Die internationale Wirtschaftspresse hinterfragt die Bärenrally der vergangenen zwei Wochen und zieht ein beunruhigendes Fazit. Die New York Times will die G20 zum Kampf gegen Protektionismus verpflichten. Les Echos fordert eine Abkehr vom Sündenbock-Diskurs in Frankreich. Fundstück: Böser Brief zum AIG-Abschied.
Eine Börsenrally mit 20 Prozent Plus in den vergangenen zwei Wochen, die Aussicht, dass 14 Tage wie der vergangene Montag (500-Punkte-Plus des Dow) ausreichten, um den Höhepunkt des Marktes im Oktober 2007 zu erreichen – David Callaway, Chefredakteur bei MarketWatch, fühlt sich an die guten alten Zeiten an der Börse erinnert. Doch nur beinahe: Jenseits des Optimismus wetteten die Shortseller immer häufiger gegen Aktien, außerdem seien gestern Anleihe-Auktion der britischen und US-Regierungen fehlgeschlagen, was die starke Botschaft beinhalte, dass es nicht genügend Nachfrage für alle Schulden gebe, die für die Umsetzung der Rettungspakete erforderlich seien – worauf aus der 200-Punkte-Rally des Dow binnen weniger als einer Stunde ein 80-Punkte-Verlust geworden sei. „Nach sechs Monaten des Schräger-als-Fiktion-Traumas und der Zerstörung von Generationen ökonomischer Ideale und Praktiken ist es kaum zu glauben, dass dies nicht die Bärenrally ist, die alle Bärenrallys beendet, und dass etwas noch stärker Beänstigendes für das Finanzsystem noch vor uns liegt“, blickt MarketWatch voraus. „Wie bizarr wäre es, wenn der Markt eigentlich die weltweite Erholung befürchtet – und alle Änderungen, die damit einhergehen?“
Bärenmarktrally oder Trendwende, fragt das Wirtschaftsblatt und enthält sich bei der Beantwortung, da sich die Indizes in „charttechnischem Niemandsland“ befänden. Gleichwohl zeichne sich zumindest ab, dass wir die Tiefststände hinter uns hätten. Als Indikator fungiert die sich steigernde Aktivität bei Übernahmen, die neben den Konzernen aus dem Pharmasektor auch in anderen Branchen zu beobachten sei. „Derartige Deals gelten in Baissezeiten meist als Startschuss für eine Welle von Übernahmen, denn die Attraktivität der Bewertungen ist Marktteilnehmern schon seit einiger Zeit klar, es wurde nur abgewartet, ob es noch billiger geht. Große Marktplayer und Branchenleader wie Microsoft oder Oracle haben enorme Cashpolster angehäuft, die wohl in Bälde für Übernahmen genutzt werden“, ahnen die Österreicher. Fazit: Je mehr Übernahmen und Beteiligungen bekannt würden, desto näher rücke ein Bullenmarkt. „Übernahmefantasie war abseits der Fundamentals nämlich schon seit jeher eine besondere Triebfeder für die Märkte.“
BusinessWeek zeigt sich „gedämpft optimistisch“ angesichts der Erholung an den Börsen. Dass diese Rally am Ende nicht im Sande verlaufen werde, dafür gebe es mehrere Anzeichen: Seit dem Tiefstpunkt habe die Fed zwei Billionen Dollar ins Finanzsystem gepumpt. Außerdem gebe es Signale für einen wirtschaftlichen Aufschwung, etwa die gestiegene Nachfrage nach langlebigen Gütern wie Computern im Februar in den USA oder der Rückgang des US-Außenhandelsdefizits im Januar um fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Bei allem Optimismus könne noch viel schiefgehen: falls einige Regierungen in Osteuropa zahlungsunfähig oder sich die Arbeitslosigkeit in den USA noch verschlechtern würden.
G20 zum Kampf gegen Protektionismus verpflichten
Die New York Times blickt auf das G20-Treffen in der kommenden Woche in London und fordert eine Verpflichtungserklärung der Teilnehmer, künftig kollektive Lösungen im Kampf gegen die Wirtschaftskrise zu suchen. Denn das folgende Szenario des Protektionismus sei nicht unrealistisch: Europa lehnt die Aufforderung der USA nach weiteren fiskalischen Stimuli ab – der tschechische Premier habe den US-Plan bereits als „Weg in die Hölle“ bezeichnet –; reiche Nationen, die Milliarden für Bailouts ihrer Banken ausgegeben haben, fordern ihre Institute auf, sich auf die Kreditvergabe auf dem Binnenmarkt zu konzentrieren, während Entwicklungsländer zunehmend vom internationalen Finanzmarkt abgeschottet werden. Dem Szenario der Abschottung setzt die NYT eine verstärkte Hilfe für ärmere Länder u.a. durch die Weltbank – eine Katastrophe in der armen Welt würde zwangsläufig die reichen Nationen heimsuchen – sowie eine genauere Überwachung der weiteren Entwicklung der wirtschaftlichen Notsituation sowie der Effektivität der Rettungspläne entgegen.
BayernLB von der Vergangenheit eingeholt
Die Börsen-Zeitung erkennt im Rekordverlust der BayernLB von 5,1 Milliarden Euro das „verheerende Resultat früherer strategischer Fehlentscheidungen“. Mit einer aggressiven Expansion habe das Institut Risiken angehäuft, die die Bank an den Rand des Abgrunds gebracht hätten – ohne die Kapitalspritze des Freistaats Bayern hätte die Bankenaufsicht die Landesbank längst schließen müssen. Mit dem von Vorstandschef Michael Kemmer aufgesetzten Restrukturierungsprogramm bestehe aber zumindest die Hoffnung, die Bank mittelfristig wieder in die Gewinnzone zu bringen. Der Rückzug aus labilen Bereichen sei schlüssig. Doch mit der Rückbesinnung auf deutsche Firmenkunden tummele sich die BayernLB in Feldern mit hoher Wettbewerbsintensität und daher niedrigen Margen. „Gerade das war vor Jahren der Grund dafür, dass die Bank den Verlockungen des Kapitalmarktes erlag und immer größere Risiken einging, um höhere Renditen zu erwirtschaften, weil die Ausrichtung auf den Heimatmarkt keine ausreichende Grundlage darstellte.“
Frankreich: Weg vom Sündenbock-Diskurs
Les Echos kommentiert den Aufruhr rund um die Millionen-Abfindung für den scheidenden Chef des angeschlagenen Autozulieferers Valeo, Thierry Morin. An dieser Debatte sei auffällig, wie schwierig es für den Arbeitgeberverband Medef sowie für den Präsidenten der Republik sei, den richtigen Ton zu treffen. Zwar wüssten alle, dass ein ganzes System angeklagt werde und dass ein anderer Diskurs als der der Empörung aktuell kaum wahrnehmbar sei. „Aber ist das ein Grund, um es nicht einmal zu versuchen?“, kritisiert die Finanzzeitung. In Wirklichkeit werde gerade die Gesamtheit der Firmenchefs verantwortlich gemacht für die Exzesse weniger. „Für die meisten unter ihnen ist das Überleben ihres Unternehmens im Moment am dringlichsten. Die Zahl der Pleiten war noch nie so hoch wie heute“, plädiert das Blatt für eine Abkehr vom Sündenbock-Diskurs.
Santander: 100-Prozent-Finanzierungen für Immobilien
CincoDías kommentiert das von Santander vorgelegte Angebot der 100 Prozent Finanzierung bei Immobilienkäufen, sofern diese von den krisengeschüttelten Bauherren um bis zu 20 Prozent reduziert angeboten würden. So wolle Santander den Immobilienverkauf ankurbeln und erreichen, dass mehr Bauunternehmer ihre Kredite an die Bank zurückzahlen könnten. Das unterzeichnete Übereinkommen zwischen Santander und dem spanischen Verband der Bauträger betreffe 2000 Unternehmen und 4000 bis 5000 leerstehende Immobilien. Dies sei laut Santander keine einmalige Maßnahme. Vielmehr sei die Bank vom Zahlungsverzug vieler Bauträger ernsthaft bedroht und versuche, der Situation auf diesem Weg ein Ende zu bereiten.
Fundstück: Böser Brief zum AIG-Abschied
„Ich bin frustriert und verärgert, wegen Ihrer mangelnden Unterstützung. Ich und viele andere in meiner Abteilung fühlen sich betrogen, weil Sie sich nicht gegen falsche und unfaire Beschuldigungen mancher Kongress-Abgeordneter und Medien (…) gestellt haben“: Jake DeSantis, Vize-Präsident der AIG-Finanzsparte, hat mit einem deftigen offenen Brief an CEO Edward Liddy seinen Hut genommen. Er habe zwar einen Bonus in Höhe von 742.006,40 Dollar kassiert, dürfe dafür aber nicht angegriffen werden, weil er nicht in die giftigen Credit Default Swaps verstrickt gewesen sei; einen Teil des Bonus’ werde er wohltätigen Organisationen spenden, kündigt der AIG-Manager in dem von der Financial Times veröffentlichten Brief an. „Wir alle zahlen für die Sünden der anderen, besonders der US-Steuerzahler“, entgegnet die Nachrichtenagentur Bloomberg in einem Kommentar. Statt das Geld karitativen Zwecken zuzuführen, solle es DeSantis dem Steuerzahler geben. „Das Leben ist nicht fair, wie Sie herausgefunden haben. Aber für manche ist es eben noch unfairer als für andere. (…) Wir werden mit Ihnen Mitleid haben, sobald wir ein bisschen Sympathie übrig haben.
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