Ben Bernanke, Cheerleader der US-Wirtschaft

Die internationale Wirtschaftspresse gratuliert US-Notenbankchef Ben Bernanke zu einem mutigen Interview mit CBS, übt aber auch Kritik. Business Week unterhält sich mit Jack Welch über Shareholder Value. Cinco Días erläutert Vorteile einer Kooperation zwischen Spanair und Air Europa. RBCdaily beobachtet eine Renaissance der Bauernmärkte. Fundstück: Was Aktien und Socken gemeinsam haben.

“Zentralbanker überbringen der Welt eigentlich immer schlechte Nachrichten und bittere Medizin zur Heilung akuter Wirtschaftsprobleme. Ben Bernanke, der Chef der US-Notenbank (Fed), hat mit dieser Tradition radikal gebrochen”, würdigt das Barron’s Magazine das Interview Bernankes im CBS-Format “60 Minutes”, in dem er für Vertrauen in die US-Wirtschaft und das Regierungsprogramm warb. “Bernanke teilte uns darin nichts Neues mit, aber er schaffte es, der zunehmend skeptischen amerikanischen Öffentlichkeit die Rettungsmaßnahmen der Regierung überzeugend zu verkaufen. Und er präsentierte sich als Mann des Volkes, der seine Sorgen teilt.” Weder der Bush- noch der Obama-Administration sei es bislang gelungen, das Programm so erfolgreich darzustellen. Obendrein habe Bernanke mit seinem positiven Ausblick auf eine mögliche Stabilisierung der Wirtschaft und Erholung ab 2010 eine wichtige Aussage getroffen. “Ob ein Zentralbanker als Cheerleader genauso effektiv sein kann wie als Verkünder unbequemer Wahrheiten, wird sich dagegen noch zeigen müssen.”

“Das war eine Lektion für alle zukünftigen Zentralbanker”, zollt auch die Globe and Mail aus Kanada Ben Bernanke Respekt. Seine “Show” habe gezeigt, dass offenbar ein Interview in einem populären TV-Format ausreiche, um die Finanzmärkte zu beruhigen. Bernanke habe die üblichen Senatsanhörungen verlassen und sei selbst vor die Kameras getreten, zum ersten Mal seit 20 Jahren habe dies ein Chef der Fed gewagt. Und auch wenn er nichts Neues mitgeteilt habe, sei die Wirkung nicht zu verkennen gewesen: Die Indices in den USA, Großbritannien und Deutschland hätten leicht angezogen. Doch nicht jede positive Entwicklung an den Märkten könne sich Bernanke zuschreiben: Barclays und Citigroup verkündeten die Hoffnung auf positive Geschäftsjahre, und auch das Treffen der Finanzminister der G20-Staaten habe Anteil daran gehabt.

Das Wall Street Journal weigert sich, in den Applaus für Ben Bernanke einzustimmen – und erinnert stattdessen an die bis heute fragwürdige Rettung von Bear Stearns vor genau einem Jahr durch den US-Notenbanker. Man sei damals über das “systemische Risiko” eines Bear-Kollapses besorgt gewesen, doch letztlich habe die Fed mit ihrer Rettung eine “Sünde” begangen: “Zum ersten Mal seit den 1930ern riskierte eine Regierung das Geld von Steuerzahlern, um eine Investmentbank der Wall Street zu retten.” Die Argumente hätten sich damals eher auf den Gebrauch von Adjektiven beschränkt als auf klare Mathematik. “Bernanke sprach von fragilen Voraussetzungen, die Vernetzung von Bear Stearns habe es angesichts der schwachen und zerbrechlichen Märkte nötig gemacht, zu handeln. Es ist fraglich, wie viel systemisches Risiko tatsächlich heraufbeschworen werden kann, wenn ein Zentralbanker behauptet, das Finanzsystem sei fragil.” Insider meinten, dass Regierung und Fed mit der Bear-Rettung hätten verhindern wollen, dass auch Lehman Brothers und AIG kollabieren. “Doch nicht nur das wurde nicht verhindert, möglicherweise geht auch die Finanzschmelze im Herbst 2008 auf die Fed-Rettungsaktion zurück”, vermutet das Blatt.

Jack Welch weiß, was ein guter Manager ist

BusinessWeek greift eine Titelgeschichte der Financial Times mit Jack Welch über shareholder value (hier) auf und hat den einstigen CEO von General Electric gebeten, die darin gemachten Aussagen zu präzisieren. Auf die Frage, warum Welch im Gespräch mit der FT die Betonung von shareholder value als “dumm” und “deplaziert” verurteilt habe, meint Welch: “Die Frage war doch, was ich davon halte, shareholder value zur Strategie eines Unternehmens zu erheben. Das ist tatsächlich eine blöde Idee, denn shareholder value ist keine Strategie, sondern ein Ergebnis von Strategien.” Nur den shareholder value zu steigern, motiviere doch niemanden, die tägliche Arbeit zu verrichten. Dabei sei wichtig, sowohl auf kurzfristig als auch auf langfristig wirkende Strategien zu setzen: “Ein guter Manager weiß, wie er heute etwas nehmen muss, träumt aber auch gleichzeitig von der Zukunft.” Nur wenn man beides beherrsche und berücksichtige, profitierten das Unternehmen, seine Kunden, die Gesellschaft und letztlich auch die Anteilseigner.

Brasiliens Studenten wird das Studium zu teuer

Nun kommen auch die brasilianischen Privatuniversitäten aufgrund der Finanzkrise ins Straucheln, stellt der Estadao alarmiert fest. Rund 73 Prozent der brasilianischen Studenten besuchten eine Privatuniversität, aber nun sei die Zahl der Bewerbungen massiv zurückgegangen und viele immatrikulierte Studenten hätten verspätet gezahlt oder sich gar exmatrikulieren lassen. Eine Uni habe sogar schon Professoren durch Doktoranden oder gar Masterstudenten ersetzt, um Kosten zu sparen. Andere Unis hätten ihren Angestellten seit November kein Gehalt mehr ausbezahlt. Die Finanzkrise werde den Sektor der Privatunis, der in den letzten Jahren rapide gewachsen sei, stark verändern, meint das Blatt: Die aktuelle Kreditklemme werde helfen, Überkapazitäten bei den Privatuniversitäten abzubauen.

Neue Allianz zwischen Spanair und Air Europa

Cinco Días kommentiert die geplante Kooperation zwischen Spanair und Air Europa. Auf Flügen innerhalb Spaniens wollen die zwei Fluggesellschaften zukünftig eng zusammenarbeiten und so den Fluggästen mehr Komfort und Flugrouten bieten. Gleichzeitig würden durch die Partnerschaft auch bessere Verbindungen zu internationalen Flügen von und nach Madrid sowie Barcelona entstehen, so das Blatt. Die kürzlich von der katalanischen Regierung und Unternehmen aus Barcelona übernommene Fluggesellschaft Spanair und die zur Grupo Globalia gehörende Air Europa hofften nun auf deutlich mehr Fluggäste und Kosteneinsparungen bei der Abfertigung. Geschäftsreisenden würden zudem bei Zwischenlandungen nun die gemeinsamen VIP-Lounges zur Verfügung stehen.

Bauernmärkte laufen Discountern den Rang ab

Russland erlebt während der Wirtschaftskrise eine Renaissance der Bauernmärkte, schreibt die Zeitung RBCdaily. So würden etwa in der Metropole Sankt Petersburg alte Märkte wieder belebt und restauriert und sogar neue gebaut. “In Zeiten der Krise sind solche Nahrungsmittelmärkte wieder aktuell, weil die Verbraucher billigere Produkte kaufen wollen” meint die Zeitung. Laut einer Untersuchung seien die Märkte sogar beliebter als Lebensmittel-Discounter. Für die Agrarproduzenten sei es wiederum eine gute Möglichkeit ihre Produkte – am Einzelhändler vorbei – direkt an den Endverbraucher zu verkaufen. Schließlich hätten viele Ketten finanzielle Probleme und könnten Lieferanten nicht bezahlen. “Gerade in der Krise lässt sich mit dieser Form des Handels aus geringen Investitionen viel Geld machen”, glaubt das Blatt.

Japan bricht unter seiner Last zusammen

Die Steigerung der Binnennachfrage sind nach Auffassung der Japan Times “der Schlüssel für die Erholung von Wirtschaft und Wirtschaftswachstum”. Das Blatt fordert von der japanischen Regierung, rasch geeignete Strategien zu entwickeln, in den Bereichen erneuerbare Energien, umweltfreundliche Industrieprodukte, Landwirtschaft oder Gesundheitswesen. Denn die Prognosen sehen im Moment alles andere als rosig aus: Japans produzierende Industrie sei im Niedergang begriffen, Entlassungen seien auf der Tagesordnung. Gemeinsam mit den USA trage das Land, Nummer zwei im internationalen Wirtschaftsranking, die Hauptlast bei der Wiederbelebung der Weltwirtschaft. Außerdem sage der Internationale Währungsfonds für 2009 gerade einmal 0,5 Prozent globales Wirtschaftswachstum voraus. Japans ökonomische Leistungskraft sei im letzten Quartal 2008 sogar um ein Vielfaches schlechter gewesen als die der USA und der Länder der Eurozone. Maßnahmen zur Stimulierung der Wirtschaft seien also gerade so nötig wie nie zuvor.

Fundstück: Was Aktien und Socken gemeinsam haben

Über die wunderbare Erklärung der Gemeinsamkeit von Aktien (stocks) und Socken (socks) freut sich das New York Times-Blog Freakonomics. Wer sich stets gewundert habe, warum Socken einfach im Trockner verschwinden, werde beim Internetportal Investopdia fündig. Dieses lege fein säuberlich dar, dass auch Geld dieses Mysterium auszeichne. Denn Verluste im Aktienhandel stellten keine real verlorenen Geldsummen dar: “Wenn Sie eine Aktie für zehn Dollar kaufen und später für fünf Dollar verkaufen, werden Sie niemanden finden, der sich die Differenz von fünf Dollar einstreicht, weder derjenige, der die Aktie von Ihnen erworben hat, noch der Broker, noch die Firma.” Die fünf Dollar würden vielmehr im Nichts verschwinden, das durch die Diskrepanz entstehe zwischen dem expliziten Wert einer Aktie (der tatsächliche Wert des dahinter stehenden Unternehmens) und dem impliziten Wert einer Aktie, der sich aus Marktbeobachtungen und Prognosen ergebe. Der implizite Wert hänge folglich vor allem von einem ab: der Wahrnehmung der Investoren. “Wenn Sie also demnächst beim Ausräumen des Trockners mal wieder ein Socke vermissen, können Sie das zwar nicht erklären, aber vielleicht auf Ihre Wahrnehmung zurückführen.”

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Charlotte Bartels, Kerstin Herrn, Florian Käfer, Maxim Kireev.

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