Die internationale Wirtschaftspresse reagiert gespalten auf Forderungen aus den USA und Europa, große Banken wie die UBS zu zerschlagen. Expansión wundert sich über Treueverpflichtungen bei BMW. Der Business Spectator singt ein Loblied auf Myer’s. Fundstück: Verbietet das Ende der Finanzkrise!
Nicht nur Großbritanniens Notenbanker Mervyn King beklagt, dass er beim Krisen-Kehraus die Banker-Hasardeure kaum bändigen könne. In den USA hat die Regierung von Barack Obama eine Debatte über die (Über)Größe von Banken ausgelöst. Und auch die Schweizerische Nationalbank blickt besorgt auf ihre multinationalen Geldhäuser, deren Situation nach der Milliarden-Rettung der UBS schwierig bleibe. Laut SNB-Vizepräsident Philipp Hildebrand müssten die Institute so organisiert sein, dass Teile, die für die Wirtschaft wichtig sind, abgetrennt und der Rest liquidiert werden könnten.
Die Financial Times begrüßt die Zerschlagungsappelle der Regierungen und Notenbanker und erinnert daran, dass die Bilanz der Royal Bank of Scotland auf ihrem Höhepunkt fast so groß gewesen sei wie die gesamte britische Wirtschaft. „Unabhängig davon, dass die Welt von Banken übersät ist, die zu groß zum Scheitern (aber zu teuer zum Retten) sind, hat die Welt auch Banken, die zu groß zum Managen sind“, analysiert das britische Blatt und verweist auf das „desaströse“ Geschäft der UBS mit Subprime Securities und entsprechende Pleiten bei der Citigroup und Merrill Lynch. „Also profitierten nicht nur die Steuerzahler, sondern auch die Banker, würde man die Banken kleiner machen – nicht nur in kleinen Ländern (wie der Schweiz), sondern auch an Orten, die dazu tendieren, auch die Größe zu verehren (wie den USA). Diese Debatte muss so weit wie möglich verbreitet werden“, fordert die FT.
Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger und Kommentator bei der New York Times , meldet Zweifel am Zerschlagungs-Appell an: „Ich kaufe dieses Argument, dass wir Finanzinstitutionen so weit schrumpfen sollten, bis keiner mehr ,too big to fail’ ist, nicht ab. Das ist einfach nicht möglich.“ Und weiter: „Der Punkt ist, dass die Finanzmärkte so stark miteinander verbunden sind, dass selbst ein mäßig großer Spieler das ganze System zum Einsturz bringen kann, falls er implodiert. Man muss sich erinnern, dass Lehman – nicht Citi oder Bank of America – die Welt an den Abgrund geführt hat.“ Fazit: „Regulieren und überwachen, notfalls retten; es gibt aber keinen Weg, dies automatisch zu machen.“
Die Neue Zürcher Zeitung wundert sich über die Uneinigkeit von Großbritanniens Schatzkanzler Alistair Darling und Notenbankchef Mervyn King. Beim jährlichen Dinner der „Großen“ der Londoner City am Mittwochabend hätten ihre Reden Differenzen hinsichtlich künftiger Reformen am Finanzmarkt gezeigt. Während Darling keine „Maximalgröße“ von Banken vorschreiben wolle – wie gerade in der Schweiz diskutiert –, habe King erklärt, dass Banken, von denen man dächte, sie seien zu groß zum Scheitern, wohl einfach zu groß seien – weshalb King mehr Machtbefugnisse für die Notenbank gefordert habe. Sie könne nicht länger wie eine „Kirche“ sein, deren Gemeinde die Gebete ignoriere. „Der fehlende Konsens über die richtige Marschrichtung ist beunruhigend“, kommentiert das Blatt. „Er ist nicht nur schädlich für die City, sondern auch für die Menschen außerhalb der britischen Finanzwirtschaft, die sich mit den Folgen der Krise herumschlagen müssen.“
Kuriose Maßnahmen gegen die Krise
Die spanische Zeitung Expansión wundert sich über kuriose Maßnahmen krisengeschüttelter Unternehmen, um ihren Absatz zu steigern. So dränge BMW Mitarbeiter, die Autos von Konkurrenten fahren, dazu, auf die eigene Marke umzusteigen und so dem Unternehmen Treue zu zeigen. Dahinter stehe die verzweifelte Suche nach neuen Absatzkanälen, mutmaßt das Blatt. Aber auch andere Unternehmen überraschten zunehmend mit Forderungen an ihre Mitarbeiter. So habe British Airways in einer E-Mail an seine 30.000 Angestellten um einen Gehaltsverzicht von bis zu einem Monat gebeten.
Ernährungssicherheit – der Engpass Saatgut
Wegen der internationalen Finanzkrise werde sich die Unterernährung in zahlreichen Entwicklungsländern weiter ausbreiten. „Schon dieses Jahr könnten mehr als 100 Millionen Menschen betroffen sein“, warnt die französische Zeitung Les Echos. In diesem Zusammenhang sei die von der Regierung von Barack Obama angestrebte Ratifizierung des „Vertrags über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft“ ein positives Signal. Der Vertrag regele den Zugang zu den weltweit landwirtschaftlich genutzten Arten und Sorten und sei „das erste Glied in der Kette der zukünftigen Ernährungssicherheit“. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts sei, nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO, die genetische Vielfalt landwirtschaftlich genutzter Pflanzen um drei Viertel zurückgegangen. Heute deckten zwölf Sorten 80 Prozent des Welt-Nahrungsmittel-Verbrauchs. Mit einem koordinierten Vorgehen könne die Anpassungsfähigkeit beherrschender Pflanzensorten, vor allem angesichts der weltweiten Klimaerwärmung, gestärkt werden.
Erfolgreiche Kaufhauskette in Australien
Der australische Business Spectator singt ein Loblied auf Myer’s, die größte Kaufhauskette des Landes. Das neue Geschäftsmodell der Kette habe den Stress-Test der Rezession bestanden und gezeigt, dass Myer’s seinen Kunden folge. Zwar fielen die Umsätze mit Produkten aus dem Luxussegment weiter, dafür stiegen sie im Discountsegment. Sicherlich habe das Konjunkturpaket der Regierung Letzteres unterstützt, vermutet der Spectator. Aber seit den Umstrukturierungen könne die Kaufhauskette in vielen Bereichen flexibler reagieren. Rabattaktionen beispielsweise würden bei Myer’s jetzt gezielter durchgeführt und kosteten das Unternehmen weniger, da die Lagerbestände jetzt besser kontrolliert werden könnten und so weniger Druck entstehe, Ware herauszuschleudern.
Fundstück: Verbietet das Ende der Finanzkrise!
„Verbietet das Ende der Finanzkrise!“, fordert die Financial Times Deutschland in einer Glosse. Während die Aktienkurse wieder stiegen, US-Banken Staatsmilliarden zurückzahlten und „Zombies wieder zu Zockern“ würden, fragten sich viele, ob sich in den Köpfen der „Finanzmarktheinis“ überhaupt etwas geändert habe. „Wozu haben wir das ganze Geld gedruckt und an den vielen Bankrun-Konditionstrainings teilgenommen?“ Auch Politiker fühlten sich nun genarrt und zögen Konsequenzen: Nach dem Wunsch der SPD dürfe künftig erst wieder ab Klasse fünf bis eine Million gerechnet werden, allerdings nur bis zur zwölften Klasse – um sicherzustellen, dass die Schüler später nie mit Millionen jonglierten, weil sie gar nicht wüssten, wie viel das ist.
Mitarbeit: Charlotte Bartels, Florian Käfer, Fridolin Pöschl
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