Wenn es ein Gesicht für die Frankfurter Börse gibt, dann das von Dirk Müller. Der Börsenmakler wurde international (sogar im Wall Street Journal) als „Mister DAX“ bekannt, weil sein Arbeitsplatz unter der DAX-Kurstafel lag – und die Medien es als Spiegel des aktuellen Börsengeschehens nutzten. In seinem Buch „Crashkurs“ (Droemer) will Müller aufdecken: die Hintergründe der Krise, wie die Wirtschaftsdaten schöngeredet und wie die Inflation heruntergerechnet werden. Im Interview mit ecolot.de beschreibt Müller die Reaktionen der Börsenkollegen auf das Buch, sein größtes Kapital und sein Leben nach dem DAX.
Auf der Suche nach einem Bild für die Wirtschaftskrise fällt einem inzwischen nicht nur hierzulande als erster Ihr besorgtes Gesicht ein. Stört Sie diese Assoziation?
Na ja, offen gestanden sehe ich mich nicht als das Gesicht der Krise. Vielmehr versuche ich den Menschen in diesen verwirrenden Zeiten durch ehrliche und verständliche Informationen eine Orientierungshilfe zu geben. Mehr kann und will ich auch nicht sein.
Wie werden Ihre Kollegen auf dem Börsenparkett auf das Buch reagieren? Immerhin gibt es unbequeme Passagen darin.
Natürlich gibt es welche, die sich den Mund zerreißen, das ist völlig normal. Von den allermeisten bekomme ich jedoch große Unterstützung und Zuspruch. Selbst aus Bereichen, von denen ich es nie erwartet hätte. Selbst einige Politiker und viele Banker sagen mir im persönlichen Gespräch: „Super geschrieben. Es wurde Zeit, dass es mal einer deutlich sagt.“
Sie schreiben, Sie gingen ein nicht unerhebliches Risiko mit dem Buch ein. Welches?
Die Reaktionen auf das Buch waren bis zur Veröffentlichung nicht absehbar. Es hätte durchaus ein Druck entstehen können, der mich um den Job hätte bringen können. Doch die Welle an Zustimmung und Unterstützung aus den Medien, der Bevölkerung aber auch aus der Politik und sogar der Wirtschaft wirken wie ein Schutzschild. Im Gegenteil. Die Leute haben gemerkt, dass ich nicht Krawall um des Krawalls willen mache, sondern mithelfen will, konstruktive Lösungen und Alternativen zu finden. Bei aller Kritik an den Entwicklungen und vielen falschen Entscheidungen darf man dennoch nie den Respekt vor dem Menschen verlieren.
Ihr größtes Kapital ist die Glaubwürdigkeit. Was wenn sich Ihre Thesen und Erklärungen aus dem Buch im Nachhinein als falsch herausstellen?
Ich habe nie behauptet eine Kristallkugel zu haben. Ich habe immer gesagt: So sieht das Bild für mich aus. Macht Euch bitte selbst Gedanken, ob meine Ideen realistisch sind, oder ob Ihr für Euch auf andere Wege kommt. Ich möchte kein vorgefertigtes Weltbild liefern, sondern zu eigenen Gedanken und Diskussionen anregen. Wir handeln an der Börse immer nur Wahrscheinlichkeiten. Ich sage: Dies ist die Entwicklung, die aus heutiger Sicht für mich die Wahrscheinlichste ist. Das bedeutet nie, dass es nicht auch einen anderen Entwicklungsstrang geben kann. Dennoch hält sich die Krise bislang erschreckend genau an unseren Fahrplan.
Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie es bald ruhiger angehen lassen wollen. Was macht Mister DAX nach dem DAX?
Die aktuelle Krise ist ein Jahrhundertereignis. Das lässt mir im Moment kaum Raum um Tempo raus zu nehmen. Aber jedes Auto hält einen Vollgassprint nur über eine gewisse Distanz durch, bevor der Motor platzt. Ich hoffe inständig, dass die aktuelle Situation sich in einigen Monaten zumindest ein wenig beruhigt, damit ich einen Gang zurückschalten kann. Und seien Sie versichert: Meine Familie wird schon dafür sorgen, dass ich das auch tue. Ansonsten wird meine Frau mit Sicherheit eines Tages die Handbremse ziehen. Und dafür bin ich ihr sehr dankbar.
Zur Person: Dirk Müller
Nach dem Abitur und einer Bankausbildung begann 1992 seine Karriere an der Frankfurter Börse. Zunächst arbeitete er als Rentenhändler für diverse Unternehmen, bevor er 1998 amtlich vereidigter Börsenmakler am Parkett der Frankfurter Wertpapierbörse wurde: für die Firma ICF, u.a. zuständig für die Skontren der Unternehmen Allianz, Commerzbank, Daimler, BASF, EON. 2008 wechselte er zur Wertpapierhandelsbank mwb fairtrade AG, wo er die Möglichkeit hat, neben seinem Tagesgeschäft freiberuflich tätig zu sein. Er ist Geschäftsführer der Gesellschaft Finanzethos UG, die die Website Cashkurs betreibt.
Dirk Müller: Crashkurs. Weltwirtschaftskrise oder Jahrhundertchance? Wie Sie das Beste aus Ihrem Geld machen. Droemer 2009, 18 Euro (als E-Book 4,95 Euro). Hier eine Leseprobe




Sehr geehrter Herr Müller!
Nach Lektüre Ihres Crashkurses habe ich alle meine Aktienbestände gerade bei 4700 Punkten liquidiert. Unter dem Strich habe ich nichts gewonnen, da die Käufe bis November 2008 zurückliegen. Bereits im September und Oktober 2008 habe ich durch Glattstellung ebenso viele Verluste gehabt wie nach 2000.
Was muß ich mir vorstellen, wenn der Dax mit New York doch weiter steigen? Danke für die Antwort M.Reinhardt