Nicht nur in der Kriminalistik oder der Psychologie, sondern auch im Wirtschaftsleben finden die Erkenntnisse aus der Hirnforschung Resonanz. In seinem Buch „Neuroleadership“ beschreibt Christian E. Elger, Professor am Universitätsklinikum Bonn, wie Führungskraft die Ansätze der Hirnforscher nutzen und „gehirngerechte“ Entscheidungen treffen können.
Was können Ökonomen und Manager von Neurowissenschaftlern lernen?
Durch die Methoden der modernen Hirnforschung ist es quasi möglich geworden, dem Gehirn beim Denken zuzuschauen. Das bedeutet, dass ganz bestimmte, entscheidende Fragen im Management oder in den Wirtschaftswissenschaften unter dem Gesichtspunkt untersucht werden können, welche Hirnstrukturen bei Versuchspersonen aktiv sind. Aus der Aktivierung dieser Hirnstrukturen kann dann auf das Verhalten und die Motivation zu diesem Vorgang geschlossen werden. Eine zentrale Struktur stellt dabei das sogenannte „Belohnungssystem“ dar. Ist dieses aktiviert, dann wissen wir, dass bei einer ganz bestimmten Aufgabe ein starkes positives Gefühl, das durch nichts zu „toppen“ ist, ausgelöst wird. Der Mensch strebt immer wieder danach, dieses Gefühl zu aktivieren. Wenn man also mehr darüber weiß, wie dieses Gefühl aktiviert werden kann, bei welchen Menschen dies besonders leicht zu erreichen ist oder bei welchen es schwieriger ist, kann man Mitarbeiter entsprechend gezielt motivieren.
Wie können Manger „gehirngerechter“ entscheiden, kommunizieren und motivieren?
Wenn Manager die Verarbeitung von Informationen im Gehirn verstehen, dann verfügen Sie damit auch über das Wissen, durch welche Aktionen besonders positive oder negative Einstellungen der Mitarbeiter oder Verhandlungspartner hervorgerufen werden können. So löst z.B. ein Vorstandsvorsitzender, der erst über die erzielten Erfolge seiner Firma berichtet und im Anschluss daran trotzdem als notwendigen Sanierungsschritt die neusten Entlassungszahlen mitteilt, bei einem Großteil der Mitarbeiter ein Phänomen aus, das wir als „altruistisches Bestrafen“ interpretieren. Dies kann sich außerordentlich negativ auf den Betrieb auswirken. Weiterhin ist bekannt, dass ein mit einer bestimmten Emotion verbundenes Erlebnis sich besonders fest im Gehirn einprägt, im Positiven wie im Negativen. Das bedeutet, dass die falsche Emotionalität zum falschen Zeitpunkt eine jahrelange Auswirkung auf zukünftige Entscheidungen haben kann. Auf solche grundsätzlichen Fragen kann mit Hilfe der Methoden der modernen Hirnforschung besser geantwortet werden
Führt dieser Ansatz nicht zwangsläufig zu einem Determinismus?
Nein, ganz im Gegenteil! Das bessere Verständnis der Hierarchiesysteme im Gehirn zeigt z.B., dass ganz bestimmte Persönlichkeiten viel sensibler mit ihrem Belohnungssystem reagieren als andere. Sie sind deshalb z.B. in der Finanzwelt wesentlich gefährdeter, bei kurzzeitigen Erfolgen ein Suchtverhalten zu entwickeln und damit schneller die Risiken auszublenden. Wenn diese Zusammenhänge verstanden werden, können entsprechende Sicherungen im System eingebaut werden. Damit schützt man die Mitarbeiter, die man ja halten möchte, und verhindert Katastrophen, wie sie sich gegenwärtig in der Finanzwelt darstellen.
Das Gehirn bleibt lebenslang lernfähig. Wo hat die Wirtschaftselite einen besonderen Nachholbedarf?
Die Wirtschaftselite hat ganz sicher einen besonderen Nachholbedarf hinsichtlich des Verstehens der Abläufe im Gehirn, auch in Bezug auf die damit verbundenen Chancen. Das betrifft natürlich nicht nur das Belohnungssystem und das emotionale System, sondern auch andere Mechanismen. So verfügen z.B. ältere Angestellte entgegen den gängigen Vorurteilen sehr wohl über ein gutes Gedächtnis und können auch neue Informationen problemlos aufnehmen und hinzulernen. Hier muss jedoch die Wissensvermittlung eine andere sein als bei jüngeren Menschen. Das bedeutet, dass man mit Grundkenntnissen der Gehirnfunktionen das Wichtigste in der Welt des Intellekts, nämlich die Zusammenarbeit von Gehirnen auf einem hohen Volksniveau, durchaus fördern kann.
Neuroleadership: Erkenntnisse der Hirnforschung für die Führung von Mitarbeitern
Haufe 2008, 34,80 Euro
ISBN 978-3448090680




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