Als Verfechter einer linken, nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik hat Peter Bofinger derzeit ebenso Rückenwind wie Bofingers Vordenker John Maynard Keynes. In seinem Buch „Ist der Markt noch zu retten?“ (erscheint bei Econ) erklärt der Wirtschaftsweise den Turbokapitalismus für tot. Im Interview mit ecolot.de verteidigt Bofinger die bisherigen Konjunkturpakete der Bundesregierung und prognostiziert, dass der Abschwung bereits in der zweiten Jahreshälfte zum Stillstand kommen wird.
Mit dem Klassiker unter den Ökonomen, wie Keynes, sondern auch Nach der anfänglichen Zurückhaltung hat die Bundesregierung doch noch stattliche Konjunkturpakete geschnürt. Ist das Geld bisher richtig angelegt worden?
Der größte Teil des Geldes wird für öffentliche Investitionen eingesetzt, konkret für die Renovierung von Gebäuden und den Ausbau von Straßen. Hier bestehen in Deutschland seit Jahren hohe Defizite. Somit können mit dem Konjunkturpaket zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden. Der Sachverständigenrat spricht deshalb von einer „konjunkturgerechten Wachstumspolitik“
Im Untertitel Ihres neuen Buchs heißt es „Warum wir jetzt einen starken Staat brauchen.“ Wie erklären Sie das einem Bürger, der auf die riesengroßen Versäumnisse von Politikern in den Aufsichtsräten z.B. der Landesbanken hinweist?
Unter einem starken Staat verstehe ich einen Staat, der dem Markt klare Spielregeln vorgibt. Sie müssen wieder so beschaffen sein, dass der Markt für die Menschen da ist – und nicht umgekehrt. Die Finanzkrise verdeutlicht, dass ein weitgehend ungezügelter Markt am Ende sich selbst zerstört. Der Staat ist gut darin, solche Regeln zu formulieren, aber er sollte sich möglichst wenig selbst als Spielteilnehmer betätigen. Das war der Fehler bei den Landesbanken und der IKB.
Dass Keynes in diesen unruhigen Monaten eine Renaissance erfährt, dürfte Sie als Verfechter einer linken, nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik freuen. Wird er auch nach dem Abschwung noch Konjunktur haben?
Die Krise verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich bei massiven Schocks nicht allein auf die Selbstheilungskräfte des Marktes zu lassen, sondern mit massiven fiskalpolitischen Programmen gegenzusteuern. Das ist so ähnlich wie der Einsatz eines Antibiotikums bei einer schweren Infektion. Entscheidend ist dabei, dass man die Intervention zurücknimmt, wenn sich das System wieder stabilisiert hat. Keynes war in vielen Ländern nie aus der Mode gekommen. In Deutschland war das anders, aber das hat sich jetzt grundlegend geändert.
Im Wahljahr scheint die Regierung zu vielen Konzessionen bereit zu sein, wenn einzelne Branchen um Hilfen bitten. Wird 2010 also noch schwieriger für die Wirtschaft, weil die Rettungspakete zögerlicher geschnürt werden?
Es spricht vieles dafür, dass der Abschwung in der zweiten Jahreshälfte 2009 zum Stillstand kommen wird. Für das nächste Jahr besteht deshalb die Hoffnung, dass die Wirtschaft wieder Fahrt aufnimmt und deshalb in geringerem Umfang auf Rettungspakete angewiesen sein wird.
Prof. Dr. Peter Bofinger:
Ist der Markt noch zu retten?
Warum wir jetzt einen starken Staat brauchen
Econ, 19,90 Euro.
Erscheint: Mai 2009



Der Markt ist bestimmt sehr leicht zu retten, fragt sich nur um welchen Preis. Wir sollten uns nicht nur “nicht allein auf die Selbstheilungskräfte des Marktes” verlassen, sondern lieber auf Regulierung und Nachhaltigkeit setzen.