Kredit-Zwang: Ein Akt schierer Verzweiflung

Die internationale Wirtschaftspresse bezieht Stellung zu den von deutschen Politikern erhobenen Vorwürfen, die Banken würden zu wenig Kredite bereit stellen. Die Financial Post warnt vor der Europäisierung der US-Wirtschaftspolitik. Les Echos beklagt die zerrüttete Ehe zwischen Frankreich und Deutschland. Fundstück: Feminine Männer ruinieren Japans Wirtschaft.

Die von deutschen Politikern erhobenen Vorwürfe an die Banken, sie würden ihrer Verantwortung nicht nachkommen und die Realwirtschaft nur unzureichend mit Krediten versorgen, weist die Financial Times zurück: “Die Drohungen sind nicht nachvollziehbar und zeugen von schierer Verzweiflung: Sie sind komplette Zeitverschwendung, denn tatsächlich verhalten sich gerade die Banken verantwortungsvoll, wenn sie Kunden Kredite verweigern, die nach ihrer Einschätzung jede Kreditwürdigkeit verloren haben.” Das Bankengeschäft sei inhärent pro-zyklisch, deshalb sei es ja gerade so wichtig, die Gesundheit des Bankensektors wieder herzustellen, um die Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung zu schaffen. “Liquiditätsspritzen der Zentralbank in einer kurzen Zeitperiode allein helfen da nicht, wenn das eigentliche Problem im Mangel an Bonität besteht. Genauso wenig wie Buchungstricks, die Banken erlauben, ihre faulen Anlagen in ?bad banks? zu schieben, wie jetzt von der deutschen Regierung per Gesetz ermöglicht.” Europas Problem sei vielmehr struktureller Natur, das einer Vielzahl an unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Ansätzen bedürfe. Die Eurozone werde letztlich durch einen politischen Rahmenkonstruktion bestimmt, die sich in der Krise als untauglich erwiesen habe. Es bedürfe nun einer gemeinsamen, entschlossen Strategie für ein Bankensystem.

Das manager magazin hat sich mit einem Bankenexperten über die Gefahr einer “Kreditklemme” unterhalten: “Ich halte die Vorwürfe im Kern für berechtigt. Die Banken nutzen das billige Geld, das sie bekommen, um es möglichst sicher anzulegen, und die Zinsdifferenz streichen die Institute ein. Statt die Wirtschaft ausreichend mit Kredit zu angemessenen Konditionen zu versorgen, schrauben sie die Kreditzinsen für die Firmen in die Höhe oder verweigern ihnen sogar das Darlehen”, meint dieser. Die Forderung an Finanzinstitute, einen größeren Beitrag zur konjunkturellen Belebung zu leisten und mehr Verantwortung zu übernehmen, sei daher gerechtfertigt. Gleichwohl solle man sich davor hüten, alle Geldinstitute über einen Kamm zu scheren.

Krisenbewältigung mit Aid for Trade

In Vorbereitung auf das Gipfeltreffen der G8-Staaten im italienischen l’Aquila appelliert das Wall Street Journal an die Vertreter dieser Staaten, den Handel in den Entwicklungsländern weiter zu fördern und bisherige Hilfszahlungen trotz Krise nicht auszusetzen. “Die Geschichte hat gezeigt, dass kein armes Land je reich geworden ist ohne Handel. Und die jüngsten Erfolgsgeschichten – Singapur, Südkorea, Chile, China und Malaysia – unterstreichen, dass der Zuwachs an Bruttoinlandsprodukt nur durch eine offene Handelspolitik möglich war.” Vor vier Jahren habe die Welthandelsorganisation das Projekt Aid for Trade ins Leben gerufen, um in solchen Ländern die Grundlagen für Handel – Infrastruktur, Ausbildung – zu schaffen. “Die WHO wird dieses Projekt nicht allein zum Erfolg führen können. Wir alle müssen uns als Koordinatoren betrachten und Partner der finanzierenden Institutionen wie z. B. die globalen und regionalen Entwicklungsbanken sein.” Die G8-Staaten müssten realisieren, dass Aid for Trade Teil der kollektiven Antwort auf die aktuelle Krise sei. “Wir müssen sicher stellen, dass die Entwicklungsländer ihre Wirtschaftsschwierigkeiten überwinden. Das erwartet die Menschheit heute von uns.”

Europas schlechtes Vorbild

Vor der “Europäisierung” des nordamerikanischen Arbeitsmarktes warnt die Financial Post aus Kanada. “Jede Rezession zieht die Sorge hoher Arbeitslosenquoten nach sich, und jedes Mal hat sie sich als unbegründet erwiesen. So lag die Rate 1982 in den USA bei 10,8 Prozent, sechs Monate später sah es schon wieder anders aus.” Grund: Man habe damals die Märkte sich selbst erholen lassen. Nun aber herrschten andere Bedingungen: “Unter US-Präsident Barack Obama ist die Europäisierung der amerikanischen Wirtschaft in vollem Gang, ihm zur Seite stehen linke Speerträger wie Joseph Stiglitz, die das soziale Modell in Europa favorisieren.” Sie politisierten das Finanzsystem, übernahmen die Autoindustrie, bestimmten über den Energiesektor und das Gesundheitswesen und hätten inzwischen 60 Prozent der US-Wirtschaft mehr oder weniger unter ihrer Kontrolle. Die Folge: Mindestlöhne sollen steigen, die Gewerkschaften gestärkt und die freien Märkte beschränkt werden. Dabei zeige doch gerade Europa, wie Interventionismus und soziale Wirtschaftsmodelle die Wirtschaft behindern und lähmen. “1982 entließ Ronald Reagan streikende Fluglotsen, eine unmissverständliche Botschaft an die Gewerkschaften. Die Arbeitslosenquote sank von 10,8 nach anderthalb Jahren auf 7,7 Prozent. Wie stehen wohl die Chancen, dass sich ein derartiger Aufschwung wiederholt, unter Obamas Hang zur Europäisierung?”

Russland entdeckt die Autoindustrie

Einen neuen strategischen Plan für die Entwicklung der russischen Industrie macht Report on Business in der Bewerbung der vom Kreml kontrollierten Sberbank um Opel – in Kooperation mit Magna – aus. “Als Russland 2006 Anteile an EADS übernahm, schrillten in Deutschland und Frankreich die Alarmglocken: Auf keinen Fall brauche das Unternehmen einen russischen Partner. Wie sich die Zeiten ändern: Heute ist eine russische Bank willkommen, um einen europäischen Autobauer zu retten”, kommentiert das kanadische Wirtschaftsportal. Gründe dafür könnten in dem Versuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel liegen, es sich nicht mit dem so wichtigen Gaslieferanten zu verscherzen. Russland dagegen signalisiere, dass in dem Land genügend Kapital liege, das auch im Ausland gewinnbringend investiert werden kann. “Auch ist es erklärtes Ziel, die russische Wirtschaft unabhängiger von Erdöl und Erdgas zu machen. Insider gehen davon aus, das weitere Deals mit russischer Beteiligung anstehen. Die Krise in Europa macht viele Unternehmen attraktiv und preiswert.” Und schließlich gehöre die Automobilindustrie zu jenen, die viele Arbeitsplätze bringen und sichern. Mit Opel bekäme Russland eine “richtig gute” Marke, deren Autos sich Russen mit mittlerem oder niedrigen Einkommen leisten könnten. Opel-Autos in Russland zu bauen, würde zudem die dortige Industrie modernisieren und effektivieren.

Eheprobleme zwischen Frankreich und Deutschland

“Auf Wiedersehen, Deutschland”, ruft Les Echos seinen Nachbarn über die französisch-deutsche Grenze zu. Denn die Umarmungen zwischen Nicolas Sarkozy und Angela Merkel könnten nicht darüber hinweg täuschen, dass sich das “Paar” auseinander bewege, sowohl wirtschafts- als auch finanzpolitisch. “Als Sarkozy vorschlug, europäische Banken zu retten, gab ihm Angela Merkel einen Korb – nur um am selben Abend, angesichts des Kollapses einer deutschen Bank, ein Rettungspaket in Aussicht zu stellen.” Heute stünden die französischen Banken recht solide da, die deutschen seien immer noch im Besorgnis erregenden Zustand. “Der Zusammenbruch einer deutschen Landesbank könnte Europa zurückwerfen in die Rezession, doch Merkel wehrt sich gegen eine Koordination der Finanzpolitik.” Ein weiteres Thema: Frankreich gehe kühn mit seinen Schulden um und würde die Inflation gern nutzen, um diese abzubauen; Deutschland beschließe dagegen ein Gesetz, nach dem nur ein bestimmtes Defizit pro Wirtschaftszyklus erlaubt sei. Keiner der beiden nehme zu der zunehmenden Entfremdung Stellung, Funkstille auf beiden Seiten. “Es ist wie die Entzweiung zwischen den USA und China, wenn auch in kleinerem Maße.” Am Ende könne es so aussehen, das Frankreich konsumiere, und Deutschland eisern spare. “Das wäre eine neue Bedeutung für den oft zitierten Satz: Die Deutschen zahlen.” Der Egoismus auf beiden Seiten werde aber die Ehe unweigerlich zerstören.

Fundstück: Feminine Männer ruinieren Japans Wirtschaft

Die Folgen gesellschaftlicher und sozialer Veränderungen auf die Wirtschaft untersucht die Business Times aus Singapur am Beispiel Japans: Die Lebensweise vieler junger japanischer Männer sei womöglich ein Grund zur Besorgnis über die künftige wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Anders als ihre Väter oder Großväter seien die 20- bis 34-jährigen kaum interessiert an Karriere, Arbeit oder traditionellem Familienleben, dafür aber an Mode und Kosmetik. Man könne inzwischen von einer “Feminisation” der betreffenden Männer sprechen, da sie sich an weiblichen Verhaltensmustern orientierten und als “Herbivores” (Pflanzenfresser) bezeichnet würden. “Vielleicht rebellieren sie damit gegen das arbeitsreiche Leben ihrer Väter, oder verleihen ihrer Desillusionierung Ausdruck.” Denn Japans Wirtschaftssystem biete weniger Sicherheiten und kaum noch lebenslange Anstellungen. 40 Prozent der japanischen Erwerbstätigen seien unregelmäßige Jobber. Der Verschuldungsgrad des Landes bewege sich auf 200 Prozent. “Japan könnte gar kurz vor der eigenen Subprime-Krise stehen.” Die japanische Regierung müsse sich auf die Entwicklungen der Gesellschaft einstellen und Sicherheiten bieten.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn.

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