GM-Konzept: Klassischer Fehlstart

Die internationale Wirtschaftspresse übt umfangreiche Kritik am GM-Sanierungsplan. Der Economist bescheinigt Deutschland einen nicht funktionierenden Energiemarkt. Der Business Spectator beschuldigt Timothy Geithner der Plattitüden. Fundstück: Überlebenstraining für Weißhemdenträger.

„Das Gaspedal durchzutreten und gleichzeitig auf die Bremsen zu gehen, macht zwar eine Menge Lärm, bringt den Fahrer aber nirgendwohin“, beschreibt das Wall Street Journal die Wirkung des jetzt von General Motors vorgelegten Sanierungskonzepts. GM habe einiges bewegt in jüngster Zeit, doch nun mache es sich abhängig von Anleihegläubigern, die ihre Papiere gegen Geld eintauschen sollen, gegen Aktien eines neues GM. „Unter dem aktuellen Plan könnte die Nettoverschuldung des Konzerns nach Einschätzung von Barclays Capital bis 2013 auf 48 Milliarden Dollar wachsen. Geht man optimistisch davon aus, dass GM in diesem Jahr ein EBITDA von 15 Milliarden Euro schafft und setzt dann das Fünffache als Wert des Unternehmens an (75 Milliarden Dollar), käme man beim Stammkapital auf 27 Milliarden Dollar. Auf dieser Basis erhielten die Anleihegläubiger mit den neuen GM-Aktien zehn Cent pro Dollar ihrer Forderungen.“ Doch die Unsicherheit sei groß: „Geht man beispielsweise von einem EBITDA von nur zwölf Milliarden Euro aus und dem vierfachen Unternehmenswert, wären die Aktien schon wertlos.“ Die Anleihegläubiger befänden sich dann in der Rolle von Minderheitsaktionären, in einem „seltsamen Biest, das von Washington und Gewerkschaftsmitgliedern kontrolliert wird“. Dieser Plan wirke einfach wie ein klassischer Fehlstart. „Doch wenn er scheitert, kann die US-Regierung wenigstens sagen, dass GM es versucht hat.“ Das Angebot von GM an seine Schuldner finden sie hier.

Auch wenn der Sanierungsplan von GM der nahe liegende und Erfolg versprechende sei – der Konzern habe noch eine Menge Schlaglöcher, Haarnadelkurven und Geröll auf seinem Weg zu passieren, gibt das Barron’s Magazine zu Bedenken. „Immerhin müssen die Anleihegläubiger mit ihren zusammen 28 Milliarden Dollar überzeugt werden, diese in Aktien umzuwandeln. Wenn dieser Deal klappt, würden die US-Regierung und die Gewerkschaft United Auto Workers zusammen rund 89 Prozent des allgemeinen Stammkapitals halten.“ Doch es genügten schon zehn Prozent unwilliger Gläubiger, um die Transaktion platzen zu lassen: „So gibt es Gläubiger, die credit-default swaps – Kreditderivate zum Handeln von Ausfallrisiken – halten, eine Investition, die im Falle einer Insolvenz einen viel höheren Wert hat.“ Auch könne es Gläubiger geben, die sich gegenüber der Regierung und der Gewerkschaft benachteiligt fühlen. „Und schließlich stellt sich auch die Frage, wie viel GM dann noch wert ist – ein Konzern, der den Nimbus des größten Automobilherstellers aufgibt und künftig weniger als zehn Millionen Autos pro Jahr produziert: Nur die Gläubiger werden diese Frage beantworten können.“

„Jede Regierung bekommt den Rettungsplan, den sie verdient“, kommentiert die Financial Times Deutschland das Sanierungskonzept. Aus seiner Sicht handele der taumelnde Autogigant nur konsequent: Den Gläubigern anzubieten, ihre Anleihen in GM-Aktien umzuwandeln, sei im Grunde der richtige Weg, denn nur wenn Anleihegläubiger und Gewerkschaften weiter gehende Zugeständnisse machten, habe der Detroiter Konzern eine Chance. Doch im Zuge dessen würde GM gleich mehrheitlich in den Besitz seines größten Kreditgebers übergehen: dem US-Staat. „Der Schuldenumtausch würde damit automatisch zu einer Überlebensgarantie für GM – und zum Horrorszenario für den amerikanischen Steuerzahler und die Regierung.“ Denn von einer Regierung, der die Mehrheit des größten Autoherstellers des Landes gehöre, sei kaum zu erwarten, dass sie faire Rahmenbedingungen für die Branche setze, das seien düstere Aussichten für Wettbewerber wie Ford oder ausländische Hersteller. Die Gewerkschaften zu nötigen Einschnitten wie Werksschließungen zu bewegen, sei außerdem für keinen Eigentümer schwieriger als für den Staat. Anderen Not leidenden Großbetrieben könne die Regierung schließlich kaum noch erklären, warum sie sich nicht für Staatshilfen qualifizieren. GM-Chef Fritz Henderson habe sich bei der Vorstellung seiner Pläne als Realist bezeichnet. „Er stellt sich offenbar auch schon auf ein Insolvenzverfahren ein. Obama sollte ihn diesen Weg gehen lassen.“

Kein Wettbewerb auf Deutschlands Energiemarkt

Einen schlichtweg nicht funktionierenden Energiemarkt bescheinigt der Economist Deutschland. „Der Markt ist zusammengebrochen, und die unvollkommene Liberalisierung des letzten Jahrzehnts hat nur dazu geführt, dass sich die Probleme verfestigt haben.“ Ein Anzeichen dafür seien die hohen Energiepreise. Zudem mangele es an Wettbewerb: „Die vier größten Energiekonzerne erzeugen 80 Prozent des benötigten Stroms, die zwei größten, E.ON und RWE, kommen zusammen auf 60 Prozent.“ Vor der Liberalisierung habe es acht Konzerne gegeben, durch Fusionen und Übernahmen seien es nun weniger. Ein weiteres Problem sei, dass den Konzernen die Netze gehörten und so der Zugang für unabhängige Stromerzeuger erschwert werde. „Doch Verbesserungen sind in Sicht: Die Kartellbehörde scheint zumindest aufgewacht zu sein und zu realisieren, dass auf dem deutschen Energiemarkt kein Wettbewerb herrscht. Und die EU hat es teilweise geschafft, dass Erzeuger sich von Netzen trennen.“ Auf lange Sicht werde auch das Ziel Deutschlands, den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 Prozent bis 2020 zu erhöhen, zu Verbesserungen in der Energieversorgung führen. Wenn die Kartellbehörde jetzt vernünftig agiere, könne sich Wettbewerb etablieren. „Doch gerade wegen der hohen Kosten bei den regenerativen Energien dürften die Strompreise in Deutschland noch steigen.“

Spanische Hotelkette trotzt der Krise

Die spanische Hotelkette Paradores verordnet sich einen weiteren Stern, titelt die Wirtschaftszeitung Cinco Días. In Zeiten der Krise dürfe man weder dem Optimismus noch dem Pessimismus verfallen, man müsse sich einfach weiter bewegen, zitiert das Blatt Miguel Martínez, den Präsidenten von Paradores. Und gemäß dieser Erkenntnis verfolge die Hotelkette unbeirrt ihre Investitionspläne, ohne sich der allgemeinen Unsicherheit zu beugen. 169 Millionen Euro wolle Paradores in den nächsten vier Jahren in neunzehn Hotels stecken, um deren bisherigen drei Sternen bald einen weiteren hinzufügen zu können. Auch bei den Übernachtungszahlen spüre die von öffentlicher Hand getragene Aktiengesellschaft nur mäßige Auswirkungen der Krise.

Indien korrigiert Regelung zu indirekten ausländischen Investitionen

Der Business Standard aus Indien freut sich, dass die Regierung „endlich aufgewacht sei“ und ihre Entscheidung überdenke, indirekte ausländische Vermögensanlagen in Bereichen zu erlauben, wo dies bislang nicht gestattet gewesen sei, wie z. B. im Einzelhandel. Diese Entscheidung sei vom Ministerium für Industrie im Februar durchgeboxt worden, als der Premier nicht im Amt war. Nun stellten Finanzministerium und Indische Zentralbank den Sinn des Ganzen in Frage. Die Idee, indirekte ausländische Investitionen zu erlauben, schaffe Grauzonen für die Festlegung von Verfügungsrechten und lade Unternehmen regelrecht ein, nicht transparente Beteiligungsstrukturen zu bilden – ein paar Firmen hätten bereits damit begonnen, die Vorteile dieser Politik zu nutzen. Warum die Regierung dieses Beschluss gefasst habe, sei nicht nachvollziehbar, schließlich seien die Aussichten mehr als optimistisch: Etwa 30 Milliarden US-Dollar an „frischem Geld“, so glaubten die Politiker, würden ins Land kommen. Doch solche indirekten Investitionsmöglichkeiten würden ausländische Investoren eher abschrecken, vermutet das Blatt.

Das wirkliche Problem der USA heißt China

Vor verfrühten Hoffnungen auf eine Erholung der US-Wirtschaft Ende des Jahres warnt der Business Spectator aus Australien. Allein die Arbeitslosenzahlen müssten vorsichtig stimmen, denn im April könnten, so Vorhersagen, nochmals 630.000 Jobs verloren gehen, allein durch General Motors und Chrysler. „US-Finanzminister Timothy Geithner betet nur Plattitüden herunter: Er redet von internationaler Kooperation, einer ausbalancierten Weltwirtschaft und dass die Bush-Administration zu sehr auf Schulden aufbaute. Doch er erklärt nie, warum die USA ein riesiges Haushaltsdefizit oder massive Verbraucherkredite benötigt, damit das Land am Leben bleibt.“ Der Schlüssel zur Lösung des Problems sei China: Das Land beschwere sich, dass Washington zuviel Kredite gewähre. Doch China kaufe Dollar, um den Yuan unterbewertet zu halten, den Export zu fördern und Arbeitsplätze in Shanghai zu sichern. Und was mache Barack Obama: „Er besänftigt Peking und bietet ihm Mitverantwortung für die Weltwirtschaft an!“ Um die USA aus dieser Rezession zu holen, müsse Obama China hinsichtlich seiner Handels- und Währungsmanipulationen zur Rede stellen: „Peking hat nur soviel Einfluss, wie ihm die USA zugesteht. Den Handel mit China zu normalisieren, würde die Nachfrage in den USA ankurbeln und Wachstum und Beschäftigung in einem Maße fördern, wie es kein Stimuluspaket je könnte.“

Fundstück: Überlebenstraining für Weißhemdenträger

Wie überlebt man als Banker oder Manager im Gefängnis? Der Economist hat Larry Levine, Gründer der Wall Street Prison Consultants, zu Überlebenstipps befragt: „Übertreten Sie keine Rassengrenzen, halten Sie sich an die Gefängnisetikette, setzen Sie sich nicht ungefragt auf die Koje Ihres Mitgefangenen und greifen Sie nicht im Essenssaal über das Tablett eines anderen: Das ist ein guter Grund, um mit dem Messer attackiert zu werden“, lauten einige der Ratschläge. Ab 999 Dollar kostet eine Beratung für verängstigte Weißhemdenträger, immerhin könne Levine auf reichlich Erfahrung verweisen: „Er hat selbst elf Jahre in Gefängnissen verbracht, wegen Drogen, Behinderung der Justiz und Betrug. Zurzeit ist er noch auf Bewährung, deshalb berät er nur telefonisch.“ Nach den Überlebenschancen von Bernard Madoff befragt, mache Levine wenig Hoffnung: Es sei fraglich, dass dieser das Gefängnis lebend verlasse: „Wenn man eine Bank betrügt, oder eine Versicherungsgesellschaft, dann ist man cool. Aber ein Dieb, der Menschen bestiehlt, das ist das Schlimmste was es gibt im Gefängnis. Und Madoff hat Menschen bestohlen.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer.

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird.

2 Kommentare zu “GM-Konzept: Klassischer Fehlstart”


  1. 1 Hanna

    Der Vergleich mit dem durchgetretenen Gaspedal bei gleichzeitig gedrückter Bremse ist wohl wirklich eine der passendsten beschreibungen für die derzeitigen Pläne, so man sie denn so nennen will. Mir scheint wirklich, dass General Motors nicht in der Lage ist, einen wirklichen Plan vorzulegen, sondern auch weiterhin sich selbst am meisten im Wege stehen wird. Schade nur, dass das dann auch immer direkt solche schlimmen Auswirkungen auf die Tochterfirmen hat, wie man ja an Opel hervorragend beobachten kann.

  2. 2 Chiara

    Einen vernünftigen Plan hat es wahrscheinlich wirklich nie gegeben, den ansonsten wäre es ja nicht soweit gekommen, dass General Motors sogar den Verkauf von Opel an Magna absagt, um jetzt doch alles auf eigenem Wege zu klären. Verwunderlich ist auch, dass es seit her um das ganze so still geworden ist. Was mag wohl der Grund dafür sein.

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