US-Banken: Unnötiger Stress mit Stresstests

Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert angesichts des möglichen Kapitalbedarfs von 150 Milliarden Dollar bei der Citigroup Sinn und Zweck der US-amerikanischen Stresstests. Die New York Times kritisiert das Schweizer Angebot eines bilateralen Steuerabkommens mit den USA. Die NZZ sieht viele Fragezeichen hinter einer Fusion von VW und Porsche. Fundstück: Eine Ära ohne Neid und Gier.

Fortune geht mit den Kritikern der Stresstests hart ins Gericht: “Fundierte Diskussionen sind sicher richtig, doch das Tauziehen hinter den Kulissen zwischen US-Regierung und Banken kratzt an der ohnehin dünnen Glaubwürdigkeit der ganzen Übung.” Stresstests habe es schon immer gegeben. Die aktuelle Krise zeige, dass sie unzureichend waren oder in einigen Fällen schlicht ignoriert wurden. Nun hätten die Behörden eine große Anzahl von Banken auf ihre Stresstest-Liste gesetzt, und sicher stehe viel auf dem Spiel, würden die Ergebnisse doch darüber entscheiden, ob eine Bank mehr Privatkapital einwerben müsse oder Staatshilfen erhalte. “Doch selbst die ungünstigsten Szenarien, die bei den Tests vorausgesetzt werden, beruhen letztlich auf Einschätzungen der Banken. Zudem geben Banker selbst zu, dass sie der Regierung nur wenige Informationen geben können, die sie nicht schon habe.” Die Risikomanager würden die Stresstests als Trick der Regierung sehen, mit der sie die Finanzinstitute zwinge, sich anzupassen. “Doch die Behörden müssen keine Rechtfertigungen erfinden für angemessene Regulierungen.” Wenn diese sich nun über die Ergebnisse der Stresstests streiten, zeige das nur, dass sie sich selbst nicht zutrauten, die Finanzinstitute zu durchschauen: “Das gibt den Banken zu viel Macht.”

Für Gelassenheit plädiert das Wall Street Journal: “Investoren fühlen sich aufgrund von Meldungen, dass einige Banken gegen die Ergebnisse der Stresstest protestiert haben, beunruhigt. Ihre Sorge ist verständlich, testet die Regierung doch ihren Kreditbestand, um einschätzen zu können, ob die Banken ausreichend Kapital für zwei Verlustjahre haben.” Die Tests seien dementsprechend hart, doch selbst wenn der Kapitalbedarf hoch ausfalle – US-Finanzminister Timothy Geithner habe recht milde Bedingungen formuliert, unter denen die Bilanzen aufgestockt werden können. “Die US-Regierung hat zum einen schon die Preise festgelegt, zu denen sie Stammaktien kaufen würde. Zum anderen ist es unwahrscheinlich, dass die US-Regierung eine Stimmenmehrheit an einer großen Bank erwirbt.” Immerhin hätten die betroffenen Banken Möglichkeiten, den Stammaktienanteil der US-Regierung zu begrenzen, zum Beispiel indem sie Vorzugsaktien in Stammaktien umwandeln oder durch Zwangswandelanleihen ersetzen. “Welche negative Überraschung halten die Stresstests also bereit? Nur die, dass eine Bank weit mehr Stammkapital einwerben muss, als der Markt selbst erwartet.” Die kommende Woche werde tatsächlich eine Testphase für einige Banken, aber sicher nicht für alle.

Nach Auffassung der Financial Times werden die Ergebnisse der Stresstests maßgeblich über Erfolg oder Misserfolg der ersten 100 Tage von US-Präsident Barack Obama entscheiden. Nach der Bekanntgabe der Tests im Februar hätten die Aktienmärkte eine erfreulich positive Entwicklung genommen, doch für US-Finanzminister Timothy Geithner würden die Testergebnisse zum Balanceakt. “Ihm stehen nur noch 110 Milliarden Dollar zur Verfügung, um angeschlagenen Banken zu helfen. Der US-Kongress hat deutlich gemacht, dass er in nächster Zukunft kein weiteres Geld mehr genehmigt.” Insider gingen deshalb davon aus, dass die Behörden bei den Tests sicher stellen, dass nicht mehr Kapitalbedarf festgestellt wird, als der US-Regierung noch zur Verfügung steht. “Letztlich sind die Urteile darüber, ob eine Bank einen weiteren Abschwung aushält oder nicht, nur so gut wie die Annahmen dahinter, und die bestehen aus Prognosen etwa zum Wachstum oder zur Arbeitslosigkeit.” Auch hätten einige der betroffenen 19 Banken gute Ergebnisse für das erste Quartal 2009 erzielt. Analysten gingen davon aus, dass die Ergebnisse von “wenig Kapitalbedarf und viel Nachsicht” geprägt sein werden. “Wenn alles gut geht, wird Geithner gefeiert. Wenn es schlecht läuft, wird Obama erneut mit Forderungen nach der zeitlich begrenzten Verstaatlichung von Banken konfrontiert werden.”

Obama sollte der Schweiz einen Korb geben

Nicht akzeptabel ist das Angebot der Schweizer Regierung, für ein neues bilaterales Steuerabkommen zwischen dem Land und den USA den Prozess gegen die UBS zu beenden, aus Sicht der New York Times . “Es ist ein verführerisches Angebot, würde ein solches Abkommen doch der USA-Steuerbehörde IRS den Zugang zu allen Informationen gewähren, die sie braucht, um künftig Steuern von US-Bürgern, die ihr Geld auf geheimen Schweizer Konten bunkern, verlangen zu können. Trotzdem: Es wäre ein schlechter Deal.” Tausende von Amerikanern, die Milliarden von Steuern hinterzogen haben, hätten dann nichts mehr zu befürchten. Sie aber schuldeten dem US-Finanzministerium Geld, das es dringend benötige. Die Schweizer Regierung meine, dass die von den USA an die UBS gerichtete Forderung, Namen von 52.000 Kunden herauszugeben, einer nicht legal gedeckten Ermittlung gleichkäme. “Doch die UBS ist des Angebots zu gesetzwidrigen Geschäften in den USA überführt, sie hat vor Gericht zugegeben, dass ihre Banker Möglichkeiten aufgezeigt haben, um Geld vor den US-Steuerbehörden zu verstecken.” Schätzungsweise 15 Milliarden Dollar sollen jene US-Bürger in der Schweiz bis 2005 angelegt haben, die UBS habe damit 120 Millionen Dollar pro Jahr verdient. “Die USA sollten also nicht illegale Steuerhinterziehung dulden, nur um für die Zukunft Steuerhinterziehung unmöglich zu machen: Die Regierung Obama sollte höflich Nein sagen zu dem Angebot.”

Porsche/VW-Fusion mit vielen Fragezeichen

“Mutige Familienfirmen wirken angesichts der Finanzmarktkrise plötzlich übermütig. Das gilt für die Familie Schaeffler, die beim Automobilzulieferer Continental eingestiegen ist, aber auch für die Porsche Automobil Holding, die über einen längeren Zeitraum 50,8% an Volkswagen (VW) erworben hat”, kommentiert die NZZ die aktuelle Entwicklung bei Porsche/VW. Die Nettoverschuldung der Porsche Automobil Holding solle bei neun Milliarden Euro liegen, in Anbetracht der schwierigen Lage in der Automobilindustrie – und vieler Banken – eine grosse Hypothek. Der von Ferdinand Piëch vorgeschlagene Verkauf der Porsche AG an den VW-Konzern würde die Schuldenprobleme des Sportwagenherstellers lösen, und Piëch käme mit der Übernahme seinem Ziel näher, aus VW den führenden Automobilkonzern aufzubauen, der das ganze Spektrum an Fahrzeugen abdecke. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und seine Verbündeten unter den Eigentümern favorisierten dagegen eine Fusion, unter Wiedekings Leitung. Doch die Probleme von Porsche könnten sich mehren: Das Unternehmen halte zahlreiche Optionen bei Banken auf den Erwerb weiterer VW-Aktien, die bald auslaufen werden. Diese könnten dann die Aktien verkaufen, was den Kurs der VW-Aktien unter Druck setzen und Porsche zu hohen Abschreibungen zwingen würde. Aber auch aus anderen Gründen stünden hinter der Fusion noch viele Fragezeichen: Wie solle eine Fusion zweier Firmen aussehen, bei der die eine fünfzehn Mal größer ist als die andere? Zudem sei nicht bekannt, wie der Grossaktionär Niedersachsen zu dem Plan stehe.

Severstal vor dem Ende seines Amerika-Abenteuers?

Vedomosti spekuliert über das Ende des Amerika-Abenteuers von Severstal. Als erster russischer Stahlkonzern habe Severstal in den nordamerikanischen Markt investiert, und könnte nun auch als erster seine Anteile an amerikanischen Firmen wieder verkaufen. Insgesamt habe das Unternehmen von Alexej Mordaschow 3,7 Milliarden Dollar in Amerika investiert. Aber: “Geld ist im Moment wichtiger als Unternehmensanteile”, zitiert das Blatt eine Person aus dem Umfeld Mordaschows. Denn das Unternehmen habe sich auf die Stahlerzeugung für Autohersteller spezialisiert, die am meisten unter der Wirtschaftskrise litten. “So wird es ziemlich schwer sein, die amerikanischen Unternehmen ohne Verluste zu verkaufen” meint die Zeitung. Grund für den geplanten Verkauf könnten die anstehenden Kredittilgungen in Höhe von fast zwei Milliarden Dollar sein.

Rutscht Daewoo mit GM in den Abgrund?

Südkoreas drittgrößter Autobauer Daewoo sei nun auch der globalen Rezession zum Opfer gefallen, schreibt die Korea Times. Allerdings stehe das Unternehmen noch nicht vor dem Aus, noch gebe es Überlebenschancen. Voraussetzung sei, dass Daewoos größter Anteileigner und Hauptkreditgeber General Motors auf verschiedene Angebote von koreanischer Seite eingehe. Doch damit, fürchtet das Blatt, sei nicht uneingeschränkt zu rechnen. Ein richtiger Schritt wäre, wenn GM der Aufforderung der koreanischen Förderbank (KDB) nachkäme und mehr Geld in seinen koreanischen Unternehmensteil investiere, oder einige seiner Firmenanteile verkaufe – im Tausch gegen weitere Rettungsdarlehen. GM habe jedoch angedeutet, Daewoo ohnehin aufgeben zu wollen. “Doch der angeschlagene Auto-Riese dürfte kaum ohne seine asiatische Basisstation für die Kleinwagenproduktion auskommen.” Ende Mai wolle GM seine Entscheidung treffen. Vielleicht unterbreite aber auch die KDB noch ein anderes Rettungsangebot. Immerhin gehe es um 140.000 Jobs bei Daewoo und seinen Zulieferern – und um die Folgen für die regionale Industrie.

Fundstück: Eine Ära ohne Neid und Gier

Eine Ära ohne Neid und Gier ruft das US-Magazin Portfolio angesichts des aktuellen Abschwungs aus. Während in der dotcom-Krise noch viele Amerikaner Insolvenzen und Firmenzusammenbrüche gut fanden – hatten doch junge Schnösel vom College mit Internet-Startups unverschämt viel Geld in kurzer Zeit gemacht – sei Schadenfreude nun kaum an der Tagesordnung: “Noch immer gönnen die US-Bürger den Reichen ihr Vermögen, sofern sie es verdient haben. Das ist das Schlüsselwort: verdient. Denn angesichts der überschäumenden Märkte haben ja nicht andere mehr Geld verdient als man selbst, man war einfach nur der einzige im Ort, der nicht in der Lotterie gewonnen hatte.” Aktien wie Freundschaft, Liebe und Kinder würden an Wert gewinnen, auf Dinnerpartys, Ehemaligentreffen oder Gesprächen am Firmen-Wasserspender gehe es plötzlich nur noch um eins: die Fürsorge für den anderen und das Positive in diesen Zeiten. Lang anhalten werde diese Ära aber nicht: Schon fragten sich Rentner, warum Hausbesitzer gestützt werden, vorsichtige Kreditnehmer beschwerten sich über Hilfe für diejenigen, die sich mit ihren Hypotheken übernommen hätten, und Detroit schaue voller Neid auf die Wall Street. “Ein vollständige Erlösung vom Neid – das schafft auch die aktuelle Krise nicht.”

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Maxim Kireev.

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1 Kommentar zu “US-Banken: Unnötiger Stress mit Stresstests”


  1. 1 Die Zeichen deuten auf Fusion von Porsche und Volkswagen

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