Die internationale Wirtschaftspresse hinterfragt die Geldpolitik der EZB, die eine Kreditklemme nicht habe verhindern können, und erkennt einen Verlust der Unabhängigkeit der Notenbanken. Vedomosti spottet über die Verluste bei Lada. Cinco Días sorgt sich um die Investoren in Spanien. Laut Business Standard soll Indien auf Pharma, statt IT setzen. Fundstück: Möchtegern-Bekenntnisse von Mrs. Madoff.
Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins gestern unverändert bei 1,0 Prozent belassen. Laut Economist agiert die EZB zwar scheinbar vorsichtig, um sich nicht näher auf die Null-Prozent-Marke zuzubewegen – in Wirklichkeit sei die Geldpolitik der Zentralbank jedoch lockerer, als es scheine. Dabei erinnert das Wirtschaftsmagazin an die Entscheidung des EZB-Rats im Oktober 2008, den Banken bis zu sechsmonatige Refinanzierungsgeschäfte in praktisch unbegrenzter Höhe zu ermöglichen. Dass die EZB ihre lockere Geldpolitik dennoch nicht an die große Glocke hänge, habe zwei Hintergründe: Die EZB wolle den eigenen Strategiewechsel nicht zugeben; andererseits wolle die Zentralbank nicht den Eindruck erwecken, die Inflationsgefahr aus dem Blick verloren zu haben. Mit Blick in die Zukunft schreibt der Economist, dass die EZB noch mutiger werden müsse, statt die lockere Geldpolitik wieder einzudämmen.
Die britische Financial Times greift den Streit zwischen dem britischen Premierminister Gordon Brown und dem Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, auf und sieht darin einen Beleg für den drohenden Verlust der Unabhängigkeit der Notenbanken. Nicht nur King werde aktuell in seinem Land attackiert. Gleiches gelte für Ben Bernake, der wegen seiner Rolle bei der umstrittenen Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America zerfleischt werde, sowie EZB-Chef Jean-Claude Trichet, dessen unkonventionelle Politik von Angela Merkel indirekt angegriffen worden sei. Die FT nennt drei Gründe für die wachsende Einmischung der Politik ins Geschäft der Zentralbanken: Bei einem Leitzins von fast null Prozent verschwimme die Grenze zwischen der Finanz- und Geldpolitik; außerdem sorgten die Regierungen für riesige Haushaltslöcher, die die Währungsstabilität bedrohten; schließlich wollten die verantwortlichen Politiker ihre Schuld am Desaster weiterleiten.
Das Wirtschaftsblatt aus Österreich widmet sich der Kreditklemme in der Wirtschaft. Auch wenn die EZB nicht offiziell von einer drohenden Kreditklemme reden wolle, stimme ihre Statistik nachdenklich, da die Kreditvergabe seit Monaten immer schleppender erfolge. Dadurch zögen die Kreditinstitute den Zorn der Unternehmen auf sich: Der Auto-Importeursverband VDIK spreche sogar von einer „Kampfansage der Banken“.
Too big to succeed
Der US-Wirtschaftsdienst Bloomberg warnt vor neuen krisenanfälligen Strukturen auf dem Bankenmarkt. Als Nachwirkungen der Finanzkrise gebe es jetzt zwar weniger Institute, dafür seien diese – als Folge der durch die Regierungen herbeigeführten Fusionen sowie die Übernahme „schwächerer Brüder“ – nun größer, komplexer und entsprechend bei der Risikobewertung schwieriger zu steuern. In dieser Situation müssten die Regierungen unbedingt den Protesten aus der Finanzwelt gegen die geplanten schärferen Regulierungsgesetze widerstehen, selbst wenn die neuen Sicherungen dazu führten, dass es für die Investmentbanken schwieriger würde, neue „Techniken zur Profitproduktion“ zu entwickeln. „Das Sirenen-Lied der Finanzwelt kann man einfach zusammenfassen: Wenn ihr uns zu stark reguliert, wird das globale Wachstum darunter leiden, weil unsere Innovationen verhindert werden.“
Lada-Hersteller macht Rekordverlust
Der russische Lada-Hersteller WAZ gehört zu den Top-5 Autokonzernen der Welt, zumindest was die Verluste angeht, spottet Vedomosti. Laut aktuellem Geschäftsbericht habe der Konzern im vergangenen Jahr rund eine Milliarde Dollar Verlust erwirtschaftet. Die kürzlich gewährte Staatshilfe sei etwa genauso hoch gewesen und werde nicht lange reichen. „Ohne sie wäre der Autobauer ohnehin pleite“, meint das Blatt. Im laufenden Jahr sei die Lage noch ernster. Der Absatz sei fast um die Hälfte eingebrochen. Der Verlust im ersten Halbjahr habe bei 330 Millionen Dollar gelegen. Das Management des Konzerns wolle offenbar um weitere Unterstützung vom Staat bitten. „Die Regierung wird das Unternehmen kaum in die Insolvenz schicken“, zitiert die Zeitung einen Analysten. Putins Sprecher habe sich dagegen eher zurückhaltend über weitere Hilfen für WAZ geäußert.
Australischer Wein auf dem Weg nach China
Der australische Business Spectator freut sich über den Erfolg von kleineren australischen Weinproduzenten. Die Riesen Foster’s und Constellation seien jüngst ins Straucheln gekommen, während mittelständische Familienunternehmen wie Brown Brothers, die das Weingeschäft schon lange kannten, immer höhere Umsätze erwirtschafteten. Brown Brothers blicke besonders hoffnungsvoll auf den chinesischen Markt: Die jungen Chinesen zögen Weißwein dem Bier vor, seien bisher aber nicht gut in der Weinherstellung gewesen. In fünf Jahren, so der Ausblick, könnte China und insbesondere Schanghai einer der Hauptabsatzmärkte für australischen Wein werden.
Pharma statt IT in Indien
In der Pharmaindustrie liegt Indiens Zukunft und nicht mehr in der IT-Branche, meint der Business Standard. Indische Pharmaunternehmen wie Wockhardt und Dr Reddy’s hätten bereits in Europa und in den USA investiert. Dabei verfolgten die Unternehmen zwei Wege: neben der Expansion ins Ausland würden neue Partnerschaften mit multinationalen Pharmaunternehmen geschlossen, die originäre Forschung betrieben. Dabei könnte zwar das bisher nicht so streng überwachte Patentrecht zum Hindernis werden. Aber wenn einmal ernsthaft in die Erfindung neuer Medikamente investiert werde, gebe es kein Halten mehr, denn es gebe sehr viele talentierte, qualifizierte Menschen in Indien. Zudem komme das Interesse an billigen Produkten in Zeiten der Krise dem indischen Markt entgegen, versichert der Business Standard.
Fundstück: Möchtegern-Bekenntnisse von Mrs. Madoff
Der Fall Madoff beschäftigt weiter die Medien. Ruth Madoff habe sich vor Gericht nicht geschickt verhalten, so Forbes: keine Entschuldigung, angeblich nichts gewusst. Also setzt das Wirtschaftsmagazin für Mrs. Madoff eine alternative Aussage auf: “Die Juwelen, die Kleider, die Parties, das Haus in Palm Beach – das war alles toll. Und als die Alarmglocken schrillten? Naja, ich habe, ehrlich gesagt, keinen Grund gefunden, mich damit zu beschäftigen. (…) Eine Sache bereue ich wirklich: Dass mein Mann die Reichen bestohlen hat. Hätte er die Armen bestohlen wie jeder respektable Raubritter, dann wären wir heute Volkshelden, und alle Frisöre in der Stadt würden sich gegenseitig die Augen auskratzen, um meine Haare mit Peroxid aufhellen zu dürfen.”
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