Verändern oder verloren

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse erstellt eine Agenda zum heute beginnenden Weltwirtschaftsforum in Davos im Zeichen der Weltwirtschaftskrise. Vedomosti und Referans betrachten die Hürden und Hoffnungen rund um die Nabucco-Pipeline. Outlook India schaut hinter die glitzernde Fassade von Price Waterhouse in Indien. Fundstück: Achtung, finanzielle Pornografie.

Im Interview mit CNN geht der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, davon aus, dass die Stimmung in Davos diesmal anders sein werde: „Sie wird betroffener sein, ernster, bescheidener; die Teilnehmer sehen, dass sie zu einem gewissen Teil als Führer der Welt gescheitert sind. (… ) Wir sind alle gescheitert.“ Kennzeichen der neuen Welt nach der Krise sei der „Dienst an der Gesellschaft“: Es gibt nicht nur eine Finanzkrise, wir haben es hier auch mit dem Klimawandel und der Krise in Afrika zu tun.“ Auf die Frage, ob er Entschuldigungen von Führungskräften, zum Beispiel von Bankern erwarte, erklärt Schwab: „Ich hoffe, dass wir einige hören werden.“

Die Gulf Times aus Katar wundert sich nicht darüber, dass in diesem Jahr mit 40 Staatsführern und 36 Finanzministern (neben den Zentralbankern und 1400 Führungskräften) die Zahl der Regierungsvertreter doppelt so hoch sei wie im vergangenen Jahr: Die vielen „Mega-Bailouts“ hätten entsprechend viele Banken in die Hand des Staates geführt. Während das ursprüngliche Ziel des 1971 gegründeten Forums darin bestanden habe, das Unternehmertum in alle Ecken der Welt zu tragen, seien die Ökonomen dieses Mal damit beschäftigt, die „Grabinschrift zum Kollaps des Kapitalimus“ zu verfassen. Absolute Priorität schreibt das Blatt der Wiederbelebung der Doha-Runde zu. „Die globale Wirtschaft benötigt solch einen Durchbruch, um zumindest einen Teil des Trübsinns zu beseitigen.“

Nabucco: Hürden und Hoffnungen

Die Gaspipeline Nabucco bleibt vorerst weiterhin ein Traum für die Europäer, schreibt die russische Tageszeitung Vedomosti. Die gestrige Regierungskonferenz in Budapest sei ergebnislos geblieben. Im Schatten des Gasstreits zwischen der Ukraine und Russland erscheine das Projekt mehr politisch als wirtschaftlich motiviert, um unabhängiger von Russland zu werden, analysiert das Blatt. Das größte Problem von Nabucco sei die Gasknappheit in den potenziellen Lieferländern Aserbaidschan und Turkmenistan, die nur 3 der 15 Milliarden Kubikmeter Gas liefern könnten, die einen Betrieb möglich machten. Die USA seien strikt gegen eine Einbindung Irans in das Projekt. „Der tschechische Premier Topolanek monierte im Vorfeld der Konferenz außerdem, dass Deutschland Nabucco zu wenig unterstützt, in der Hoffnung auf das Pipeline-Projekt North-Stream. Dazu sind die meisten Nabucco-Interessenten auch an Gazproms South-Stream Projekt beteiligt“, schreibt die Zeitung.

Ohne die Türkei sei das Nabucco-Projekt nicht realisierbar, berichtet die türkische Wirtschaftszeitung Referans. Dies hätten alle Teilnehmer der Konferenz in Budapest eingesehen. Daher sei es jetzt wichtig, das Projekt zu beschleunigen. Die Türkei habe ihrerseits Vorschläge eingereicht und erwarte von ihren Partnern eine schnelle Entscheidung. Sollte es den EU-Partner wirklich ernst sein, mahnt das Wirtschaftsblatt, müssten sie bald die nötigen Finanzmittel genehmigen – sollten die anderen europäischen Vertragspartner ihre Hausaufgaben machen, könnte noch in der ersten Jahreshälfte ein Vertrag mit der Türkei zustande kommen.

Price Waterhouse in Indien unter Beschuss

Outlook India schaut hinter die glitzernde Fassade von Price Waterhouse, der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die die gefälschten Bilanzen des IT-Dienstleisters Sytyam abgezeichnet hätten. Hintergrund: Am Wochenende verhaftete die Polizei zwei Partner der indischen Tochter des US-Unternehmens wegen des Verdachts auf Beihilfe zu einer Straftat und Betrug. Die Liste der Kunden sei imposant und umfasse Bayer, Bosch, Colgate-Palmolive, Glaxosmithkline und Novartis. Trotz der guten Referenzen rechnet das Magazin damit, dass besonders kleinere Firmen, die bisher den „geprüft von PwC“-Stempel benötigt hätten, bald abspringen. Im Gespräch mit Outlook India schimpft ein Unternehmer über die „Armee an nadelgestreiften Prüfern“, die gerade mit arrogantem Blick seine Firma unter die Lupe nehme. „Sie verlangen drei Mal mehr als andere Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Bisher wollte ich den PwC-Stempel. Jetzt ist dieser Stempel aber verdächtig, warum soll ich nicht zu Sharma & Sharma wechseln?“ Ein früherer PwC-Mitarbeiter berichtet dem Magazin, dass interne Macht-Rangeleien das Unternehmen in Indien geschwächt hätten; die Firma habe es versäumt, die sechs oder sieben Partnerschaften, aus denen der indische Arm der Wirtschaftsprüfung bestehe, zu integrieren.

Fundstück: Achtung, finanzielle Pornografie

Huffington Post torpediert die Vielzahl von Anlagetipps, mit denen Medien wie „Smart Money“ oder „BusinessWeek“ ihre Leser durch die Finanzkrise zu lotsen versuchten. So hätten beispielsweise Anleger, die vor einem Jahr den Tipps von „Smart Money“ gefolgt seien und ihr Geld bei zwölf Firmen mit „herausragenden Profiten in 2008“ angelegt hätten, durchschnittlich 52 Prozent ihres Investments verloren; eine der empfohlenen Aktien habe 88 Prozent an Wert eingebüßt. Um die „finanzielle Pornografie“ einzudämmen, schlägt der Autor vor, vor solchen Anlagetipps ähnlich wie vor dem Rauchen zu warnen: „Dieses Magazin zu lesen oder die Sendung zu schauen, könnte ihre finanzielle Gesundheit schädigen“.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Maxim Kireev, Feride Tavus.

1 Kommentar zu “Verändern oder verloren”


  1. 1 Rogelio Ricklefs

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