Börsenrally: Rückkehr zum Prä-Lehman-Zustand

Die internationale Wirtschaftspresse misstraut der aktuellen Börsenrally und warnt vor zu großer Kurseuphorie. Report on Business deckt die Abkehr BPs von seinem grünen Image auf. Joseph Stiglitz wettert in Les Echos gegen Barack Obamas Bankenpolitik. El Economista beobachtet die Verkaufsschlacht auf Spaniens Immobilienmarkt. Fundstück: Bonos Traum von der Rettung Amerikas.

Zyklisch oder länger andauernd – das ist aus Sicht des Wall Street Journals die Frage, die Börsenexperten mit Blick auf die jüngste Börsenrally beschäftigt: “Es könnte sich nur um eine kurzfristige Erholung handeln.” Historische Daten legten dies nahe: Der Dow Jones habe zwar um 34 Prozent zugelegt, sei aber 2008 um 33,8 Prozent gefallen. Auch liege er noch immer 38 Prozent unter seinem Rekordhoch von Oktober 2007. Die Zahlen könnten dahingehend gedeutet werden, dass sich die Börse derzeit in einem zyklischen Bullenmarkt innerhalb eines lang anhaltenden Bärenmarktes befinde. “Dass die Wirtschaft noch immer kämpft, stützt diese Theorie.” Der Konsum stelle nach wie vor nicht zufrieden, die Industriekapazitäten würden wieder gefährlich anwachsen: “Es gibt genügend Gegenwind an der Wirtschaftsfront.” Zyklen wie diese könnten mehrere Jahren andauern, die aktuelle aber dürfte nach Expertenmeinung spätestens nächstes Jahr beendet sein, wenn die Zinssätze wieder steigen und die Gefahr einer Inflation erneut aufkomme. “Selbst die Investoren, die an eine stabile Wirtschaft und an genügend Reserven glauben, verhalten sich derzeit vorsichtig.”

Einen “Prä-Lehman-Zustand” attestiert die Financial Times Deutschland dem Börsenmarkt: Der Dow Jones habe nach einer Rally von mehr als 34 Prozent seinen Jahresverlust wett gemacht, Anleger entdeckten wieder die Lust am großen Risiko, Unternehmen platzierten teilweise problemlos Anleihen. “Das Problem dabei ist nur: Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden. Die Rückfallgefahr ist gewaltig.” Sollten die “Masters of the Universe” tatsächlich wieder zurück seien, dann eher zurechtgeschrumpft als “Helden in Strumpfhosen”. So profitierten amerikanische und europäische Banken von historisch tiefen Leitzinsen und unzähligen Liquiditätsfenstern der Notenbanken. Geldhäuser in Europa seien im hohen Maße abhängig von Repogeschäften mit der Europäischen Zentralbank: “Zusammen mit staatsgarantierten Kapitalerhöhungen machen Repogeschäfte geschätzt 25 bis 30 Prozent der längerfristigen Bankenrefinanzierung aus. Stärke sieht anders aus.” Und schließlich werde vor lauter Kurseuphorie ignoriert, dass die Gewinne im S&P 500 im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 43 Prozent eingebrochen seien. “Gleichzeitig kletterte der Verschuldungsgrad um zehn Prozent.” Ein Abschied von Regierungshilfen stehe deshalb nicht zur Debatte: “Die Wirtschaft befindet sich immer noch auf der Intensivstation und wird sich auch in den kommenden Monaten nicht von der Obhut des Staates emanzipieren können.”

Auch das amerikanische Finanzportal The Motley Fool misstraut der aktuellen Börsenrally: “Wie weit können uns diese Green Shots tragen? Sie brauchen noch viel Sonne und Pflege, damit sie blühen. Denn was wir brauchen, sind Blüten, damit der Bulle den Bären endgültig niederringen kann.” Von einer aufblühenden Wirtschaft sei Amerika aber weit entfernt: Die Unternehmen kürzten Arbeitsplätze und Gehälter, die Bürger hätten kein Geld zum Konsumieren, die Unternehmen müssten folglich weiter sparen. Dieser Teufelskreis könne nur durch Ausgaben unterbrochen werden, und hier liege das Problem: Es sei in letzter Zeit vornehmlich die US-Regierung gewesen, die diese Rolle übernommen habe. Viele stellten sich die Frage, ob die Rally nicht auf Obama & Co zurückzuführen sei, weil diese zu viel Geld in zu kurzer Zeit in den Markt gepumpt hätten: “Schon macht die Rede von einer ?bailout bubble? die Runde.” Fakt sei, dass Aktien längst nicht mehr zum Schnäppchenpreis zu haben seien. Die USA könnten vor einem ganz langsamen Wachstum oder gar einem Nullwachstum stehen, mit Tonnen an liquiden Mitteln – ein perfektes Szenario für Stagflation. “Und das wären keine guten Aussichten für Bullen.”

BPs grünes Image verblasst

“British Petrol entledigt sich seines grünen Images”, stellt Report on Business alarmiert fest. Vor einem Jahrzehnt habe sich der Konzern ein grün-gelbes Logo gegeben, nun verblassten die Farben zunehmend. “Im aktuellen Jahresbericht wurde BPs alternativen Energien unter der Rubrik mit dem hässlichen Wort Resegmentation versteckt. Wahrhaftig eine Degradierung”, meint das kanadische Wirtschaftsportal. “BP steht damit nicht allein. So hat Royal Dutch/Shell angekündigt, die Investitionen in die Erforschung von Wind- und Solarenergie einzufrieren und stattdessen auf Biokraftstoffe zu setzen. Und bei Chevron ist man überzeugt, dass konventionelle Energie längst noch nicht durch erneuerbare ersetzt werden kann.” Scheinbar hätten die niedrigen Ölpreise ein Umdenken bei den Energieriesen ausgelöst, alternative Energien erschienen weniger wettbewerbsfähig. “Doch die Preise werden wieder steigen, und Regierungen weltweit haben Vorgaben zur Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes gemacht.” Deshalb sei gerade jetzt eine günstige Zeit, um in erneuerbare Energien zu investieren.

Obama knickt vor den US-Banken ein

Für die aktuelle Finanzpolitik der Regierung Barack Obamas findet Joseph Stiglitz in einem Beitrag für Les Echos wenig schmeichelhafte Worte. “Mit den ersten Anzeichen für eine Erholung, haben die amerikanischen Banken begonnen, sich gegen Restrukturierungen zu wehren.” Mit Erfolg: Die US-Regierung habe ein neues Konzept erfunden – das Konzept der Bank, die zu groß ist, um restrukturiert zu werden. “Die Regierung Obama ist unter dem politischen Druck und den roten Tüchern, die die Banken bedrohlich geschwenkt haben, eingebrochen. Sie verblüfft mit einer Sanierung der Banken, indem sie Bankiers und Aktionäre saniert”, schimpft der Wirtschaftsnobelpreisträger. Die Banken könnten einfach neu beginnen, mit neuen Investoren, neuem Vertrauen, neu geliehenem Geld. “Das ist gegenüber der Mehrheit der Amerikaner unfair, und kommt einer Vernichtung des Sozialvertrages gleich.” Amerika sollte die Banken, die zu groß seien, um in Insolvenz zu gehen, niederreißen, oder zumindest ihren Handlungsspielraum stark begrenzen. “Doch die derzeit von der US-Regierung verfolgte Strategie gibt ihnen die Hoffnung, bald wieder ihre Hände vollkommen frei zu haben und agieren zu können, wie es ihnen gefällt.”

Verkaufsschlacht auf Spaniens Immobilienmarkt

Immer mehr Banken und Sparkassen beteiligen sich an der “Verkaufsschlacht” von Immobilien im Internet, stellt El Economista fest. Immobilien im Wert von über einer Million Euro von 25 Banken stünden auf Internetplattformen wie idealista.com bereits zur Wahl. Steigende Arbeitslosigkeit und hohe Hypothekenzinsen sorgten dafür, dass viele Menschen diese nicht mehr bezahlen können. Die angehäuften Immobilien und der Mangel an liquiden Mitteln würden Banken und Sparkassen zwingen, Wohnungen und Häuser schnell wieder zu veräußern. Gut sei beraten, wer jetzt Immobilien kaufe – und von den lukrativen Rabatten profitiere, schlussfolgert das Blatt.

Russischer Staat bestellt Flugzeuge

Gleich am ersten Tag der Pariser Flugmesse Le Bourget konnten russische Flugzeugbauer Aufträge in Höhe insgesamt 2,3 Milliarden Dollar an Land ziehen, berichtet Kommersant . Die beiden Käufer, die ungarische Fluggesellschaft Malev und die von der Moskauer Stadtregierung kontrollierte Airline Atlant Soyuz, seien jedoch im Grunde unter staatlicher russischer Kontrolle. Malev gehöre zu 49 Prozent der staatlichen Bank VTB, die den Kauf der 30 Superjets 100 von Sukhoj wohl finanzieren werde. Bei Atlant Soyuz dagegen, die 30 Antonows 148 und 15 Tupolews 204 geordert habe, sei die Finanzierung noch nicht geklärt. Der Moskauer Stadtregierung selbst mangele es an Geld. “Wenn die beiden Großaufträge in die Tat umgesetzt werden, reichen sie vorerst aus, um die russischen Flugzeugwerke auszulasten”, zitiert das Blatt einen Experten.

Ikea macht Indiens Versäumnisse deutlich

Politische Lethargie hemme die indische Wirtschaft, zeigt sich die Economic Times aus Indien alarmiert. Dies treffe besonders auf die noch nicht erfolgte Lockerung der Richtlinien für ausländische Direktinvestitionen zu: So werde IKEA nicht wie geplant eine Milliarde Dollar in Indien investieren. Vielleicht reiche der Rückzieher der Schweden noch nicht aus, “um die politischen Entscheidungsträger aus ihrem Schlummer zu reißen.” Doch die Verluste für das Land seien enorm: Mittelständische Unternehmen würden um die Chance gebracht, mit einer Weltmarke zusammenzuarbeiten. Außerdem sei das negative Werbung für Indien. Die seit kurzem amtierende indische Regierung plane Reformen bezüglich der ausländischen Direktinvestitionen: “Doch Lippenbekenntnisse allein reichen nicht aus.” Das Land habe stets von ausländischen Kapitalströmungen profitiert. Restriktionen für Investoren sollte es nur in Bereichen geben, die Auswirkungen auf die nationale Sicherheit hätten. “Die neue Regierung muss dafür sorgen, dass wieder ausländische Direktinvestitionen ins Land fließen.”

Fundstück: Bonos Traum von der Rettung Amerikas

Der Wirtschaftsdienst Bloomberg hat eine Idee, wie die USA von ihren Schulden befreit werden könnte: “Es ist Juni 2010, und Bono tritt in Peking auf. Die chinesischen Politiker sind alles andere als amused: Der irische Musiker widmet seine ganze Aufmerksamkeit nicht mehr Afrika, sondern dem arg gebeutelten Amerika.” Mensch, China, es ist doch cool, den Unterdrückten Amerikas beizustehen, könne Bono z. B. auf seinen Konzerten dem Reich der Mitte zurufen. Was sonst solle China mit den Trillionen Dollar als Währungsreserven anfangen? Doch Bloomberg weiß schon jetzt, wie der Appell Bonos an die chinesische Führung endet: Nach reiflichem Überlegen werde Präsident Hu Jintao dem notorischen Retter einen Korb geben, und ihm sagen: “Danke Bono, dass du vorbei geschaut hast. Ich bin sicher, wenn du Peking verlässt, wirst du dich noch lange zurückerinnern – as one of those times when you still haven?t found what you?re looking for.”

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer, Maxim Kireev.

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird.

0 Kommentare zu “Börsenrally: Rückkehr zum Prä-Lehman-Zustand”


  1. Keine Kommentare

Kommentar schreiben




Internationale Wirtschaftsnachrichten