Die internationale Wirtschaftspresse sieht die Schwellenländer erneut auf dem Vormarsch – und warnt vor dem Ausverkauf der USA und schwierigen Zeiten in anderen Triple-A-Nationen. BusinessWeek und Les Echos loben asiatische Automarken für ihre Erfolgskonzepte. Der Business Spectator entdeckt die Vorzüge Schottlands für potenzielle Investoren. Fundstück: Luxuriöser Sonnenuntergang ohne Rendite.
Den Beginn der Phase „Entkopplung 2.0“ sieht der Economist heraufziehen – die Entkopplung bedeutender Schwellenländer von den westlichen Wirtschaftsnationen. „Es gibt Anzeichen, dass sich diese schneller von der Krise erholen als die USA. Chinas Wirtschaft gewinnt wieder an Fahrt, die Anlageinvestitionen nehmen so schnell zu wie seit 2006 nicht mehr und der Konsum bleibt stabil.“ Trotz der Debatte über die Richtigkeit der Angaben Chinas zu seinem Bruttoinlandsprodukt seien sich Ökonomen einig, dass die Wirtschaftsleistung wachse, möglicherweise bis zu acht Prozent. „Das verbessert auch die Aussichten anderer Nationen, etwa Brasiliens.“ Lediglich jene Schwellenländer, deren Wirtschaft stark mit der US-Wirtschaft verwoben sei, wie Mexiko, würden auch künftig leiden. Zwei Gründe gebe es für die erfreuliche Entwicklung in China oder Brasilien: Sie seien von den USA weniger stark abhängig als bislang angenommen, und sie hätten mit ihren Reaktionen auf die eigene wirtschaftliche Schwäche Fähigkeit und Wille bewiesen. „Jetzt, wo die globalen Erschütterrungen abebben, die Panik der Investoren nachlässt und die Kreditmärkte wieder zu funktionieren beginnen, profitieren die Schwellenländer. Für eine Erholung der US-Wirtschaft reichen diese Impulse noch nicht aus, zu groß sind die Missverhältnisse in den Bilanzen, die die amerikanischen Bürger ausgleichen müssen.“
„Amerika wird verkauft“, lautet das Fazit des Business Standard aus Indien angesichts des aktuellen „Anti-Dollar-Währungshandels“, der sich mit der Ankündigung der Ratingagentur Standard & Poor’s, Großbritannien abzuwerten, massiv verschärft habe. „Währungshändler und Investoren kehren dem Dollar zunehmend den Rücken zu, weil sie die Probleme in den USA mit Sorge beobachten, insbesondere die Frage, wie das Land sein Haushaltsdefizit in den Griff bekommen will.“ Sie hielten Ausschau nach Alternativen, eine davon seien die Kapitalmärkte in Schwellenländern wie Indien. „Das bisherige Procedere war paradox: Aufgrund des Abschwungs investierten viele in US-Anlagen und damit in den Dollar, weil dieser immer als sicherer Hafen galt. Die Ironie: Die USA profitierten, statt für ihre Sünden bestraft zu werden.“ Das sich diese Situation nun ändere, habe drei Ursachen: Zum einen nehme die Risikobereitschaft wieder zu, weil viele glaubten, dass die Talsohle der globalen Krise erreicht sei. Zum anderen werde die Entkopplung einiger Wirtschaftsnationen wieder für möglich gehalten. Und schließlich würde die Welt die strukturellen Probleme der USA endlich ernst nehmen. „Die etablierten Wirtschaftsnationen werden die Krise langsam und nachhaltig hinter sich lassen. Die großen Schwellenländer aber, wie China oder Indien, werden sich bereits bis Mitte 2010 substanziell von der Krise erholt haben – weil sie auf eine hohe, wachsende Binnennachfrage setzen können.“
Vor einem eisigen Wind warnt die Financial Times die Triple-A-Nationen: „Nachdem Großbritannien in der vergangenen Woche mit einer möglichen Abwertung durch die Ratingagentur Standard & Poor’s konfrontiert wurde, ist der Status der reichen Länder als sicherer Hafen für potenzielle Investoren in Gefahr.“ Der Club der Triple-A-Länder sei dieses Jahr geschrumpft, Spanien und Irland seien im März von S & P abgewertet worden. „Nun wächst die Angst, dass auch die USA oder Deutschland herabgestuft werden könnten. Die Welt hat sich vollkommen verändert.“ Wie gefährdet gerade die Triple-A-Nationen unter den G7 seien, sei jedoch unklar: „Die US-Schulden werden nach OECD-Prognosen 78 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen, doch das Land kann sich höhere Schulden erlauben als Großbritannien, weil der Dollar Reservewährung ist.“ Auch Frankreichs Schulden explodierten, 76 Prozent des Bruttoinlandsprodukts seien zu erwarten, doch Frankreich sei Mitglied der Eurozone – und könne mit dem Euro ebenfalls auf eine Reservewährung bauen.
Asiens Autobauer weisen Wege aus der Krise
BusinessWeek applaudiert Kia-Chefdesigner Peter Schreyer für seinen positiven Einfluss auf die Entwicklung des koreanischen Autoherstellers: „Während die Umsätze der Konkurrenz in Korea im ersten Quartal 2009 um 15,2 Prozent zurückgingen, hat Kia ein Plus von 6,7 Prozent geschafft. Der Marktanteil stieg auf 31 Prozent, auf Kosten von GM und Renault.“ Analysten führten dies maßgeblich auf das neue Design zurück: „Es verbessert zunehmend das Kia-Image.“ Schreyer sei vor zweieinhalb von Volkswagen abgeworben worden, seine größten Erfolge seien der TT-Roadster und der A6 bei Audi gewesen. Nun habe er mit dem neuen Kia-Sorento für Furore in Korea gesorgt: „Noch bevor das neue Modell in die Verkaufsräume kam, lagen schon 5.000 Bestellungen vor.“ Der Sorento werde u. a. in den USA gefertigt und solle auch dort neue Kunden gewinnen. „Der US-Markt könnte bereit sein für Kia, preiswerte Modelle liegen im Trend. Das neue Design könnte dabei helfen.“ Doch: „Kia muss beweisen, dass die Autos auch genauso gut gebaut sind, wie sie aussehen. Sie müssen ihre künftige Klientel überzeugen, dass es sich nicht um Billigautos handelt.“
Einen Siegeszug des Toyota-Modells in der Automobilindustrie hält Les Echos für möglich. „Die Branche steht nicht nur vor konkreten Aufgaben, wie Restrukturierung oder Rekapitalisierung. Das Management steht auch vor der Frage, welches Wirtschaftsmodell, welche Unternehmenskultur künftig herrschen, wie also das Verhältnis zwischen Herstellern und Zulieferern aussehen soll.“ In der westlichen Welt sei bislang auf kurzfristige Bindungen gesetzt worden, Autohersteller und Zulieferer würden als vollkommen verschiedene Branchen wahr genommen, wobei den Herstellern die führende Rolle zukomme. Toyota dagegen setze auf langfristige, partnerschaftliche Beziehungen zu seinen Lieferanten: „Sie sind anspruchsvoll, aber auch vertrauensvoll und transparent, und beide Partner gestehen sich zu, voneinander lernen zu können.“ Die jetzige Krise zeige, dass das westliche Modell ein selbstmörderisches sei: „Die Autokonstrukteure sind nun gezwungen, ihren Zulieferern zu Hilfe zu eilen, hängen doch 70 Prozent ihrer Produktion von den Zulieferern ab.“ Eine Neudefinition der ursprünglichen Kräfteverhältnisse zwischen beiden Branchen sei von Nöten, hier könne das Toyota-Modell den Weg in die Zukunft weisen. „Dieses System ist nahezu vollkommen, denn es baut auf gemeinsam benannte Werte auf: langfristiger Erfolg, Kompetenz, Ethik. Toyota pflegt Partnerschaften, die wettbewerbsfähig sind, sich an den Kapazitäten der Zulieferer ausrichten und die Zulieferer stärken, statt systematische Konkurrenz zu fördern.“
Spaniens Fernsehen in Frage gestellt
Die Gaceta de los Negocios stellt den Zweck des öffentlich-rechtlichen Fernsehens infrage. „Was würde sich ändern, wenn in Spanien die staatlichen Fernsehsender verschwänden? Den Beitragszahlern bliebe mehr Geld in der Tasche, sei es durch Steuerersparnis oder abgeschaffte Gebühren.“ Davon abgesehen könne die spanische Regierung so nicht mehr über das Fernsehen die freie Meinungsbildung ihrer Bürger beeinflussen. Allerdings sei es unwahrscheinlich, dass die Regierung öffentlich-rechtliche Sender wie TVE abschaffen werde. So solle diese doch zumindest die privaten Sender stärken und unterstützen, fordert die Zeitung.
Japans Nachtragshaushalt pure Verschwendung?
Die Japan Times verfolgt mit Sorge die Beratungen des Parlaments zum Nachtragshaushalt 2009. Es gehe um die Verwendung von zusätzlichen 14 Billionen Yen, die die Staatsverschuldung „lawinenartig anwachsen lassen, weil die Regierung auf die Emission von Staatsanleihen angewiesen ist, um dieses Budget überhaupt zu finanzieren.“ Etwa 30 Prozent davon sollen in verschiedene Fonds und Stiftungen investiert werden, die zum Teil noch nicht gegründet sind, die Regierung habe darauf verwiesen, dass das Geld der entsprechenden Fonds über einen längeren Zeitraum flexibel ausgegeben werden könne. „Das muss beunruhigen, denn hier könnte ein gigantischer Schmiergeldfonds entstehen.“ In vielen Fällen hätten Ministerien und Behörden Geld beantragt, ohne konkrete Projekte vorzuweisen. Würden diese nicht verpflichtet, jährlich über die Fondsgelder Bericht zu erstatten, bestehe die Gefahr zur Verschwendung. „Das Parlament sollte die Regierung dazu drängen, zu klären, wie das Geld, das in die Fonds investiert wurde und wird, genutzt werden soll.“
Schottland umwirbt Investoren
Die Vorzüge Schottlands für potenzielle Investoren stellt der Business Spectator heraus: Die nördliche Region der Britischen Inseln verfüge über gut ausgebildete Arbeitskräfte, insbesondere in den Bereichen Natur- und Ingenieurswissenschaften sowie Technologie. Hinzu komme eine günstige Kostenstruktur: „Wir sind keine Niedrigkostenregion, liegen aber im Vergleich 40 Prozent unter London“, wirbt eine Entwicklungsagentur im Gespräch mit dem australischen Blatt. Insbesondere Firmen aus den Sektoren Digitale Medien, Softwareentwicklung und Energie würden in Schottland gute Bedingungen vorfinden: „25 Prozent der in Europa verfügbaren Windenergie entfallen auf Schottland, ähnliches gilt für Energiegewinnung aus den Gezeiten der Meere. Schottland bietet allen damit verbundenen Industriezweigen eine gute Basis.“ Schließlich sei die Region nicht so stark von der Finanzkrise betroffen. „Finanzdienstleistungen haben nie mehr als 15 Prozent der schottischen Wirtschaft ausgemacht.“ Stark sei die Region im Bereich Fonds- und Anlagenmanagement: „In Edinburgh und Glasgow sind mehr Fondsmanagementgesellschaften angesiedelt als in der gesamten Schweiz.
Fundstück: Luxuriöser Sonnenuntergang ohne Rendite
Wofür benötigt die Caja Madrid karibische Sonnenuntergänge, einen prächtigen Garten voller Schatten spendender Palmen nebst Luxusvilla und Anlegestelle für zwei Jachten, fragt sich El Economista. Ganz in der Nähe der Sommerresidenz der Familie des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Richard Nixon in Florida, habe die spanische Bank im April 2006 für rund zehn Millionen Dollar dieses Anwesen gekauft, dessen aktueller Wert gerade noch sechs Millionen Dollar betrage. Bewohnt habe den Palast ein führender Angestellter der Bank, später Politiker und Aufsichtsratsmitglieder – von finanzkräftigen Kunden jedoch weit und breit keine Spur.
Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer.



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