Finanzkrise: „Deutschlands Führungsstärke ist gefragt“

Die internationale Wirtschaftspresse fordert Deutschland auf, im Kampf um die Stabilisierung der Wirtschaft in Europa eine führende Rolle einzunehmen. Paul Krugman meldet in der New York Times Zweifel am Erfolg von Barack Obamas Konjunkturpaket an. J@pan Inc stellt das erfolgreiche Netzwerk-Modell der japanischen Stadt Saitama vor. Fundstück: Der wahre Wert ansprechender Gesichtszüge.

In einem Dilemma sieht das US-Wirtschaftsportal MarketWatch.com die deutsche Kanzlerin Angela Merkel: „Deutschland ist das stärkste Land der Europäischen Union. Auch wenn die Deutschen aus Gewohnheit gern klagen, sind ihre öffentlichen Finanzen noch in gutem Zustand. Logisch, dass die Kanzlerin nun von allen Seiten von fordernden Händen umringt wird.“ Doch letztlich bliebe Merkel keine Wahl, als zu helfen: „Deutschland war 1973 in einer ähnlichen Situation, während der Ölkrise. Der damalige Kanzler Helmut Schmidt löste das Problem zusammen mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing: Sie gründeten die Europäische Währungsunion.“ Merkel solle nun bei Schmidt nachschlagen, denn den Nachbarländern zu helfen, müsse Deutschland am Herzen liegen, schon aus Selbstinteresse: „Viele dieser Länder stützen die auf Export ausgerichtete deutsche Wirtschaft.“ Das müsse nicht heißen, Länder wie Ungarn oder Polen sofort in die Eurozone aufzunehmen. „Aber Solidarität in Fragen der Wirtschaft und Währungspolitik ist angebracht.“

„Es ist an der Zeit, dass Deutschland eine führende Rolle übernimmt, die seinem Status als wichtigste Wirtschaft Europas, als größter Beitragszahler an die EU und als langjähriger Befürworter eines europäischen Zusammenhalts gerecht wird“, fordert auch die Business Times aus Singapur. „Kanzlerin Angela Merkel steht zwischen den Stühlen: Zum einen will sie nicht die deutschen Steuerzahler mit Rettungspaketen für Nachbarstaaten belasten, zum anderen droht die EU darüber auseinander zu brechen. Hinzu kommt, dass ihre Partei Wähler an die FDP verliert, Osteuropa ein Rettungspaket zuzugestehen, würde das zusätzliche Abwandern von CDU-Wählern befördern.“ Dennoch müsse Merkel der Welt gerade jetzt beweisen, dass die EU mehr sei als ein Handelsverband von 27 Staaten: „Natürlich kann Deutschland die Last nicht allein tragen. Aber es sollte die anderen Mitgliedsstaaten überzeugen, gemeinsam etwas für die EU und seine in Schieflage geratenen osteuropäischen Mitglieder zu tun.“ Ein gesundes Osteuropa würde das Risiko sozialer Unruhen und der Gefahr des Aufstieges nationalistischer Führer senken und vor Protektionismus und Sorgen über den Zusammenbruch des EU-Binnenmarktes schützen.

Vor einer Zäsur sieht das französische Wirtschaftsblatt La Tribune die deutsche Wirtschaft: „Um 2,25 Prozent, so die Prognose der deutschen Regierung, werde das Bruttoinlandsprodukt sinken, mancher Insider geht gar von fünf Prozent aus.“ Damit stehe erstmals das erfolgreiche Wirtschaftsmodell – die von Ludwig Erhard eingeführte soziale Marktwirtschaft – in Frage. Politisch gesehen durchaus richtig, sei die Vereinigung der beiden deutschen Staaten in wirtschaftlicher Hinsicht zu schnell verlaufen. „Westdeutschland musste die Schulden der neuen Bundesländer mittragen, die Wettbewerbsfähigkeit litt, das Wirtschaftswachstum lag zwischen 1995 und 2005 hinter dem Frankreichs zurück.“ Doch dann schien es, als sei die Integration der neuen Bundesländer geschafft. Die globale Krise habe die Erfolge zunichte gemacht, den Export und den Konsum geschwächt. „Dennoch: Deutschland ruht auf soliden demokratischen Fundamenten und das Modell von Ludwig Erhard erfreut sich in aktuellen Meinungsumfragen großer Zustimmung. Davon könnte das Land profitieren – und die nächsten 20 Jahre gut überstehen.“

Das Weiße Haus versucht sich durchzuwursteln

Mit großer Sorge verfolgt Nobelpreisträger Paul Krugman in der New York Times den geringen Erfolg von Barack Obamas Stimulus-Plan auf die US-Wirtschaft. „Viele meinten damals, dass dieser Plan zu gigantisch sei, andere, und dazu zähle ich mich selbst, meinten, er sei noch zu vorsichtig. Die jüngsten Daten legen nun nahe, dass Obamas Pläne hinter den Erwartungen zurückbleiben.“ So steige z. B. die Arbeitslosenquote in den USA weiter an. Zudem habe der US-Präsident in einem Interview mit der Zeitung keinen Hinweis darauf gegeben, dass seine Regierung bereit sei, noch mehr zu tun. Sie weise Forderungen nach der Verstaatlichungen aller Banken zurück, lasse aber weit reichende Pläne zur Neustrukturierung des Bankensektors vermissen: „Offenbar will sich das Weiße Haus weiter durch das Finanzchaos durchwursteln.“ Obama dürfe nicht vergessen, dass er stets die Zustimmung des Congress brauche. „Ich sehe es schon vor mir: Es ist September 2009 und die Regierung Obama gibt zu, dass zusätzliche Stimuluspakete nötig sind, aber der Congress sagt Nein, weil die bisherige Wirtschaftspolitik des US-Präsidenten versagt hat und sein Versuch, Arbeitsplätze zu retten oder zu schaffen von unpopulären Rettungsmaßnahmen für Banken verwässert wurde.“

Megadeal Merck – Schering-Plough ist kein Patentrezept

„Selbst ein Übernahmeangebot von 46,9 Milliarden Dollar konnte die Bildschirme der Händler an der Wall Street nicht dauerhaft grün färben“, kommentiert das Forbes Magazine die Übernahme des Pharmakonzerns Schering-Plough durch den Konkurrenten Merck. Nur ein leichtes Lächeln habe dieser sei Monaten angekündigte Megadeal auf das „Gesicht der Wall Street“ zaubern können, ein Signal für eine Erholung am Pharmamarkt sei dies aber noch lange nicht. „Die Branche ist schwer angeschlagen durch das Wirken schlagfertiger Biotech-Firmen. Merck laufen derzeit Patente aus, und Schering, die in jüngster Zeit einige interessante Zukäufe getätigt haben, dürfte sich mit Finanzierungen schwer tun, obwohl der Konzern neues Kapital gebrauchen könnte.“

Auch die Financial Times Deutschland warnt vor einer zu euphorischen Bewertung der Fusion des US-Pharmakonzerns Merck mit seinem Rivalen Schering-Plough. „Je dunkler es in der weltweiten Wirtschaftskrise wird, desto heller strahlen die wenigen Megadeals, die es noch gibt“, zumal in einer Zeit, in der man zweistellige Milliardenwerte nur noch als Löcher in Bankbilanzen oder als staatliche Rettungsspritze für pleitebedrohte Konzerne kenne. Wichtiger als das hoffnungsvolle Signal an die depressionsgefährdeten Märkte sei jedoch, ob der Plan betriebswirtschaftlich Sinn ergebe. Zwar folgten Merck und Schering-Plough nicht blind dem Trend zur Größe, der in der Branche seit Langem ein Leitmotiv sei, die Partner würden einander gut kennen, und es sei ein realistisches Ziel, sich Synergieeffekte in Milliardenhöhe etwa bei der Entwicklung neuer Medikamente zu versprechen. „Dennoch wäre es der falsche Schluss, das Patentrezept gegen die Krise in einer verschärften Konsolidierungsstrategie zu sehen.“ Denn statt Kosten zu reduzieren, sei es vor allem wichtig, innovative Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und: „Größe sichert noch nicht die entscheidenden Patente.“

Enerpal kehrt Spanien den Rücken

Die Wirtschaftszeitung Cinco Días berichtet über die Expansionspläne des spanischen Unternehmens für erneuerbare Energien Enerpal. Bei der Herstellung von Solarenergie seien die Vorschriften im eigenen Land derart restriktiv, dass dem Unternehmen keine andere Wahl bliebe, als ins Ausland zu gehen und das zweite Standbein Windenergie auszubauen, zitiert das Blatt Santiago Sánchez, den verantwortlichen Projektmanager. Jetzt suche Enerpal nach Ländern mit geringem Risiko, Stabilität und einer gefestigten Position auf dem weltweiten Markt erneuerbarer Energien. Windturbinen im Wert von 180 Millionen Euro seien bereits bestellt und eine erste Niederlassung in Portugal gegründet worden. Weitere Favoriten für den Markteinstieg seien Frankreich und Italien.

Saitama City trotzt der Wirtschaftskrise

Das Wirtschaftsmagazin J@pan Inc stellt ein erfolgreiches Netzwerk-Modell vor – den Saitama City Technology Brand. In Saitama, nördlich von Tokio gelegen, hätten sich weltweit führende Unternehmen angesiedelt, die sich auf Nischenprodukte sowie auf spezielle Wertschöpfungen spezialisiert haben. Mit Hilfe eines Förderprogramms würden besonders innovative Firmen – zumeist kleine und mittelständische Unternehmen – beim Marketing und dem Aufbau geschäftlicher Partnerschaften unterstützt. Saitamas Bevölkerung sei mit durchschnittlich 40 Jahren die zweitjüngste in Japan, der Anteil an ausgebildeten Einwohnern hoch: „Das Arbeitskräftepotenzial ist eines der attraktivsten im Land.“ Unternehmen wie Nissan oder Nikon seien mit ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen in Saitama ansässig. Und während die Welt im Finanzchaos versinke, investierten die Unternehmen des Saitama City Technology Brand weiterhin, u. a. in die Personal- und Produktentwicklung.

Fundstück: Der wahre Wert ansprechender Gesichtszüge

Dass die Wissenschaft der Physiognomie immer für eine Nachricht gut ist, beweist der britische Economist: Nicht nur unterschwellige Aggressivität, Geschäftssinn oder die Testosteron-Konzentration könne frau am männlichen Gesicht ablesen (und bei der Frage „One-Night-Stand oder potenzieller Ehemann?“ behilflich sein), nun sei auch erwiesen, dass die Kreditwürdigkeit Menschen förmlich ins Gesicht geschrieben steht. Bei einer Untersuchung der Rice University im texanischen Houston seien 25 Personen gebeten worden, sich rund 6.800 Online-Bewerbungen um Kredite anzuschauen und die Kreditwürdigkeit anhand der dazu gehörenden Passfotos einzuschätzen. „Rund 770 Bewerber erschienen den Testurteilern kreditwürdig. Das deckte sich erstaunlich gut mit deren bisheriger Kredithistorie.“ Obendrein hätten sie so manchem Bewerber um einen Kredit Gerissenheit angesehen: „Diejenigen, die die Testpersonen als nicht kreditwürdig erachteten, erhielten tatsächlich kaum Darlehensangebote.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer.

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