Richard Branson begann 1968 mit einem kleinen Plattenladen, heute ist er Chef des Konzerns Virgin Group. In seinem Buch „Geht nicht gibt’s nicht“ beschreibt der Abenteurer und Unternehmer sein Erfolgsgeheimnis: „Mach’s einfach – glaube daran, dass du alles erreichen kannst, was du willst! Hab Spaß. Wenn etwas keinen Spaß macht, mach etwas anderes! Sei innovativ – das System ist nicht heilig. Denke kreativ! Sei sexy – egal was du machst, mach es aufregend!“ ecolot.de bringt Auszüge aus dem Buch.
VORWORT
Ursprünglich war ich eingeladen worden, Geht nicht, gibt’s nicht! für den Welttag des Buches 2006 zu schreiben. Die Idee war, interessierten Lesern eine amüsante und inspirierende Lektüre zu bieten, die sie dazu anregen würde, Bücher in die Hand zu nehmen und weiterzulesen.
Die erste Ausgabe meines kleinen Buches war weit erfolgreicher, als ich mir je erträumt hätte. Das Buch verkaufte sich überall auf der Welt, kam in Südafrika auf Platz 1 und in Australien auf die Bestsellerliste. Ich war enorm erfreut über die Begeisterung, mit der es aufgenommen wurde. Viele Menschen schrieben mir, wie sehr sie das Buch ermutigt und inspiriert hätte. Ich habe auch festgestellt, dass sich ein weit größeres Publikum dafür interessierte als nur die Besucher des Welttags, für die es eigentlich geschrieben worden war.
Ein Jahr später wurde ich gefragt, ob ich gern eine überarbeitete und erweiterte Fassung für eine breitere Leserschaft schreiben würde. In der vorliegenden neuen Ausgabe von VORWORT Geht nicht, gibt’s nicht! fi nden Sie sowohl meine ursprünglichen Lektionen fürs Leben als auch neue, die auf die Zukunft gerichtet sind.
Obwohl ich nie Regeln gefolgt bin, habe ich bei jedem Schritt, den ich ging, meine Lektionen gelernt. Die Lektionen begannen bereits daheim, als ich noch klein war, und setzten sich fort in der Schule und im Job, als ich als Teenager das Student-Magazin herausgab. Ich lerne noch immer und hoffe, dass ich damit nie aufhöre. Diese Lektionen sind mir mein ganzes Leben hindurch zugute gekommen, und ich hoffe, dass Sie auf diesen Seiten etwas Inspirierendes für sich fi nden werden.
Die Zeitungen bezeichnen meine Partner und mich als Virgin „Mavericks in Paradise“ (Außenseiter im Paradies) – vielleicht, weil ich zwei idyllische tropische Inseln besitze, eine in der Karibik und eine an der Küste Nordaustraliens. Es besteht kein Zweifel, dass wir die Dinge hier tendenziell etwas lockerer angehen als in den meisten Firmen üblich und was mich betrifft, funktioniert es. Ich arbeite hart und feiere kräftig. 1 Ich glaube an Ziele. Es ist niemals schlecht einen Traum zu haben, aber ich gehe die Sache immer praktisch an. Ich fantasiere nicht oder ergehe mich in Tagträumen über das Unmögliche. Ich lege Ziele fest und arbeite dann aus, wie ich sie erreichen kann. Alles, was ich im Leben machen will, möchte ich gut machen, nicht halbherzig. In der Schule hatte ich Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Damals kannte man Legasthenie nicht, und meine Lehrer dachten, ich wäre faul. Also brachte ich mir selbst bei, wie man Dinge auswendig lernt. Heute habe ich ein sehr gutes Gedächtnis. Und das ist zu einem meiner besten Werkzeuge im Geschäftsleben geworden.
Seit meiner Gründung von Virgin im Jahr 1967 haben wir es sehr weit gebracht. Wir haben klein angefangen und sind groß 1) So lautet die Virgin-Philosophie: „work hard, play hard“ – wer hart arbeitet, soll auch kräftig feiern. 9 VORWORT geworden. Manchmal scheint es unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit wir uns in vielen Geschäftsbereichen und mit neuen Firmen ausbreiten, egal ob Cola oder Wein, Hochzeitskleider oder Handys, Bücher, Comics, Zeichentrickfi lme, Kreditkarten, Flugzeuge, Züge oder sogar die Weltraumfahrt. Nichts scheint unmöglich oder zu groß, um damit fertig zu werden. Virgin steht wirklich voll und ganz hinter meiner Maxime „Geht nicht, gibt’s nicht!“. Ich liebe es zu beobachten, welchen Enthusiasmus und welche Energie unser Team an den Tag legt, und genieße es, wenn wir eine neue Idee aufgreifen und zum Leben erwecken.
Aber jetzt befi nden wir uns in einem neuen Jahrtausend, und die alte Vorstellung, dass die Industrie den Ton angibt und den Letzten die Hunde beißen, ändert sich. Angesichts der riesigen Schritte, die die Wissenschaft macht, und da wir inzwischen verstehen, wie die Erde und das Universum funktionieren, ist uns klar geworden, dass alles miteinander verknüpft ist; nichts steht oder handelt für sich allein. Jede Handlung zieht eine Folge nach sich. Und weil das so ist, halte ich es für sehr wichtig zu wissen, wie Virgin im 21. Jahrhundert arbeiten wird.
Global gesehen hat das Verhalten der Menschen, Industrien und Unternehmen einen unmittelbaren und oft langfristigen Einfl uss auf unsere Welt. Macht der Mensch einen Fehler, kann das katastrophale Folgen haben. Von der persönlichen Warte aus betrachtet, beschäftigt Virgin mehr als 50.000 Mitarbeiter, deren Existenz auf dem Spiel steht, wenn wir in den vielen Bereichen, in denen wir uns etabliert haben, nicht erfolgreich sind. Als Geschäftsmann will ich natürlich weiterkommen und erfolgreich sein, und manchmal scheint es, dass die günstigere Herstellungsmethode die bessere ist. Doch eine meiner Regeln lautet: Füge niemandem Schaden zu.
Es kommt mir so vor, als hätte ich, neben meiner Verantwortung als Chef eines der erfolgreichsten und aktivsten Unternehmen der Welt, die Verantwortung und Pfl icht, alles Menschenmögliche zu tun, um sicherzustellen, dass wir niemandem Scha den zufügen. Ich habe mir die Tatsache zu Herzen genommen, dass alles, was wir tun, irgendetwas oder irgendjemanden irgendwo berührt.
Lange Zeit war ich ein Fan der Gaia-Theorie, eine vor fast vierzig Jahren von James Lovelock formulierte These, die besagt, dass die Erde ein lebendes Wesen ist, wie eine einzelne Zelle, und wie bei einer einzelnen Zelle alles, was sie für ihre Existenz braucht, in ihr enthalten ist. Außerdem glaubt Professor Lovelock, dass der Planet seine Schäden selbst reparieren kann. Doch selbst bei Gaia gibt es den Punkt, an dem kein Zurück möglich, jenseits dessen der Schaden vielleicht nicht mehr reversibel ist. Umweltwissenschaftler haben uns davor gewarnt: Entwicklungen und die Industrie, ebenso der Verlust riesiger Regenwaldgebiete sind mit rasantem Tempo fortgeschritten. Dabei wurde so viel CO2 in die Atmosphäre abgegeben, dass wir in einen Kreislauf globaler Erwärmung hineingeraten sind, der zur Zerstörung der meisten Lebensformen auf der Erde führen könnte. Das ist es, was jetzt gerade passiert. Die Umwelt muss an erster Stelle stehen, wenn wir überleben wollen.
Als Kapitalist musste ich mir die sachliche Frage stellen: War ich gerade dabei, jemandem Schaden zuzufügen? Nach sorgfältigen Recherchen und Untersuchungen stellte sich heraus, dass es eine Möglichkeit gab, wie ich ein Kapitalist sein und dennoch meine Umweltphilosophie einbeziehen konnte, an der ich so lange festgehalten hatte. Durch das Eruieren von Möglichkeiten, wie Virgin neue Treibstoffe entwickeln könnte, um CO2- Emissionen zu verringern, könnten wir dazu beitragen, dass die globale Erwärmung rückgängig gemacht wird. Wir könnten außerdem Schritte einleiten, um unseren Konzern zu mehr Umweltverantwortung heranzuziehen. Ich habe als Grundsatz den Begriff des „Gaia-Kapitalismus“ eingeführt, ein einprägsamer Ausdruck und eine Möglichkeit für die Zukunft.
Mir ist klar geworden, dass Industrie und Unternehmen, auch wenn sie auf einer breiten, kommerziellen Ebene existieren, 11 VORWOR T nicht zwingend etwas Schlechtes sein müssen. Natürlich wollen wir alle Kühlschränke haben, Autos fahren, in Flugzeuge und Züge steigen und unser normales, ausgefülltes und zufriedenes Leben führen. Doch gleichzeitig müssen wir uns stärker vergegenwärtigen, inwiefern unsere Handlungen unserer Umwelt schaden. Ich bin der Ansicht, dass es Sache großer Unternehmen wie Virgin ist, hier eine Vorreiterrolle zu spielen mit einem ganzheitlichen Ansatz, einer der, während er erfolgreiche Unternehmen hervorbringt und erhält, auch dazu beiträgt, das Gleichgewicht der Natur zu schützen und so geringen Schaden wie möglich anzurichten.
Virgin kann das, weil wir ein Privatunternehmen sind. Ich halte nichts davon, nach Schema F vorzugehen. Ich ändere die Dinge, wenn ich kann und dadurch eine Verbesserung herbeiführe, und setze durch meine Arbeit ein Beispiel. Dies verdanke ich dem Einfl uss vieler guter und brillanter Menschen: Nicht nur James Lovelock hat mich inspiriert, sondern auch die Ideen eines meiner Verwandten, Sir Peter Scott, der vor seinem Tode den World Wildlife Fund gründete; Jonathon Porritt, Mitbegründer des Forum for the Future (und Gründer von Greenpeace); der australische Wissenschaftler und Umweltschützer Tim Flannery, der in seinem wegweisenden Buch Wir Wettermacher erklärt, dass wir alle das Weltklima auf positive Weise beeinfl ussen können; und schließlich Al Gore, der es sich mit seinem als Buch und Film erschienenen Werk Eine unbequeme Wahrheit zur Mission gemacht hat, die Botschaft rüberzubringen, dass die Welt am Rand einer Umweltkatastrophe steht.
Mein neues Lebensziel ist es, einen Rückgang der CO2-Emissionen zu bewirken. Daher werden wir bei Virgin uns in den kommenden Monaten und Jahren jeden wissenschaftlichen Vorstoß und jede Entwicklung ansehen – und vielleicht auch selbst Einiges dazu beitragen –, die zu einem organischeren und ganzheitlicheren Geschäftsansatz führen. Die Zukunft ist spannend. Es könnte sein, dass wir an der Schwelle zu einer Renaissance stehen, nicht nur, was unser aller Art zu leben, sondern auch, was Unternehmen und Erfi ndungen anbelangt.
Im Zusammenhang damit wurde Virgin Unite ins Leben gerufen, eine gemeinnützige Stiftung zur Unterstützung eines Netzwerks von an der Basis tätigen Wohltätigkeitsorganisationen, die sowohl auf lokaler als auch globaler Ebene Gutes tun. Wir ermuntern unsere Mitarbeiter und Kunden dazu mitzumachen und sich freiwillig zu engagieren. Auf diese Weise können wir in vielen Bereichen Dinge bewegen, besonders bei den wirklich schwerwiegenden Problemen wie Malaria, AIDS, HIV und TB.
Bildung und Aufklärung spielen hierbei eine entscheidende Rolle, und Virgin hat sich immer stark für wohltätige Zwecke und die Unterstützung junger Menschen durch Virgin Unite engagiert, aber ich möchte, dass wir uns noch stärker an innovativen Ideen beteiligen, wenn es um Bildung geht. Ich habe an der südafrikanischen CIDA University bereits eine School of Entrepreneurship2 gegründet und werde eine in Zelten unterge brachte „internationale Wanderuniversität“ einrichten. Auch bin ich der Meinung, dass wir weniger Politisierung und mehr Weisheit brauchen. Daher ist ein entscheidender Faktor auf meinem Weg in die Zukunft die Gründung eines Ältestenrats, der Ratschläge gibt, wenn internationale Führungspersönlichkeiten ihn darum bitten. Ich bin geehrt, dass Nelson Mandela zugesagt hat, die Rolle des Gründervaters zu übernehmen.
Zu Beginn meines Lebens waren die Dinge bestimmter. Man trat seine berufl iche Laufbahn an, oftmals die gleiche, die auch der Vater eingeschlagen hatte, und natürlich blieben die meisten Mütter zu Hause. Heute ist nichts sicher; das Leben kann ein einziger langer Kampf sein. Die Menschen müssen, wenn sie im Leben vorankommen wollen, Prioritäten setzen. Die beste Lektion, die ich gelernt habe, war Geht nicht, gibt’s nicht. Was auch 2) Siehe Kap. 14 13 VORWOR T immer es ist, wie schwer und entmutigend etwas auch scheinen mag, wie der alte Grieche Plato schon sagte: „Der Anfang ist der wichtigste Teil der Arbeit“, während die Chinesen sagen: „Eine Reise von 1.000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt“.
Wenn Sie voraus bis zum Ende und all die Meilen dazwischen sehen, mit all den Gefahren, denen Sie begegnen könnten, werden Sie den ersten Schritt vielleicht niemals wagen. Was auch immer Sie in Ihrem Leben erreichen möchten, wenn Sie sich nicht anstrengen, werden Sie nicht ans Ziel kommen. Machen Sie diesen ersten Schritt. Es wird viele Herausforderungen geben, vielleicht auch ein paar Rückschläge, aber am Ende werden Sie es schaffen. Viel Glück! Richard Branson
1. Kapitel
Als ich zum ersten Mal erfuhr, dass einige meiner Mitarbeiter bei Virgin mir den Spitznamen „Dr. Yes“ gegeben haben, war ich amüsiert. Der Beiname war offensichtlich entstanden, weil ich automatisch auf jede Frage, Bitte oder jedes Problem eher positiv als negativ reagiere. Ich habe immer versucht, Gründe dafür zu fi nden etwas zu tun, wenn es wie eine gute Idee erscheint, als dagegen.
Mein Motto schlechthin lautet: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Ich weiß, dass viele Leute, fast als eine Art pawlowscher Refl ex, bei einer Frage „Nein“ sagen oder „lassen Sie mich darüber nachdenken“, egal, ob es sich um etwas Kleines und Unbedeutendes handelt oder etwas Großes und Bahnbrechendes. Vielleicht sind sie übervorsichtig oder misstrauisch gegenüber neuen Ideen, oder Sie brauchen einfach Zeit zum Nachdenken. Aber das ist nicht meine Art die Dinge anzugehen. Wenn etwas eine gute Idee ist, sage ich „Ja, ich werde sie ihn Erwägung ziehen“ – und dann mache ich mich dran herauszufi nden, wie sie GEHT NICHT, GIBT’S NICHT! umsetzbar ist. Natürlich sage ich nicht zu allem Ja. Aber was ist schlimmer: ab und zu einen Fehler zu machen oder sich den Dingen zu verschließen und Chancen zu verpassen?
Ich vertraue darauf, mir das Wissen und die Erfahrung anderer zunutze zu machen, weshalb ich gern ganzheitlich, innerhalb eines Teams arbeite. Das Nutzen von Energie ist wie das Nutzen von Intelligenz. Welchen Sinn hat es, jemanden für eine bestimmte Aufgabe auszuwählen, wenn man seine beziehungsweise ihre Erfahrung und Fähigkeit ignoriert? Das ist so, als würde man Experten um Rat fragen und den Rat dann ignorieren.
Außerdem vertraue ich auf meinen Instinkt und meine Fähigkeit, fast alles tun zu können, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Wenn eine Idee oder ein Projekt gut ist und sich lohnt, werde ich, wenn es in meiner Macht steht, immer ernsthaft darüber nachdenken, selbst wenn ich damit vorher noch nie zu tun oder darüber nachgedacht habe. Ich werde niemals sagen, „Das kann ich nicht machen, weil ich nicht weiß wie“. Ich werde andere fragen, mir die Sache ansehen und eine Möglichkeit fi nden. Zusehen, zuhören, lernen – das sollten wir unser ganzes Leben lang tun, nicht nur in der Schule.
Dann gibt es da noch diese dummen, kleinen Regeln, die jemand aus unerfi ndlichen Gründen aufgestellt hat. Ich denke immer, das halbstaatliche Organisationen und Komitees eingerichtet werden, damit sie irgendetwas Unnützes tun können. Die Welt ist voll von Bürokratie, geschaffen von Komitees mit zu viel Zeit und übermäßiger Kontrollsucht. Bürokratie besteht größtenteils aus völlig nutzlosem und sinnlosem Kauderwelsch. Wenn ich etwas Lohnenswertes tun möchte – oder einfach so zum Spaß –, lasse ich mich nicht von dummen Regeln abhalten. Ich fi nde einen legalen Weg um die Regeln herum, und tue es. Ich sage zu meinen Mitarbeitern, „Wenn Ihr es tun wollt, tut es einfach“. Auf diese Weise profi tieren wir alle davon. Die Arbeit und die Ideen der Mitarbeiter werden gewürdigt, sie sind zufrieden mit sich, und Virgin zieht Nutzen aus ihrem Input und ihrem Elan. Menschen kündigen im Allgemeinen ihren Job nicht wegen zu geringer Bezahlung – sie gehen, weil sie nicht gewürdigt werden. Viele Unternehmen stecken ihre Leute in Schubladen – wer als Telefonistin anfängt, wird immer Telefonistin bleiben. Aber wir würdigen unsere Mitarbeiter und ermutigen sie anpassungsfähig und innovativ zu sein.
Wenn Sie etwas als gute Idee erkennen oder wenn es etwas in Ihrem Leben gibt, das Sie tun möchten, Sie aber nicht sofort wissen, wie Sie Ihr Ziel erreichen können, glaube ich nicht, dass die kleinen Wörter „ich kann nicht“ Sie aufhalten sollten. Wenn Sie nicht über die entsprechende Erfahrung verfügen, um Ihr Ziel zu erreichen, gehen Sie in eine andere Richtung und suchen Sie nach einem anderen Weg, der zum Ziel führt. Es gibt immer eine Lösung, auch für das komplexeste Problem. Wenn Sie fl iegen wollen, gehen Sie mit 16 Jahren zum Flugplatz und machen dort Tee. Halten Sie Ihre Augen offen. Sehen Sie zu und lernen Sie. Sie müssen nicht die Kunstschule besuchen, um Modedesigner zu werden. Heuern Sie in einer Modefi rma als Putzkraft an und arbeiten Sie sich hoch.
Meine Mutter Eve ist ein perfektes Beispiel dafür. Als der Krieg anfi ng, wollte sie Pilotin werden. Sie war so entschlossen, dass sie, obwohl sie das Fliegen nie gelernt hatte, wusste, dass sie es könnte und tun würde. Anstatt zu grübeln und zu träumen, ging sie zum Flugplatz von Heston in der Nähe ihres Wohnorts und bat um einen Job, um einen Fuß in die Tür zu bekommen. Als sie fragte, wie ihre Chancen stünden fl iegen zu können, erklärte man ihr, dass nur Männer Piloten werden könnten. Davon ließ sie sich aber nicht abhalten – tatsächlich sah sie es eher als eine Herausforderung. Sie zog einen der Fluglehrer auf ihre Seite, und er riet ihr, sich als Mann zu verkleiden.
Meine Mutter war sehr hübsch und war als Tänzerin auf Bühnen aufgetreten, daher war es offensichtlich, dass sie nicht wie ein Mann aussah. Doch mutig wie sie war, besorgte sie sich eine lederne Fliegerjacke, versteckte ihre blonden Haare unter einem Lederhelm und übte das Sprechen mit tiefer Stimme. Und sie bekam den Job, den sie wollte – so wie sie es vorausgesehen hatte. Einfallsreichtum und Entschlossenheit waren alles, was sie dafür gebraucht hatte. Sie lernte das Segelfl iegen und begann selbst neue Piloten auszubilden. Jene jungen Männer, die Kampffl ugzeuge in der Luftschlacht um England fl ogen. Später wurde sie als Frau Mitglied der britischen Marine und half mit die Schiffe zu warten, die Truppen nach Frankreich brachten. Moderne Frauen wie meine Mutter spielten als Geheimdienstagentinnen, Arbeiterinnen in Munitionsfabriken und beim Militär eine enorm wichtige Rolle im Krieg. Alle krempelten die Ärmel hoch, packten mit an und taten, was getan werden musste.
Nach dem Krieg waren Fluggesellschaften eine neue Möglichkeit Geld zu verdienen, und meine Mutter beschloss Stewardess zu werden, um die Welt zu sehen. Doch damals mussten Stewardessen Spanisch können und gelernte Krankenschwestern sein. Doch auch diesmal ließ sich meine Mutter nicht von Regeln und Bürokratismus abhalten. Sie beschwatzte den Nachtportier bei British South American Airways (BSAA), einer frisch gebackenen Fluggesellschaft, die zwischen London und Südamerika Lancasters und Yorks einsetzte, ihren Namen heimlich auf die Liste zu setzen. Diese Flugzeuge waren die ersten Passagierjets und schrieben Fluggeschichte. Bald darauf war sie Stewardess. Sie konnte noch immer kein Spanisch und war auch keine Krankenschwester, aber mit Köpfchen hatte sie ihr Ziel erreicht. Geht nicht, gab’s bei ihr nicht. Interessanterweise beförderten die ersten Passagierfl ugzeuge nur eine Handvoll Fluggäste, 13 in der Lancaster und 21 in der York, und auf den Langstreckenfl ügen herrschte wahrscheinlich eine eher kameradschaftliche Atmosphäre. Außerdem musste man ganz schön mutig sein, um zu weit entfernten Orten zu fl iegen. Die Flugzeuge waren fragile Schachteln ohne Überdruckkabine, und beim Flug über die Anden mussten Sauerstoffmasken getragen 19 werden. Ein Jahr später übernahm die BOAC (British Overseas Airways Corporation) BSAA, und meine Mutter wechselte in ein Tudor Flugzeug mit Ziel Bermuda. Das erste Flugzeug explodierte, im zweiten fl og meine Mutter, und das dritte verschwand im Bermuda Dreieck. Die Tudor-Maschinen wurden aus dem Verkehr gezogen, aber meine Mutter fl og weiterhin, bis sie meinen Vater heiratete – einen jungen Anwalt – der ihr einen Heiratsantrag machte, während sie an einem ihrer freien Tage auf seinem Motorrad umherrasten.
Meine Mutter war nicht die Einzige in unserer Familie, die sagte „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Der berühmte Forschungsreisende Captain Robert Scott war ein Cousin meines Großvaters. Er besaß großen Mut und unternahm zwei Expeditionen in die Antarktis, um seinem Ziel, als erster Mensch den Südpol zu erreichen, näher zu kommen. Die Reise zu den Polen war in jener Zeit immer ein unglaublich riskantes Unternehmen, weil es keine Spezialausrüstung gab und keine leichtgewichtige Thermobekleidung – tatsächlich trugen Polarforscher, so absurd das klingt, ihre übliche Winterkleidung, nur in mehreren Schichten übereinander. Einige trugen sogar gewöhnliche Mützen und Wollhandschuhe. In Anbetracht der vielen gescheiterten Versuche – und Scheitern bedeutete den sicheren Tod –, beharrten die Leute darauf, dass eine Polerkundung nicht zu schaffen sei. Scott sagte: „Ich kann das schaffen.“ – und er schaffte es. Er erreichte den Südpol 1912, aber da er, mit Rücksicht auf seine Lastponys und Schlittenhunde die Expedition verschoben hatte, bis das Wetter milder war, kam er erst als Zweiter an. Roald Amundsen, der nur Hunde mitgenommen hatte und mitten im Polarwinter aufgebrochen war, traf als Erster ein. Das war für Scott eine schreckliche Niederlage. Ausgezehrt und krank starben er und seine Männer auf der Rückreise. Ja, er war der Erste, der eine Ballonfahrt über die Antarktis machte – ein erstaunliches und extrem gefährliches Unterfangen –, aber daran erinnern sich die Menschen nicht. Sie sagen nur, armer alter Scott, er war mutig, aber er hat das Rennen verloren. Zu gewinnen wirkt wie eine Energiespritze, aber es sollte einem nicht peinlich sein, wenn man es nicht als Erster schafft. Das Wichtige ist es zu versuchen, und selbst wenn man nur Zweiter, Dritter oder Vierter ist, weiß man, dass man sein Bestes gegeben hat.
Richard Branson: Geht nicht gibt’s nicht.
Börsenmedien AG 2009, 24,90 Euro.
PS: In diesen Tagen hat Virgin Atlantic 25-jähriges Bestehen gefeiert. Das Video zeigt wie.



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