Die wundersame Welt der Manager

decksteinSie habe das spannende Drehbuch zur Serie „Desperate CEO’s“ geschrieben, schrieb das Handelsblatt über „Klasse!“ von Dagmar Deckstein. In ihrem bei Murmann erschienen Buch gibt die Wirtschaftskorrespondentin der Süddeutschen einen Einblick in die wundersame Welt der Manager: Sieben hochrangige Bosse plus Coachs, Berater, Headhunter haben der Journalistin geantwortet, darunter der Rastlose, der angeschossene alte Hase, die Managerin im Männer-Rudel und ein junger Mister Wichtig-Wichtig. Alle bleiben anonym – die Voraussetzung dafür, dass dieses Buch so weit hinter die Kulissen blickt. Im Interview mit ecolot.de berichtet die Journalistin über ihre Recherche, erklärt, warum geldgetriebene Manager ausgedient haben und ein Ehrenkodex für Manager erforderlich ist.

Welche Erkenntnis aus Ihrem Buch hat Sie am meisten überrascht? Z.B. die ausgeprägte Stichelei gegenüber anderen Managern, aber mangelnde Selbstkritik der Manager?
Das auf jeden Fall. Darüberhinaus auch die sich verfestigende Erkenntnis, dass Manager keineswegs die ganze Macht und Gestaltungsfreiheit besitzen, um die Geschicke des ihnen anvertrauten Unternehmens zu bestimmen. In Wirklichkeit sind sie Getriebene des Systems, das ihren Aufstieg ermöglicht hat. Sie sind in
weiten Teilen fremdbestimmt. Dazu kommen nicht selten ihre Eitelkeiten und ihre persönliche Schwäche, die sie Selbstwertgefühl mit Position, Status und Geld verwechseln lässt. Und sehr erstaunlich fand ich auch, dass nicht wenige Vertreter der Spezies offenbar unter schweren Ängsten leiden, ihrer ohnehin nicht gerade ganz kleinen Vermögen verlustig zu gehen.

Sie haben den Managern teils sogar intimste Details entlockt – z.B. wie lange er nicht mehr mit seiner Frau geschlafen habe. Wie erklären Sie sich diesen Bekenntnisdrang? Liegt das an dem Vertrauen zu Ihnen oder an einem grundsätzlich vorhandenen Wunsch der Manager, endlich ihre „Bekenntnisse“ (anonym) anzubringen?
Abgesehen davon, dass dieser nämliche Herr besonders redselig war, kann ich mir das mit meiner Erfahrung erklären, die mich nun schon fast mein ganzes erwachsenes Leben lang begleitet. Oft habe ich erlebt, dass mir zum Teil sogar wildfremde Menschen sehr persönliche, auch intime Dinge erzählt haben, um danach überrascht innezuhalten: Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das alles erzählt habe, das habe ich so eigentlich noch niemandem offenbart. Auf diesen Gut-Zuhören-Können-Effekt habe ich auch bei meinen Interviewpartnern gewettet – und gewonnen.

In der Wirtschaftskrise braucht das Land eigentlich Vorbilder und Persönlichkeiten in der Wirtschaft, um das erodierte Vertrauen wiederherzustellen. Wie zuversichtlich sind Sie, dass der Neuanfang mit den in Deutschland aktiven Topmanagern gelingt?
Zum einen dürfen wir nicht verkennen, dass deutsche Manager im Durchschnitt  besser sind, als ihr schlechter Ruf nahezulegen scheint. Andererseits sind sie auch immer Agenten eines Systems, das ihnen ihre Rollen aufnötigt, sie nicht selten geradezu in  Abgehobenheit und Lebensferne hinmanövriert. Ein Neuanfang scheint mir durchaus möglich, wenn es als erstes gelingt, die Maßlosigkeit der Finanzmärkte durch bessere Kontrolle einzudämmen. Dann hat auch der Industrieschauspieler, wie sie ein Manager in meinem Buch sagt, der Typus des geldgetriebenen Menschen, dessen Wirtschafts- und Weltverständnis durch die monetäre Quantifizierbarkeit von Businessplänen limitiert ist, ausgedient.

Sie fordern einen Ehrenkodex für Manager, der diese als Treuhänder der wirtschaftlichen Ressourcen eines Landes verpflichtet. Zumindest für die kaufmännischen Berufe gab es solche einen Ehrenkodex ja bereits. Warum, glauben Sie, lassen sich Manager durch moralische Direktiven beeinflussen?
Sie werden es genau dann müssen und gar nicht anders handeln können, wenn Ausbildung, Unternehmensaufsicht und Öffentlichkeit ihnen keine andere Wahl lassen. Die Grundsätze des ehrbaren Kaufmanns entstammen einer mittelalterlichen Art Branchenhaftungssystem, in dem jeder  vorbeikommende Kaufmann für die Schulden eines anderen Kaufmanns haftbar gemacht werden konnte. Das trug dazu bei, dass dieser für die gesamte Kaufmannsbranche verbindliche Qualitätsstandard eingeführt wurde. Im übrigen hat Ludwig Erhard der Kaste schon 1948 ins Stammbuch geschrieben: :  „Ich verlange in letzter Konsequenz gerade von den verantwortlichen Unternehmensführern, die über den Produktions- und Verteilungsapparat der Volkswirtschaft verfügen, die größten Opfer, die höchste Einsicht und Verantwortung.“

decksteinDagmar Deckstein: Klasse!
Die wundersame Welt der Manager.
Murmann Verlag 2009, 19,90 Euro

1 Kommentar zu “Die wundersame Welt der Manager”


  1. 1 Franz Ullinger

    “Andererseits sind sie (Manager) auch immer Agenten eines Systems, das ihnen ihre Rollen aufnötigt, sie nicht selten geradezu in Abgehobenheit und Lebensferne hinmanövriert.”

    Diese bahnbrechende Erkenntnis wusste schon Rudi Dutschke, da braucht es keine Untersuchung einer eingebildeten Journalistin.

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