Pfizer: Opfer des Größenwahns

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert Für und Wider der Übernahme von Wyeth durch den Pharma-Riesen Pfizer. Challenges begrüßt die Staatshilfe für BNP Parisbas. Die Tageszeitung klagt über den Beigeschmack von Klassenjustiz beim Zumwinkel-Urteil. La Repubblica fordert Hilfsmaßnahmen für Italiens Autoindustrie. Fundstück: Erfolg dank Testosteron.

“Pfizer ist Opfer seines Größenwahns geworden”, lautet der Kommentar von Le Temps aus der Schweiz zu der Übernahme von Wyeth. Vom Erfolg seiner Verkaufsschlager, allen voran Lipitor, überholt und ausgelaugt, habe die Nummer Eins im Pharmasektor die Flucht nach vorn angetreten. “Pfizer hat nicht die Zeit, um ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln. Nun soll eine neue Fusion helfen, die Umsatzzahlen zu steigern.” Immerhin bringe Wyeth den Einstieg ins Geschäft mit Impfstoffen. Dagegen mittelfristig auf ein neues, mehr der Wissenschaftlich zugewandtes Geschäftsmodell zu setzen, hätte fürs erste magere Jahre und eine aufreibende Jagd nach neuen Rezepten bedeutet. “Doch dies den Aktionären vorzuschlagen, die kurzfristig angelegte Erwartungen hegen, war offenbar undenkbar.” Abgesehen davon werde der Deal eine neue Übernahmewelle in der Branche auslösen, die u. a. Novartis (Sandoz-Ciba), AstraZeneca oder Sanofi-Aventis mit sich reißen könnte.

Skeptisch bewertet auch BusinessWeek den Deal zwischen Pfizer und Wyeth: “Die Übernahme wird zwar Pfizer kurzfristig Auftrieb verleihen, aber das löst nicht die langfristigen Probleme, mit denen derzeit alle Pharmazieunternehmen kämpfen.” Allen, auch Pfizer, mangele es an viel versprechenden neuen Produkten, die Präparate ersetzen, deren Patente nach und nach ablaufen. Pfizer werde mit einem zunehmend engen Marketingumfeld konfrontiert, und da helfe auch der Deal mit Wyeth wenig. “Der US-Congress ist dabei, die Direktwerbung von Pharmakonzernen für ihre Medikamente zu beschränken, bereits letztes Jahr traten strengere Regeln bei der Werbung in Industriemärkten und in Arztpraxen in Kraft.” Zudem würden auch Universitäten und Hospitäler strengere Richtlinien hinsichtlich der Finanzierung von Forschungsprojekten durch Konzerne formulieren. Dennoch könne die Fusion der beiden einen neuen Trend in der Branche begründen. Eine Analystin der Credit Suisse habe verlauten lassen, Bristol-Myers Squibb werde als nächster Übernahmekandidat gehandelt.

“Wyeth kann Pfizer heilen”, hält die International Herald Tribune dagegen. “Pfizer weiß einiges über Medizin, aber bislang hat der Pharmaziegigant kein Mittel gegen das Leid seiner Anteilseigner finden können: Die Aktien auf einem Level wie 1997 und eine Rezession, die Wachstum zur großen Herausforderung macht. Ein möglicher Deal mit Wyeth könnte da helfen.” Nicht so sehr, weil der kleinere Wettbewerber viel versprechende Entwicklungen oder Ersatz für verlorene Patente mitbringe. Die beiden Unternehmen könnten einfach ihre Kosten merklich reduzieren und ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen zu effektiveren Einheiten zusammenlegen. “Selbst wenn die Wyeth-Aktionäre mehr Geld wollten, könnte Pfizer problemlos einen Kredit aufnehmen. Denn Pfizer dürfte recht schnell die Wyeth-Sparten verkaufen, die nicht zu seinem Geschäft gehören.” Und schließlich könnten Pfizer und Wyeth nicht die einzigen Konzerne der Branche bleiben, die in Zeiten, in denen Regierungen ihre Gesundheitsausgaben drosseln, die Vorzüge eines Zusammengehens schätzen.

Der Elysée hilft BNP Parisbas aus der Verlegenheit

BNP Parisbas mit 5,1 Milliarden Euro auszuhelfen, sei die richtige Entscheidung der französischen Regierung gewesen, befindet das Wirtschaftsmagazin Challenges. “Damit kann BNP hoffen, das Misstrauen der Investoren wegzuwischen, dass der Bank in den letzten Wochen herbe Kursverluste eingebracht hat: In drei Monaten stürzte die Aktie um zwei Drittel ihres Wertes ab, auf das Niveau von vor 1998.” Seit Dezember hätten die Komplikationen bei der Operation Fortis, die Auswirkungen des Falls Madoff und starke Verluste Zweifel bei den Anteilseignern aufkommen lassen. “Die einen forderten eine Kapitalaufstockung, die anderen waren strikt dagegen. So setzten sie letztlich die Bank aufs Spiel.” Aus dem Elysée-Palast sei nun die “haargenau richtige Lösung” gekommen: Der Erwerb von Aktien ohne Stimmrecht im Wert von 5,1 Milliarden Euro – “praktisch eine Aufstockung des Eigenkapitals.” BNP habe im Gegenzug Emissionen im Wert von 2,5 Milliarden Euro vergütet. “Außerdem profitiert der Staat, allein für 2008 winken 3 Milliarden Euro Gewinn. Die Dividenden wurden geopfert, doch der Soldat BNP Parisbas wurde gerettet. Das war es wert.”

Fiat: 60.000 Arbeitsplätze in Gefahr

“Die Gefahr, dass 60.000 italienische Arbeitnehmer bald auf der Straße stehen, ist real” zitiert La Repubblica aus Italien den Fiat-Vorstandsvorsitzenden Sergio Marchionne. Er zeichne düstere Szenarien, sollten staatliche Anreize für die Verschrottung von Altautos ausbleiben. Diese Unterstützung habe Minister Roberto Calderoli abgelehnt, kritisiert das Blatt, und damit riskiere er nun 60.000 Arbeitsplätze. Von der Regierung aber werde endlich ein Eingreifen erwartet, und zwar für die gesamte Automobilbranche, die im letzten Jahr 60 Prozent weniger Autos verkauft habe. “Diese Maßnahme würde nicht allein Fiat helfen,” zitiert das Blatt Marchionne, “sondern der gesamten Automobilproduktion und italienischen Wirtschaft.”

Expansion auf Staatskosten

Die russische Regierung wolle die Krise dazu nutzen, die Position der heimischen Unternehmen in anderen GUS-Staaten zu stärken, schreibt die Nesawissimaja Gazeta. Das Wirtschaftsministerium habe die Gründung eines Expertenrates angeregt, der die russischen Firmen bei der Übernahme ihrer Wettbewerber unterstützen und ihr Vorgehen koordinieren soll. Viele Aktiva im postsowjetischen Raum seien im Preis gefallen und übernahmereif. “Die Unternehmen und der Staat müssen ihre Interessen bündeln”, zitiert das Blatt die Wirtschaftsministerin Elvira Nabiullina. Unabhängige Experten zweifelten jedoch an der Realisierbarkeit der Pläne. “Da die Firmen keine freien Mittel haben, kann die Expansion nur auf Staatskredit erfolgen. Angesichts des absehbaren Staatsdefizits von zehn Prozent kann sich die Regierung so etwas schlicht nicht leisten”, meint das Blatt.

Mögliche Maßnahmen gegen Internet-Piraterie

Die Times of India beleuchtet mögliche Maßnahmen gegen Internet-Piraterie auf dem Musikmarkt. Laut dem Weltverband der Phonoindustrie (IFPI) seien immer weniger Konsumenten dazu bereit, für Musik Geld auszugeben; 95 Prozent der Musik werde illegal aus dem Netz herunter geladen. Zwar sei auch der legale Absatz im Internet um 20 Prozent gestiegen, jedoch “zu langsam, um den Rückgang an Musikverkäufen zu stoppen.” Die Musikindustrie müsse neue Wege finden, um Geld zu verdienen. Eine Idee sei eine Gebühr für User, die in der monatlich gezahlten Internetgebühr enthalten sei. Den effektivsten Weg, um Internet-Piraterie zu bekämpfen, sehe die Musik-Industrie allerdings darin, die Internet-Provider haftbar für die illegale Verbreitung von Daten zu machen und die Übertragungsgeschwindigkeit von Daten aus dem Internet einzuschränken. Das aber gebe den Providern zu viel Kontrolle über den “Online-Verkehr” und sei gefährlich, meint das Blatt.

Fundstück: Alles eine Frage der Hormone

Über die plötzliche Schwemme an Studien, die Hormone und Erfolg in Wirtschaft und Finanzwelt in Zusammenhang stellen, amüsiert sich The Age. Nachdem eine Studie mit 44 Wertpapierhändlern behauptet habe, dass diejenigen mit langem Ringfinder erfolgreicher seien – aufgrund einer hohen Testosteron-Konzentration -, zeige nun eine andere Studie, dass schöne Frauen über einen höheren Oestradiol-Spiegel verfügten, der sie dazu verleite, schnell untreu zu werden, wenn der neue Partner erfolgreicher sei oder über einen höheren gesellschaftlichen Status verfüge. “Klar, Testosteron hilft am Akteinmarkt, und mit Östrogen kann man sich nicht durch die Finanzkrise navigieren. Wie stereotyp!” All die Langfinger hätten wohl trotzdem die Krise bei Lehman Brothers oder Bear Stearns nicht verhindern können, höhnt das australische Portal. Doch wirklich schlimm sei, dass suggeriert werde, es sei wissenschaftlich belegbar, dass Männer biologisch prädestiniert seien für Erfolg. “Vielleicht aber findet man im Finanzsektor so wenig Frauen, weil dies eine Umgebung ist, die Frauen gern ausschließt.”

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Cornelia Bruckner, Kerstin Herrn, Maxim Kireev.

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