Poliklick: Die Verprellung der Welt

Die Schweizer sind kollektiv entrüstet. Peer Steinbrück hat sie mit “Indianern” verglichen, denen man zur Not “die Kavallerie” schicken könne und mit der “Peitsche” gedroht. Franz Müntefering davon gesprochen, dass man dort “früher Soldaten hingeschickt hätte”. Und da war es wieder: dieses Bedürfnis, sich mit einem Megafon ins Berliner Regierungsviertel  zu stellen und hineinzufragen: “HALLO, GEHT’S NOCH?”

Nein, der Autor dieser Zeilen hat kein verborgenes Nummernkonto, sondern nur eine vergessene Kontonummer. Auch die Angst vor einem Toblerone-Embargo gegen Deutschland treibt ihn nicht um. Der Autor dieser Zeilen ist von Optimismus durchdrungen, dass er und die deutsche Autoindustrie keinen schweren Schaden nehmen werden, wenn der Schweizer Verteidigungsminister nicht mehr Mercedes fahren mag (nachzulesen hier). Und dass die Schweizer jetzt nicht mehr für 1,4 Mrd Euro in Deutschland gefertigte Eurofighter kaufen wollen, ist eine gute Nachricht (nachzulesen hier) – nur ein geplatztes Rüstungsgeschäft ist ein gutes Rüstungsgeschäft.

Wirklich schwer zu verdauen ist allerdings, Volker Kauder einmal Recht geben zu müssen. Der hat nämlich gesagt: “Es ist völlig unangemessen, wie der Bundesfinanzminister sich im berechtigten Kampf gegen Steueroasen mit einer völlig inakzeptablen Wortwahl gegenüber der Schweiz hervortut.” Und das einzige, was an dieser Äußerung auszusetzen ist, ist die Art und Weise der Kritik. Passender wäre gewesen: “Ihr spinnt ja wohl.”

Denn natürlich ist der Kampf gegen Steuerhinterziehung richtig und wichtig. Es geht überhaupt nicht um die konkreten Umstände des Einzelfalls – obwohl der eine besonders schräge Pointe darin hat, dass die Schweiz ja den OECD-Standard für die Amtshilfe in Steuersachen anerkannt hat, d.h. Bankgeheimnisse für die Verfolgung von Steuersündern lüften will. Steinbrücks “Kavallerie” und Münteferings “Soldaten” rennen also sozusagen offene Schließfächer ein.

Es geht darum, dass solches Haudegen-Vokabular gegenüber anderen Ländern schlicht peinlich, peinlich, peinlich ist. Steinbrück und Müntefering, so scheint es, haben von Gerhard Schröder gelernt, dass man mit dem markigen Herauskehren nationaler Interessen das heimische Publikum beeindrucken kann. Und da sich der SPD mit Blick auf die Bundestagswahl wenige Strohhalme entgegenneigen, geben sie eben auf internationaler Ebene die dicken Maxe.

Im wiedervereinigten Deutschland scheinen solche Rüpeleien ja auch wieder salonfähig zu sein – frei nach dem Motto: Breitbeinigkeit statt Bescheidenheit. Der Sturm der Entrüstung, der angesichts dieses dumpfen Brummens angemessen wäre, ist hierzulande jedenfalls eher ein laues Lüftchen. Die Deutschen, so war jetzt zu lesen, haben eine realistische Chance, bei einer Reform der UNO demnächst einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat zu bekommen. Nach Steinbrücks und Münteferings polemischen Alpen-Ausflügen kann man nur sagen: Bitte nicht! Dann drehen die beiden vollkommen durch.

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