„Wir prostituierten uns für Geld“

Auf dem Buchmarkt mehren sich die Insiderberichte von Börsianern und Bankern, die aus dem Auge des Hurrikans der Finanzkrise berichten. Nachdem ecolot.de bereits Auszüge aus dem Buch des Wertpapierhändlers Geraint Anderson, „Cityboy“, präsentiert hat (hier nämlich), der den Narzissmus und die Dekadenz der Londoner City kritisiert, folgt ein Schlüssellochreport vom deutschen Börsenparkett: ein Auszug aus dem Buch von Anne T., „Die Gier war grenzenlos. Eine deutsche Börsenhändlerin packt aus“, (Econ Verlag).

Einen schonungslosen Blick in die Welt der Broker und des deutschen Investmentbankings verspricht die zugelassene Börsenhändlerin, die nicht mit kompletten Klarnamen auftritt. Im Buch geht es um dubiose Kapitalgarantien, Todeslisten, waghalsige Steuer-Optimierungsmodelle und wilde Parties, um das Schicksal attraktiver Frauen in der „adrenalin- und testosteron- gesteuerten Männerwelt des großen Geldes“. ecolot.de präsentiert den Prolog und ein Kapitel aus dem Schlussteil des Buches.

Prolog

15. September 2008. Die Stimmung im Handelsraum war an diesem Montagmorgen angespannt und aggressiv. Schon vor Handelseröffnung hatten die Broker Schweißflecken unter den Achseln, ein Anflug von Panik lag in der Luft. Lehman war über Nacht geplatzt – und damit auch die Träume der Derivatehändler auf millionenschwere Boni. Die unerschöpfliche Goldmine drohte zu versiegen. Milliarden hatten wir verkauft und uns dumm und dämlich an den unwissenden Privatanlegern verdient. Vorbei. Aus der Traum. Und schuld an all dem war diese US-Investment- Bank. Und noch schlimmer: Auch die institutionellen Anleger würden unsere Goldmine verschmähen, als sei sie plötzlich Gift. Das Luftschloss aus Dollars fiel in sich zusammen.

Sieben Jahre lang war ich Händlerin für komplexe strukturierte Produkte, für exotische Derivate und, ja, für eben diese Zertifikate* gewesen, Inhaberschuldverschreibungen. Ich war vor dem Crash ausgestiegen, weil das gesamte Business mich ankotzte. Investment-Banker sind verlogene, arrogante Selbstdarsteller, die ihre Liebe zum Geld über alles stellen und dafür sogar sich selbst verkaufen. Geld, immer mehr Geld, war Freibrief für alles, was folgte. Da unterscheidet sich die deutsche Investment-Banking- Szene kaum von der amerikanischen oder englischen – American Psycho lässt grüßen.
Risiken waren uns egal, solange es nicht unsere eigenen waren. Sollte die Oma um die Ecke doch hopsgehen, egal, solange unsere Millionen-Sonderzahlungen flossen. Es waren doch alle mündige Bürger.

Man braucht ein hohes Maß an Selbstüberschätzung und vor allem an Gier, um es lange im Investment-Banking auszuhalten. Ich bin mir inzwischen sicher, dass Geld süchtig macht. Anders ist es nicht zu erklären, wie Menschen sich verändern, welchen Preis sie bereit sind zu zahlen, um möglichst viel davon zu bekommen. Und sie werden nicht satt, sondern immer hungriger.

Im Investment-Banking funktioniert das Geldverdienen besonders sauber und einfach. Es ist kein schmutziges Geld. Weder handelt es sich um afrikanische Blutdiamanten noch werden indische Kinder ausgebeutet, die sich die Finger an unseren zu Hause ausgelegten Teppichen wund knüpfen. Der Preis ist ein anderer. Und ja, auch ich war gierig und habe viel Geld verdient. Eigentlich bin ich immer noch ein wenig enttäuscht über mich selbst, dass meine Gier nicht groß genug war, um dieses Geschäft weiterzumachen. Dann könnte ich bald in Rente gehen und auf einer Yacht im Mittelmeer schaukeln.

Stattdessen will ich deutlich machen, was für zynische, arrogante und sich selbst überschätzende Menschen unsere Anlagegelder und Renten verwalten – und woraus sich deren Reichtum speist. Die Antwort ist einfach: Die Quelle sind ganz normale Anleger.
So gut wie alle deutschen Banken haben Hunderte von Millionen, wenn nicht Milliarden Euro mit komplexen strukturierten Produkten verdient. Nicht wenige Banker sind durch sie Millionäre geworden. Das sollte man nicht durchgehen lassen. Jeder, der Geld verloren hat, der Verantwortung trägt für Gesetze, für die Finanzinstitution, sollte wissen, mit wem er es zu tun hat. »Das Kreditrisiko der Emittentin trägt der Investor.« Bahnhof? Nein, das bedeutet nichts anderes, als dass der Einzelne dafür geradestehen muss, wenn eine Investment-Bank wie Lehman Brothers sich in Milliardenhöhe verzockt und er den Fehler gemacht hat, deren Zertifikate zu kaufen. Aber er ist in bester Gesellschaft – weder Rating-Agenturen noch Anlageberater wussten es besser.

Doch zurück zum Tag, als Lehman vollends pleiteging. Ich besuchte gerade meine Ex-Gefährten im Handelsraum, dem Ort der unheiligen Geldmaschinen. Philipp, Hartmut und Martin arbeiteten immer noch dort. Ich wusste, dass etwas Entscheidendes passieren würde. Und obwohl ich nicht mehr zum Kreis der Broker gehörte, ließen und lassen mich die Geschehnisse im Handelsraum nicht los. Einmal süchtig, immer süchtig.
Schon Anfang September war deutlich geworden, dass die amerikanische Investment-Bank sich die Bücher massiv mit Risiken aus Schrottimmobilienkrediten vollgeladen hatte. Am Wochenende wollten Regierung, Zentralbank und andere Investment-Banken versuchen, Lehman zu retten, um einen Tsunami an den weltweiten Finanzmärkten zu verhindern. Jeder hoffte auf die Rettung in letzter Minute. Noch am Freitag hatte keiner der Händler daran geglaubt, dass man die Bank fallen lassen würde wie eine heiße Kartoffel – too big to fail. Die Amerikaner, so nahm jeder an, würden damit nur ein Gemetzel an den globalen Finanzmärkten riskieren, das uns alle in den Abgrund stürzen konnte. Unvorstellbar.

Doch es war anders gekommen. Die amerikanische Notenbank Fed glaubte an die Selbstreinigungskräfte der Märkte. Aus diesem Grund weigerte sie sich, eine Notrettung einzuleiten. Oder wollte die US-Regierung ein Exempel statuieren? Plötzlich schrie einer der Händler noch vor Markteröffnung in die angespannte Stille hinein: »Scheiße, die Amis haben Lehman hochgehen lassen. Fuck, Lehman ist explodiert.«

Nach dem ersten Schock war jetzt richtig Panik unter den Händlern zu spüren – als würden sie sich auf der sinkenden »Titanic « befinden. Es gab kein Entkommen. Ein Crash, der alle mit in die Tiefe riss, schwebte wie ein Damoklesschwert über den Händlern. »Hat einer eine Indikation? Wo steht die Aktie? Wie stehen wir eigentlich da? Hat einer schon die Zahlen? Wie viel Lehman-Risiken haben wir in den Büchern?«, hörte ich einen Händler aufgeregt brüllen. Die Frage war, würde die Bank mit einem blauen Auge davonkommen? Jeder dachte an die Risiken in den eigenen Handelsbüchern, die man leichtfertig eingegangen war. Wie gut ich das alles kannte. Meine Nerven hätten sicher ebenfalls blankgelegen. Augenblicklich begann die Suche nach den Risiken. Würde man Ausfälle in MiIlionenhöhe hinnehmen müssen? »Was war da eigentlich los?«, schrie plötzlich einer der Juniors, der in seiner Aufgeregtheit nicht merkte, dass er sich gerade disqualifizierte. Nicht zu wissen, was die Märkte vor Handels – auftakt bewegt, ist ein absolutes No-Go unter Händlern. »Risiken aus den amerikanischen Häuserkrediten. Schrottkredite. « »Und wie werden die bewertet?« »Alles zweifelhafte Kredite. Okay, bis vor kurzem waren die Teile top-geratet. Erstklassige Bonität quasi.« »Warum haben wir unser Lehman-Exposure nicht schon vor Wochen mit Gegengeschäften rausgehedgt?«

Auf den Gesichtern der Händler standen große Fragezeichen. Die Show kam mir bekannt vor, mir war, als hätte ich das alles schon einmal erlebt. 2001. 2003. Replay. »Wir wussten doch alle, dass die amerikanische Kreditblase irgendwann platzen würde. Die Amis leben auf Pump, billiges Geld, egal, ob Häuser, Autos oder Kreditkarten. Wenn die we – nigstens investiert hätten. Aber nein, die haben auf Pump gelebt wie die größten Schwachköpfe.« Pascal hatte plötzlich eine Einsicht. »Wir glauben doch auch nicht dran, dass irgendwas in unseren Büchern explodiert, solange unsere Kohle reinkommt.« »Die ganze Branche, wir selbst basteln doch unsere strukturierten Produkte nach dem Bauklötzchensystem um, Probleme werden einfach umdeklariert, neu verpackt und geratet – und tauchen am Ende woanders auf. Das konnte doch auf Dauer nicht gut – gehen.« Ich traute meinen Ohren nicht. Hörte ich da einen Anflug von Selbstkritik aus Hartmuts Worten, nach der ich jahrelang vergeblich gesucht hatte? »Immerhin haben wir Unmengen verdient mit dem ganzen Mist. Die ganze Branche schwamm in den letzten Jahren in Geld. Alle haben davon profitiert.« Wie viele Immobilien mein früherer Kollege inzwischen wohl besaß?

Alle machten betroffene Gesichter, das übliche Grinsen und die flotten Sprüche waren verflogen. Jeder hatte Angst. Was hier geschah, übertraf das Platzen der New-Economy-Blase bei weitem. Ein bisschen erinnerte mich die Situation an den Schmetterling, dessen Flügelschlag einen Tornado auslösen konnte. Wenn Lehman genügend hohe Wellen schlug – und so sah es im Moment aus –, war es vorbei mit der vielen Kohle. Außerdem: Wie sicher waren die Jobs der Investment-Banker noch? Die Kollegen im Sales-Bereich, einem Bereich, in dem ich bis zu meinem Ausstieg tätig gewesen war, hatten andere Probleme. Sie vertickten die komplexen Strukturen und Derivate an institutionelle Kunden. »Fuck. Welche Kunden sind betroffen? Da waren doch einige am Dealen mit Lehman? Checkt das mal ab«, rief Martin. Wenn viele Kunden Ausfälle durch Lehman hatten, konnte man das Geschäft für den Rest des Jahres oder – schlimmer noch – für die nächsten Jahre mit ihnen vergessen. Doch wo sollte das Geld dann herkommen, wenn die Aufträge wegen des Lehman- Desasters versiegten? Mit Sicherheit würden die Kunden skeptisch auf strukturierte Produkte schauen. So langsam dämmerte es jedem, dass Lehman die fetten Jahre der strukturierten Produkte und komplexen Derivate beenden würde. Doch die nächste Schock-Erkenntnis ließ nicht lange auf sich warten: »Die waren doch auch am deutschen Zertifikatemarkt!«

Es drohte ein gewaltiger Imageschaden. Der deutsche Zertifikatemarkt war über Jahre die Kuh gewesen, die wir gemolken hatten. 125 Milliarden Euro an Zertifikaten von deutschen Anlegern standen aus. Schätzungsweise hatten deutsche Banken mit dieser Summe über sieben Milliarden Euro verdient. Ein nicht zu toppender Reingewinn, direkt aus den Depots der Anleger in die tiefen Taschen der Banker. Und nun drohte dieser Geldfluss zu versiegen. Und das nur, weil die Broker von Lehman nicht in der Lage gewesen waren, ihre Risiken aus Schrottkrediten zu kontrollieren oder sie zumindest weiterzuverkaufen. Ich sagte zu Martin: »Die Kleinanleger werden davon betroffen sein.« »Selbst schuld, wenn die den Schrott kaufen«, antwortete er. »Hätten sie doch bei ihren Sparbüchern bleiben können.« »Aber denk doch an deren Renten, Ersparnisse, Altersvorsorge. Einfach futsch.« »Das ist doch alles Peanuts gegen das, was hier gerade abgeht. « Sein Zynismus schien ihm gar nicht aufzufallen. War Martin damals auch so? Wahrscheinlich. Nur ich hatte mich geändert. Dennoch hatte er recht. Die Leute waren selbst schuld, wenn sie auf der Jagd nach hohen Zinsen und Gewinnen die Risiken aus den Augen verloren. Wer will schon sein Geld auf dem Sparbuch lassen, wenn »sichere« Produkte zwei, drei Prozent mehr Zinseinnahmen versprechen?

Da lag der Hund begraben. Jedes strukturierte Finanzprodukt enthält Risiken – eine Tatsache wie jene, dass Coca-Cola Koffein enthält oder Whisky einen Mindestalkoholgehalt von 40 Volumenprozent hat. Ich kenne keinen Investment-Banker, der in seinem privaten Depot Zertifikate, also strukturierte Produkte und Anleihen, hält. Das galt auch für mich. Aber bei Anlageberatern und privaten Anlegern, den Letzten in dieser Kette eines nicht regulierten Finanzsystems, war das nie angekommen. Doch nun hatte das böse Erwachen begonnen.
17

Ich will nichts mehr

Ich will nichts mehr Eines Morgens wachte ich im Le Meridien in Stuttgart auf. Unausgeschlafen und mit einem großen Hass auf die gesamte Finanzbranche. Martin und ich hatten tags zuvor einen Kunden getroffen und zum Essen eingeladen, zusammen wollten wir im ICE zurück nach Frankfurt fahren, um dort einen weiteren zu treffen. Beim Frühstück schaute ich Martin nur finster an. »Ah, Madame ist mit dem linken Fuß aufgestanden, dann ist es wohl besser, wenn ich meine Klappe halte.« »Das ist es, was ich so an dir schätze, du bist so wahnsinnig feinfühlig. Kannst du mir nicht noch sagen, ich sehe aus wie ausgekotzt? « »Stimmt, das hatte ich fast vergessen. Und deine Frisur sitzt auch nicht. Perfektes Vogelnest.« Ich trat Martin ans Schienbein und kaute danach weiter an meinem Brötchen herum. Trocken, krümelig, und der Kaffee eine einzige Katastrophe.

Als wir in den ICE stiegen, hielt ich es kaum aus. Um mich herum waren nur Aliens in dunklen Anzügen, die in dem vollen 1.- Klasse-Abteil wohlgeordnet auf ihren Plätzen saßen. Kaum einer unterschied sich von dem anderen. Alle hatten kurze Haarschnitte, die meisten von ihnen arbeiteten an einem Laptop oder lasen in der FAZ oder der Financial Times Deutschland. Alle hatten den gleichen, vollkommen leeren Gesichtsausdruck. Marionetten, dachte ich, Marionetten, die auf ihren ferngesteuerten Auftritt in der großen Show der Selbstdarsteller warteten. Und du bist eine von diesen abgerichteten Puppen. Du trägst auch einen dunklen Hosenanzug, du hast auch deinen Laptop vor dir. Aber war mein Blick auch so regungslos? Wahrscheinlich, an diesem Tag sicher – lich. Ich hoffte, dass er so schnell wie möglich zu Ende ging. In Frankfurt angekommen, fuhren wir nur kurz in die Bank, um unser Gepäck loszuwerden und die Papiere für das nächste Kundentreffen zusammenzustellen. »Ich kann auch allein gehen«, bot Martin an. Seit dem Frühstück hatten wir kaum ein Wort miteinander gewechselt. »Nein, es ist schon okay«, erwiderte ich. »Ich komme mit.« »Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?« »Lass uns den Job machen, ja?« In einem Taxi fuhren wir ins Hilton, in dem wir uns mit einem Versicherer verabredet hatten, einem sehr guten Kunden von uns. Martin und ich hatten ein Produkt strukturiert, das in etwa dem für Ingo Stein entsprach, nur noch raffinierter. Unsere Trickkiste hatte sich in den letzten Jahren um einiges vergrößert.

Konrad Beyer erschien in Begleitung seiner Assistenten. Adjutanten, dachte ich genervt, Lakaien. Was wollten die hier, die Typen würden sowieso nur Fragen stellen, um sich in Szene zu setzen, ansonsten aber nichts kapieren. Ich wollte keine sinnlosen Gespräche führen. Den Deal machen, und dann nichts wie weg. Es kam, wie es kommen musste. In den nächsten zwei Stunden ging es nur darum, sich gegenseitig zu beteuern, wie wichtig und toll man sei, wie gut man die Welt und die Finanzmärkte verstehen würde, wie viel Geld man in Zukunft sicher noch machen könne. Die ewigen Selbstdarsteller, die einzig Sprechblasen von sich gaben. Eine bessere Parodie auf Banker und Geldmanager hätte auch Harald Schmidt nicht hinbekommen.

Mittendrin überfielen mich plötzlich Fragen, die ich mir bisher noch in keinem Meeting gestellt hatte: Was mache ich hier eigentlich? Was habe ich hier zu suchen? Warum muss ich mit diesen grässlichen Männern reden? Nicht einmal Martin konnte ich aus diesen Gedanken heraushalten. Er war ein begnadeter Smalltalker und konnte eine ganze Gruppe unterhalten, so dass sich jeder wohl und angesprochen fühlte. Aber warum hätte ich ihn am liebsten in seinem Redefluss gestoppt und gesagt, er würde doch nur Schwachsinn von sich geben? In diesem Moment hasste ich ihn regelrecht für sein gestenreiches Hantieren mit seinen Händen, um die Bedeutung von bestimmten Aussagen zu unterstreichen, für sein Lächeln, mit dem er andere einfing, für seine ewig blank geputzten Schuhe. Eigentlich alles. Konnte er denn nicht sehen, dass er sich wie ein Idiot aufführte, nur damit Beyer & Co. ihm aus der Hand fraßen? Einfach widerlich!

Ich hatte das Gefühl, im nächsten Moment vor Wut zu platzen – einer mir völlig unerklärlichen Wut. Ich hatte den unwiderstehlichen Drang, etwas zu sagen, etwas Dreistes, Freches, was im Handelsraum völlig normal gewesen wäre, nicht aber gegenüber einem Portfoliomanager. Also unterbrach ich Martins Ausführungen und sagte völlig unvermittelt: »Unsere Kunden kaufen sowieso immer nur das, was wir ihnen vorsetzen.« Stille. Martin schloss seine Augen augenblicklich zu schmalen Schlitzen, danach rettete er die Situation, indem er meine Aussagen gekonnt verdrehte. »Du hast da etwas falsch verstanden, Anne. Du wolltest doch sicher sagen, dass es genau umgekehrt ist.« Ich hatte mich wieder im Griff: »Oh ja, Entschuldigung. Da hab ich was durcheinandergebracht.«

Auf einmal fingen alle an zu lachen. Ich lachte mit, um nicht die gesamte Situation aus dem Ruder laufen zu lassen. Dabei hätte ich größte Lust gehabt, dass genau das passierte. Grenzen überschreiten – davon hatte ich immer geträumt. Im Bereich der Finanzen war mir das geglückt, aber in meinem Privatleben hatte ich nicht den Himalaya bestiegen. Ich folgte den Regeln der Menschen, die mich umgaben. Und das waren vorwiegend Banker und Fondsmanager. Die Papageien, die Spießer. Nie wollte ich so werden wie sie – und nun war ich auf dem besten Wege dazu. Ich hatte meinen Spieltrieb und meine Gier nach Wissen und Geld ausgelebt. Meine Gier hatte sich verselbständigt, ich hatte mein eigenes Ich kapitalisiert, meine Seele verkauft. Plötzlich kam ich mir wie eine schlechte Kopie von Gordon Gekko vor. Absurd. Da drang wieder die Stimme von Konrad Beyer an mein Ohr: »Hartz IV, das ist doch lächerlich. Wie wollen die denn überhaupt Vermögen nachprüfen? Wer geschlossene Liechtensteiner Stiftungsfonds hat, kann damit rechnen, dass bei einer Prüfung kein Finanzbeamter hinter diese Sachen kommt. Eigentlich eine Farce, das ganze Konstrukt. So wie Schweizer Konten, da kommen die Schnecken vom Finanzamt auch niemals hinterher.«

Jetzt begann eine Diskussion über Schlupflöcher bei Hartz IV, über Steuerlöcher, die man in Millionen-, vielleicht sogar in Mil – liardenhöhe ausnutzen könnte, um Vermögen am Fiskus vorbei ins Ausland zu schleusen. Im Jahr 2008 zeigte sich dann ja auch, dass Post-Chef Klaus Zumwinkel sich hervorragend mit diesen Schlupf löchern in Form Liechtensteiner Stiftungen auskannte. Aber ein Hartz-IV-Empfänger war der bestimmt nicht. Ich traute meinen Ohren kaum: Da saßen wir, sechs Menschen, die sicher zusammen einen Jahresverdienst von zwei Millionen Euro hatten, und machten uns über die Hartz-IV-Empfänger lustig. Wenn auch die Arbeitslosenzahlen in Deutschland gesunken waren, so war offensichtlich geworden, dass die Gesellschaft sich mehr und mehr spaltete, dass es viele Menschen gab, die mit unserer Überflieger-Welt aus Wohlstand, Geld und Millionen-Deals rein gar nichts zu tun hatten. Wir in unserer Bank erfanden Sachen, die kein Mensch brauchte. Wir produzierten Unfug in Millionen- und Milliardenhöhe – und alle fühlten sich gut dabei. Wie diese Männer um mich herum. Hatten die denn jegliches Gefühl für die Verhältnisse anderer Menschen verloren? Als der Termin beendet war und wir uns von Beyer und seinen Adjutanten verabschiedet hatten – Martin war es zu verdanken, dass sie den nächsten Deal mit uns machen wollten –, sagte mein Kollege nur: »Das darf nicht noch einmal vorkommen.« Auch wenn er nicht so auf Mainstream getrimmt war wie viele andere in unserem Bereich, er war ein Broker und wollte auch einer bleiben.

Am Nachmittag konnte ich mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Immer wieder musste ich darüber nachdenken, weshalb ich mich bei dem Termin so daneben verhalten hatte. Das war doch nur eine absurde Nummer gewesen. Oder war es doch nicht nur absurd? Hatte ich in den letzten Jahren nur alles unterdrückt, was mir gegen den Strich ging? Kam jetzt alles hoch? War ich doch nicht so glücklich, wie ich zu sein vorgab? Dabei hatte ich doch angenommen, dass ich mit der Zugehörigkeit zur Finanzelite etwas erreichen würde, was besser als Sex war. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann war ich nicht glücklich. Ich hatte es mit einem verdammt gefährlichen Business zu tun, mit enormen Möglichkeiten, die Welt aus den Angeln zu heben. Was, wenn es immer mehr von uns gab, die so verantwortungslos wie Nick Leeson handelten? Eine Horrorvorstellung. Nur leider nicht abwegig. Leeson, ein einfacher Angestellter in der Abwicklung, hatte es geschafft, durch hohe Spekulationen mit Calls und Puts die Barings Bank, einst eine der ältesten Banken Großbritanniens, 1995 zusammenbrechen zu lassen. Leeson hatte an den Börsen in Hongkong, Südkorea und Japan operiert und mit Optionen, die kaum noch abzusichern waren, jene »Massenvernichtungswaffen « geschaffen, die die Bank ruinierten. Wir pack ten uns die Handelsbücher mit bizarren Risiken voll, die kein Mensch mehr verstand – alles, um ein paar tausend Euro mehr Bonus zu erhaschen. Und ich war nur eine von vielen. Auf der ganzen Welt krochen größenwahnsinnige Broker und Händler herum, die wie Irre mit Risiken um sich ballerten. Genau wie ich.

Wir prostituierten uns für Geld, lebten vollkommen neben der Spur, waren nicht mehr wir selbst. Wir erstickten an unserer eigenen Überheblichkeit, die die Finanzbranche nur allzu gern nährte. Geld war eine so starke Macht, dass ich und viele meiner Kollegen sogar so weit gingen, uns selbst zu verraten. All dies kreiste in meinem Kopf herum. War ich in eine Midlife- Crisis geraten? Mit Anfang dreißig? Weil ich mit Martin nicht darüber reden konnte, rief ich Lilly an und fragte sie, ob sie am Abend zu mir kommen könne. »Was ist los?«, wollte Lilly wissen, als sie sich auf meine Couch gesetzt hatte. Sie trug eines ihrer schicken figurbetonenden Kleider. Selbst in ihrer Freizeit konnte sie sich nicht von ihren Glamour-Outfits trennen. »Irgendetwas scheint dich zu bedrücken? Hast du den Brokerkoller?« »Klingt, als könnte es stimmen. Der Job geht mir an die Substanz. Elite hin oder her, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass mich Dinge berühren, die mich gar nicht berühren dürften.« »Was meinst du damit?« »Afghanistan, Arbeitslosigkeit, Terroranschläge – für uns sollen das alles nur Marktinformationen sein, nur auf diesem Level dürfen wir all das an uns heranlassen. Die Abgestumpftheit, die ich gegenüber Menschen entwickelt habe – sie erschreckt mich selbst. Ich bin so oberflächlich geworden, dass ich es kaum noch aushalte.« Lilly hörte mir einfach nur zu, während ich mir alles von der Seele redete. »Die Typen betrügen ihre Frauen, drehen die seltsamsten Dinger, alles nur, weil sie glauben, über allem zu stehen. Dabei prostituiert man sich nur für Geld. Aber hat Geld überhaupt diesen hohen Stellenwert, den wir ihm geben? Wir blenden doch nur alles aus, was das wahre Leben betrifft.«

»Anne, was faselst du denn über das wahre Leben? Das ist doch ein Klischee, das man heranzieht. Wer weiß, vielleicht leben wir das wahre Leben. Wer kann das schon wissen? Hör auf, dir den Kopf zu zerbrechen. Such dir lieber ’nen anständigen Kerl. Der wird dich von so wirren Gedanken ablenken.« Sie hatte recht, aber… »Aber so wie meine Kollegen will ich auch nicht enden. Es ist schon auffällig, wie schnell sie altern. Sie bekommen früh graue Haare, wenn sie sie nicht gleich ganz verlieren, stopfen alles in sich hinein und werden immer dicker. Die kriegen der Reihe nach Hörstürze, haben Herzprobleme, einer hatte letztens einen Zusammenbruch, und der Rest mutiert zu Alkoholikern. Partys, viele Reisen, der Druck, Millionen zu verdienen, dieser ganze sinnlose Überfluss – das verbraucht. Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind lebendige Tote, Spielzeugfiguren zum Aufziehen, um Geld zu verdienen.« »Führ dich nicht auf wie eine Pubertierende. In zehn Jahren bist du reich genug, um aussteigen zu können. Das war unser Traum, und nach unseren bisherigen Erfolgen spricht nichts dagegen, dass er sich auch erfüllt.« »Ich gehe an Grenzen, koste es, was es wolle, vergesse Moral und Mitgefühl, und dann soll ich in zehn Jahren auf einmal wieder wie ein normaler Mensch leben? Bis dahin bin ich fertig. Fix und fertig.« »Wenn du aufhörst, stehst du vor dem Nichts.« Das ist das Totschlag- Argument, das alle antreibt, weiter als Broker zu arbeiten. »Es ist nicht so, dass ich alles hinschmeißen möchte …« »Vielleicht solltest du die Bank wechseln.« »Das könnte eine Möglichkeit sein.« Von einer Brokerin hatte ich gehört, dass sie sich ein Jahr Auszeit genommen hatte. Währenddessen hatte ihr das Business so sehr gefehlt, dass sie nach ihrem Wiedereinstieg noch größere Deals machte. Vielleicht war das eine Alternative.

Es machte keinen Sinn, weiter mit Lilly über meine Gedanken zu reden. Sie hatte noch keinen Brokerkoller gehabt, Zweifel an ihren Geldspielen waren ihr bislang nicht gekommen. Für mich war alles nur noch wie Friedrich Dürrenmatts Stück Der Besuch der alten Dame. Diese Titelheldin unterbreitet den Bürgern einer Kleinstadt ein unmoralisches Angebot: Sie würde ihnen eine Milliarde schenken, wenn sie einen Mord begingen. Eine Forderung, die die Bewohner entrüstet ablehnen, doch seltsamerweise beginnen sie, das Geld auszugeben, als stünde das Verbrechen unmittelbar bevor. Schließlich passiert es tatsächlich, und die Bürger des Städtchens sind plötzlich reich. Wer den Mord begangen hat, wird nie aufgeklärt. Genau in dieser Welt bewegte ich mich, in dieser von Gier getriebenen Welt, die Heuschrecken hervorbrachte. Ich hatte mit das System perfektioniert, Kunden zu verarschen und ihnen viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber all diese Extreme auf Dauer auszuhalten, war ich dafür geschaffen? War ich die absolute Zynikerin? Lilly erzählte noch eine Weile von ihrer neuesten Männereroberung. Als sie ging, war es kurz nach Mitternacht. Der furchtbare Tag war vorüber.

In den nächsten Monaten führte ich meinen Job fast mechanisch aus. Der alte Spaß war verflogen, und ich hatte auch keinen Ehrgeiz mehr, mehr Geld zu verdienen. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich wäre einem Riesenbetrug aufgesessen. Anstelle von Herausforderungen sah ich nur noch Falschheit und Lüge. Ich erfreute mich nicht mehr an meinem Geld. Nach und nach hatte Geld nur noch einen bitteren Nachgeschmack bekommen. Eine verdammt harte Erkenntnis. Eines Morgens erwachte ich und wusste, was ich wollte: die Kündigung. Noch im Pyjama schaltete ich meinen Computer an und setzte sie auf. Mit großer Zufriedenheit schaute ich auf das Blatt Papier, das aus meinem Drucker kam. Mir war noch nicht klar, ob ich tatsächlich zu einer anderen Bank wechseln wollte.

Aber dass ich eine Auszeit brauchte, um meine Gedanken zu ordnen, das wusste ich mit aller Bestimmtheit. Nur noch die Unterschrift, dann ab in die Bank. Der letzte Tag. Mit der Kündigung würde ich den Handelsraum nicht mehr betreten dürfen: »Mit sofortiger Wirkung freigestellt.« Marc hatte gerade Zeit, als ich sein Büro betrat. »Ich kündige«, sagte ich ohne Umschweife und legte mein Scheiben auf seinen Tisch. »Was willst du? Wie viel mehr willst du haben?« Auf die Idee, dass ich wirklich wegwollte, kam er nicht. Es war gängige Strategie in Handelsräumen, mit dem unterschriebenen Kündigungsschreiben auf dem Tisch noch mehr Geld rauszuhandeln. Harte Bandagen eben. »Ich will kein Geld mehr«, erwiderte ich. »Ich will nichts mehr.« Lächelnd verließ ich die Bank. Ich war draußen – ein gutes Gefühl.

Anne T.:
Die Gier war grenzenlos
Eine deutsche Börsenhändlerin packt aus.
Econ 2009, 18 Euro.

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