Wenn schon unsere Aktienfonds nicht mehr zur Alterssicherung taugen, müssen wenigstens mehr Kinder her, die in Zukunft unsere Renten bezahlen können. Sofern unsere Nachkommen dann noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen können, sonst werden wir zusätzlich zu uns Rentnern auch noch mehr Arbeitslose durchfüttern müssen. Aber das ist ein anderes Thema.
Erstmal mehr Kinder also. Die Familienministerin Ursula von der Leyen kann schließlich nicht alles alleine machen, auch wenn sie unbestritten in diesem Fall ihr Menschenmöglichstes versucht hat. Deshalb hat sie sich das so gedacht: Wenn man die Kinderbetreuung verbessert und zum Beispiel mehr Krippenplätze schafft, wird es Frauen leichter fallen, sich für ein Kind zu entscheiden, und die Geburtenrate könnte im vom demografischen Wandel bedrohten Deutschland steigen. Soweit, so gut.
Nun hat sich aber die Zahl der Kita- und Krippenplätze in Deutschland nicht wesentlich erhöht. Die Karte des Zeit Magazins zum Beispiel zeigte vorletzte Woche recht eindrucksvoll, dass es nur in den neuen Bundesländern eine annähernd flächendeckende Ganztagsbetreuung für Unter-Dreijährige gibt (ein Relikt aus sozialistischen Zeiten, als dort noch fast alle Frauen (Erwerbs-)arbeit hatten), während in weiten Teilen des Westens „die Menschen das Kürzel Kita wahrscheinlich für einen seltenen Mädchennamen” halten, wie die Zeit sarkastisch anmerkt.
Um ihre Familienpolitik trotzdem als Erfolg darstellen zu können, kamen der Ministerin die Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung gerade Recht: In der Bild am Sonntag erklärte sie vorgestern stolz, aufgrund ihrer erfolgreichen Politik sei die Zahl der Geburten im Jahr 2007 gegenüber 2006 um 12 138 angestiegen. Und in den ersten neun Monaten 2008, verglichen mit dem gleichen Zeitraum 2007, noch einmal um 3400. Viele Nachrichtenmedien, darunter die tagesthemen, haben diese Meldung ungeprüft übernommen und aufgebauscht.
Dass diese Zahlenakrobatik aber Unsinn ist, hat Wolfgang Michal auf carta.info eindrucksvoll nachgerechnet (weitere Analysen dazu auch von Albrecht Müller auf den Nachdenkseiten). Hier nur in Kürze: Die absoluten Zahlen, davon abgesehen, dass sie im Verhältnis zur Gesamtzahl der Geburten gerade mal Steigerungen 1,8% (2007) bzw. 0,66% (2008) ausmachen, sagen wenig über die Geburtenrate aus, die eigentlich ins Verhältnis zur Zahl der Frauen gesetzt werden müsste. Vor allem aber: Aus dem leichten Anstieg zwischen 2006 und 2007 einen Trend abzuleiten, ist unseriös, denn die Zahl der Lebendgeburten war zwar 2007 ein kleines bisschen höher als 2006, aber niedriger als in allen Jahren davor seit 1997 – weil 2006 der Einbruch eklatanter war als sonst. In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Geburten von Jahr zu Jahr abgenommen, 2007 nur etwas weniger dramatisch als 2006. Und in ihren aktuellen Zahlen hat Frau von der Leyen wohlweislich den zehnten Monat nicht mitgerechnet, der war nämlich 2007 so geburtenstark, dass die Zahl der Geburten von Januar bis Oktober 2008 sogar niedriger war als im gleichen Zeitraum 2007 (siehe Michals Beitrag). Welche Zahlen man sich beim Statistischen Bundesamt auch anzeigen lässt: Bevölkerungszahl, Geburtenzahl, Geburtenrate – der langfristige Trend zeigt, von ein paar Schwankungen abgesehen, abwärts, und daran hat die Nicht-Schaffung von Kitaplätzen auch nichts geändert.



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