Peter Zudeick war Polizist, ist Doktor der Philosophie, Journalist, Autor, laut taz der beste Satiriker in diesem Land (hier seine tatsächlich genialen Wochenrückblicke auf WDR 5) – und hat ein Buch über die Finanzkrise geschrieben: „Tschüss, Ihr da oben“ (Westend-Verlag), aus dem ecolot.de bereits einen Auszug gebracht hat. Im Interview erklärt der Journalist, warum er von Bettina Röhl nicht viel hält, wieso die Deutschen so gelassen auf die Krise reagieren und weshalb die Linken so schwach sind.
Marx war schlimmer als Madoff, hat Bettina Röhl unlängst in der Welt geschrieben. D’accord?
Wie üblich weiß ich nicht, wovon Bettina Röhl redet. Ist die lebenslange Beschäftigung mit der Kritik der politischen Ökonomie “schlimmer” als die betrügerische Ausnutzung der Fallgruben des Kapitalismus zum Schaden von dumm-gierigen Anlegern? Oder hat Frau Röhl weder Marx gelesen noch den Kapitalismus verstanden?
Autorinnen wie Claudia Kemfert glauben, dass jetzt angesichts der globalen Krise drei Krisen mit einer Klappe geschlagen werden könnten – Wirtschafts-, Energie- und Klimakrise. Wie optimistisch sind Sie?
Es ist das alte Lied: Wenn wir nicht bereit sind, das Kern- und Kardinalproblem anzugehen, passiert überhaupt nichts. Will sagen: Solange das Grundprinzip des Kapitalismus (höchstmögliche Rendite fürdas Kapital, Kapital muss immer mehr Kapital erzeugen) das Grundprinzip von Wirtschaft und Gesellschaft bleibt, wird sich, ja kann sich nichts ändern. Allenfalls können die schlimmsten Schäden des Systems durch staatliches Handeln aufgefangen werden – diesem Prozess dürfen wir zur Zeit mal wieder beiwohnen.
Warum stellen trotz der Krise des Kapitalismus in der Bevölkerung so wenige Menschen die Systemfrage?
Wohl vor allem deshalb, weil ihnen lange genug – und immer noch – vorgegaukelt wird, dass Kapitalismus und Demokratie sowas wie siamesische Zwillinge sind, dass also unser ganzes “westliches Wertesystem” in Frage gestellt wird, wenn die Systemfrage gestellt wird. Da hat jahrzehntelange Indoktrination allerbeste Arbeit geleistet.
In Frankreich gab es immerhin Manager-Kidnapping durch die Arbeiterschaft. Warum sind die Deutschen so gelassen?
Sind sie tatsächlich “gelassen”? Mir scheint vielmehr, dass da viel Wut ist, ein lähmendes Gefühl der Ohnmacht, dass sehr viele Menschen die Faust in der Tasche machen und darauf warten, daß sich etwas ändert. Weil vielen nicht klar ist, dass sich nichts ändert, wenn sie es nicht ändern. Was unter anderem am jahrzehntelangen Erfolg des Eiapopeia der “Sozialpartnerschaft” liegt. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass ihre Interessen delegiert sind – an Parlamente, Verbände, Gewerkschaften-, und dass die Basis gefälligst Ruhe zu halten hat, bis sich alles wieder eingerenkt hat. Dass ohne die Basis gar nichts geht und dass das “Argument der Straße” ein großes Gewicht haben kann, das weiß man in Frankreich eben besser als in Deutschland.
Warum geht die Linken offenbar trotz der traditionell linken Themen wie Gerechtigkeit, die aktuell hoch im Kurs sind, nicht gestärkt aus der Krise hervor?
Krise macht in erster Linie Angst. Wer Angst hat, hält sich gerne an das – vermeintlich – Bewährte und macht ungerne Experimente. Dazu kommt, dass das inhaltliche Angebot der Partei “Die Linke” nun auch nicht besonders überzeugend ist. Dass aber ausgerechnet die FDP als Partei des Turbokapitalismus von der Krise profitiert (zumindest in den Umfragen), gehört zu den besonderen Verrücktheiten in diesen verrückten Zeiten.
„Am Ende fand ich Weltverbesserer immer sympathischer als Weltverschlechterer“, schreiben Sie am Ende Ihres Buches. Wie passt diese Haltung – also ihre humanistische Haltung – zu ihren mitunter zynischen Wochenrückblicken?
Mit Verlaub: Meine Wochenrückblicke sind nicht zynisch (hoffentlich nicht einmal “mitunter”). Ein Zyniker hat mit der Welt abgeschlossen, der erwartet nichts mehr, der ätzt nur noch. Anders der Satiriker: “Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.” So hat Kurt Tucholsky das gesehen, ähnlich Erich Kästner, und so sehe ich das auch. Ich verstehe mich als “Anrenner”. Merke: Auch bei den Vorbildern muss man so anspruchsvoll sein, wie es gerade noch zu ertragen ist.
Peter Zudeick: Tschüss, Ihr da oben: vom baldigen Ende des Kapitalismus.
Westend-Verlag 2009, 16,95 Euro



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