Krankenschwester Helga liebt ihren Chefarzt, den schönen Dr. Robert Sanden. Doch der ist blöderweise ein knallharter Gewinnmaximierer. Und als er Helgas Neffen, den kleinen Kassenpatienten Jan-Dominik, ganz billig operiert, bricht für die junge Frau eine Welt zusammen…. Thomas Hönscheid hat die Grundlagen der Preistheorie in einen Arztroman gekleidet. ecolot.de bringt Auszüge aus „Schwester Helga – Du maximierst mein Glück“ (Eichborn).
»Schauen Sie doch, die erwachende Natur! Alles erblüht, gedeiht und wächst heran. Im Sommer stehen Land und Flur in schönster Pracht. Im Herbst setzt der Wandel ein, die Blätter fallen, das Wachstum wird negativ. Im Winter wächst gar nichts mehr. Ein ewiger Kreislauf aus Werden und Vergehen, in dem alles auf das Beste eingerichtet ist. Was will uns dies lehren, Helga? Ich will es Ihnen sagen: Wir sind alle Teil einer großen Produktionsfunktion!«
Unverwandt blickte Helga auf den See hinaus. Dunkel war seiner Rede Sinn. Es war wohl besser, jetzt keine überflüssigen Fragen zu stellen und ihn zuerst einmal quatschen zu lassen.
»Sehen Sie, dort drüben! Das ist es, was ich meine!«
Seine Stimme klang aufgeregt. Helga wandte den Kopf, und was sie sah, war bezaubernd schön: der anmutige Schwung des Seebergs – bekränzt von güldenem Frühlingslichte.
»Fliegt der erste Morgenstrahl durch das stille Nebeltal, rauscht erwachend Wald und Hügel: Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!«
»Das war sehr schön, Robert. Eichendorff, nicht wahr?«
»Ja. Sie mögen Gedichte?«
»Sehr. Sie auch?«
»Ich dichte selbst ein wenig.«
Helga musste schlucken. Nach seinem unmöglichen Verhalten Jan-Dominik gegenüber hatte sie ihn für hartherzig gehalten, für gefühllos, unsensibel und roh. Sollte sie ihn zu früh verurteilt haben?
»Möchten Sie etwas von mir hören?«
»Sehr, sehr gern, Robert!«
»Butter, Brot, Schuh, Mantel, Operation der Nieren, alles muss man produzieren, Ziel ist, das liegt auf der Hand, natürlich Minimalaufwand, denn dies ist die Voraussetzung für höchste Gewinnsteigerung, und um dieses zu erreichen, stellt die Produktionsfunktion die Weichen, als ein Bild, das dir erzählt, wie sich der In- zum Output verhält.«
Noch bevor die junge Frau den verunglückten Reim in der letzten Strophe ansprechen konnte, legte ihr der junge Chefarzt seinen Zeigefinger auf den Mund:
»Psst! Nicht sprechen! Schauen Sie nur, der Seeberg! Er zeigt uns das Bodenertragsgesetz von Anne Robert Jacques Turgot, 1727 bis 1781. Noch immer eine der wichtigsten mikroökonomischen Produktionsfunktionen!«
Als den Physiokraten nahestehender Nationalökonom hatte Turgot all seine Überlegungen auf die Landwirtschaft bezogen. Er unterstellte, es gäbe nur zwei Produktionsfaktoren: den Boden, den er als gegeben betrachtete, und die Intensität der Bebauung, die er als variabel ansah. Sodann untersuchte er, wie sich die erzeugte Menge Korn, der Output, in Abhängigkeit von der Intensität der Bebauung, dem Input, veränderte. In der Intensität der Bebauung fasste er ein Faktorbündel aus Arbeit, Saatgut und Dünger zusammen. Sein Ergebnis war eindeutig und wurde später von vielen weiteren Wirtschaftswissenschaftlern untermauert, beispielsweise Johann Heinrich von Thünen, der um 1850 auf seinem Privatgut in Mecklenburg als Erster statistisches Material hierzu sammelte: Bei Konstanz eines Produktionsfaktors und schrittweiser Erhöhung des zweiten, der so genannten partiellen Faktorvariation, steigt der Gesamtertrag zuerst progressiv, dann degressiv. Dies verlieh dem Ertragsgesetz seine einzigartige Form mit den charakteristischen drei Phasen.
Ergriffen bewunderte Helga das sanfte Auf und Ab. Robert Sanden erhob sich. Galant bot er ihr seinen Arm.
»Wollen wir uns das einmal näher ansehen?«
»Sehr gern, Robert!«
Am Ufer entlang, nicht durch den Wald, wie sie gekommen waren, begaben sie sich zusammen auf den Rückweg. Bei jedem Schritt fühlte Helga den feinen Sand unter ihren Schuhen. Der funkelnde See kitzelte ihre Nase. Der kühle Frühlingswind spielte sacht mit ihrem Haar.
Robert Sanden genoss gleichfalls den Moment. Wie schön, der jungen Frau an seinem Arm die Implikationen ertragsgesetzlicher Produktionsfunktionen für die Entwicklung des Ertrags pro zusätzlich eingesetzter Faktoreinheit darlegen zu dürfen!
»Herrlich ist die erste Phase, es wächst munter, fröhlich, immer heiter, der Ertrag pro Mitarbeiter, Fortschritt, dies ist das Bezweckte, durch Spezialisierungseffekte, ist es damit dann vorbei, sind wir schon in Phase zwei, Mehrertrag fällt progressiv, bleibt jedoch noch positiv, doch es kommt, wie’s kommen muss, am End’ der Phase drei ist Schluss, noch mehr Input bringt nichts mehr, macht nur noch die Taschen leer, so, gute Schwester, sag ich mir, vermeide stets die Phase vier.«
Nie zuvor hatte Helga jemanden so über Produktionstheorie sprechen hören. Ehrlich gesagt, hatte sie überhaupt noch nie jemanden über Produktionstheorie sprechen hören. Aber es musste etwas sehr Schönes sein …
Entrückt hatte sie den fast geflüsterten Worten des jungen Chefarztes gelauscht, und als sie nun aufblickte, da waren sie schon fast auf der anderen Seite des Sees angekommen. Hand in Hand standen sie an der Spitze des kleinen hölzernen Steges, der zwischen dem Ufergras auf den See hinausführte und im Sommer den Breutenbacher Kindern als Absprungplattform diente. Der Wind hatte inzwischen aufgefrischt und wirbelte Helgas Haar durcheinander.
Milde lächelnd wies er mit seinen Händen auf den See:
»Der Spiegel der Produktion aber sind die Kosten.«
Und wahrlich: Vom Winde gebeugt ließ das Schilf die unterschiedlichsten Kostenfunktionen auf der Wasseroberfläche tanzen. Voller Zärtlichkeit näherten sich seine Lippen ihrem Ohr, und gegen die aufkommende Brandung rief er an:
»Soll sich, was du produzierst, auch lohnen, achte auf deine Kostenfunktionen, sei vor allem auf dem Posten, in Bezug auf die Grenzkosten, denn, wie sollt’ es anders sein, sind sie des Grenzertrages Widerschein.«
Irritiert wanderte Helgas Blick über das Wasser. Bis hierher hatte sie ihm folgen können, aber nun?
»Robert, was hat das alles mit uns zu tun?«
Innig sah er sie an.
»Krankenschwester, Assistent, Narkosearzt und auch Student, alle packen fleißig an, für den einen Vordermann, ohne sie ist er verloren, seine variablen Faktoren, doch im Zentrum steht, na klar, nur der Arzt, wie wunderbar, seine Kunst ist’s, die uns gut tut, sein Geschick bestimmt den Output, denn wie früher Bauersland, das wird heute oft verkannt, ist auf kurze Sicht genau, begrenzt das Medizin Know-how, drum ruf ich heißa, ohne Tricks: Als Faktor ist mein Wissen fix!«
Am Himmel hatte sich etwas zusammengebraut. Immer häufiger schoben sich dunkle Wolken vor die Sonne. Es war noch stürmischer geworden, und die Temperatur kühlte spürbar ab. Dumpf grollend konnte man das drohende Unwetter schon herannahen hören. Helga fror, und als sie jetzt kehrtmachten, um den Seeberg zu erklimmen, da kam der Wind von vorn.
»Lassen Sie mich Ihnen erklären, Helga!«, lieferte der junge Chefarzt sogleich die Interpretation seines Œuvres. »Produktionsprozesse im Krankenhaus lassen sich mit Hilfe des Ertragsgesetzes gut abbilden, gerade im OP. Meine ärztliche Kompetenz ist dabei, wie gehört, der limitierende Faktor, ähnlich wie dies früher in der Landwirtschaft der Boden war. Kurzfristig lässt sich unser Output also nur durch die effizientere Nutzung meiner Fähigkeiten steigern. Dies ist, wieder ganz analog zur Landwirtschaft, durch Arbeitsteilung und Spezialisierungseffekte möglich.«
Keuchend versuchte die junge Frau, mit dem leichtfüßig vorauseilenden Chefarzt Schritt zu halten. Doch für den staubigen, von dicken Wurzeln durchzogenen Waldboden trug sie einfach nicht das richtige Schuhwerk.
»Fassen wir Arbeit, Narkosemittel und Blutkonserven zu einem Faktorbündel Intensität der Behandlung zusammen, so erkennen wir: Irgendwann ist auch in der Medizin der Punkt erreicht, wo sich der Mehrertrag durch zusätzlichen Aufwand nicht mehr steigern lässt.«
Pechschwarz senkten sich die mächtigen Gewitterwolken nieder, bevor sie krachend platzten. In eiskalten Bächen stürzte das Wasser auf die beiden jungen Menschen herab und verwandelte den Weg vor Helga in eine schmutzige Mischung aus Geröll und Schlamm.
»Was bedeutet dies für unser Angebotsverhalten?«, brüllte Robert Sanden unverdrossen gegen das Unwetter an. »Ökonomisch rational ist es für jeden Anbieter, exakt so viel zu produzieren, dass der vom Markt vorgegebene Marktpreis gerade noch die Kosten der zuletzt erzeugten Einheit deckt. Grenzerlös gleich Grenzkosten, so lautet die Gewinnmaximierungsregel, Helga!«
Kraftvoll schob der junge Mann die biegsamen Zweige der ringsum erblühenden Sträucher zur Seite. Ein ums andere Mal peitschten sie Helga hinter ihm ins Gesicht.
»Unsere Angebotsfunktion entspricht daher der Grenzkostenfunktion, die Sie gesehen haben. Aber nicht im gesamten Bereich. Erst wenn der Marktpreis über den variablen Kosten liegt, erzielen wir einen positiven Deckungsbeitrag. Aber das ist noch kein Gewinn. Der steile Teil der Grenzkostenkurve rechts vom Minimum der totalen Durchschnittskosten, das ist der relevante Abschnitt!«
Hiermit gelangten sie oben beim Seeberg-Klinikum an. Umgeben von herrlichen alten Bäumen lag das kleine Krankenhaus friedlich in der Sonne. Das Gewitter hatte sich, so plötzlich wie es gekommen war, wieder verzogen. Leise strich der Wind über die dampfende Rasenfläche vor dem weißgetünchten Haus und kräuselte die Blätter der Blumen in den frischen Beeten.
Genüsslich atmete der junge Chefarzt ein. Die Hände in die Taschen gestemmt ging sein Auge über die grünen Hänge des Seebergs hinunter ins Tal auf die satten Wiesen und Weiden und das lieblich schillernde Gewässer davor. Freilich, er hatte ihr nicht alles sagen, nicht alles zeigen, nicht alles herleiten können, wonach es ihn drängte, nur ein kleiner Ausflug in die Unternehmenstheorie hatte es sein können, doch er war dennoch glücklich.
»Wissen Sie, Helga, viele Menschen machen denselben Fehler. Je höher die Preise, so nehmen sie an, desto mehr wolle ein Unternehmen eben verkaufen. Deshalb halten sie den Verlauf der Angebotsfunktion für vollkommen trivial. Dem ist aber nicht so. Es liegt eben an der Steigerung der Grenzkosten bei wachsender Produktionsmenge, warum ein Unternehmen kurzfristig nur zu höheren Preisen mehr anbieten kann. Nun werden Sie vermutlich verstehen, warum ich vorhin nicht anders handeln konnte.«
Auch Helgas Blick folgte dem anmutigen Schwung des Hügels. Klatschnass klebten die Kleider auf ihrer Haut. Ihre Wangen brannten. Ihre Füße schmerzten. Niemals hätte sie geglaubt, dass ihr Spaziergang einen solchen Verlauf nehmen würde.
»Herrlich ist’s wie ein Gedicht, ist der Erlös im Gleichgewicht, und dies ist exakt erreicht, wenn er den Grenzkosten gleicht, wer solches weiß, der hat sein Lot, schafft gewinnmaximales Angebot.«
Ein letzter, scheuer Händedruck, dann trennten sich ihre Wege. Allein, auf schmutzigen Sandalen humpelte Helga durch die blumengesäumte Eingangspforte der Klinik. Begrüßt von den zarten Pflanzen, die José erst am Morgen eingesetzt hatte.
Und siehe da: Es waren lauter Narzissen.
Thomas Hönscheid: Schwester Helga – Du maximierst mein Glück. Der Arztroman zur Mikroökonomie.
Eichborn 2009, 12,95 Euro



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