andreAnsicht: “Frauenspersonen und Geisteskranke”

Spätestens seit Angela Merkel am Sonntag 200 Politikerinnen aller Schattierungen zu einer Matinee nach Berlin eingeladen hat, haben es alle mitbekommen: Frauen dürfen wählen. Seit 90 Jahren inzwischen, genauer seit dem 19. Januar 1919, als nach dem Ersten Weltkrieg das erste Parlament der Weimarer Republik gewählt wurde. Eigentlich ging das erstaunlich schnell, wenn man bedenkt, dass es „Frauenspersonen, Geisteskranken, Schülern und Lehrlingen” in der Kaiserzeit bis 1908 laut Vereinsgesetz noch verboten war, sich in politischen Vereinigungen zu engagieren.

Das passende Buch zum festlichen Ereignis hat Alice Schwarzer herausgegeben, in „Damenwahl” erzählen einige dieser 200 Politikerinnen, wie es war und ist (Buchbesprechung und Zitate hier). Wählen war ja damals das Eine, auf eine eigenständige Teilnahme am Wirtschaftsleben mussten Frauen in Deutschland viel länger warten. Das „Gleichberechtigungsgesetz” erlaubte 1958 großzügigerweise Frauen die Berufstätigkeit, natürlich nur „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist. Nach einer Heirat wurde das gesamte Vermögen der Frau „der Verwaltung und Nutznießung des Mannes unterworfen”. Bis Ende der 1960er Jahre konnte eine Frau nur ein Bankkonto eröffnen, wenn ihr Mann zustimmte. Erst seit 1977 dürfen Frauen berufstätig sein, ohne ihren Mann um Erlaubnis fragen zu müssen. Und es hat bis 2001 gedauert, bis Frauen endlich in die Bundeswehr durften (die Wehrpflicht bleibt aber noch den Männern vorbehalten).

Vielen ist vielleicht nicht so bewusst, dass das Gleichbehandlungsgesetz auch für Männer gilt. Es gab ja doch noch ein paar Sachen, die Männer nicht durften, Frauen aber schon. Viele von den letzten verborgenen Ungerechtigkeiten haben Männer allerdings inzwischen aufgestöbert und erfolgreich gerichtlich durchgesetzt: So dürfen sich jetzt auch Männer im Gefängnis schminken, bei der Bundeswehr einen Pferdeschwanz tragen, Funkenmariechen werden oder – tatsächlich – im Stehen pinkeln. Ja, wirklich.

7 Kommentare zu “andreAnsicht: “Frauenspersonen und Geisteskranke””


  1. 1 Lister_top

    Als kleine Anmerkung:

    “die Wehrpflicht bleibt aber noch den Männern vorbehalten”

    Möglicherweise hast du dich unklar ausgedrückt, aber vorbehalten klingt bei mir so, als ob dies eine fortwährende Diskriminierung der Frau darstellen würde. Passender wäre wohl “die Wehrpflicht gilt jedoch nach wie vor nur für Männer”.

    Und korrigier mich, wenn ich auch das falsch gelesen habe, aber versuchst du im letzten Abschnitt die Gleichberechtigkeitsbestrebungen von Männern durch den Kakao zu ziehen? Oder was sucht das Urteil zum “im Stehen pinkeln” in diesem Artikel? Hat nicht im Geringsten etwas mit Gleichberechtigung zu tun.
    Den anderen beiden “lustigen” Fällen hätte man die weitaus erwähnenswertere Diskussion um die Benachteiligung im Sorgerecht voranstellen können. Aber wen interessiert das schon, nicht wahr?

  2. 2 Andrea Czepek

    Zur Wehrpflicht, na klar sollte das so klingen, als sei das eine Benachteiligung für Frauen, aber ich hatte gehofft, man würde die Ironie erkennen. Naja, ist mir wohl nicht so geglückt. Deshalb für die Akten: Ich bin in Wirklichkeit für die Abschaffung der Wehrpflicht für beide Geschlechter.
    Zur Benachteiligung im Sorgerecht: Was hätte ich denn da voranstellen sollen? Männer dürfen sich jetzt auch um ihre Kinder kümmern? :-]]

  3. 3 Lister_top

    Du scheinst darin eine sehr witzige Angelegenheit zu sehen. Das ist der Punkt den ich bei einigen Frauenrechtlern und Frauenrechtlerinnen nicht verstehe (und um das klar zu stellen: ich zähle mich dazu). Gleichberechtigungsforderungen von Männern werden gerne als nicht ernst gemeinte Konterreaktion, als Eingeschnapptheit verstanden. Natürlich gibt es Männer, die sich nur über Dinge beschweren, um damit anderen auf die Nerven zu gehen, ganz nach dem Motto “dann mach ich das jetzt halt auch”(wohlgemerkt, die meisten dieser “schweren” Fällen befinden sich in Internetforen und nicht vor irgendwelchen Gerichten).
    Dann aber davon auszugehen, dass Männer eigentlich kaum irgendwelchen Systemzwängen ausgesetzt wären, ist für mich nicht nur Chauvinismus (der sich nicht großartig von den Menschen, die nicht einsehen wollen, dass Frauen in bestimmten Gesellschaftsfeldern diskriminiert werden, unterscheidet) sondern auch eine Simplifizierung der Dinge zulasten der Männer.
    Die Diskussion können wir hier gerne ausbreiten, aber vielleicht stimmst du mir ja auch zu, dass Männer ebenso wie Frauen sozialisierte Wesen mit einem bestimmten Moralverständnis sind und der Kampf gegen Diskriminierung deswegen nicht zwangsläufig für Männer einfacher ist obwohl sie zahlenmäßig in politischen Institutionen überlegen sind (Wie man an deinem Posting sieht, wird man ja nicht einmal von manchen Feministinnen [die es eigentlich besser wissen müssten] für voll genommen – wie sieht das dann bei Radikalkonservativen aus?).

    Ungeachtet der Tatsache, dass sich Frauen nach wie vor noch in den meisten Fällen um die Erziehung der Kinder kümmern (und dies hinsichtlich der angezielten Gleichberechtigung ein erwähnenswerter Punkt ist): In Scheidungsfällen will nicht nur der größte Teil der Frauen, sondern auch der Männer alleiniges Sorgerecht. Man mag sich darum streiten, welche Vor- und Nachteile ein alleiniges Sorgerecht hat, das ist ein anderes Thema. Tatsache ist, dass die Kinder meist den Frauen zugesprochen werden und dies auch(!) mit einer stereotypen Vorstellung was die Kinderbetreuung anbelangt zusammenhängt, die sich in diesem Fall für die Männer nachteilig auswirkt.

    Ich will damit nicht sagen, dass dies die brennenden Probleme unser Gesellschaft sind. Bei weitem nicht. Aber immerhin doch wesentlicher als die von dir so lustig aufgereihten Beispiele, von denen das Stehpinkeln ja nicht einmal irgendeinen Gleichberechtigungsbezug hat. Zugegeben, wenige Männer fühlen sich nicht gesellschaftlich diskriminiert, ungefähr so wie sich heute auch ein Großteil der Frauen, die Highheels tragen, nicht diskriminiert fühlen.
    Die, die es dennoch tun, werden als hoffnungslose Fälle dargestellt, ungefähr so, wie es im Artikel anklingt: Das sind die Sorgen der Männer: Schminken im Gefängnis, Lange Haare beim Bund und Stehpinkeln. Schade, dass du nicht mal als Mann mit zwei Zöpfen durch die Stadt rennen musst. Vielleicht würdest du dich dann auch über das blöde Glotzen und die blöden Sprüche beschweren und es als Einschränkung der Lebensqualität wahrnehmen (obwohl es nun wirklich schlimmere Übertretung der Gesellschaftsbilder gibt).

    Nunja.

  4. 4 Andrea Czepek

    Ich wollte in der Tat darauf hinaus, dass (heterosexuelle) Männer die meisten wesentlichen Rechte in unserer Gesellschaft heute ganz selbstverständlich für sich beanspruchen können, während entsprechende Frauenrechte eine eher jüngere Errungenschaft sind, und da für (wie gesagt, heterosexuelle) Männer vergleichsweise nicht mehr so viel erkämpft werden muss. Muss aber zugeben, dass mir der Tonfall (vielleicht meinem aktuell grippebedingten Fieberwahn geschuldet :-( heute nicht so geglückt ist. Dass ich Benachteiligungen von Männern durchaus wahrnehme, habe ich in früheren Kolumnen ja schon gezeigt, zum Beispiel hier.

  5. 5 Lister_top

    Ich will die Frauenrechtsbewegung nicht runterreden. Dass der Kampf gegen dominante Gesellschaftsbilder ein schwerer ist und bleibt, daran gibt es überhaupt nichts zu rütteln. Nur hat das meines Erachtens nicht mit irgendeinem Patriarchat zu tun, sondern allgemein mit verfestigten Gesellschaftsstrukturen, denen sich alle Konservativen entgegensetzen, Männer wie Frauen (sic!). Dass Frauen sich in einem Fußballclub organisieren galt in Deutschland nicht nur für Männer lange Zeit als unanständig, sondern ebenso für Frauen. Es geht hier um Gewöhnung nicht um maskulinen Imperativ. Ich will nicht behaupten, dass strukturelle Bedingungen keine Rolle spielen, das tun sie ganz bestimmt, aber sie sind ein Faktor von vielen.

    Leider wurde das Wort “Patriarchat” über Jahre in der Frauenbewegung unreflektiert kultiviert und trotz (mittlerweile) jahrzehntelanger Bestreben der gender-studies konnte die Vorstellung eines dichotomen Kampfes Männer (die ihre Macht nicht aufgeben wollen) gegen Frauen (die um jeden Preis gleiche Rechte wollen) nicht erfolgreich relativiert werden.
    Damit einher gehen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Vor diesem Hintergrund ist es sehr interessant, dass du explizit von heterosexuellen Männern redest, die angeblich kaum noch etwas zu erkämpfen hätten. Ich bin heterosexuelle und fühle mich sehr wohl diskriminiert, wenn ich von anderen Menschen (und ja, ich spreche erneut von Männern UND Frauen) in eine Schublade gesteckt werde, in die ich nicht gesteckt werden will oder öffentlich diskriminiert werde, weil ich nicht dem Bild entspreche, das die Gesellschaft von (heterosexuellen) Männern hat. Meine Erfahrung ist: Wenn ein Mann gerne strickt, backt, kocht und mit Kindern spielt, wird das sowohl von der Mehrzahl Männer als auch Frauen als seltsam gewertet. Das kann auf positive und auf negative Weise geschehen. In beiden Fällen kommt es (nicht immer aber) oft zu einer Ausgliederung aus der eigenen Identitätsgruppe. Das mag alles fürchterlich banal für dich klingen, aber mich nervt es tierisch. Und ich glaube wir sind gegenwärtig so weit, dass wir auch über diese Art der Diskriminierung reden sollten (zugegeben: nicht unbedingt in einem diachronen Kontext wie hier, aber durchaus in einem synchronen Vergleich). Ich tue es jedenfalls nicht einfach so aus Spaß und ärgere mich, (gerade) wenn singuläre Emanzipationsansprüche als lächerlich dargestellt werden.

    Ein anderes interessantes Beispiel ist übrigens die selektive Verwendung des Binnen-I, das ich voll und ganz unterstütze. Interessanterweise wird es von seinen Verfechtern und Verfechterinnen trotz des verallgemeinernden Anspruchs (vs. prozentuale Verteilungen) tendenziell nicht in despektiven Kontexten verwendet. Ein aktuelles Beispiel (weil ich grad von der Seite kam)

    “Die Rattenfänger haben also auch die eine oder andere Rättin mit ihrem Flötenspiel gebannt.”
    http://maedchenmannschaft.net/nach-rechts-abgebogen/

    Gleiches gilt für entsprechende Kontexte, in denen eigentlich von MörderInnen, AlkoholikerInnen oder NationalsozialistInnen gesprochen werden müsste. Vielleicht schreibst du darüber mal eine Kolumne. Ich verspreche dir, du wirst auch bei kleineren Korpusanalysen fündig werden.

    Nungut, ich wünsche dir in jedem Fall gute Besserung und wünsche weiterhin frohes Schreiben.

  6. 6 Andrea Czepek

    Ich sehe einen grundlegenden Unterschied zwischen per Gesetz verweigerten (oder gewährten) Rechten und der unterschiedlichen Beurteilung von Tätigkeiten oder Lebensstilen durch andere. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht eine Menge Situationen gibt, in denen Männer benachteiligt sind oder diskriminiert werden; überwiegend werden sie dies aber nicht durch gesetzliche Regelungen (für homosexuelle Männer ist das anders, deswegen meine Unterscheidung). Ich bin seit einigen Jahren mit einem Hausmann verheiratet und weiß, wie das ist, wenn man Rollenbilder auf den Kopf stellt, ich halte das aber für ein ganz anders gelagertes Thema.

    Das Wort Patriarchat hab ich hier gar nicht hingeschrieben, aber den von Dir skizzierten dichotomen Kampf gibt es durchaus, auch wenn ich unterscheiden würde zwischen patriarchalen Strukturen und einzelnen Individuen. Ein Vorwurf an patriarchale Strukturen ist kein Vorwurf an einzelne (und schon gar nicht alle) Männer. Natürlich werden patriarchale Strukturen auch von Frauen mit getragen und verstärkt, das ändert nichts daran, dass sie existieren.

    Ansonsten, das unsägliche Binnen-I werde ich hier weder verwenden noch verteidigen, weil ich es für unsinnig und missverständlich halte ;-) Über geschlechtergerechte Sprache kann ich ja mal was schreiben irgendwann. Über das Sorgerecht auch, jetzt dazu nur so viel: Wenn ein paar mehr Väter sich mal nur halb so viel Gedanken machen würden über die Versorgung und Betreuung ihrer Kinder vor der Scheidung wie über die (meist stark verzerrt dargestellte) Sorgerechtsfrage hinterher, wäre vielleicht schon viel gewonnen.

  7. 7 Lister_top

    “Ich sehe einen grundlegenden Unterschied zwischen per Gesetz verweigerten (oder gewährten) Rechten und der unterschiedlichen Beurteilung von Tätigkeiten oder Lebensstilen durch andere.”

    Genau das habe ich auch geschrieben. Und da du es nun zum zweiten Mal anführst: wo werden speziell homosexuelle Männer gesetzlich diskriminiert? Mir fallen nur Fälle ein, in denen Homosexuelle allgemein gesetzlich diskriminiert werden. Aber ich hab da möglicherweise keinen Überblick.

    “Das Wort Patriarchat hab ich hier gar nicht hingeschrieben, aber den von Dir skizzierten dichotomen Kampf gibt es durchaus, auch wenn ich unterscheiden würde zwischen patriarchalen Strukturen und einzelnen Individuen.”

    Was denn nun? Kampf zwischen Mann und Frau oder zwischen patriarchalen Strukturen und einzelnen Individuen? Oder doch ganz anders? Verstehe die Zusammensetzung nicht ganz. Und überhaupt: Kampf?

    “Wenn ein paar mehr Väter sich mal nur halb so viel Gedanken machen würden über die Versorgung und Betreuung ihrer Kinder vor der Scheidung wie über die (meist stark verzerrt dargestellte) Sorgerechtsfrage hinterher, wäre vielleicht schon viel gewonnen.”

    Ich spüre, dass ich diese Aussage gerne kommentieren würde, aber spätestens bei “meist stark verzerrt dargestellte” hat es bei mir Klick gemacht. Wenn mich jemand, ohne dafür irgendeinen wirklichen Anhaltspunkt zu haben, in die manndat-Tonne wirft, sehe ich keinen wirklichen Grund noch eine sinnvolle Diskussion zu führen. Das passt dann auch zum impliziten und direkt an die Männer gerichteten Vorwurf und in von mir oben angesprochenen (und kritisierten) Mann-Frau-Dichotomie. Schade eigentlich.

Kommentar schreiben




Internationale Wirtschaftsnachrichten