Das muss doch der Traum aller VWL-Studenten sein: Thomas Hönscheid, selbst VWL-er, hat die Grundlagen der Preistheorie in einen Arztroman gekleidet. Krankenschwester Helga liebt ihren Chefarzt. Doch der ist blöderweise ein knallharter Gewinnmaximierer. Und als er Helgas Neffen (und Kassenpatienten) Jan-Dominik ganz billig operiert, bricht für die junge Frau eine Welt zusammen. ecolot.de bringt Auszüge aus „Schwester Helga – Du maximierst mein Glück“ (Eichborn).
Kapitel 5
Spaziergang mit
steigenden Grenzkosten
Glatt wie ein Spiegel lag der Breutenbacher See zu Robert Sandens Füßen. Über ihm wiegten sich die ergrünenden Wipfel der hohen Bäume sacht in der kühlen Frische des leichten Frühlingswinds. Majestätisch zog ein einsamer Kranich am Himmel seine Kreise. Leis’ neigte sich das Schilf. Genüsslich streckte der großgewachsene junge Mann die Beine von sich und blinzelte, eine Hand schützend vor die Augen gehalten, über die in der Sonne glitzernde Oberfläche des kristallklaren Wassers.
Hier, an den stillen Ufern des Breutenbacher Sees, fand der junge Chefarzt die Ruhe und Entspannung, die ein Mann in seiner Position von Zeit zu Zeit benötigte. So auch in den heutigen Mittagstunden, wo die vorausgegangenen Ereignisse besonders strapaziös für ihn gewesen waren.
Auf der gegenüberliegenden Seite der feuchten Senke war der Seeberg zu erkennen. In sanftem Schwunge erhob sich der liebliche Hügel über das einladende Gewässer, nur von einem engen Pfad geteilt, der geradewegs hinaufführte zum Seeberg-Klinikum. Freundlich lugte es aus dem Dickicht des Waldes hervor.
Stets weckte dieser trauliche Anblick in Robert Sanden die gleiche brennende Sehnsucht nach Freiheit für den Einzelnen – statt staatlicher Bürokratie, die jede Eigeninitiative knebelte. Über Investitionen, so wollte es das Krankenhausfinanzierungsgesetz, entscheiden die Bundesländer, die laufenden Betriebskosten wurden in Form von Pflegesätzen den Krankenkassen angelastet. Solange sich hieran nichts ändern würde, das war dem jungen Mann klar, waren all seine kraftvollen Visionen dazu verurteilt, fromme Wünsche zu bleiben. Wenn Politiker versuchten, sich über ein Krankenhaus zu profilieren, wenn längst überfällige Maßnahmen aus wahltaktischen Gründen verzögert oder verhindert wurden, wenn politische Opportunität vor ökonomische Rationalität ging, dann waren selbst dem brillantesten Chirurgen die Hände gebunden.
Das warme Holz des kleinen Bänkleins, auf welchem er sich niedergelassen hatte, tat ihm wohl und weckte die Lebensgeister in seinen Gliedern.
Robert Sanden war keiner, der sich bereits beim geringsten Widerstand entmutigen ließ. Schon früh hatte er gefühlt, dass er anders war als die anderen jungen Chefärzte. Die Vorstellung einer ohnmächtigen, ihres Einflusses völlig entkleideten Gebietskörperschaft konnte ihn auf das Äußerste erregen. So hatte er sich geschworen, sein kleines Klinikum dort herauszuholen und das darniederliegende Haus in ein stolzes, pulsierendes Privatklinikum zu verwandeln!
Im Geiste nahm er die Dinge bereits in die eigene Hand, und automatisch eilten seine Gedanken zurück zu Schwester Helga. Hatte er wirklich alles in seiner Macht Stehende getan?
Die Motivation des Personals war schließlich von herausragender Bedeutung. Jannicks stationäre Pflege würde den Leuten noch einmal alles abverlangen. Vor dem Jungen lag ein harter und steiniger Weg. Sollte er erfolgreich beschritten werden, mussten alle im Team ihr Handeln konsequent am Primat der Gewinnmaximierung orientieren, und zwar am besten aus eigenem Antrieb. Dies erforderte von jedem Einzelnen
ein vertieftes Verständnis der ökonomischen Zusammenhänge. Konnte man sich dessen bei Helga vollkommen sicher sein?
Das Grundprinzip der Preisbildung auf freien Märkten aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage mochte sie wohl verstanden haben. Aber hatte sie auch die Gründe für die dargestellten Funktionsverläufe erfasst? Oder brauchte sie hierzu mehr Information?
Seufzend legte der junge Chefarzt den Kopf in den Nacken. Immer schneller flogen die Wolken nun über ihm dahin, immer schneller, immer schneller und schneller …
Da zerriss ein krächzender Schrei die friedvolle Stille der weitläufigen Schilflandschaft. Der Kranich öffnete die Schwingen, das hohe Rohr erzitterte im Wind, die Wellen schwappten heftig übers Ufer. Es vermehrte sich die schäumende Gischt.
Von der geheimen Macht des Frühlings übermannt, musste Robert Sanden danach für ein Weilchen eingeschlummert sein, denn er hatte die sachte knirschenden Schritte lange nicht gehört, die sich ihm auf dem bekiesten Waldweg langsam näherten. Erschrocken fuhr er auf. Um wieviel größer erst war seine Freude, als er durch das Unterholz ein Paar ihm wohlbekannte, schöne, lange Beine erblickte!
War es möglich, dass Fortuna ihn heute so recht verwöhnen wollte? Es musste so sein! Warum sonst sollte ihm das Glück diese vielleicht einmalige Gelegenheit schenken, hier und jetzt, allein mit ihr an diesem verschwiegenen Plätzchen …
Schnell erhob er sich und ordnete seine Kleidung. Gerade noch rechtzeitig, bevor Helga um die letzte Hecke bog.
Helga schnürte es das Herz zusammen. Noch vor wenigen Stunden hätte ihr dieses unvermutete Zusammentreffen einen wohligen Schauer über den Rücken gejagt. Nun kroch ihr, trotz der warmen Frühlingssonne, ein Frösteln die Wirbelsäule hinauf.
Was tun?
Ohne ein Wort setzte sie sich auf das verwitterte kleine Bänklein, von welchem aus man einen so herrlichen Blick über den Breutenbacher See hatte. Schweigend setzte er sich zu ihr hin.
Sie schenkte ihm keine Beachtung. Hatte sie doch der Wunsch, alleine zu sein, hierhergeführt. Hier draußen, in der freien Natur, erhoffte sie sich, von allem etwas Abstand zu gewinnen.
Still ging ihr Blick auf den See. In das gleißende Frühlingslicht getaucht, ging von seinen Wassern eine märchenhafte Ruhe aus. Nie hätte Helga vermutet, Robert Sanden hier zu treffen. Wo er doch immerzu mit seiner Arbeit beschäftigt war.
Von der gegenüberliegenden Seite grüßte das Seeberg-Klinikum herüber und holte Helga aus ihrem kurzen, glücklichen Tagtraum zurück in die rauhe Wirklichkeit. Dort drüben lag das Kind ihrer Schwester mit schwersten inneren Verletzungen. Vor ihrem Spaziergang hatte sie sich mit ihrer Familie
in Verbindung gesetzt. Marion, ihre Schwester, hatte die schlimme Nachricht von Jan-Dominiks Lehrerin erhalten, mitten in einem wichtigen Meeting. Sie hatte am Telefon sehr gefasst gewirkt. Marion war eben schon immer ein Mensch gewesen, der den Tatsachen ins Auge blickte.
Anders Klara Waldorf. Die Mutter hatte äußerst merkwürdig reagiert! Bestürzt über Jan-Dominiks schweren Unfall wollte sie zuerst auf der Stelle ihren kleinen Laden schließen, um sofort an das Krankenbett ihres Enkelkindes zu eilen. Doch als Helga auf Reginald II. von Leubenstein zu sprechen gekommen war, hatte sich der Ton der Mutter plötzlich sehr verändert. Wenn Jan-Dominik so gut versorgt sei, hatte sie beinahe barsch gemeint, dann werde sie ja nicht gebraucht. Und überhaupt wisse sie nicht, ob sie das Geschäft früher schließen könne. Wenn, dann habe sie erst morgen am späten Abend etwas Zeit, bei dem Kleinen vorbeizuschauen, und er würde schon wieder werden. Mit diesen Worten hatte sie aufgelegt.
Eigenartig.
Noch immer würdigte Helga Robert Sanden keines Blickes. Auch wenn es ihr schwer fiel.
Stumm wie ein Fisch saß der großgewachsene junge Mann neben ihr und blinzelte, eine Hand schützend vor die Augen gehalten, über die glitzernde Oberfläche des Breutenbacher Sees.
Wie sollte er beginnen?
Die Nähe dieser jungen Frau, ihre physische Präsenz an diesem trauten Ort vollendetster Glückseligkeit, versetzte ihn in eine eigentümliche, nie zuvor gekannte Stimmung. Denn auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte oder konnte, irgend etwas an Schwester Helga faszinierte ihn. Ob es ihre Jugend war? Sie konnte höchstens sechsundzwanzig sein. Er fühlte, dass dieses einfache Mädchen tief in ihm etwas berührte. Sie war wie der manchmal klare, manchmal diffuse Widerschein eines geliebten Bildes, das er in seinem Innern verborgen trug …
Noch suchte der junge Chefarzt nach den rechten Worten für die heftigen Gefühle, die ihn jetzt bestürmten. Wann auch, hätte ein Mann einer Frau in einer zärtlichen Stunde zuletzt zu sagen versucht:
»Ich will deine ganze Produktivität!«
Nicht viel, und er hätte sich ihr frank und frei erklärt – schließlich brauchte man sich seiner Empfindungen nicht zu schämen! Zumal, wenn sie so tief und echt waren.
Doch dieses Mädchen war noch unberührt! Vorhin erst, er ahnte es, war es für sie zur ersten kurzen Begegnung mit dem wirtschaftlichen Kalkül gekommen, und was richtige Wirtschaftstheorie war, das wusste sie gewiss noch nicht. Bezähmen musste er also seine Leidenschaft! Ganz behutsam über die Grundlagen sich vortasten zum Allerheiligsten! Das soeben erst geknüpfte, zarte Band nicht durchtrennend, nicht brechend die geheimnisvolle blaue Blume, sondern liebkosend sie zur schönsten Blüte führen!
Langsam wollte er ihr die Produktionstheorie entdecken. Behutsam sie in die Kostentheorie einführen. Sacht die Angebotsfunktion herleiten. Unmerklich das Niveau höher schrauben. Das erste Mal, es sollte schön für Helga sein …
Wo aber würde sich sein Vorhaben besser verwirklichen lassen als hier draußen am Busen der Natur, wo mit dem Bodenertragsgesetz von Turgot alles begonnen hatte? Ließen sich doch alle Wunder der Unternehmenstheorie in den einzigartigen Schauspielen der Natur erblicken. Wenn man nur die Augen hatte, sie zu schauen!
Noch immer hatten die beiden jungen Menschen kein Wort miteinander gesprochen. Da nahm der junge Mann sein übervolles Herz in beide Hände:
»Wissen Sie, wo wir hier sind, Helga?«
Verwundert schenkte ihm die junge Frau erstmals einen scheuen Blick.
»Am Breutenbacher See, würde ich sagen.«
»Mitten in der Unternehmenstheorie!«
Mit weit ausladender Geste ging sein Arm über das Land und den See und den Seeberg dahinter. Robert Sanden ward es recht leicht in seiner Brust. So sehr, dass er freiheraus hätte singen mögen. Der erste Schritt war getan, die inhaltliche Verortung seines Themas war vollzogen. Das Eis schien gebrochen.
Der zweite Teil aus Kapitel 5 folgt …
Thomas Hönscheid: Schwester Helga – Du maximierst mein Glück. Der Arztroman zur Mikroökonomie.
Eichborn 2009, 12,95 Euro



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