Bevor das Management von Opel heute sein Sanierungskonzept vorlegt, beschreibt die internationale Wirtschaftspresse die schwierige Situation der europäischen Regierungen in der Krise der Autohersteller. Die Neue Zürcher Zeitung erkennt im Führungswechsel bei der UBS einen Akt der Verzweiflung. Im Interview mit Portfolio erklärt Twitter-Chef Evan Williams, wie der Kurznachrichtendienst Erlöse erzielen soll. Fundstück: Wenn der Palaverschnee taut.
European Voice erklärt, warum viele europäische Regierung zögerlich auf die Hilferufe der Autoindustrie reagieren. Während Frankreich, Spanien und Italien in diesem Monat Hilfspakete für ihre angeschlagenen Autohersteller angekündigt hätten, hätten Großbritannien, Deutschland und Schweden beispielsweise „kühl“ auf den von GM vorgelegten „Überlebensplan“ zur Sicherung der Liquidität in den drei Ländern reagiert; Schweden habe bisher mit Blick auf Saab Kapitalspritzen abgelehnt, während Großbritannien die finanzielle Unterstützung eines Management-Buyout beim Van-Hersteller LDV verweigert habe. Die Hauptgründe der Zurückhaltung seien die Befürchtung, dass Eingriffe der Regierungen – wie etwa bei Saab – mögliche Übernahmen angeschlagener Unternehmen durch Wettbewerber unterminierten, die Angst, dass die Hilferufe nur die Spitze des Eisbergs sein könnten, sowie die Einschätzung, dass europäische Steuerzahler nicht die Zeche für US-Manager zahlen sollten. Gleichwohl seien die Regierungen äußerst besorgt, denn nach Angaben des Europäischen Verbands der Automobilhersteller sind 2,3 Millionen Jobs bei den Autobauern sowie weitere 12 Millionen Jobs bei den Zulieferern in Gefahr.
„Schluss mit dem Autowahn!“, schreibt die Schriftstellerin Tanja Dückers in der Zeit. Das eigentliche Problem in der Debatte heiße nicht Opel, Daimler oder Volkswagen, dahinter liege die Krise des Fordismus, die Verbindung von Massenproduktion mit dem massenhaften Konsum. Seit geraumer Zeit steige die Produktivität schneller als die Nachfrage, und für die Produktion würden immer weniger Arbeitskräfte benötigt. Die wichtigste Frage sei nun, was nach der Massenproduktion komme.
UBS-Führungswechsel: Akt der Verzweiflung
Die Neue Zürcher Zeitung erkennt im Führungswechsel bei der UBS einen Akt der Verzweiflung. Anders sei es nicht zu erklären, dass die seit rund eineinhalb Jahren unter Dauerdruck stehende Großbank mit Oswald Grübel eine Galionsfigur der lokalen Konkurrentin Credit Suisse (CS) aus dem Ruhestand an ihre Spitze geholt habe. Ob es Grübel gelingen werde, sein erfolgreiches Comeback aus dem Jahr 2002, als er schon einmal aus dem zeitweiligen Vorruhestand geholt worden sei und die nach dem Platzen der New-Economy-Blase ins Schlingern geratene CS zurück zum Erfolg geführt habe, als Konzernchef der UBS zu wiederholen, sei unsicher. Denn die Probleme der UBS seien ungleich größer als die der CS von 2002. Er müsse eine „deroutierte, in einem Meer von Verlusten dahintreibende“ Bank auf Kurs bringen, die unter einer akuten Vertrauenskrise leide, nach dem Kapitalzuschuss des Bundes fest im Griff der Politik sei und von den amerikanischen Steuerbehörden mit Anklagen bedroht werde – und das in einem Umfeld sehr schwieriger Finanzmärkte.
Obama und die Grenzen der Hoffnung
Mit dem aktuellen Haushaltsentwurf von US-Präsident Barack Obama setzt sich die italienische La Repubblica auseinander. Die Zweifel an Obamas ehrgeizigen Plänen zur Gesundheitsreform seien legitim; die Steuererhöhung für Menschen mit einem Einkommen über 250.000 Dollar pro Jahr sei keine Lösung, da dies nur 5,4 Prozent der Bevölkerung betreffe. Folglich habe die Wall Street skeptisch reagiert – die Älteren könnten sich allzu gut an die katastrophalen Auswirkungen der Regierung unter Ronald Reagan erinnern. Dennoch zweifle niemand an der Substanz des Präsidenten, der wie ein Showstar das Kapitol erobert habe. Seine Aufgabe sei es, eine Nation aufzubauen, die sich für saubere und nachhaltige neue Energien einsetze und die vorbereitet sei auf einen verschärften wirtschaftlichen und kulturellen Wettbewerb mit dem Rest der Welt. Das wäre die Aufgabe für einen Politiker, der nach klassischer Definition ein Staatsmann sei.
Türkei buhlt um USA
Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Türkei und Amerika seien nicht optimal, kritisiert der türkische Außenminister Ali Babacan im Interview mit Hürriyet. Aktuell kämen rund 80 Prozent der Investitionen in der Türkei aus Europa, während sich Amerika in der Türkei zurückhalte. Doch nach Einschätzung des türkischen Außenministers wird sich dies mit dem neuen Präsidenten Barack Obama ändern. Gemeinsam würden beide Nationen in der türkisch- amerikanischen Partnerschaft nun „goldene Zeiten“ einläuten. Schon heute gehöre die Türkei zu den 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen; bis 2023 werde das Land zu den zehn mächtigsten Wirtschaften zählen – dies sei durchaus realistisch, denn kein Land habe größere Wachstumsraten.
Twitter will Geld verdienen
Im Interview mit dem US-Wirtschaftsmagazin Portfolio erklärt Twitter-Chef Evan Williams, warum er im vergangenen Jahr ein Übernahmeangebot in Höhe von 500 Millionen Dollar von Facebook abgelehnt habe. Twitter habe ein großes Entwicklungspotenzial; die Firma zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu verkaufen, wäre enttäuschend gewesen. Auf die Frage, wie Twitter Geld einbringen soll, versichert Williams, dass er davon überzeugt sei, schon im ersten Quartal 2009 erste Erlöse zu erzielen. Statt Werbung gebe es interessantere Modelle, bei denen die Firmenkunden, die Twitter beispielsweise zum Verkauf von Waren (Dell Outlet, Woot.com) oder für Marketingzwecke (Starbucks) nutzten, für die Dienstleistungen bezahlten; künftig werde es auch eine Privatgruppen-Funktion geben, mit der Firmen ausschließlich intern kommunizieren könnten.
Kapitalismus muss demokratisiert werden
Outlook India setzt bei der Suche nach Auswegen aus der Wirtschaftskrise bei der These an, dass ihre Ursachen nicht ökonomischer, sondern moralischer Natur seien, weshalb fiskalische Maßnahmen zum Schutz der Globalisierung nicht ausreichten. „Der gegenwärtige Kapitalismus ist gescheitert, weil er durch menschliche Gier zerrüttet wurde. Großes Business und große Politik haben sich vereint, um absolute Macht zu erringen. Und absolute Macht korrumpiert absolut, wie Lord Acton beobachtete.“ Um gegenzusteuern, müsse der Kapitalismus demokratisiert statt ausrangiert werden: indem die Inhaberbasis in Firmen vergrößert und Entscheidungen transparent gemacht werden. Hinzu komme, dass Führungskräfte in Zukunft gegenüber den Angestellten verantwortlich für ihr Handeln gemacht werden müssten. „Dies könnte das Diktatorische im Business ausmerzen.“
Fundstück: Wenn der Palaverschnee taut
Die Berliner taz zeigt sprachkritische Frühlingsgefühle und beobachtet das Tauen des „überflüssigen Palaverschnees“. Hier habe sich ein Wortstrudel unter einem Klangpfeiler gebildet, in dem eine ganze Sprachfamilie versinke – dafür twittere ein wilder Wasserfall seinen Slang, der allenfalls Gelalle übermittele: „lol, lol, lol.“ Dort klammere sich eine „erstarrte Metapher“ an einen Wortbaumstamm und rufe immer wieder mit unerträglicher Überheblichkeit: „Ich will nicht über den Jordan gehen!“ Worauf zwei unermüdlich paddelnde Synekdochen ihr frech hinterher brüllten: „Über die Wupper, heißt das!“ Schließlich werde es auch Vater Reim zu viel. „Schwer grummelnd überschwemmt er Auen und Niederungen und hält mit vor Wut feuchten Augen eine letzte Rede, die in dem Schlusswort gipfelt: ,Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom / Prost, Gemeinde! Ich go home.’ Jetzt zieht sich Vater Reim in sein Bett zurück und zeugt mit Mutter Sprache sein siebentausendunderstes Kind. Und endlich ist Frühling.“
Mitarbeit: Cornelia Bruckner, Feride Tavus.
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