Die internationale Wirtschaftspresse warnt vor der Einflusseinnahme von Politikern und anderen „Rettern“ in die globale Automobilindustrie am Beispiel von Opel und der US-Abwrackprämie. Laut Economist kränkelt Deutschland bald erheblich. L’Expansion sieht Amazon nach der vergangenen, schwarzen Woche nicht geschwächt. Fundstück: Die Krise verfolgt die Menschen bis ins Grab.
Einen radikalen Wandel prognostiziert die Financial Post aus Kanada der globalen Automobilindustrie: “Am Ende werden ein Dutzend geopolitische Koalitionen stehen, die politische und wirtschaftliche Ziele auf ihrer Agenda haben.” Beispiele seien die Verhandlungen um Chrysler und Opel. Bei Chrysler habe Fiat einen Teil übernehmen können – u. a. dank der Zustimmung der amerikanischen und der kanadischen Regierung. Bei Opel in Deutschland sei der kanadische Autoteilezulieferer Magna im Rennen, in Kooperation mit Russland – ein Land, das in Deutschland seit der Politikerfreundschaft zwischen Wladimir Putin und Gerhard Schröder wachsende Akzeptanz genieße. Zudem habe nun ein Konsortium aus Belgiern, Amerikanern und Japanern Interesse bekundet. “Autos sind nicht mehr länger das große Geschäft, bei dem ausschließlich große Konzerne mitmischen. Die Sieger in den aktuellen Schlachten um Marken wie Opel müssen künftig in der Lage sein, multilaterale Partnerschaften zu kreieren und zu managen, bei denen alle eine Rolle spielen: Arbeiter, Politiker, Behördenleiter und Investoren.”
“Wer solche Retter hat, braucht keine Feinde mehr”, meint die Financial Times Deutschland zu den Entwicklungen bei Opel. Bei dem Autobauer werde immer offensichtlicher, dass “einige, die sich die Erhaltung des Unternehmens auf die Fahnen geschrieben haben, entweder andere Interessen verfolgen – Wahlkampf! – oder aber weitgehend ahnungslos sind.” Zum Beispiel Opel-Betriebsratschef Klaus Franz, der sich in Verschwörungstheorien ergehe und das Bundeswirtschaftsministerium für ein Gutachten kritisiere, das allen drei Opel-Bietern vernichtende Zeugnisse ausstellt. “Franz zeigt, dass er noch nicht verstanden hat, wer die Opel-Rettung am Ende bezahlen muss, wenn er das Gutachten derart nonchalant zur Seite wischt.” Denn das sei der deutsche Steuerzahler, der im Fall Magna – dem einzigen Bieter, den Franz akzeptieren wolle – 4,5 Milliarden Euro hinblättern soll, die er vermutlich nie mehr wiedersehe.
Das Wall Street Journal geißelt die “Dummheit” amerikanischer Politiker bei der Konzeption der neuen Abwrackprämie für alte Autos, die nun auch in den USA eingeführt wurde: das eine Milliarde schwere “Cash for Clunkers”-Programm (“Kohle für alte Kisten”). “Das Programm soll die US-Autoindustrie unterstützen, obwohl bereits 100 Milliarden Dollar in GM, Chrysler & Co. gepumpt wurden.” Im Vergleich dazu sei eine Milliarde Dollar geradezu lächerlich und könne den Autoherstellern kaum helfen: Der Erwerb von rund 250.000 neuen Autos könne damit gefördert werden, das mache weniger als drei Prozent der US-Autoproduktion aus. Auch die Bedingungen zum Neukauf seien haarsträubend: “Um die Prämie zu bekommen, muss man ein Auto kaufen, das mindestens vier Meilen pro Gallone mehr schafft. Bei Geländewagen muss der Neuwagen nur eine Meile pro Gallone mehr schaffen!” Das Blatt empfiehlt, selbst unter www.cars.gov zu lesen, wie verworren das ganze Programm sei. “Aber bitte nicht weinen angesichts der Dummheit unserer Politiker. Man sollte über sich selbst weinen – weil man sie gewählt hat.”
Deutschland – der sorglose Patient der EU
Zu einem ernst zu nehmenden Patienten innerhalb der EU könnte sich Deutschland nach Auffassung des Economist entwicklen. Noch halte sich Wirtschaft und Finanz wacker, doch schon bald könnten Komplikationen auftreten. Akut in Gefahr sei der Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. “Viele dieser Firmen sind mit vollen Kassen in die Phase des Abschwungs eingetreten, sie hatten bislang keine Probleme, einen Kredit zu bekommen, weil sie gar keinen brauchten. Doch mit den sinkenden Exportzahlen könnte sich das rasch ändern.” Hinzu komme, dass der Mittelstand von ausländischen Banken hofiert worden sei, doch die hätten sich längst aus Deutschland zurückgezogen. Auch die Fusion von Commerzbank und Dresdner Bank stelle ein Problem dar, denn viele mittelständische Firmen seien bei diesen Banken Kunden. Weil die neue Bank aber ihre Kreditlinien verschlanke, stehen nun weniger Kredite zur Verfügung. Und schließlich sei da noch die geringe Kapitalisierung deutscher Banken, zu erwartende Verluste und mögliche Herabstufungen im Zuge von Basel II. Nach wie vor gehe Deutschland mit seinem Finanzsystem sorglos um, Insider kritisierten, dass deutsche Banken keinem Stress Test unterzogen worden seien, vermutlich, weil man Angst gehabt habe vor den Untersuchungsergebnissen. “Doch mit Ärzten wie diesen kann man für den Patienten nur noch beten.”
Amazon schwächelt, aber bleibt stark
“Muss man sich um Amazon nach der vergangenen, schwarzen Woche sorgen”, fragt L?Expansion aus Frankreich mit Blick auf die Kindle-Affäre, die wachsende Konkurrenz durch Barnes & Noble in Kooperation mit Google und den in Deutschland erhobenen Vorwurf, Amazon.de verkaufe antisemitische Literatur. Amazon-Boss Jeff Bezos habe so manche Entschuldigung vorbringen müssen, die Börse habe die Aktie abgestraft und die Investoren seien zu Recht verärgert. Doch letztlich sei das Unternehmen nicht in Gefahr: “Trotz globaler Krise hat Amazon seinen Umsatz um 14 Prozent auf 4,65 Milliarden Dollar gesteigert.” Die Diversifikation in andere Handelsbereiche laufe erfolgreich; so sei der Umsatz mit Elektronik und Produkten, die nicht zum traditionellen Buch- und CD-Bereich gehören, um 35 Prozent gewachsen. “Diese Strategie führt Amazon konsequent fort. Jüngstes Beispiel ist der Erwerb von Zappos, ein Internethändler für Mode und Schuhe.” In Frankreich habe Amazon eine Plattform zum Herunterladen von Musik gestartet, in den USA einen Dienstleister für Mobiltelefonnutzer. Und: “Amazon bleibt einer der hervorragend positionierten Akteure im Bereich Cloud Computing.”
Unwetterwarnung für den spanischen Tourismussektor
Wird der spanische Tourismus 2009 von einem “Gewittersturm” erfasst? Ja, befürchtet die Wirtschaftszeitung Expansión – und begründet ihre Annahme mit den schlechtesten Zahlen, die der spanische Tourismus je geschrieben habe. Die durchschnittliche Bettenauslastung der spanischen Hotels sei mit 54 Prozent auf einem Tiefpunkt angelangt. Zu keinem anderen Zeitpunkt seien Kreditklemme, Ungewissheit über die Zins- und Devisenentwicklung und fehlendes Vertrauen der Konsumenten derart dramatisch spürbar wie jetzt. Da sei es beruhigend, dass die spanischen Tourismusunternehmen weltweit für ihr gutes Management bekannt seien und dank der Reserven aus vergangenen, besseren Jahren auch diese Krise halbwegs überstehen dürften. Ein mögliches Problem sieht Expansión allerdings im drohenden Preiskampf der Hotels untereinander: Dieser schade nicht nur den Häusern selber, sondern bringe die gesamte Branche in Gefahr.
Hohe Lebensmittelpreise setzen Indern zu
Der Business Standard aus Indien sorgt sich um die Lebensmittelpreise im Land: “Die makro-ökonomische Preissituation gibt keinen Anlass zur Besorgnis, nur die Inflation, von der die Verbraucher direkt betroffen sind, ist ein Problem.” Die Lebensmittelpreise seien rasant in die Höhe geschnellt, im Großhandel seien die Preise für Getreide und Gemüse um bis zu 20 Prozent gestiegen. Das wirke sich auf das tägliche Leben aus, gerade die arme Bevölkerung gebe einen beträchtlichen Teil ihres monatlichen Budgets für Lebensmittel aus. Die Gründe seien vielfältig: So könnten die staatliche Preisstützung für Weizen und Reis und die Auflagen der Regierung für den Getreidehandel verantwortlich gemacht werden. Bei Hülsenfrüchten sei das Land stark vom Import abhängig, während die heimische Produktion stagniere. Gemüse oder Obst seien teuer, weil eine geeignete Infrastruktur mit Kühlhäusern oder Kühlfahrzeugen fehle. Nur eine vernünftige Preis- und Handelspolitik der Regierung könne die Lebensmittelpreisinflation eindämmen, fordert das Blatt.
Fundstück: Die Krise verfolgt die Menschen bis ins Grab
Eine ungewöhnliche Auswirkung der globalen Wirtschaftskrise beobachtet das kanadische Wirtschaftsportal La Presse Affaires in Kalifornien: Weil sich die Menschen dort selbst nicht mehr die Beerdigung ihrer Anverwandten leisten könnten, kämen die Leichenhäuser und das rechtsmedizinische Institut in Los Angeles an die Grenzen ihrer Kapazitäten. “Seit vielen Jahrzehnten gibt es den Trend zur Einäscherung, weil das preiswerter ist. Jetzt aber lassen Angehörige ihre Verstorbenen so lange wie möglich in Leichenhallen, weil ihnen offenbar selbst die Urnenbestattung zu teuer ist.” Und im rechtsmedizinischen Institut seien in den letzten zwölf Monaten so viele Einäscherungen vorgenommen worden wie noch nie zuvor: “Angehörige müssen sich spätestens einen Monat nach dem Tod ihres Verwandten melden, wenn sie diesen beerdigen wollen, nach Ablauf der Frist wird das Institut aktiv. Diese Frist lassen immer mehr Familien einfach verstreichen.” Das Institut konserviert die Asche zwei bis drei Jahre, danach werde sie in einem städtischen Graben ausgestreut. “Fordert die Familie die Herausgabe der Asche, wird eine Gebühr von 352 Dollar fällig.” Geld, das die wenigsten hätten. “Die Krise trifft eine wirklich große Anzahl von Menschen”, so das Fazit eines Institutssprechers.
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