Für die internationale Wirtschaftspresse sind die Demonstrationen zum 1. Mai ein Stress-Test für die europäischen Regierungen und Gewerkschaften. Die FTD berichtet über einen Eklat bei der Deutschen Bank. Les Echos wundert sich über den Wachwechsel bei der Société Générale. Vedomosti sorgt sich um die russische Wirtschaft. Fundstück: coole Deutsche, schwarze Wolken.
Das Wall Street Journal rechnet damit, dass die morgigen Demonstrationen zum 1. Mai in Deutschland unter dem Einfluss der Wirtschaftskrise einen „traurigen neuen Rekord“ aufstellen könnten. Die Motti der Demonstranten wie „Kapitalismus ist Krise und Krieg“ seien nicht nur rhetorische Figuren – seit Januar seien in Berlin schon über 70 Autos angezündet worden. „Die Angst, dass die zunehmende Arbeitslosigkeit soziale Unruhen entzünden könnte, beschränkt sich nicht auf Deutschland. Ganz Europa könnte ein Sommer des Zorns erwarten“, prognostiziert das Blatt – in Island, Litauen und Ungarn hätten die Demos sogar zum Sturz der Regierungen beigetragen. Um den Ärger zu dämpfen, müsse eine ehrliche Debatte über die Ursachen der Krise geführt werden, schlägt das WSJ vor. Der „populäre Mythos vom Scheitern der freien Märkte“ lasse sich einfacher erzählen als die komplexe Wahrheit: das Scheitern, freie Märkte richtig operieren zu lassen. Als Belege für die fehlende „Weisheit staatlich gelenkter Geschäfte“ verweist das Blatt auf die Rolle der Federal Reserve, die zur globalen Kredit-Manie beigetragen habe, und auf die deutschen Landesbanken, die fast die Hälfte aller toxischen und illiquiden Assets in Deutschland angehäuft hätten.
Les Echos kommentiert die Rolle der französischen Gewerkschaften in dem aufgeheizten sozialen Klima. Bis auf wenige Ausnahmen hüteten sich die Arbeitnehmervertreter, zur Eskalation beizutragen. Die großen Demonstrationen vom 29. Januar, 19. März und eben 1. Mai böten den Gewerkschaften zwar ein großes Podium und kanalisierten die Unzufriedenheit der Bürger. Gleichwohl wüssten die Verbände, dass die Märsche nicht viel ändern könnten – weil die Krise global sei und die Hauptprobleme (Werksschließungen, Restrukturierungen) im Lokalen lägen. „Im Moment spielt jeder noch seine Rolle, indem er es vermeidet, den Gegner anzurempeln“, schreibt Les Echos. In den kommenden Wochen müsse sich jedoch jeder Akteur seiner Verantwortung bewusst sein: die Gewerkschaften bei der Entscheidung, was dem 1. Mai folgen solle; die Firmenchefs, wenn sie weitere Steine des Anstoßes aus dem Weg räumten; schließlich die Politiker, die ihre eigenen Interessen nicht mit denen ihres Landes verwechseln dürften.
Für die Moscow News sind die morgigen Demonstrationen ein guter Indikator dafür, wie sehr die russische Bevölkerung tatsächlich von der Wirtschaftskrise betroffen sei. „Obwohl dies nur ein unvollständiger Stress-Test sein wird – traditionell ist der Feiertag ein Anlass, die Sowjet-Nostalgie vorzuführen –, könnte eine unerwartet große Anzahl und Bandbreite an Protesten dem Kreml viel zu denken geben.“ Viele Arbeiter im Land hätten sich bisher zurückgehalten, um abzuwarten, ob sich die Job- und Lohnbedingungen verbesserten. Sollte es jetzt aber zu großen Protesten kommen, sei die entscheidende Frage, wie die Regierung reagiere. Fazit: „Es wird mehr nötig sein als die erbaulichen Paraden zum Tag des Sieges (über Hitler-Deutschland am 8. Mai, d. Red.) in der kommenden Woche, um die Stimmung in der Wirtschaft zu verbessern.“
Hedge-Fonds: EU überschießt nicht
Nach einem Gesetzgebungsvorschlag der EU-Kommission sollen Manager von Hedge-Fonds und anderen alternativen Anlageformen künftig reguliert werden. Die Neue Zürcher Zeitung begrüßt die Tatsache, dass die EU den Fokus auf die Manager und nicht auf die Produkte selbst lege. Vorerst scheine die EU, die nun bei der Regulierung der alternativen Anlagen weltweit vorpresche, nicht zu „überschießen“. „Mehr Transparenz zu den Positionen von Hedge-Fonds in einzelnen Märkten sowie ihrem Einsatz von Fremdkapital und Derivaten zur Erzielung einer höheren Performance ist sicher sinnvoll.“ So könnten Klumpen-, System- und Liquiditätsrisiken besser erfasst werden – 1998 habe mit LTCM immerhin ein einzelner kollabierender Hedge-Fonds das Finanzsystem ins Wanken gebracht.
Deutsche Bank: Eklat wegen Ackermann-Nachfolge
Die Financial Times Deutschland berichtet über einen „Eklat“ bei der Deutschen Bank: Das Institut habe sich erst nach internem Ringen für eine Vertragsverlängerung von Chef Josef Ackermann entschieden. Der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Börsig habe ihn beerben wollen, sei aber am Widerstand des Kontrollgremiums gescheitert. Einige Kontrolleure hätten aus Corporate-Governance-Gründen abgelehnt: Ein Wechsel von Börsig, der von 2001 bis Mai 2006 Finanzvorstand gewesen und dann Rolf Breuer als Aufsichtsratsvorsitzender gefolgt sei, zurück an die operative Spitze käme einem Zickzackkurs gleich, der der Deutschen Bank schade, so die Bedenkenträger. Nach der Blamage gelte der ehemalige Bosch-Manager, der bis 2013 als Oberaufseher der Deutschen Bank gewählt worden sei, als schwer angeschlagen.
CincoDías hat den Glauben an die Deutsche Bank verloren. Wenn diese doch nur ihre eigene Geschichte so gut verkaufen könne wie ihre Schuldpapiere, kommentiert das Blatt. Durch die im ersten Quartal 2009 erwirtschaftete Kapitalrendite von 22 Prozent habe sich die Bank in die Tage des Booms zurückbeschworen. Allerdings reichten die Zahlen alleine nicht aus, um den Aktienkurs auf Dauer zu beflügeln. Skeptiker habe die Bank nicht davon überzeugen können, dass weitere Gewinne zu erwarten seien. Zwar habe Josef Ackermann der „Umarmung des Staates“ ausweichen und sein Institut angesichts der Krise stabil positionieren können. Schwieriger werde es allerdings sein, die Aktionäre davon zu überzeugen, dass der große Schaden nicht lediglich hinausgezögert wurde.
Siemens fürchtet 2010
Die Börsen-Zeitung bremst die Euphorie der Anleger nach den vorgelegten Quartalszahlen von Siemens. Vermutlich trauten diese dem Münchner Konzern zu, die Wirtschaftskrise besser zu überstehen als Konkurrenten wie General Electric. Und tatsächlich liege ein Vorteil des Dax-Konzerns darin, dass er vorzeitig mit Einsparungen begonnen habe, als die Rezession in ihrem verheerenden Ausmaß noch gar nicht abzusehen war. Allerdings seien die von Vorstandschef Peter Löscher eingeleiteten Aufräumarbeiten keine Reaktion auf den Konjunkturabschwung, sondern eine Antwort auf strukturell bedingte Ineffizienzen gewesen. Mit Blick in die Zukunft verweist das Blatt auf die operativen Risiken, wegen derer sich Löscher auf keine neue exakte Zielmarke festgelegt habe. „Der Siemens-Chef ist in der bitteren Realität angekommen. Analysten hatten ihm ohnehin nicht mehr geglaubt, dass er sein ursprüngliches Gewinnziel erreicht.“ Die sich verschlechternde Auftragslage deute darauf, dass es 2010 für Siemens knüppeldick komme.
Société Générale-Chef tritt als Sündenbock ab
Les Echos aus Frankreich wundert sich über den Abschied von Daniel Bouton von der der Spitze der Société Générale. Die Personalie scheine zwar auf den ersten Blick durch die Finanzkrise bedingt gewesen zu sein. Doch in Wirklichkeit habe Bouton während seiner elfjährigen Amtszeit das Institut in die erste Klasse der Banken geführt, wo es seinen Platz trotz Krise verteidige. Bouton müsse paradoxerweise gehen, weil er seine Aufgaben übererfüllt habe. Nicht zuletzt durch sein Krisenmanagement in der Kerviel-Affäre sei Bouton zum Symbol der „arroganten Finanzwelt“ geworden – für dieses Image müsse er jetzt bezahlen. Als „Blitzableiter“ habe er die Vorurteile der Öffentlichkeit gegenüber der Finanzwelt kristallisiert.
Russische Wirtschaft nur vorübergehend stabil
Vedomosti ist „äußerst besorgt“ über die schlechten Quartalszahlen der russischen Wirtschaft. Das BIP sei in den ersten drei Monaten um 9,5 Prozent geschrumpft. Damit liege Russland auf dem letzten Platz der G20-Staaten. Dies zeige, dass das bisherige Wirtschaftsmodell äußerst instabil sei. „Außerdem hat das Antikrisenpaket der Regierung wohl keinerlei Wirkung gezeigt“, schreibt die Zeitung. Zwar habe sich die Situation etwas verbessert – der Rubelkurs sei wieder stabil und die Arbeitslosigkeit steige nicht mehr –, allerdings sei die Stabilität nur vorübergehend. „Die Stunde der Wahrheit“ komme mit dem Haushalt für das nächste Jahr. Die Staatsausgaben könnten dann erstmals seit Jahren sinken. Andernfalls riskiere die russische Regierung, die Situation weiter zu destabilisieren. „Die Wahl besteht eigentlich zwischen einer schlechten und einer sehr schlechten Alternative“, kommentiert die Zeitung
Fundstück: coole Deutsche, schwarze Wolken
Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner kommentiert die Gelassenheit der Deutschen angesichts von Schweinepest und Mega-Abschwung: „Als wäre nichts geschehen, erleben wir den wunderbarsten Frühling. Die Mädchen liegen halb nackt in den Parks, Familien grillen. Niemand guckt hoch und sieht die schwarze Wolke.“ Hätte er den „coolen Deutschen“ vorgehalten „Seht Ihr die schwarze Wolke nicht“, dann „hätte man mich wegen Ruhestörung festgenommen“.
Mitarbeit: Maxim Kireev.
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