andreAnsicht: Alles Bio?

Die Wissenschaft ist ja wirklich eine prima Erfindung. Jetzt hat sie zum Beispiel festgestellt, “dass es biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.” Dies bezweifle inzwischen kaum noch ein Forscher, setzt Henning Engeln forsch hinzu, und die lebenserfahrene Leserin ist unwillkürlich überrascht, dass es jemals irgendjemanden, geschweige denn einen Forscher, gegeben haben soll, der dies ernsthaft in Zweifel gezogen hat.

Übrigens: Es gibt biologische Unterschiede zwischen fast allen Menschen, und dass genetische Veranlagungen und chemische Prozesse im Körper die Persönlichkeit und das Verhalten beeinflussen, bestreitet in der Tat kaum mehr jemand. Dass Geschlechterrollen trotzdem soziale Konstrukte, also im Zusammenleben mit anderen Menschen entwickelte und angeeignete Verhaltensmuster sind, wird allerdings genauso wenig bezweifelt, und es ist auch kein Widerspruch.

Leider bleibt Engelns Artikel “Das vergessene Geschlecht”, den Spiegel online gestern aus Geo Wissen gefischt hat, etwa auf diesem Niveau. Grundtenor: Jungs sind aggressiv und schlecht in der Schule, deshalb sind sie ein biologisches Auslaufmodell. Zwar betont Engeln eifrig, dafür gebe es Studien, konkrete Belege nennt er aber in dem ganzen Artikel nicht. Innerhalb weniger Stunden war gestern Abend das Leserforum zum Artikel bereits auf zehn Seiten angeschwollen, die Beiträge in etwa so ausgewogen, wie ich mir einen CSU-Kreisparteitag in Oberammergau vorstelle: Die Feministinnen sind an allem Schuld, weil sie sich für überlegen halten, die Männer finanziell ausnehmen, die Kindererziehung an sich gerissen haben und nicht bei der Müllabfuhr arbeiten wollen. Das ist jetzt zugegebenermaßen etwas verkürzt, aber so in etwa.

Dabei sind schon die Voraussetzungen, von denen Engeln ausgeht, nicht so ganz eindeutig, wie es scheint. Ein Beispiel: Zwar sind laut Datenreport 2008 des Statistischen Bundesamtes Mädchen an Gymnasien leicht überrepräsentiert, während an Hauptschulen der Anteil an Jungen höher ist. Aber insgesamt machen heute beispielsweise relativ gesehen viel mehr junge Menschen Abitur als früher. In den westlichen Bundesländern hat sich, so der Datenreport, von 1970 bis Anfang der 1990er Jahre die Abiturientenquote von 10 auf 22 % mehr als verdoppelt. Das Bildungsniveau ist also gegenüber den 1960er Jahren deutlich gestiegen.

Davon abgesehen, dass es also gar nicht klar ist, ob Männer als solche in unserer Gesellschaft heute benachteiligt werden, ist es himmelschreiender Unsinn, wegen einer (langsamen) Veränderung eines sozialen Modells, das nur wenige Jahrzehnte lang (wenn überhaupt) und auch nur in einer bestimmten Gesellschaftsschicht vorherrschend war, nämlich der bürgerlichen Kleinfamilie mit dem Mann als Ernährer, auf evolutionäre Prozesse rückzuschließen, die in Jahrmillionen ablaufen. Sieglinde Geisel hat vor ein paar Monaten in einem sehr lesenswerten Artikel in der NZZ fundiert analysiert, warum die Annahme, Frauen- und Männerrollen seien biologisch bestimmt, wieder in Mode gekommen ist.

Ich halte den biologischen Determinismus, vor allem verbunden mit einer Wertung (Frauen/Männer sind besser als Männer/Frauen) für extrem gefährlich. Die beliebten Bücher à la “Warum Frauen nicht einparken können” finde ich vor allem deshalb gar nicht harmlos, weil sie auf subversive Weise Klischees verfestigen – was biologisch vorgegeben ist, dagegen kann man ja nichts machen, das ist eben so. Sozial konstruierte Ungleichheiten zwischen Menschen für genetisch vorgegeben zu halten ist aber der erste Schritt zum Rassismus.

Ich will ja gar nicht abstreiten: Tatsächlich geht es vielen Männern schlechter als noch vor ein paar Jahren. Viele verlieren ihre Jobs, und während sich ein paar die letzten Boni in die Taschen stopfen, haben die meisten Angst um ihre Zukunft. Ich bin aber, ohne das jetzt wissenschaftlich untersucht zu haben, ziemlich sicher, dass die Frauenbewegung weder die internationalen Finanzströme lenkt noch die aktuelle Wirtschaftskrise verursacht hat.

Benachteiligte Gruppen, die sich in guten Zeiten einige Rechte und Verbesserungen ihrer Position erkämpft haben, trifft es in schlechten Zeiten als erste – von Entwicklungshilfe abhängige afrikanische Länder beispielsweise (zur Entwicklungshilfe für Afrika übrigens ein interessantes Interview mit der Ökonomin Dambisa Moyo am 12. April in der Frankfurter Allgemeine am Sonntag), Arbeitsmigranten, die in der Krise der Bauwirtschaft plötzlich nicht mehr gebraucht werden (dazu eine hervorragende Reportage von Alice Bota, Henning Sußebach und Stefan Willeke in der letzten Zeit) und auch Frauen (zu den Folgen der Finanzkrise für Frauen einige interessante Aspekte in der zweiten Ausgabe des Missy Magazines, nicht online – hier bestellen.)

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