Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Ambitionen von Fiat-Chef Sergio Marchionne, mit Chrysler und Opel einen Weltkonzern aufzubauen. Barron’s blickt hinter die positive Entwicklung der Motorola-Aktien. Die Business Times warnt vor „Green Shoots“, der Business Spectator vor dem „Ausverkauf des Jahrhunderts“. Fundstück: Neue Protestmoden im Zuge der Finanzkrise.
„Fiat-Chef Sergio Marchionne hofft also, einen globalen Konzern aus einem Punto-großen Autohersteller und Schrott aus Detroit zu schmieden. Doch selbst wenn er erfolgreich ist: Vor den Fiat-Investoren liegt ein langer, schwieriger Weg“, warnt das Wall Street Journal vor zuviel Euphorie in Italien. Gelinge der Zusammenschluss mit Chrysler und Opel, werde Fiat die Nummer Zwei in Europa, hinter Volkswagen: „Die Steuerzahler für die Umwandlung des eigenen, angeschlagenen Autokonzerns in eine Weltunternehmen zahlen zu lassen, ist sicher genial.“ Doch die Frage sei, was das neue Unternehmen tatsächlich wert sei. Nach Einschätzung eines Analysten von Sanford Bernstein kämen bei Fiat, 20 Prozent Chrysler und 30 Prozent Opel 10,7 Milliarden Dollar zusammen. Ziehe man Schulden und Pensionsverbindlichkeiten ab, und berücksichtige ferner, dass alle drei Sparten entweder Verlust machen oder gerade noch profitabel seien, bliebe nichts übrig. „Da ist eine Kapitalerhöhung wohl unumgänglich.“ Hinzu komme, dass Marchionne mit Politikern, Gewerkschaften und Investoren weltweit jonglieren und den Spagat zwischen der Kürzung von Industriekapazitäten auf der einen und der von Regierungen gewünschten Produktionssteigerung auf der anderen Seite schaffen müsse. „Da müssen die Fiat-Investoren schon viel Glauben an ihn haben.“
„Größe ist nicht alles“, lautet der Tenor eines Kommentars der Börsen-Zeitung. Fiat sei zu klein zum Überleben – und damit zum Wachsen verdammt, deshalb gebe sich Sergio Marchionne nun nicht mit Kleinkram zufrieden. „Er hat vorausgesagt, dass weltweit nur eine Handvoll Hersteller die aktuelle Krise überleben wird. Als Kriterium dafür hat er einen jährlichen Absatz von mindestens 5,5 bis 6 Millionen Fahrzeugen definiert.“ Mit Chrysler und Opel würde diese Marke deutlich übertroffen. Doch aus „drei kranken Konzernen wird noch lange kein gesunder.“ Fiat strotze nicht gerade vor Finanzkraft, die Turiner würden viel Geld verbrennen, die Nettoschulden des Industriegeschäfts hätten Ende März bei knapp 6,6 Milliarden Euro gelegen. Fiat betreibe den eigenen Größenzuwachs deshalb so, dass möglichst nichts investiert werden müsse. „Bei Chrysler hat das funktioniert. Der nun gewünschte Einstieg bei Opel wird sich allerdings kaum ohne Geld regeln lassen. Aber Fiat hat kaum Geld.“ Ausweg sei eine Fusion, der neue Konzern solle an die Börse gebracht werden, um die Übernahme zu finanzieren. Ob diese Strategie erfolgreich sei, hänge aber nicht nur von der Größe ab, sondern auch davon, ob eine Sanierung von Chrysler und eine Rettung von Opel gelinge. „Und das ist noch keineswegs sicher. Fiat will dieses Risiko offenbar eingehen.“
Die Financial Times hinterfragt die Erfolgsaussichten von Sergio Marchionne, der sich einst wie Jürgen Schrempp bei Daimler aufgemacht habe, einen Weltkonzern zu schaffen. „Ist Marchionne der richtige Mann für diesen Job, vor allem, wenn man seine Erfolgsbilanz in der Schweiz betrachtet?“ Er gelte als Spezialist für Turnarounds, habe die berühmten, aber kränkelnden Schweizer Firmen SGS und Lonza wieder in Form gebracht. „Doch reibungslos lief das nicht ab: In beiden Fällen musste er seine von ihm erwählten Nachfolger verstoßen.“ Auch bei der UBS, wo Marchionne Vizepräsidenten im Verwaltungsrat sei, könne sich die Geschichte wiederholen: Er habe angekündigt, sich möglicherweise nicht erneut zur Wahl in das Gremium zu stellen. Und selbst bei Fiat gebe es Fragezeichen: „Auch hier hat Marchionne einen eindrucksvollen Turnaround hingelegt, doch noch immer schaffen es die Italiener nicht, profitable, große, gute Modelle zu bauen.“ Vor allem dann, wenn ein erfolgreiches Kleinmodell von seinem Nachfolger abgelöst wurde, sei Fiat immer ein Loch gefallen. Das drohe nun auch dem Punto. „Fiat hat keine größeren Modelle über dem Punto, die überzeugen könnten. Denn Investoren bleibt nur zu beten, dass Marchionnes Plan für einen Autogiganten nicht das gleiche bittere Schicksal widerfährt wie seinem berühmten Vorgänger.“
Kampfspuren in Kanadas Ölsektor
Den Gründen für das Scheitern eines Deals zwischen Total und der kanadischen UTS Energy spürt die Financial Post nach. Letzte Woche habe der französische Ölmulti sein Gebot für UTA zurückgezogen, doch die Spuren des Kampfes wirkten noch nach: „Total wollte sich über UTS offenbar einen Anteil oder gar die Kontrolle über das Fort Hills Ölsandprojekt sichern. Doch der Übernahmekampf begann im Januar, am Tiefpunkt eines brutalen Ölmarktes.“ Die UTS-Anteilseigner hätten das Total-Angebot als zu niedrig erachtet, immerhin habe UTS eine Menge Geld auf der Bank gehabt: „Sie hatten das Gefühl, dass Total das UTS-Sparschwein plündern wollte.“ Andererseits feilsche Total kaum. So könnten die Gerüchte über eine Fusion von Suncor Energy und Petro-Canada zu einem Umdenken geführt haben, denn dies hätte den Zugang von Total zum Fort Hills Ölsandprojekt deutlich erschwert. Auch habe Total mit anderen Ölsandprojekten, etwa mit Deer Creek Energy und Synenco Energy, Probleme gehabt. Für UTS sei die Lage aber keinesfalls gut: „Es könnte sein, dass nun niemand mehr für UTS bietet und das Unternehmen einer unsicheren Zukunft entgegen sieht – vor allem dann, wenn die Umsetzung des Fort Hills Ölsandprojekts weiter auf sich warten lässt.“
Motorola muss spektakulär sein
Die schwachen Signale für eine Wende bei Motorola analysiert das Barron’s Magazine. „Motorola verfolgt eine heroische Rettungsstrategie: Die Aktien haben seit dem März-Tief eine unglaubliche Entwicklung genommen, mit einem Gewinn von rund 90 Prozent in weniger als zwei Monaten.“ Die erfolgreiche Rückkehr auf den Markt sei aber nicht ausgemacht. Der Ertrag im ersten Quartal des Jahres habe mit 5,4 Milliarden Dollar unter den Prognosen der Wall Street gelegen, im Mobilfunkmarkt gehe der Motorola-Anteil weiter zurück, die Erlöse schrumpften, die Verluste nähmen zu. „Motorolas großes Problem ist der fehlende Smartphone-Faktor, man will nun alles auf eine Karte setzen – mit Google Android-Handys. Die ersten Exemplare sollen vor Weihnachten 2009 auf den Markt kommen.“ Wenn diese es nicht schafften, Motorola aus dem Loch zu holen, müsse sich das Unternehmen entweder auf Nischen konzentrieren oder ganz aufgeben. Nach Einschätzung von Barron’s werde es nicht leicht für Motorola: Palm bringe sein Pre auf den Markt, Apple vielleicht bald die dritte Generation des iPhones, und auch RIM (BlackBerry), Nokia oder Sony Ericsson warteten bald mit neuen Produkten auf. „Motorola müsste ein absolut spektakuläres Handy gelingen, dass vor allem die Fans von iPhone und BlackBerry anmacht“, so das Fazit.
Tourismus als Exportgut
Portugal sollte dringend seine „Tourismusindustrie exportieren“, rät das Jornal de Negócios. Der portugiesische Tourismussektor sei sehr diversifiziert, und gerade die aktuelle Krise zeige, dass er relativ resistent sei und weiter ausgebaut werden müsse. Bisher hätten die Portugiesen ihre Kenntnisse in Hotellerie, Gastronomie, Animation etc. aber kaum in andere Länder exportiert. Nur kleine Investitionen seien getätigt worden, in Brasilien und seit kurzem in Angola. Bisher verteile sich das Tourismusfachwissen aber auf zahlreichen Unternehmen. Das Blatt empfiehlt die Gründung einer Universität, die das Wissen strukturiert erfasst und Portugal zu einer internationalen Referenz machen könnte.
Traue keinen Green Shoots!
Die Business Times aus Singapur glaubt, dass mit „Green Shoots“ – optimistischen Meldungen über die Entwicklung der Weltwirtschaft – derzeit übertrieben wird. Zwar habe es an den Börsen Belebungen gegeben, nachdem die amerikanischen Behörden verbreitet hätten, das Schlimmste der Krise sei vorüber, und Analysten und Investmenthäuser seien gleich auf dem Zug aufgesprungen. Allerdings, warnt das Blatt, wäre es ein Fehler, „Zuckungen der Wirtschaft, in der Banken, Autohersteller oder Hypothekengeber mit lebenserhaltenden Maßnahmen versorgt würden, mit Erholung zu verwechseln.“ Es sei so viel Kapital in die Wirtschaft gepumpt worden, dass diese einfach Lebenszeichen von sich geben müsse. Die entscheidende Frage sei: Könnte die Wirtschaft auch auf eigenen Füßen stehen? Außerdem sei zu prüfen, ob die Green Shoots nicht geschadet hätten, weil Aktienkurse überreagierten. Es seien zu viele wertlose Kleinaktien angeboten worden, die eine ungesunde Überhitzung nach sich ziehen und zu blindem Vertrauen in optimistische Meldungen verführt haben könnten – obwohl es im Moment wenig Grund für Optimismus gebe.
Die Wall Street als Demokratieverfechter?
Eine Ambivalenz in der Bewertung der Wall Street durch die US-Regeierung macht der Business Spectator aus: Präsident Barack Obama habe die Wall Street jüngst für die „Demokratisierung der Finanzwelt“ gelobt, weil normale Leute Zugang zu Aktienmärkten erhielten. Sein Chefberater Larry Summers habe dagegen darauf verwiesen, dass der Standard & Poor’s Index 500 auf dem Niveau von 1966 angekommen sei und die Welt gerade den „Ausverkauf des Jahrhunderts“ erlebe – was Obamas Behauptung konterkariere. Fakt sei, dass es nun eine Rückkehr zu einem stärker regulierten Kapitalismus geben werde und Freiheiten der letzten Jahre zurückgenommen werden würden. „Der Finanzkapitalismus ist global, die Regulierung aber noch national. Die Regierungen müssen kooperieren, doch bislang waren ihre Treffen von Effekthascherei und politischem Aktionismus geprägt.“ Moralisch stehe die Welt vor der Frage, ob Gier gut oder schlecht sei, ob die Verfolgung von Selbstinteresse das öffentliche Interesse stütze. Am Ende aber würden die Kapitalisten, vor allem Banker, wieder Risiken eingehen müssen, „das können ihnen die Regierungen nicht abnehmen.“
Fundstück: Neue Protestmoden im Zuge der Finanzkrise
„Einfach marschieren und singen? Das ist vorbei“, behauptet das US-Portal The Daily Beast mit Blick auf die Protestkultur der Franzosen: Die globale Finanzkrise habe das traditionell von Revolte und Demonstrationen geprägte Land verändert und zu fantasievollen Ideen angeregt. Dazu zählten nicht nur das Festsetzen von Chefs und Managern oder die Übernahme von Fabriken: „In ist zum Beispiel auch das Ausbleichen von Wahlzetteln, so geschehen an der Universität von Lyon, als darüber abgestimmt werden sollte, ob die belagerte Uni wieder geöffnet wird oder nicht.“ Eine weitere, neue Variante sei das „Bed-In“: Eine Gruppe von Hausbesetzern habe gegen die Zwangsräumung protestiert, indem sie in einem Doppelbett durch Paris rollte. Und dann gebe es noch den „roten Briefträger“, der 35 Jahre junge, milchgesichtige Olivier Besancenot, der mit seiner antikapitalistischen Partei die Massen begeistere. Absolute Schlagkraft aber könne die Wiederentdeckung der „Revolution“ bringen, „ein Wort, das in Frankreich eine lange, blutige Geschichte hat – und das jüngst von dem berühmten Fernsehmoderator Patrick Poivre d’Arvor in einer zweistündigen Live-Show heraufbeschworen wurde.“
Mitarbeit: Charlotte Bartels, Kerstin Herrn.
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