Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die weltweite Empörung über die Boni-Zahlungen an das Management des staatlich kontrollierten US-Versicherungsriesen AIG. In der Financial Times fordert Ex-Finanzminister Henry Paulson ein neues dreiteiliges Regierungssystem. Die Börsen-Zeitung beobachtet die erste Runde im Beauty Contest bei der Deutschen Bank. Fortune analysiert den Kurs des neuen Google-Finanzchefs. Fundstück: Hau den Bernie.
Das Wall Street Journal erkennt in der von Barack Obama am Montag geäußerten Kritik am AIG-Management – ihre Boni-Forderungen in Höhe von 165 Millionen Dollar seien rücksichtslos und gierig – ein Ablenkungsmanöver: Der US-Präsident und der Rest der politischen Riege versuchten, die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Grund der Empörung zu lenken: dass monatelang vertuscht worden sei, wohin der Großteil der 173 Milliarden Dollar an Steuergeldern zur Rettung von AIG geflossen seien, nämlich an Banken und Regierungen weltweit, darunter mindestens 13 Milliarden Dollar an Goldman Sachs – obwohl die Investmentbank zuletzt beteuert habe, auf einen „Bailout“ nicht angewiesen zu sein. „Die US-Politiker und Regulatoren sollten einen Teil ihres Ärgers auf sich selbst richten – weil sie den Untergang von AIG durch die Ablösung von Maurice Greenberg (Ex-Chef von AIG, d. Red.) ausgelöst, die riskanten Geschäfte nicht überwacht und schließlich einen Berg an Steuergeld zur AIG-Verstaatlichung verprasst haben.“ Die Regulatoren müssten jetzt dafür sorgen, dass AIG so schnell wie möglich zurück in private Hände komme.
In der New York Times greift der dreifache Pulitzer-Preis-Träger Thomas L. Friedman die Empfehlung eines prominenten US-Senators auf, der den AIG-Managern nahegelegt habe, im Stil von japanischen Managern Selbstmord zu begehen. Dies signalisiere, dass das Ausmaß der Empörung im Land das gefährliche Level von „Fegefeuer der Eitelkeiten“ erreicht habe. In diesem Klima des Ärgers werde es umso schwieriger, grünes Licht für den in Kürze von der Obama-Regierung vorgestellten Plan zur Rettung von US-Banken zu bekommen. Dieser werde u.a. vorschlagen, die im TARP-Fonds verbliebenen rund 250 Milliarden Dollar einzusetzen, um die giftigen Assets aus den Büchern der Banken zu entfernen. „Der Plan ist sinnvoll und, wenn er richtig umgesetzt wird, könnte sogar den US-Steuerzahlern Gewinne einbringen“, wirbt Friedman. Zu diesem Zweck müsse sich jeder, der Einfluss auf die Stabilisierung und Reform des Systems habe, engagieren – inklusive der AIG-Broker, die auf ihre 165 Millionen Dollar an Bonuszahlungen freiwillig verzichten müssten. Für Obama selbst werde die Umsetzung des Banken-Plans im Klima der AIG-Empörung zum ersten großen Belastungstest.
Der US-Wirtschaftsdienst Marketwatch.com misstraut der Erklärung von Beratern von US-Präsident Barack Obama, dass es keine legalen Wege gebe, um die vertraglich fixierten Bonuszahlungen der AIG-Manager für das vergangene Jahr zu stoppen. „Verträge werden im Wirtschaftsleben jeden Tag missachtet – manchmal aus keinen guten Gründen, manchmal aus sehr guten Gründen wie beim Betrug oder bei einem Vergehen bei der Lieferung der vertraglich zugesicherten Waren oder Dienstleistungen“, schreibt Marketwatch.com. „Sollen die AIG-Zauberer doch ihre Boni einklagen. Glaubt irgendjemand, dass sie diese nach jahrelangen Gerichtsverhandlungen tatsächlich bekommen und schließlich Schadenersatz erhalten, der über den 165 Millionen Dollar liegt?“
Ex-US-Finanzminister fordert dreiteiliges Regierungssystem
In der Financial Times fordert der frühere US-Finanzminister Henry Paulson eine international koordinierte Reform von Regulierungsbehörden. Die aktuellen Methoden zur Regulierung nur upzudaten, werde dabei nicht ausreichen. Stattdessen müsse die Architektur der Regulierer und ihrer Behörden grundlegend reformiert werden. Die sich überschneidenden Befugnisse, Lücken, ungleichen Möglichkeiten und der Wettbewerb der Regulatoren habe die Turbulenzen auf den Finanzmärkten mitverursacht, da die Exzesse in diesem Klima hätten blühen können. Als Ausweg erinnert Paulson an den im März vergangenen Jahres vom Finanzministerium vorgelegten Plan zum Aufbau eines dreiteiligen Regierungsaufsichts-Systems: Dabei solle sich die Notenbank auf die Probleme im gesamten Spektrum der Finanzinstitutionen und -märkte konzentrieren, während die gegenwärtige Aufgabe der Notenbank bei der Kontrolle der Handelsbanken und anderer Institute von einer neuen Regulierungsbehörde übernommen würde; drittens solle eine Behörde Verbraucher sowie Investoren schützen.
Beauty Contest bei der Deutschen Bank
Die Börsen-Zeitung macht sich Gedanken über die Nachfolge von Josef Ackermann. Der „Beauty Contest“ sei mit der Erweiterung des Vorstands auf acht Mitglieder in die letzte Runde gegangen, bevor voraussichtlich im Herbst eine Entscheidung gefällt werde. Der Kreis der Aussichtsreichen sei möglicherweise schon heute kleiner, als er erscheine: Weder Anshu Jain (da Investmentbanker) noch der CEO Deutschland, Jürgen Fitschen (gleicher Jahrgang wie Ackermann), hätten die besten Chancen. Dass ein Externer geholt werde, sei indes nahezu ausgeschlossen. „Im vergrößerten Vorstand gibt es mehrere Kandidaten, die das Zeug zur Nummer 1 haben und dies in den nächsten Monaten noch deutlicher als bisher beweisen können“, erwartet die Börsen-Zeitung.
Telefónica unterstützt Arbeitslose
Der spanische Telekommunikationsdienstleister Telefónica werde die Rechnung seiner arbeitslosen Kunden um bis zu 50 Prozent reduzieren, berichtet die Wirtschaftszeitung Expansión. Bis zum Ende des Jahres gelte diese Ermäßigung für alle Kunden, deren Vertrag mit dem Telefonanbieter seit mindestens sechs Monaten laufe. So könnten arbeitslose Kunden des Unternehmens bei 20 Euro maximaler Ermäßigung sowohl für Festnetz als auch Mobilfunk insgesamt monatlich 40 Euro sparen. Eine einmalige Aktion, bei der es ausdrücklich nicht darum gehe, neue Kunden zu werben. Lediglich den 500.000 betroffenen Verbrauchern solle die Maßnahme zugutekommen.
Neuer Finanzchef schränkt Googles Freilaufkultur ein
Fortune analysiert den Kurs von Google unter der Regie des neuen Finanzchefs Patick Pichette. Der im August 2008 angetretene Manager habe zwar wenig Erfahrung im Internet gesammelt, könne aber auf eine gute Expertise beim kanadischen Telekommunikationsunternehmen Bell Canada verweisen, wo er die operativen Kosten um zwei Miliarden Dollar gesenkt habe. Aus Sicht des US-Wirtschaftsmagazins ist der Ex-McKinsey-Berater Pichette vor diesem Hintergrund der richtige Mann zur richtigen Zeit: Die legendäre „Freilaufkultur“ bei Google drohe zum schlimmsten Feind des Unternehmens zu werden, da das Geschäft von Google Bremsspuren zeige. Seit Pichettes Amtsantritt habe Google einige Projekte eingestellt, darunter den Second-Life-Klon Lively oder die Vermarktungsplattform für Radiowerbung, dMarc Broadcasting.
Fundstück: Hau den Bernie
Der Riesenbetrug von Bernard L. Madoff sorgt nicht nur für Verachtung, sondern inspiriert inzwischen auch Geschäftsleute. Wie die New York Times in einem Blog berichtet, können im Internet Tausende Madoff-Andenken gekauft werden, darunter Tassen und Kappen mit dem Madoff-Securities-Logo sowie T-Shirts mit dem Gesicht der gefallenen Wall-Street-Größe und ironischen Aufdrucken wie „Vertrauen“; eine Skulptur des Madoff-Kopfes habe bei Ebay sogar über 200 Dollar erlöst, während die scharfe „Bern in Hell“-Sauce (Plastikflasche mit Madoff als Teufelchen, Dollar-Augen) nicht so der Renner gewesen sei. Anders als die Schlag-mich-Bernie-Puppe (49,95 Dollar), die im Februar auf mehreren Spielwarenmessen gesichtet worden sei und die bald auch als iPhone-Programm verkauft werde. Ihr einziger Sinn und Zweck bestehe darin, zerstört zu werden.
Mitarbeit: Florian Käfer.
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