„Die G20 müssen erwachsen werden“

An Vorabend zum G20-Gipfel in London formuliert die internationale Wirtschaftspresse Ziele – und dämpft große Erwartungshaltungen. Fortune singt ein Loblied auf Microsoft. El Economista zweifelt an Daimlers neuem Geldgeber. Vedomosti und Korea Times kritisieren die Auto-Hilfen in ihren Ländern. Fundstück: Der virtuelle Bettelstab.

„Das Risiko, dass der morgen beginnende G20-Gipfel kaum mehr schafft, als antikapitalistischem Zorn und verbittertem Gezanke eine Plattform zu bieten, ist tatsächlich groß“, meint das Wall Street Journal am Vorabend zu dem Treffen. Was bislang aus dem für London konzipierten Kommunique an die Öffentlichkeit gedrungen sei, mache wenig Hoffnung auf konkrete Ergebnisse: „Fest steht offenbar nur, dass die Geldmittel des Internationalen Währungsfonds auf 500 Milliarden Dollar verdoppelt werden sollen.“ Dies sei sicher eine wichtiger Schritt im Kampf gegen die Krise, doch der Gipfel müsse sich viel höhere Ziele setzen: Zum Beispiel müsse sich die Weltgemeinschaft endlich darauf einigen, dass beides nötig sei – Regulierungen im Finanzmarkt und Stimulus. Auch sollte die Kakophonie der gegenseitigen Beschuldigungen beendet werden: „Die USA fordern von Europa und Asien, mehr zu tun, Deutschland wehrt sich gegen Erwartungshaltungen und China stellt den Dollar in Frage. Hier muss endlich eine offene Debatte geführt werden, wie öffentliche Gelder generell eingesetzt werden können.“ Vor allem aber müssten die führenden Staaten wieder glaubwürdig werden: „Sie sollten den G20-Gipfel nutzen, um mit konkreten und koordinierten Verpflichtungserklärungen zu zeigen, dass ihre globale Führerschaft endlich erwachsen wird.“

In seinem Marketbeat-Blog misstraut das Wall Street Journal demgegenüber den im Vorfeld des Gipfels allseits nach unten geschraubten Erwartungen – weil die Staatenlenker in vielen Punkten uneins und die USA zu sehr damit beschäftigt seien, die eigenen Probleme zu lösen, als dass sie eine Führungsrolle übernehmen könnten. So sei der frühere US-Finanzminister Robert Rubin dafür bekannt gewesen, die Erwartungen in eine Richtung zu lenken, um dann Schritte zu unternehmen, die Investoren auf dem falschen Fuß erwischen. Diese Strategie habe beispielsweise bei Währungsinterventionen große Effekte gehabt und ihm den Spitznamen „Trader Bob“ eingebracht. Während Rubin heute damit beschäftigt sei, seine schrumpfenden Citi-Aktien zu zählen, seien seine Anhänger, darunter Obamas oberster Wirtschaftsberater Larry Summers und Finanzminister Timothy Geithner, inzwischen an der Macht. „Bereiten Sie den Markt gerade auf einen schockierenden Moment der Einigkeit der Weltpolitiker vor?“, mutmaßt das Blatt. Auf den Finanzmärkten würde sich ein solcher Schritt jedenfalls positiv auswirken.

Les Echos aus Frankreich warnt vor einseitigen Schuldzuweisungen der G20-Teilnehmer angesichts der Finanzkrise. Zwar laute derzeit ein beliebter Slogan „Wir zahlen nicht für ihre Krisen“. Gleichwohl seien die Akteure auf den Finanzmärkten nicht die einzigen Schuldigen. Vielmehr sei der Einbruch die Frucht einer langen Kette der Verantwortlichkeiten, in der sich die „Gewissenlosigkeit der privaten Akteure“ mit der „unglaublichen Laxheit der öffentlichen Regulatoren“ vermische. Hinzu komme, dass die Wirtschaften nicht erst seit der Explosion der Finanzmärkte abstürzten: In den USA habe die Rezession im Dezember 2007 begonnen, in der Eurozone im Januar 2008.

Die Financial Times legt den Fokus auf Barack Obama, für den der G20-Gipfel der erste „wirkliche Moment globaler Diplomatie“ sei. Dabei stehe dem US-Präsidenten ein einsamer Kampf bevor. Zwar könne und werde er nicht für die globale Finanzschmelze verantwortlich gemacht werden. Doch die vier Ziele, die sich Obama für das Treffen in London gesetzt habe, seien nur schwer durchzusetzen. Seine Forderung nach koordinierten Stimuluspaketen würde von Ländern wie Deutschland oder Frankreich mit großer Skepsis bedacht. Der Ruf nach stäkerer Regulierung könne mehr Chancen haben, doch selbst hier seien Widerstände in Europa zu spüren. Auch der Umbau des IWF, wie ihn Obama sich vorstelle, werde nicht gelingen: „Die Verdreifachung der Finanzmittel auf 750 Milliarden Euro sind nicht durchsetzbar. Und China oder Indien mehr Stimmgewicht zu verleihen, ginge nur auf Kosten der Europäer.“ Der Kampf gegen den Protektionismus schließlich – Obamas vierter Wunsch an den G20-Gipfel – finde selbst in den USA keinen großen Anklang. Fazit: „Was immer Obama auf dem Gipfel erreichen will, er dürfte ihm nur mit Überredungskunst gelingen.“

 

Microsoft bietet sichere Renditen im Finanzsturm

 

Ein Loblied auf die Qualitäten von Microsoft als Cash Cow in stürmischen Zeiten singt Fortune. „Derzeit sollten es die gesunden Unternehmen sein, in die man investiert, Unternehmen, die zuverlässige Dividenden und die Aussicht auf steigende Aktienwerte versprechen. Und dazu gehört auch Microsoft.“ Zwar habe die Aktie in den letzten zwölf Monaten 40 Prozent verloren, doch in jüngster Zeit wieder um 20 Prozent zugelegt und eine gewisse Ausdauer bewiesen. Hinzu käme, das Microsoft eine jährliche Dividende von rund drei Prozent zahle. „Der Konzern muss sich zwar gegen Google oder Apple behaupten, aber stationäre PCs werden nicht von heute auf morgen verschwinden. Microsoft wird diesen lukrativen Markt noch mindestens drei Jahre im Griff haben.“ Analysten stuften das Unternehmen eher als Cash Cow denn als Wachstumsmaschine ein. „Microsoft wird seine Dividende nicht spürbar erhöhen, sie aber auch nicht spürbar kürzen.“ Im vergleich zu Firmen, die auf einem ähnlichen Feld operierten wie Microsoft, sei eine Anlage bei dem Softwareriesen deshalb zu empfehlen.

Neue Macher am Steuer der Automobilbranche

 

Den Trend zu „neuen Machern“ in der Automobilbranche geht La Tribune auf den Grund. „Schlimme Zeiten für die Führungskräfte bei den Autobauern: Die Aktionäre sind mürrisch, die Kunden verschwunden und die Politiker kaum verlässlich. Man muss derzeit starke Nerven haben, um weiter machen zu können.“ Ursache sei die jahrelange Ignoranz für Kundenwünsche. Spezialisten, Techniker, Logistiker – davon gebe es genug in der Branche, aber keinen, der den Autofahrern einmal zugehört hätte. „Der Logan war von Renault für eine bestimmte Klientel in Osteuropa konzipiert worden – und ist ein Bombenerfolg. Die Amerikaner würden zu stark an ihren großvolumigen Allradkreuzern hängen – und plötzlich kaufen sie Klein- und Hybridwagen en masse.“ Neue Macher brauche der Sektor tatsächlich: Bei Peugeot wünsche man sich einen CEO mit einem „ausgesprochenen Sinn für menschliche Beziehungen“, General Motors brauche eine „komplett neue Vision“. Bleibe nur noch, den neuen Männern an der Spitze zu wünschen, dass sie nicht alte Fehler wiederholten. „Und das wird nicht sehr einfach sein.“

Einstieg von Abu Dhabi bei Daimler stimmt misstrauisch

 

El Economista blickt fragend in die Zukunft von Daimler. Marktanalysten misstrauten dem Unternehmen seit dem Auftreten von Aabar Investments. Dieser Staatsfonds aus Abu Dhabi könne durch seinen Einstieg bei Daimler mit fast zwei Milliarden Euro (16 Prozent des Kapitals) maßgeblich in strategische Entscheidungen eingreifen und feindliche Übernahmen durch Daimler verhindern. Dabei sei Daimler einer der wenigen Automobilkonzerne, deren Interessen nicht durch einen „beschützenden“ Hauptaktionär – wie bei BMW die Familie Quandt – gewährleistet seien. Auch der Finanzmarkt teile die Ansicht der Analysten, sei der Wert der Daimler-Aktie doch seit Bekanntmachung des Einstiegs von Aabar um über zehn Prozent gefallen – weit stärker als die Aktienwerte der anderen großen Automobilunternehmen.

Russland bevorzugt einen Autobauer

 

Vedomosti kritisiert das staatliche Hilfspaket für den Autobauer WAZ als ungerecht gegenüber anderen Autobauern in Russland. Ähnlich wie WAZ habe die GAZ-Gruppe im vergangenen Jahr rund 640.000 Fahrzeuge in Russland verkauft und beschäftige mehr als 100.000 Mitarbeiter. Während bei beiden nun die Geschäfte schlecht laufen, bekomme WAZ fast drei Milliarden Euro, GAZ dagegen müsse sich mit knapp 300 Millionen begnügen. Premierminister Putin habe diese Bevorteilung damit begründet, dass WAZ keine Mitarbeiter entlassen habe. „Das Verhältnis von Staat und WAZ unterliegt scheinbar keiner wirtschaftlichen Logik“, kommentiert das Blatt. Niemand in der Regierung frage danach, wie sich der Autoriese umstrukturieren will und wohin ihr Geld fließt. „So kann sich die Regierung schon auf weitere Hilferufe von der Wolga gefasst machen“, resümiert die Zeitung.

 

Abwrackprämie auf südkoreanisch

 

„Korea will den Verkauf neuer Autos ankurbeln“, weiß die Korea Times zu berichten. Demnach plane die Regierung Steuervergünstigungen für 70 Prozent der mit Autos verbundenen Steuern, wenn die Koreaner alte PKWs durch deutlich neuere ersetzen. Dies habe jedoch eine „hitzige Debatte“ über die Zulässigkeit eines solchen Hilfsprogramms für Autohersteller entfacht. Kritiker hielten die Maßnahme für überstürzt, über die Folgen für den Markt sei nicht wirklich nachgedacht worden. So könne es zum Beispiel zu einem Massenansturm auf Gebrauchtwagen kommen. Potenzielle Käufer von Neuwagen könnten zudem ihren Kauf hinauszögern, das würde der Autobranche einen vorübergehenden Dämpfer erteilen. Bedenklich sei diese Aktion aber vor allem, weil sie eine „eine falsche Botschaft an Verbraucher und Hersteller“ sende: Ausgerechnet der Kauf von großen, viel Sprit schluckenden Wagen bringe die meisten Steuervorteile. Ein solches Hilfspaket sei unvereinbar mit einer umweltbewussten Politik. Die Autohersteller sollten deshalb erst einmal eigene Rettungsversuche unternehmen, fordert das Blatt – und gezielt die Produktivität sowie die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen steigern.

Fundstück: Der virtuelle Bettelstab

 

Das Internet hat so ziemlich alles revolutioniert, nun auch das Geschäft der Bettler, stellen die Freakonomics-Blogger der New York Times fest. Denn eine Bettel-Website scheine besser zu funktionieren als auf der Straße die Hand aufzuhalten: „Ein Vater und ein Sohn aus Houston (Texas) baten einen Obdachlosen, während des Bettelns ein Hinweisschild zu tragen, das Spendenfreudige auf die eigens kreierte Website PimpThisBum.com leitete. In weniger als zwei Monaten hatten die beiden 50.000 Dollar zusammen.“ Vater und Sohn glaubten, dass das lustige Schild und der witzige Domain-Name der Geheimnis ihres Erfolgs seien. „Wir haben aber noch eine andere Erklärung: Der Aufruf zu Geldspenden führt eher zum Erfolg, wenn man Kreditkarten zulässt, als wenn man um Bargeld bittet.“ Dies habe eine Studie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge ergeben.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.      

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer, Maxim Kireev.

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