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Quelle – Der Name war und ist Programm. Ein Traditionshaus mit vielen Facetten, das Versandhaus feierte 2007 sein 80jähriges Firmenjubiläum – und steht heute kurz vor dem Aus. Mit einem 50 Millionen-Staatskredit konnte Ende Juni 2009 die Insolvenz vorläufig abgewendet werden. Es ist ein Aufschub, noch keine Rettung … ecolot.de bringt in 4 Teilen einen Rückblick auf die Unternehmensgeschichte, Auszüge aus dem Buch „Die Quelle Story – Ein Unternehmen im Spiegel der Zeit“ von Rüdiger Dingemann und Renate Lüdde. Teil 3: Im Wandel der Märkte.

Im Wandel der Märkte

Ende der 20er Jahre hatte sich Dank eines bescheidenen Wirtschaftsaufschwungs durch ausländische Investitionen und Kredite der deutsche Arbeitsmarkt etwas entspannt: Die Arbeitslosenzahlen war um ein Drittel zurückgegangen. Nach den Jahren des Mangels gab es einen gewissen Nachholbedarf vor allem in den Dingen des alltäglichen Bedarfs. Neben Textilien und Material zum Nähen oder Stricken waren es Körperpflegeartikel, Haus- und Gartenwerkzeuge und dergleichen mehr. Mit diesen als Kurz-, Woll-, Weiß- und Hartwaren bezeichneten Dingen kannte sich Gustav Schickedanz aus.

Die Gewinne der Quelle waren in den Anfangsjahren gering. Im Angebot fanden sich zum Beispiel ein Meter Nessel für neun, ein Meter Weißware für 18 Pfennige. Um selbst die eigenen Preise niedrig zu gestalten, zahlte die junge Firma die Lieferanten bar, um günstige Rabatte zu erhalten.

Ein Renner war die kurz zuvor erworbene eigene Handelsmarke „Dukatenwolle“. Das übrige Angebot reichte von Mützen über Krawatten und Oberhemden bis zu Strümpfen und Hosen. Auf- bzw. Zukäufe von Sonderposten ermöglichten es, das Quelle-Angebot so preisgünstig zu gestalten, dass es selbst für Arbeitslose erschwinglich war.

Zu dieser Zeit betrug der durchschnittliche Nettoverdienst 129 Reichsmark! Ein Pfund (500 Gramm) Schweinefleisch kostete um die 90 Pfennig, ein Pfund Margarine 80 Pfennig, ein Pfund Brot 30 Pfennig und ein Kilo Kartoffeln bis zu 12 Pfennig. Nach den schwierigen Inflationsjahren zu Beginn der zwanziger Jahre waren seit 1924 stabilere Verhältnisse eingekehrt. Es waren jedoch nur insgesamt fünf Milliarden Reichsmark im Umlauf. Im Deutschen Reich lebten etwa 62,5 Millionen Menschen, davon 60 Millionen in 14,5 Millionen Haushalten.

Die Gesellschaft war in Familienverbänden strukturiert. Das hatte nicht nur sozialpolitische, sondern auch ökonomische Konsequenzen. Der Mehrpersonenhaushalt war deshalb auch in der Ausrichtung des Warensortiments eines Versandhauses von entscheidender Bedeutung: Nicht nur für jeden Geldbeutel und jeden Geschmack musste etwas dabei sein, sondern auch für jedes Familienmitglied – vom Kleinkind bis zu den Großeltern. So war von Anfang an Gustav Schickedanz’ Maxime eine durchgängig an der Qualität orientierte verbraucherfreundliche Preispolitik für die breite Masse.

Um sich einen Kundenstamm aufzubauen, brauchte Gustav Schickedanz Adressen. Er schaltete Anzeigen, verschenkte Seife und Hosenträger, um neue Kunden zu gewinnen. Bisher waren die Einzelhändler über Preislisten informiert worden: Einige Artikel wurden zur besseren Anschauung gezeichnet und das Angebot auf einfachem Papier vervielfältigt.

Preislisten wurden nun auch an Endkunden verschickt, die über Kleinanzeigen gewonnen wurden. Auch Adressen von Kundenkarteien in Konkurs geratener Firmen wurden übernommen. Eine der ersten großen Akquiseaktionen war in der katholischen Monatsillustrierten „Stadt Gottes“ mit einer Auflage von 500.000 Exemplaren gestartet worden. Sie wurde vor allem in den Gebieten der Diaspora wie in Ost- und Westpreußen, Pommern und Mark Brandenburg gelesen.

Mit Adressen allein war es jedoch nicht getan. Von Jahr zu Jahr wurde das Sortiment erweitert. „Die Idee kam vom Kunden“, formulierte es der Quelle-Gründer einmal, um auch die enge Kundenanbindung zu unterstreichen. Stets war es ihm wichtig, das Angebot nach dem Bedarf seiner Kunden auszurichten: Denn das „Programm muss stimmen“ und sein Warenangebot sollte die vier wichtigsten Lebensbereiche abdecken. Familie und Haushalt, Arbeit und Feizeit. Darüber hinaus sollte es eine reichhaltige Auswahl an Grundbedarfsartikeln geben – für jeden Geldbeutel und jeden Geschmack musste etwas dabei sein. Der Nutzen und der Wert eines Artikels – Praktisch, gut und preiswert– erleichterten dem Kunden die Kaufentscheidung.

Schickedanz konzentrierte sich ganz bewusst nicht nur auf die zahlungskräftige Mittelschicht, wie es die bisherigen Spezialversender taten, sondern sprach die niedrigen Einkommensschichten in Stadt, aber vor allem auf dem Land an. Als Zielgruppe sah er von Anfang an den Massenmarkt. Eine besondere Bedeutung bekamen dabei ländliche Gegenden mit nicht ausgebauter Infrastruktur. Nicht in jedem Ort, nicht in jedem Dorf gab es ein Ladengeschäft, das die Vielfalt des Fürther Universalversenders anbieten konnte. Das konnten im wesentlichen nur Warenhäuser in größeren Städten und Metropolen, die ein ähnlich reichhaltiges Sortiment unter einem Dach bereit hielten.

Die Qualität, der günstige Preis, die prompte Lieferung und das vielfältige und immer größer werdende Sortimentsangebot waren das Eine. Das Andere war der Versuch der Bildung einer wie auch immer gearteten „Quelle-Familie“. Dazu dienten die seit den dreißiger Jahren herausgegebenen „Quelle-Jahrbücher“. Sie ersetzten nicht die Preislisten oder späteren Kataloge, sondern sie waren in geradezu volksbildnerischer Absicht publizierte Kalender, eine Anthologie verschiedenster Textsorten, vergleichbar mit den „Westermanns Monatsheften“. Sie enthielten neben einem Kalendarium mit Bauernkalender, auch praktische Tipps, wie z.B. Wollsachen gewaschen werden, lexikalische Erläuterungen zu Textilien, zur Mode, Gartentipps, Cartoons, Anekdoten, unterhaltsame Erzählungen, etc. Die Jahrbücher waren auch Werbeträger. Kundenbriefe und Anekdoten zufriedener Kunden wurden abgedruckt. Die Jahrbücher enthielten Lesestoff für die ganze Familie. Der Katalog hingegen war eine Art Illustriertenersatz. 1966 erschien das letzte Quelle-Jahrbuch.

In bedrängter Zeit

1932 arbeiteten inzwischen über 100 Mitarbeiter im Versandhandel von Gustav Schickedanz, der auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten weiter expandierte. Dieser anhaltende Erfolg war zunächst durch die Wirtschaftspolitik der neuen Machthaber bedroht. Warenhäuser, der Versandhandel inbegriffen, wurden als “jüdisch beherrschte Niedrigpreispolitik” betrachtet, der den deutschen Einzelhandel gefährdete.

Gustav Schickedanz schien diese Entwicklung geahnt zu haben; die nationalsozialistischen Ideen waren ja unüberhörbar seit dem Ende der Zwanziger Jahren in den Wahlkämpfen auf den Straßen, Sälen und in der Presse propagiert worden.

Am 1. November 1932 machte Gustav Schickedanz einen Schritt, der ihn später, wenn auch nur für drei Jahre, zum Verhängnis werden sollte. Er trat in die NSDAP ein, nicht aus ideologischen Gründen, wohl aber aus opportunistischen: Er sah in der Partei Hitlers keine politische Gefahr, sondern eine Gefahr für sein Geschäft, wie es später zu seiner Rechtfertigung hieß. So ist wohl auch sein Amt als Ratsherr im Fürther Stadtrat zu erklären, das er seit 1935 bekleidete, und zu dem er als bedeutender Unternehmer der Stadt vom damaligen Bürgermeister überredet worden war.

1918/19 war der junge Gustav Schickedanz, kurz bevor er Angestellter in der „Kurzwarenhandlung en gros Otto Lennert“ wurde, schon einmal in seiner Heimatstadt politisch aktiv gewesen und kurzzeitig Mitglied im Fürther Arbeiter- und Soldatenrat. Seit der Novemberrevolution hatte es diese Organe der Selbstverwaltung in vielen deutschen Städten gegeben. Dieser Umstand, um den er und auch andere nie viel Aufhebens gemacht hatten, veranlasste ihn als stadtbekannte Persönlichkeit seine NSDAP-Mitgliedschaft zunächst zu verschweigen, um sich nicht großartig rechtfertigen zu müssen. Er zahlte auch bis 1934 keine Mitgliedsbeiträge an die Partei.

Der Quelle-Gründer hatte sich während des Dritten Reiches mit dem Regime arrangiert und ließ der Partei auch Spenden zukommen. Trotz allem geriet er 1939 parteiintern in Schwierigkeiten. Neider verleumdeten ihn und unterstellten, er habe beim „Übernahmekampf“, dem erzwungenen Verkauf bzw. „Arisierung“ der Brauerei Mailaender, versucht, sich Vorteile zu verschaffen. Darüber hinaus war er vom Fürther Bürgermeister gedrängt worden, einen Saalbau für 4000 Personen zu errichten, wenn er die Brauerei übernehmen wolle. Gustav Schickedanz antwortete darauf, dass er „keinen Geldscheißer“ habe und verzichtete auf den Erwerb der Brauerei.

Seit Beginn seines Versandhandels hatte der Quelle-Chef immer wieder nach neuen Geschäftsfeldern und Möglichkeiten gesucht, nicht nur sein Sortiment zu erweitern, sondern auch die Waren und Artikel unter eigener Regie herzustellen. Das Versandhaus entwickelte sich zu einem Handels- und Produktionsunternehmen.

Die Übernahmen der Vereinigten Papierwerke in Nürnberg und Heroldsberg mit der berühmten Marke „Tempo“-Papiertaschentücher wie „Camelia“-Frauenhygenieartikel und Bettfedernfabrik Baum & Mossbacher in Frankfurt (jeweils 1935) sowie der Fürther Brauerei Geismann, die Papierfabrik M. Ellern in Forchheim und Stadtsteinach (jeweils 1936) und 1938 die Ignaz Mayer Weberei-Fabrikate in Nürnberg sowie in den Jahren der Aufkauf von verschiedenen Grundstücken in Fürth gaben zwar Anlass zu spekulativen Unterstellungen, dass es bei dem Erwerb nicht immer mit rechten Dingen zu gegangen sein soll. Doch diese Gerüchte bewahrheiteten sich nicht. Es gab keine unrechtmäßige politische Mitwirkung. Der Preis zum Beispiel für die zuvor in jüdischem Besitz befindliche Papierfabrik lag über dem geschätzten Durchschnittswert und war schon vor 1933 ausgehandelt worden.

Zu Beginn der 30er Jahre gab es in Deutschland über 100 000 jüdische Geschäfte und Unternehmen. Seit der Machtübernahme Adolf Hitlers wurden diese boykotiert, später „arisiert“. 1935 gab es nur noch etwa 85.000 jüdische Betriebe, Ende 1937 hatten bereits zwei Drittel aufgegeben und ihre Inhaber, vor allem Einzelhändler, waren größtenteils emigriert. Nur für die konjunkturelle Entwicklung wichtige Großbetriebe blieben bis 1938 in jüdischem Besitz.

Die Zerstörung jüdischer Geschäfte und Synagogen in der Pogromnacht vom 9. November 1938, von den Nazis als „Reichskristallnacht“ bezeichnet, war der vorläufige Höhepunkt der antisemitischen Hetze. Am 12. November folgte die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ und die Forderung nach so genannten „Sühneleistungen“, die Juden zur Abgabe eines Viertels ihres Vermögens zwangen. An der Arisierung jüdischer Betriebe waren in der Regel die Banken beteiligt. Der Staat hatte die niedrigen Verkaufswerte (häufig nur ein Bruchteil des Verkehrswertes) festgelegt; die Erlöse mussten auf Sperrkonten eingezahlt werden und waren nur in eingeschränktem Maße für die Besitzer verfügbar, wenn sie überhaupt noch in Deutschland waren bzw. sich frei bewegen konnten, bis die verbrecherische Maschinerie des Holocaust Millionen Menschen in den Konzentrationslagern ermordete.

Wie alle Deutschen, die Mitglied der NSDAP waren, so musste sich auch Gustav Schickedanz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen. Sein Unternehmen hatte nicht für die Rüstungsindustrie gearbeitet, musste aber während des Krieges Produktionsauflagen „erfüllen“, die darin bestanden, dass die Vereinigten Papierwerke Verbandswatte herstellten, und in der Wäschefabrik Unterwäsche für Soldaten, Windblusen und Drillichanzüge gefertigt wurden. Man erteilte dem Quelle-Gründer drei Jahre Berufsverbot, in einer Zeit, wo es um den Wiederaufbau nicht nur seines Unternehmens ging.

Im Krieg waren große Teile der Betriebs- und Vertriebsgebäude sowie die Adressenkartei vernichtet worden. In Zeiten der großen Not wollten die Leute wieder günstig einkaufen und schrieben nach Fürth an „ihre“ Quelle, die hoffentlich nicht versiegt war. Die noch bestehenden Betriebsgebäude und Reste der Kundenkartei waren beschlagnahmt; ebenfalls die Privathäuser der Familie Schickedanz in Fürth-Dambach und Hersbruck. Die Militärregierung verwaltete treuhänderisch das Versandhaus und die Papierwerke, die weiter arbeiten konnten. Quelle hatte die Auflage bekommen, Flüchtlinge und Ausgebombte mit dem Notwendigsten zu versorgen.

Grete Schickedanz

Seit 1946 betrieb Grete Schickedanz (Foto mit Kanzler Kohl 1992 bei der Grundsteinlegung des Versandhauszentrums Leipzig) mit Genehmigung der US-Besatzer ein kleines Textilgeschäft in Hersbruck. Sie fuhr über Land, um Stoffe, Wollreste und sonst verwertbare Gegenstände einzukaufen.

Mit der Währungsreform am 21. Juni 1948 begann eine neue Zeitrechnung. Über Kleinanzeigen und 10 000 vierseitige Prospekte sollten Kunden geworben werden. Das Angebot war noch klein, was fehlte, war die Wolle. Wie schon seit 1938 firmierte das Versandhaus Quelle mit dem Zusatz „Liesl Kießling & Co.“. Im April 1949 erhielt Gustav Schickedanz die volle Verfügungsgewalt über sein Versandhaus zurück. Grete Schickedanz übergab das Hersbrucker Geschäft in die Hände von Mitarbeiterinnen und kehrte mit ihrem Mann zur Quelle nach Fürth zurück.

Sie kümmerte sich um den Einkauf und die Preislisten, die wieder unter dem Namen „Neueste Quelle Nachrichten“ erschienen. Bald gab es auch wieder die Dukatenwolle, einfache Kleider, Haushalts- und Toilettenartikel sowie preiswerten Schmuck.

Erster Teil: Soviel Anfang war nie

Zweiter Teil: Eine Erfolgsstory

Vierter Teil: Erst mal seh’n, was die Quelle hat

QuelleRüdiger Dingemann und Renate Lüdde
Die Quelle-Story
Ein deutsches Unternehmen im Spiegel der Zeit
Bucher 2007

Die Quelle-Geschichte kann hier gekauft werden

Hier ein Blick ins Buch

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