Asche, Bares, Kies, Knete, Kohle, Kröten, Mäuse…

Der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson erklärt in seinem Buch „Der Aufstieg des Geldes“, wie das Geld zum Motor der Weltgeschichte wurde. Das bei Econ erschienene Buch spannt einen Bogen von den Handelsplätzen der Antike zu den boomenden Aktienmärkten Chinas, von den Geldverleihern des Mittelalters zur amerikanischen Immobilienblase. ecolot.de bringt Auszüge aus dem Buch.

Einführung

Asche, Bares, Kies, Knete, Kohle, Kröten, Mäuse, Moneten, Moos, Piepen, Schotter, Zaster. Wie immer man es auch nennt, Geld ist das, was zählt. Für Christen ist die Liebe zu ihm der Ursprung allen Übels. Für Generäle ist es Kriegsmacht, und Revolutionäre betrachten es als die Kette, die die Menschen an die Arbeit fesselt. Aber was genau ist das – Geld? Ist es ein Berg aus Silber, wie die spanischen Konquistadoren glaubten? Oder genügen bloße Tontafeln oder Scheine bedruckten Papiers? Wie ist es dazu gekommen, dass wir in einer Welt leben, in der das meiste Geld unsichtbar ist, kaum mehr als Ziffern auf einem Computermonitor? Wo kommt das Geld her? Und, vor allem, wohin ist es verschwunden?

Im letzten Jahr, 2007, wuchs das Einkommen des Durchschnittsamerikaners (das bei knapp 34 000 Dollar lag) um bis zu fünf Prozent. 1 Doch zugleich stiegen die Lebenshaltungskosten um 4,1 Prozent. Die Kaufkraft von Otto Normalverbraucher nahm also nur um höchstens 0,9 Prozent zu. In flationsbereinigt hat sich das Einkommen der Durchschnittshaushalte in den Vereinigten Staaten seit 1990 Jahren tatsächlich kaum erhöht, nämlich um gerade einmal sieben Prozent in 18 Jahren.

Bei Lloyd Blankfein, dem Chief Executive Officer (CEO) der Investmentbank Goldman Sachs, sieht es etwas anders aus. Er hat 2007 Gehalts- und Bonuszahlungen sowie Aktienprämien im Gesamtwert von 68,5 Millionen Dollar erhalten, 25 Prozent mehr als im Jahr zuvor und rund zweitausendmal mehr, als der Durchschnittsamerikaner verdient hat. Im selben Jahr überstiegen die Nettoeinnahmen von Goldman Sachs mit 46 Milliarden Dollar das Bruttoinlandsprodukt von mehr als hundert Ländern, darunter Kroatien, Serbien und Slowenien, Bolivien, Ecuador und Guatemala, Angola, Syrien und Tunesien. Die gesamten Vermögenswerte der Bank erreichten zum ersten Mal einen Wert von über einer Billion Dollar. Doch hat Lloyd Blankfein bei weitem nicht die höchsten Einkünfte in der Finanzwelt. Der altgediente Hedgefonds-Manager George Soros brachte es auf von 2,9 Milliarden Dollar. Ken Griffin von Citadel verdiente, ebenso wie die Gründer zweier anderer führender Hedgefonds, über zwei Milliarden Dollar. Gleichzeitig mussten mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt mit gerade einmal einem Dollar am Tag auskommen.

Die Ungerechtigkeit der Welt versetzt Sie in Wut? Sie sind empört über überbezahlte Kapitalisten und Banker mit Millionenprämien? Die gähnenden Abgründe zwischen Besitzenden, Besitzlosen und Yachtbesitzern machen Sie sprachlos? Damit stehen Sie nicht alleine. Während der gesamten Geschichte der westlichen Zivilisation hat es eine immer wiederkehrende Feindseligkeit gegen Finanziers und Finanzwelt gegeben, die auf die Auffassung zurückgeht, dass diejenigen, die vom Geldverleih leben, in einem irgendwie parasitären Verhältnis zu den »realen« Wirtschaftstätigkeiten in Landwirtschaft und Industrie stehen.

Diese Abneigung hat drei Ursachen: Erstens pflegt die Zahl der Schuldner diejenige der Kreditgeber zu übersteigen, und Erstere sind selten gut auf Letztere zu sprechen. Zweitens kommen Krisen und Skandale häufig genug vor, um den Eindruck zu erwecken, dass das Finanzwesen eher Armut als Wohlstand verursacht und eher Un sicherheit als Stabilität erzeugt. Drittens schließlich wurde in vielen Teilen der Welt ein unverhältnismäßig großer Anteil der Finanzdienstleistungen jahrhundertelang von Angehörigen ethnischer oder religiöser Minderheiten angeboten, die zwar von Landbesitz oder Staatsdienst ferngehalten wurden, aber aufgrund enger, auf Verwandtschaft und Vertrauen gegründeter Netzwerke in der Finanzwelt erfolgreich waren.

In diesem Buch vertrete ich die These, dass Geld, trotz unserer tiefsitzenden Vorurteile gegen den »schnöden Mammon«, die Wurzel beinahe allen Fortschritts ist, und dass, in Abwandlung eines Wortes von Jacob Bronowski (dessen großartige Geschichte von Jacob Bronowski (dessen großartige Geschichte des wissenschaftlichen Fortschritts mich als Schuljunge begeistert hat) der Aufstieg des Geldes für den Aufstieg des Menschen von wesentlicher Bedeutung war. Finanzinnovationen sind keineswegs das Werk von Blut saugern, die es nur darauf abgesehen haben, verschuldete Familien zu ruinieren oder die Ersparnisse von Witwen und Waisen in Glücksspielen zu verpulvern; vielmehr sind sie unentbehrlich für das Voranschreiten des Menschen heraus Mühsal und Not und hinauf die Höhen des materiellen Wohlstands, den heute so viele genießen.

Vom antiken Babylon bis zum Hongkong von Heute ist die Entwicklung des Kreditwesens für die Fntwicklung der Zivilisation ebenso wichtig gewesen wie technische Erfindungen. Die Pracht der italienischen Renaissance beruhte auf dem Bankwesen und dem Rentenmarkt. Für das niederländische wie für das britische Kolonialreich bildeten große Kapitalgesellschaften die unentbehrliche Grundlage, genauso wie der Triumph der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert untrennbar mit Fortschritten im Versicherungswesen, in der Hypothekenfinanzierung und bei Konsumentenkrediten verbunden war. Möglicherweise wird eine Finanzkrise dann auch das Ende der globalen Vorherrschaft Amerikas einläuten.

Hinter jeder großen historischen Erscheinung verbirgt sich ein finanzielles Geheimnis, und dieses Buch unternimmt es nun, die wichtigsten dieser Geheimnisse näher zu beleuchten. So bin ich etwa der Auffassung, dass die Renaissance einen solchen Boom auf dem Kunst- und Architekturmarkt erlebte, weil die italienischen Handelsbankiers die orientalische Mathematik übernahmen, dass der Aufstieg der Republik der Niederlande einen Sieg der ersten modernen Aktienbörse der Welt über das insolvente Habsburgerreich darstellte und dass die Französische Revolution die indirekte Folge einer von einem verurteilten schottischen Mörder herbeigeführten und zum Platzen gebrachten Börsenblase war. Napoleon wurde bei Waterloo mindestens ebenso sehr von Nathan Rothschild wie vom Herzog von Wellington besiegt. Und es war finanzielle Torheit, ein selbstzerstörerischer Kreislauf von Zahlungsverzug und Entwertung, der Argentinien vom sechstreichsten Land der Welt, das es in den 1880er Jahren gewesen war, zum inflationsgepeinigten Bankrottkandidaten der 1980er Jahre verkommen ließ.

Nach der Lektüre dieses Buchs werden Sie verstehen, warum die Bewohner des sichersten Landes der Welt paradoxerweise zugleich diejenigen mit den meisten Versicherungen sind. Sie werden her – ausfinden, wann und warum die englischsprachigen Völker eine derartige Besessenheit bezüglich des Kaufs und Verkaufs von Häusern entwickelt haben. Vielleicht am wichtigsten aber ist die Erkenntnis, dass die Globalisierung der Finanzen neben vielen anderen Dingen auch die alte Trennlinie zwischen entwickelten und »aufsteigenden« Märkten verwischt hat. So hat sie China in den Bankier Amerikas verwandelt, so dass nun ein kommunistischer Gläubiger einem kapitalistischen Schuldner gegenübersteht eine wahrhaft epochale Veränderung.

Zuzeiten scheint der Aufstieg des Geldes unaufhaltsam zu sein. 2006 belief sich die gemessene Wirtschaftsleistung der gesamten Welt auf 47 Billionen Dollar, während die Marktkapitalisierung an den Börsen 51 Billionen Dollar betrug, also als zehn Prozent mehr. Der Gesamtwert von nationalen und internationalen Schuldverschreibungen betrug 68 Billionen Dollar – 50 Prozent mehr –, derjenige von Derivaten 473 Billionen Dollar – mehr als zehn Mal soviel. Neben der Finanzwelt beginnt die gewöhnliche Welt klein auszusehen. Und sie scheint sich auch schneller zu drehen. Jeden Tag wechseln auf den Devisenmärkten zwei Billionen Dollar den Besitzer. An den Aktienbörsen sind es jeden Monat sieben Billionen Dollar. In jeder Minute von jeder Stunde an jedem Tag in jeder Woche wird irgendwo ein Handel abgeschlossen.

Gleichzeitig bilden sich ständig neue Finanzierungsformen heraus. 2006 zum Beispiel stieg der Umfang von Leveraged Buyouts (LBO), also der Kauf von Unternehmen mit Hilfe von Fremdkapital auf 753 Milliarden Dollar. Durch eine explosionsartige Ausweitung der Verbriefung oder »Sekuritisierung«, bei der individuelle Schulden wie Hypotheken zu »Tranchen« zusammengefasst und dann für den Verkauf umgeschichtet werden, ist der Wert der jährlich ausgegebenen hypotheken- oder vermögensbesicherten Wertpapiere (Mortgage Backed Securities und Asset-backed Securities) sowie der besicherten Schuldverschreibungen (Collateralized Debt Obligations) auf über drei Billionen Dollar gestiegen. Der Gesamtwert der Derivate – aus Wertpapieren abgeleiteten Verträge wie Zinsswaps oder Credit Default Swaps (CDS) – ist sogar noch schneller gewachsen. Ende 2007 betrug der Nominalwert aller nicht börsengehandelten Derivate fast 600 Billionen Dollar. Vor den 1980er Jahren waren solche Dinge praktisch unbekannt.

Auch neue Institutionen haben sich verbreitet. Der erste Hedgefonds wurde 1940 geschaffen, und noch 1990 gab es nur 610 solcher Fonds, die 38 Milliarden Dollar verwalteten. Heute gibt es über 10 000 Hedgefonds mit Einlagen von 2,65 Billionen Dollar. Private- Equity-Gesellschaften haben sich ebenfalls stark vermehrt, und zugleich ist ein wahres Bankensystem aus »Conduits« und »Structured Investment Vehicles« (SIV) entstanden, die entwickelt wurden, um riskante Anlagen aus den Bankbilanzen herauszuhalten. Wenn die vergangenen vier Jahrtausende den Aufstieg des Menschen zum Denker gesehen haben, dann scheinen wir heute den Aufstieg des Menschen zum Banker zu erleben.

1947 trug der Finanzsektor lediglich 2,3 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Vereinigten Staaten bei. 2005 war sein Anteil auf 7,7 Prozent gestiegen. Mit anderen Worten, von 13 Dollar, die an amerikanische Arbeitnehmer gezahlt werden, geht rund ein Dollar an Menschen, die in der Finanzbranche arbeiten.5 In Großbritannien spielt sie eine noch größere Rolle; dort betrug ihr BIP-Anteil 2006 9,4 Prozent. Außerdem ist die Finanzwelt zum größten Magneten für Akademiker geworden. 1970 sind nur rund fünf Prozent der männlichen Absolventen der Harvard University, an der ich lehre, in die Finanzwirtschaft gegangen. Zwanzig Jahre später waren es 15 Prozent.* Im letzten Jahr war der Anteil noch größer. Laut Harvard Crimson erwarteten 20 Prozent der männlichen und 10 Prozent der weiblichen Absolventen des Jahrgangs 2007, ihre erste Anstellung bei einer Bank anzutreten. Und wer wollte es ihnen verdenken? In den letzten Jahren waren die Vergütungspakete in der Finanzwirtschaft dreimal so groß wie die Gehälter, die Absolventen der amerikanischen Eliteuniversitäten in anderen Wirtschaftszweigen erhielten.

Als die Absolventen von 2007 von der Universität abgingen, sah es in der Tat so aus, als könnte nichts den weiteren Aufstieg der globalen Finanzwirtschaft aufhalten, weder Terroranschläge in New York und London noch Krieg im Nahen Osten, und ganz gewiss kein globaler Klimawandel. Trotz der Zerstörung des World Trade Center, der Kriege in Afghanistan und im Irak und der Häufung extremer Wetterereignisse war die Periode von Ende 2001 bis Mitte 2007 durch ständige finanzielle Expansion gekennzeichnet. Gewiss sank der Dow-Jones-Index unmittelbar nach dem 11. September 2001 um 14 Prozent, aber er erholte sich binnen zwei Monaten und stieg wieder auf das zuvor erreichte Niveau. 2002 wurde für amerikanische Kapitalanleger zwar ein enttäuschendes Jahr, aber anschließend ging es unablässig bergauf, und im Herbst 2006 übertraf die Börse ihr bisheriges Allzeithoch (das sie auf dem Höhepunkt der Dotcom- Euphorie erreicht hatte).

Anfang Oktober 2007 stand der Dow-Jones-Index nahezu doppelt so hoch als bei seinem Tiefstand fünf Jahre zuvor. Und die USBörse bildete dabei keine Ausnahme. In den fünf Jahren bis zum 31. Juli 2007 erzielten bis auf zwei Ausnahmen alle Börsenplätze der Welt Jahr für Jahr zweistellige Gewinne. Auch die Investitionen in Schwellenländer verzeichneten ein starkes Wachstum, und die Immobilienmärkte erlebten, vor allem in den englischsprachigen Ländern, einen beachtlichen Kapitalzuwachs. Ganz gleich, worin die Anleger investierten, ob nun in Rohstoffe, Kunstwerke, alten Wein oder exotische besicherte Wertpapiere, es schlug zu ihrem Vorteil aus…

Niall Ferguson:

Der Aufstieg des Geldes

Die Währung der Geschichte

Econ 2009, 24,90 Euro

0 Kommentare zu “Asche, Bares, Kies, Knete, Kohle, Kröten, Mäuse…”


  1. Keine Kommentare

Kommentar schreiben




Internationale Wirtschaftsnachrichten