Medikamente als Einschlafhilfe. 700.000 Anrufe registrierten die staatlichen Selbstmord-Hotlines im vergangenen Jahr, die WHO verzeichne einen enormen Anstieg der Selbstmordrate in Japan, die um das Doppelte höher sei als im globalen Durchschnitt. Auf zwei Arten müsse dem momentanen Konjunkturrückgang begegnet werden, fordert das Blatt: Man müsse praktische Maßnahmen ergreifen und psychologische. Wichtig sei, stärkere „Sicherheitsnetze“ für Einkommen oder Nahrungsmittel zu knüpfen. Das könnten erste Schritte zur Besserung der allgemeinen Lage sein. Allerdings könnten nur ein positiver Führungsstil und Entschlusskraft letztlich alles in Gang halten. Ohne einen Funken Optimismus bei den Vertretern an der Spitze werde die nationale Stimmung weiter abrutschen.

Fundstück: Das bankrotte England träumt vom Euro

In die Zukunft Großbritanniens träumt sich der Sunday Herald: „Januar 2012: Ein Jahr ist es her, dass das Land der Eurozone beigetreten ist, und die Gründe dafür sind in der Finanzkrise aus 2008/2009 zu suchen.“ Damals hätten die Verbindlichkeiten der britischen Banken in Höhe von 4,4 Billionen Pfund das Haushaltsdefizit explodieren lassen, weil der damalige Premier Gordon Brown den Banken über eine Billion Pfund gewährt habe. Nahezu ein Viertel der Staatseinnahmen hätten sich in Luft aufgelöst, die Arbeitslosenzahl sei auf 3,5 Millionen gewachsen, der Pfund in eine Währungskrise gestürzt und dann habe die Bank of England auch noch angefangen, Geld zu drucken. „Die Regierung beharrte darauf, dass Licht am Ende des Tunnels sei. Doch es war das Licht eines einfahrenden Zuges.“ Immerhin: Als das Königreich dann bankrott war und den Euro einführen wollte, hätten sich Deutschland und Frankreich so gefreut, dass sie den Briten großzügige Konditionen einräumten: „Wir akzeptierten den Zinssatz der Europäischen Zentralbank von 2,5 Prozent. Damit waren unsere Schulden nicht weg, aber sie lagen nun auf den Schultern der gesamten EU.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn.

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