Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Ergebnisse des Frühjahrstreffens des Internationalen Währungsfonds in Washington. Portfolio glaubt, dass der Dreamliner Boeing aus der Krise fliegen kann. Les Echos bewertet die neue Liebe der deutschen Regierung für Staatsfonds aus dem Nahen Osten kritisch. Fundstück: Flaute im römischen Wirtschaftsalphabet.
Die Entscheidung des Internationalen Währungsfonds, eigene Anleihen an Mitgliedsländer herauszugeben und so die Mittel für die Kreditvergabe auf 500 Milliarden Dollar zu erhöhen, löst bei der Washington Post keinen uneingeschränkten Beifall aus: “Selbst mit diesem Deal ist nicht klar, ob der IWF genügend Mittel zur Verfügung hat, um der Wirtschaft die nötige Starthilfe zu geben.” Der IWF schätze, dass er ca. 187 Milliarden Dollar an rezessionsgebeutelte Nationen verteilen könne, diese “Darlehensorgie” bewahre den IWF vor der drohenden Bedeutungslosigkeit. “Doch die Schlüsselfrage ist letztlich, ob das in den USA und anderswo zusammengebrochene Bankensystem so schnell wiederhergestellt werden kann, dass Firmen und Verbrauchern bald auf ganz normale Darlehen zurückgreifen können – denn allein das hilft Wirtschaft, Nachfrage und Export.” Der IWF müsse Herr einer Krise werden, die sich massiv von der unterscheide, die zu seiner Gründung in den 1940ern geführt habe. Seine Überwachsungsbefugnisse seien begrenzt, hier spiele auch die künftige Verteilung der Stimmrechte eine Rolle. “Schon allein die Schlacht um die Verschiebung kleinster Stimmanteile zeigt, vor welchen Hürden der IWF noch steht, ehe er seine Macht in dem Maße ausbauen kann, die einen lenkenden Eingriff in die globale Wirtschaft ermöglicht.”
“Die Finanzfeuerwehr füllt ihr Löschwasser auf – aber manche packen nur widerwillig an”, übertitelt die WirtschaftsWoche einen Kommentar zum Frühjahrstreffen von IWF und Weltbank in Washington. “Jahrelang zweifelten gerade beim IWF viele der 185 Mitgliedstaaten an dessen Sinn. Dank der Weltfinanzkrise stellt plötzlich niemand mehr die Institutionen infrage.” Seit Monaten drängten vor allem die Industriestaaten auf eine exponierte Rolle des IWF, um den Zusammenbruch schwächelnder Staaten zu verhindern, weil deren Staatsbankrott die Finanzkrise weiter anheizen könnte. So hätten die G20-Länder beschlossen, die Finanzmittel des IWF aufzustocken: “Es gilt, das Löschwasser gegen die Finanzkrise aufzufüllen.” Doch die Frühjahrstagung zeige, dass zwischen Lippenbekenntnissen und Taten oft viele Milliarden Dollar liegen. Speziell die Chinesen zauderten, genauso wie die Brasilianer und die Russen. “Sie taktieren, fordern im Gegenzug mehr Mitsprache im IWF.” Doch das sei nur die halbe Wahrheit: Sie hätten den Währungsfonds nie wirklich gemocht, für sie habe er den “Odeur” eines imperialistischen Instruments aus den Zeiten des Kalten Krieges. “Und was sollen sich die Schwellenländer um die westliche Finanzkrise scheren? Man spürt den Widerwillen, kräftig mit anzupacken.”
“Mit dem Geld kommen die gefährlichen, politischen Aufgaben”, gibt das Wall Street Journal zur neuerlichen Finanzausstattung des IWF zu Bedenken. Der Fonds habe eine Kreditlinie eingeführt, die keine schmerzvollen, wirtschaftlichen Einschnitte verlange. Das habe dem IWF Beifall von einigen Schwellenländern eingebracht, dennoch werde der IWF politisch handeln müssen: “Nur Nationen, die vom IWF hoch eingestuft werden, können sich letztlich für einen Kredit qualifizieren.” Nein zu sagen, könne dem wirtschaftlichen Ansehen eines Landes schaden, Ja zu sagen könne dagegen die Glaubwürdigkeit des IWF untergraben. Auch die neue Rolle des IWF, Krisen frühzeitig zu erkennen und vor ihnen zu warnen, stelle diesen vor große Probleme: “Was ist mit Falschdiagnosen? Und wie sieht es mit den Warnungen aus, die einem Land nicht öffentlich, sondern im Rahmen von Privatkonsultationen angezeigt werden sollen?” Im Frühjahr 2008 habe der IWF den USA einen Plan zur Kapitalisierung der Banken vorgelegt, er sei kaum beachtet worden. Anfang dieses Jahres habe die EU einem Plan des IWF eine Absage erteilt, der vorsah, dass angeschlagene osteuropäische Staaten ihre Währung abwerten und den Euro einführen. “Beide Pläne drangen ungewollt an die Öffetnlichkeit.” Dennoch glaubten einige, dass beim IWF alte Strukturen aufgebrochen werden könnten. So hätten die USA den IWF gebeten, einen breiten Überblick über das US-Finanzsystem zu erstellen. Sollte dies ein Anzeichen für die neue Haltung sein, könnten die G20-Staaten mit der Neubewertung des IWF tatsächlich das globale Wirtschaftssystem verändert haben.
Dreamliner soll Boeing aus der Krise fliegen
Die fürs Frühjahr angekündigten Testflüge des Dreamliners nimmt das US-Magazin Portfolio zum Anlass, einen Blick hinter die Kulissen von Boeing zu werfen: “Der Dreamliner kommt zwei Jahre zu spät. Zum einen wurden 30 Prozent des Flugzeuges einem Re-Design unterzogen, ein bislang ungekanntes Ausmaß in einer so späten Entwicklungsphase, zum anderen gab es Kämpfe zwischen den Erbsenzählern bei Boeing und den Ingenieuren, die zu einer Low-Cost-Fertigungsstrategie führten, die einfach unrealistisch war.” Die Verzögerungen, so schätze man, könnten Boeing zehn Milliarden Dollar kosten – aufgrund von Buchungsstornierungen und Schadensersatzforderungen. Jetzt, wo der Dreamlinenr endlich komme, hoffe Boeing, mit ihm wieder in die Gewinnzone fliegen und das beschädigte Image reparieren zu können. “Tatsächlich könnte der Dreamliner Boeing aus der Finanzkrise herausfliegen, versagt er aber, wird Boeing ein General Motors der Lüfte, denn ein Zusammenbruch hätte immense Folgen für US-Wirtschaft und US-Arbeitsmarkt.” Der Dreamliner sei ein großes Projekt, gebaut, um die ins Alter gekommene 777 abzulösen: Er bestehe aus Plastik, das leichter sei und stärker als Aluminium, verbrauche 20 Prozent weniger Kraftstoff bei gleicher Höchstgeschwindigkeit und biete den Gästen mehr Komfort. Auch wenn Boeing Fehler gemacht habe, herrsche hier noch immer ein innovativer Geist. Und das Design der 777 und des Nachfolgers Dreamliner sei lobenswert. “Sollte die Wirtschaft nächstes Jahr, wenn der Dreamliner seinen ersten kommerziellen Flug absolviert, wieder an Höhe gewinnen, könnte das Flugzeug noch der Blockbuster werden, von dem Boeing geträumt hat.”
Deutschland winkt mit dem Zaunpfahl
“Berlin sieht die Staatsfonds plötzlich mit anderen Augen”, kommentiert Les Echos den Plan von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Anfang Mai die Golfregion zu besuchen und dort für Investitionen in die deutsche Wirtschaft zu werben. “Das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Staatsfonds im Nahen Osten”, meint das französische Wirtschaftsblatt. Offenbar hätten die Prognose, dass das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland 2009 um bis zu 6 Prozent sinken könne, die Probleme deutscher Unternehmen wie Schaeffler, Opel oder Arcandor und die anstehenden Wahlen in Berlin ein Umdenken ausgelöst. Noch vor einem Jahr sei das undenkbar gewesen: Ein chinesisches Gebot für die Dresdener Bank sei zugunsten der Commerzbank ignoriert worden, für die Hapag Llyod gab es eine deutsche Lösung ohne Beteiligung eines Interessenten aus Singapur und auch Schaeffler habe bei Continental eindeutig das Wohlwollen der deutschen Regierung genossen. “Und dann noch das Gesetz, nach dem ausländische Beteiligungen ab 25 Prozent als strategisch zu betrachten seien: Gegen diesen Imageschaden konnte sich der Wirtschaftsminister nur noch heiser brüllen.” Neun Monate später sei alles anders, das Beispiel vom Einstieg des Aabar-Fonds aus Abu Dhabi bei Daimler mache vor, was möglich sei. “Doch sollten diese Fonds bei künftigen Beteiligungen stärker mitreden und strategisch mitagieren wollen, ist es höchstwahrscheinlich, dass Deutschland dann sofort wieder zurückrudert.”
Friede zwischen Volkswagen und Porsche in Gefahr
Cinco Días sieht den Frieden zwischen Volkswagen und Porsche in Gefahr. Womöglich könne Volkswagen nach der Übernahme durch das dreimal kleinere Unternehmen Porsche nun zum Gegenzug ausholen. Nach einer erregenden Reise 2008 stehe Porsche mit neun Milliarden Euro Schulden da, ohne der “Schatzkiste” von Volkswagen wesentlich näher gekommen zu sein. Um Volkswagen ganz zu übernehmen, müsse Porsche laut Analysten dreizehn Milliarden Euro aufbringen – zu viel für dessen Bilanzen. Allerdings helfe auch die Regungslosigkeit dem krisengeschüttelten Cashflow von Porsche nicht. Durch die Übernahme von Porsche durch Volkswagen hingegen wüssten die Politiker beide Unternehmen in bekannten Händen und die Stuttgarter Edelmarke verlöre auf einen Schlag sämtliche Schulden.
Japan mangelt es an gut ausgebildeten Absolventen
Die Japan Times fürchtet um die Zukunft des Landes, denn es fehle mehr und mehr an gut ausgebildeten, jungen Menschen: Viele entschieden sich aufgrund der wirtschaftlichen Flaute gegen ein Studium. Vor allem Kinder von allein erziehenden Müttern tendierten dazu, direkt nach der Schule eine Arbeit aufzunehmen: “Da Frauen und speziell Mütter oft zuerst entlassen werden, wenn ein Unternehmen Arbeitsplätze abbaut, wird diese Zahl noch steigen.” Auch die Anzahl der Studenten, die aus “existenziellen Nöten” das Studium aufgeben, sei hoch. Bald werde höhere Bildung nur noch Studenten mit genügend Geld zugänglich sein, Talent, Ehrgeiz oder Fleiß würden keine Rolle mehr spielen, fürchtet das Blatt. Da jedoch der Anteil jüngerer Generationen an der Gesamtbevölkerung sinke, könne sich Japan nicht erlauben, auf gute Studenten zu verzichten: Sie erhöhten das Bildungsniveau und machten das Land wettbewerbsfähiger. Die Regierung solle deshalb alle bedürftigen Studenten unterstützen und mit Zuschüssen, Förderungen und Stipendien in die Zukunft Japans investieren.
Fundstück: Flaute im römischen Wirtschaftsalphabet
Für eine neue Symbolik in der Bezeichnung von wirtschaftlichen Prozessen und Entwicklungen plädiert die Financial Times : “Bislang waren Rezessionen stets U- oder V-förmig. Neuerdings meinen die Propheten der Finsternis, dass der Buchstabe W besser passt: Eine beginnende Verbesserung, dann ein plötzlicher Abschwung, am Schluss die endgültige Erholung. Schlimmer noch ist eine L-Rezession: Ein harter Absturz, und dann lange keine Besserung in Sicht.” Das römische Alphabet biete offenbar nur begrenzte Möglichkeiten zu Prägnanz: Hier könnten exotische Symbole auf der Tastatur aushelfen: Der umgekehrte Schrägstrich eigne sich zum Beispiel bestens für die Eurozone, weil hier die Erträge langsamer zurückgingen als zuvor. “Für Großbritannien wäre dagegen das Symbol der Quadratwurzel für die nähere Bezeichnung seiner Rezession passend, denn die Prognosen zum Wachstum des Haushaltes haben eindeutig die Form einer Quadratwurzel.” Doch vielleicht zeige die aktuelle globale Rezession einfach auch, dass die westlichen Symbole längst überholt sind. “Gut wäre das chinesische Schriftzeichen für Krise, denn das kombiniert die beiden Schriftzeichen für Gefahr und für Möglichkeit.”
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