Gefährdet Obamas Haushaltspolitik Amerika?

Die internationale Wirtschaftspresse nimmt Stellung zur wachsenden Kritik an Barack Obamas Ausgabenpolitik. Der Economist beobachtet den Billig-Bau-Boom in Indien. Die Business Times wirft der Wall Street Schönrechnerei vor. Der National Business Review zeigt, wie Dell erfolgreich twittert. Fundstück: Repo Man – der Räuber im Bankenauftrag.

BusinessWeek registriert mit Sorge die „zunehmend nervöser werdende US-Wirtschaft“ angesichts der massiven Eingriffe, die das Team um US-Präsident Barack Obama vornehme. „Sicher, bis vor kurzem war die staatliche Hilfe willkommen. Immerhin gab es von vielen Seiten den Vorwurf, der Staat mache zu wenig. Doch nun kippt die Stimmung, viele glauben, dass die US-Regierung die Grenze zwischen hilfreicher Intervention und schädlicher Einmischung überschritten hat.“ Sie treffe wirtschaftliche Entscheidungen auf der Basis politischer Überlegungen, und die meisten in der Regierungsmannschaft verfügten über keine Wirtschaftskenntnisse. „Da verwundert es kaum, dass die US-Handelskammer nun eine Kampagne für unabhängige Unternehmen gestartet hat und davor warnt, dass saich der Kapitalismus an einem Scheideweg befinde. Amerikas Werte und sein freier Markt seien angesichts des wachsenden Einflusses des Staates in Gefahr.“ Die Republikaner aus Florida hätten der Obama-Regierung gar einen Hang zu „sowjetischem Sozialismus“ vorgeworfen. Es sei höchste Zeit für einen Umschwung: „Man gesteht Führungskräften und Politikern große Fähigkeiten beim Denken und Argumentieren zu. Doch letztere experimentieren gerade, sie sind dabei, herauszufinden, was zu tun ist, doch keiner von ihnen weiß, was genau zu tun ist.”

Die politischen Folgen der aktuellen Ausgabenpolitik der Obama-Regierung lotet die Washington Post aus. „Die Sorge in der Gesellschaft bezüglich der Finanzpolitik Obama wächst. Bei einem Besuch in Wisconsin sah sich der Präsident Demonstranten gegenüber, die ‚Kein Sozialismus!‘-Schilder in den Händen hielten.“ Zwar habe Obama den Großteil des aktuellen Defizits von George W. Bush geerbt, doch alles, was das Weiße Haus derzeit gegen die Rezession unternehme, mute an wie ein „Glücksspiel“. Insider fürchteten schon jetzt um die Wahlen zum Congress in 2010, wenn Obama so weiter mache und seine Popularität und Glaubwürdigkeit aufs Spiel setze. Obamas Pläne zu bisherigen und künftigen Ausgaben reflektierten nicht nur das Ausmaß der Wirtschaftskrise, sondern stellten auch einen Bruch mit der Finanzphilosophie dar, die die letzte demokratische Regierung verfolgt habe: „Clinton glaubte an den Staatssektor, doch er war auch überzeugt, dass die Verantwortung für die langfristige Finanzsituation des Landes eine deutliche Expansion der Regierung in die Wirtschaft ausschloss.“ So warnten Experten davor, dass sich die kurzfristig erreichte Erholung der Wirtschaft nicht auf dem Arbeitsmarkt niederschlage. „Die Finanzsituation in Washington scheint außer Kontrolle zu sein, und dass könnte die Öffentlichkeit wachrütteln. Die Frage wird sein, ob die Republikaner so clever sind, diesen Vorteil für sich zu nutzen.“

Eine neue Weltordnung als Antwort auf das chronisch defizitäre Amerika hält die Financial Times für möglich: Auf einem Treffen am heutigen Montag und morgigen Dienstag in Jekaterinenburg kämen Vertreter von Russland, China, Indien und weiteren Staaten zusammen, um den Status der USA herauszufordern: „Hauptursache für die globale Finanzkrise ist, dass die USA zu wenig unternimmt und zuviel Geld ausgibt“, laute ihr Argument. Das System sei unipolar und werde künstlich am Leben erhalten, die USA seien ein einziges, großes Konsumzentrum, finanziert durch ein wachsendes Defizit und wachsende Schulden. Auch die US-Rettungsmaßnahmen und Stimuluspakete würden erheblich dazu beitragen. „Die USA machen anderen Ländern Vorschriften, wie sie ihre Schulden abzubauen haben, aber ignorieren die Situation im eigenen Land. Sie haben die weltweit größten Schulden, haben sich bislang aber keine Mühe gemacht, strukturelle Anpassungen vorzunehmen“, so die Vorwürfe. Die betreffenden Staaten wollten deshalb beschließen, künftig in ihren eigenen Währungen zu handeln und bilaterale Abkommen in Dollar, Pfund Sterling oder Euro zu meiden. „Die USA wollten eigene Vertreter zur Beobachtung nach Jekaterinenburg schicken, doch die teilnehmenden Staaten sagten deutlich Nein – ein Wort, das die USA in Zukunft noch öfter zu hören bekommen werden.“

Nano-Häuser zum Nano-Mobil

Einen Baumboom der ungewöhnlichen Art beobachtet der Economist in Indien: Billig-Häuser und Billig-Wohnungen finden reißenden Absatz. „Nach einer Studie der Beraterfirma McKinsey benötigen Indiens Großstädte mindestens 25 Millionen neue Wohnungen. Firmen wie Matheran Realty oder Tata (Hersteller des Nano-Mobil) haben diesen Markt entdeckt: Sie bieten preiswerte Behausungen ab 4.500 Euro an“, schreibt das britische Magazin. Die Preise seien gering, weil außerhalb von Städten gebaut würde. Zudem würden statt Ziegel leichte Betonblöcke genutzt, maximal drei Stockwerke gebaut und nur eine Treppe pro Haus eingefügt. „Dazu braucht es keine qualifizierten Arbeitskräfte.“ Schließlich stütze die Regierung den Trend: Während privatwirtschaftliche Banken keine Kredite gewährten, hätten zwei Finanzinstitute der Regierung, die National Housing Bank und die National Bank for Agriculture and Rural Development, eingewilligt, den Baufirmen Geld zu leihen, damit diese armen Indern Hypotheken gewähren können. „Bewerber müssen lediglich ein Viertel des Kaufpreises und eine feste Anstellung vorweisen können.“

Gerücht um mögliches Wachstum von Sanofi-Aventis

Challenges sieht die Biotechnologiefirmen im Visier der großen Pharmakonzerne. Anlass für die Spekulation des französischen Wirtschaftsblattes ist das Gerücht, Sanofi-Aventis bereite die Übernahme eines amerikanischen Wettbewerbers vor. „Das Projekt soll im Strategiekomitee mit den beiden Hauptaktionären Total (zehn Prozent) und L’Oréal (8,6 Prozent) diskutiert, aber abschlägig beschieden worden sein.“ Dennoch mache die Übernahme eines Konkurrenten für Sanofi-Aventis Sinn: „Der Pharmasektor befindet sich im Umbruch, es geht um Milliarden: Pfizer hat Wyeth gekauft und Merck Schering-Plough, es wäre nur folgerichtig, wenn auch Sanofi-Aventis weiter wachsen wollte.“ Neben BMS, die bereits in den USA Sanofi-Aventis-Produkte vertreiben, sei vor allem das Biotechnologielabor Amgen ein heißer Übernahmekandidat. „Die Blockbuster, die Umsatzbringer der Pharmariesen, verschwinden bis 2015 vom Markt. Pharmakonzerne setzen deshalb verstärkt auf Biotechnologie, weil diese nichts mit Generika gemein haben.“ Auch wenn Sanofi-Aventis dementiert habe, könne die Übernahme durchaus ein Thema gewesen sein: „Doch Total und L’Oréal haben offenbar einen Rückzieher gemacht.“

Spanischer Gasmarkt: Aus zwei mach eins

Expansión kommentiert die Neustrukturierung des Vorstandes von Gas Natural kurz vor der Fusion mit Fenosa. Dreizehn Mitglieder der zukünftigen Führungsetage stammten von Gas Natural, lediglich drei von Fenosa. Auch die Manager der nachfolgenden Entscheidungsebene stünden bereits fest, wobei sich hier die Anzahl der Mitarbeiter von Gas Natural und Fenosa die Waage halte. An den Standorten ändere sich nichts, zumal Gas Natural neben dem Stammsitz in Barcelona schon vor der Fusion auch in Madrid stark vertreten gewesen sei. Bei Fenosa heiße es bei der letzten Betriebsversammlung am 30. Juni Abschied nehmen. Lediglich die Marke bleibe wohl vorerst erhalten.

Wall Street redet sich Statistiken schön

Man habe in dieser Woche lernen können, wie sich die Wall Street zu Gunsten der Geschäfte Fakten schön rede und die Redewendung „Zahlen lügen nicht“ ins Gegenteil verkehre, meint die Business Times aus Singapur. Investoren redeten sich in diesen Zeiten eine nicht ganz schlechte Bilanz gerne gut und kauften nach dem Motto „weniger schlecht bedeutet, es muss gut sein“. Diesen Trend belege nun auch die Veröffentlichung des US-Arbeitsmarktberichts für den Monat Mai, der „besser als erwartet“ ausgefallen sei. Er konstatiere u. a. einen Abbau von 345.000 Arbeitsplätzen, statt der erwarteten 500.000. Allerdings, so das Blatt, spiegelten diese Zahlen nicht die Realität: Mit Hilfe eines speziellen statistischen Elementes (Birth-Death-Model) seien 200.000 neue Jobs hinzugerechnet worden, die es nur statistisch, aber nicht in der Realität gebe. „Aber die Realität spielt offenbar keine Rolle.“ Viel wichtiger sei, ob die Investoren glaubten, die Zahlen seien gut, um darauf ihre Entscheidungen zu gründen. Nur deshalb hätten die Wall-Street-Käufe in der vergangenen Woche für einen Aufwärtstrend an der Börse in Singapur gesorgt.

Twittern für Dell

Die zunehmende kommerzielle Nutzung sozialer Netzwerke im Internet durch Unternehmen registriert der National Business Review aus Neuseeland. Nachdem Xero Twitter entdeckt habe, um mit verärgerten Kunden zu kommunizieren, habe auch Dell Gefallen an dem sozialen Netzwerk gefunden: „Dell soll über sein @DellOutlet-Twitter-Konto Umsätze in Höhe von zwei Millionen US-Dollar erreicht haben, und eine weitere Million Dollar über die Website, die über den Microblog angesteuert werden kann.“ Dell nutze dieses Konto zum Bestandsausgleich und zum Abverkauf von zurück gegebener Hardware. „Zwar nehmen sich die zwei Millionen Dollar im Vergleich zum jüngsten Quartalsumsatz von 12,9 Milliarden Dollar gering aus, doch die Twitter-Umsätze nehmen an Fahrt auf.“ So habe @DellOutlet im Februar noch 11.000 Kunden gezählt, aktuell seien es bereits 630.000. Inzwischen habe Dell auch eine Verkaufsseite bei Facebook eingerichtet, und die Anzahl der Twitter-Konten sei auf 80 gestiegen.

Fundstück: Repo Man – der Räuber im Bankenauftrag

„Ihnen ist ein Businessjet abhanden gekommen oder eine Yacht? Kein Problem für Nick Popovich – der Super Repo Man”, zeigt sich der Business Spectator beeindruckt: Repossession Firmen – Unternehmen, die gestohlene Besitztümer zurückbringen oder säumigen Bankkunden ihre kostspieligen Spielzeuge zur Abzahlung ihrer Schulden „entwenden“ – seien derzeit im Aufwind, und Popovich sei in den USA einer der Besten. „Popovich hat sich auf Flugzeuge und exklusive Boote spezialisiert, und er bekommt sie, egal ob aus südamerikanischen Dschungelgebieten, Afrika oder zugeschneiten Gebirgsketten.“ Popovich arbeite für die Titanen der Wall Street, u. a. für Citibank, Transamerica und Credit Suisse. Jährlich verdiene er eine Summe im unteren, siebenstelligen Bereich, für die schwierigsten Jobs verlange er bis zu 900.000 Dollar. Sein jüngster Fall habe Edward Okun und Arthur G. Nadel betroffen, zwei Bernie Madoff-Jünger, die ihre Klienten um Hunderte Millionen Dollar erleichtert haben sollen: „Unter den geretteten Flugzeugen befanden sich zwei Gulfstreams II und ein Learjet.”

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer.

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird.

0 Kommentare zu “Gefährdet Obamas Haushaltspolitik Amerika?”


  1. Keine Kommentare

Kommentar schreiben




Internationale Wirtschaftsnachrichten