Deutschland, Land der Schamhaften und Schrullen

Katrin_WilkensPünktlichkeit, Gartenzwerge, Biertrinken und Goethe sind typisch Deutsch. Oder aber in den Urlaub fahren und hinterher gerne erzählen, man habe keinen anderen Deutschen getroffen? Die Draußensitzmanie – drinnen sitzen ist Oma? Die Journalistin Katrin Wilkens listet in ihrem Buch „50 einfache Dinge, die typisch deutsch sind“ (Westend Verlag) auf. Und ecolot.de bringt einen Auszug.

VORWORT

Das Typische ist das Untypische Damals, vor drei Jahren, da wäre es beinahe passiert. Wir Deutschen durften die Fußballweltmeisterschaft austragen, und für ein paar Wochen verwandelte sich dieses unser Land in einen Hort der Gastfreundschaft, der Leichtigkeit und des Frohsinns. Es war eine schöne Aufgabenteilung: Die Stars bolzten, dass die Schwarte krachte, und wir übrigen hatten nichts anderes zu tun, als es zu genießen. Jede Chefsekretärin, jeder Gemeinschaftskundelehrer, jeder Scheidungsanwalt pimpelte damals ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen an sein Auto. Hach, es war herrlich, Deutscher zu sein. In Berlin ergoss sich ein Lavastrom aus Flirt, guter Laune und Feierwut über die sogenannte Fanmeile, und je näher die deutschen Fußballer dem Finale kamen, desto bescheidener konnten wir Deutschen gönnen. »Der Bessere gewinnt, so ist das nun mal«, fanden wir am Ende generös, als Deutschland im Finale verlor. Wir hatten in jenem Sommer etwas anderes, viel Wichtigeres gewonnen: die Erkenntnis, dass es sich prima lebt, wenn man beliebt ist und sich selber mag.

Dieser Zustand hielt nicht lange an, heute sind wir längst wieder »The Krauts«, diese komischen Kümmelspalter, die zwar Autos bauen können, aber vor dem Kochen auch jeden Knödel zum Grundwehrdienst schicken (damit sie nicht vor lauter Weichheit auseinanderfallen). Jeder Gartenzwerg hat ein Stehgerade- Diplom, und unser liebstes Hobby ist es, nach getaner Arbeit uns mit einem großen Glas Rotwein ins Wohnzimmer zu setzen und uns doof zu finden.

Wir Deutschen sind nicht cool. Das finden wir sogar selbst. Wir gleichen eher dem Klassenstreber, der nach zweimaligem Sitzenbleiben verstanden hat, dass es bei ihm nun um die Wurst geht. Der den ganzen Tag nichts anderes macht, als Hausaufgaben zu erledigen, Kreide zu holen und sich in der Pause mit dem Lehrstoff der kommenden Stunde zu beschäftigen. Nicht weil er will, sondern weil er weiß, dass dies seine allerallerletzte Chance ist, bevor er von der Schule fliegt.

Als mein Mann und ich vor ein paar Jahren unsere Hochzeitsreise nach Neuseeland unternahmen, haben wir immer, wenn wir uns danebenbenommen hatten, freudig gelogen: »We are from Austria.« Auf keinen Fall zugeben, dass wir Deutsche sind.

Uns fehlt die nationale Selbstverständlichkeit der Franzosen, das schrullige, aber souveräne Eigenbrötlertum der Engländer, der feurig-fröhliche Stolz der Südländer, die gelassene Toleranz der Holländer. Wir sind die bemühten Deutschen.

Das hat natürlich Ursachen. Die eine liegt fast siebzig Jahre zurück und wird auch noch in sieben mal siebzig Jahren unser Verhalten beeinflussen. Wer für das schlimmste Verbrechen der Menschheit verantwortlich ist, wird lebenslang Schuld abtragen. Und sei es nur mit einem Bemühen, nie, nie wieder so etwas zuzulassen.

Auch der deutsche Föderalismus mag ein Grund für die fehlende nationale Einheit sein. Wir Norddeutschen finden die Bayern peinlich, wenn sie einmal im Jahr auf dem Münchner Oktoberfest die Krachlederne anziehen und zu DJ Ötzi brüllen. Die Rheinländer finden unsere hanseatische Zurückhaltung, mit der wir uns nicht einmal getrauen, auf der Toilette zu furzen, affig und freudlos. Die Ostdeutschen verstehen den Ruhrpott mit seiner archaischen Kraft nicht, dafür verstehen wir die Mentalität des Klagens und des Wünschens unserer jüngst erst dazugekommenen Landsleute im Osten nicht.

Wir nennen uns gegenseitig: Jammer-Ossi, Bazi, Frankfurter Würstchen und Elb-Schnecke.

Sie sehen, es geht in diesem Buch um Klischees. Um Stereotype, Vorurteile und die barfüßigen Versuche, eine Ursache beziehungsweise Erklärung dafür zu finden. Und als ob das nicht schlimm und banal genug wäre, es geht auch noch um eine unvollständige Aufzählung von Klischees. Durch leidvolle neun Jahre Lateinunterricht habe ich einen Grundsatz ganz tief zu meiner Arbeitsmaxime machen müssen: Mut zur Lücke. Das predigten alle meine Lateinlehrer, Frau Maack, Herr Grebe, Frau Daniel und Herr Klüting immer wieder. Und ich fürchte, alles, was ich mir vom Lateinunterricht merken konnte, war diese Weisheit.

Wenn es also Leser gibt, die den Bleistift zücken und ihrerseits ein Buch verfassen wollen: »50 Dinge, die Frau Wilkens vergessen hat zu erwähnen« – nur zu. Ich steuere gern ein paar Ideen bei: Nicht erwähnt wird die Vorliebe der Deutschen für Gartenzwerge, Würstchen und Fußballländerspiele. Auch kommen weder Helmut Kohl noch Martin Luther oder Karl Marx im Buch vor. Vergessen habe ich ferner, die Städte Stuttgart, Elmshorn und Wakendorf II zu erwähnen. Und wenn Sie mich jetzt mit Ihrem Bleistift aufspießen und fragen: »Und warum, liebes Frauenzimmer, haben Sie all dieses Wichtige weggelassen? « Dann antworte ich beherzt: Weil mein Verleger gedrängelt hat und nicht eine zehnbändige Reihe herausbringen wollte, sondern nur ein Buch.

Wenn man Länder kennenlernt, ist es so wie mit dem Kennenlernen von Menschen: Der erste Eindruck ist oft der entscheidende. Der Satz »schau auf die inneren Werte« ist meist vorgeschoben, denn unser Gehirn schafft es innerhalb von Bruchteilen von Sekunden, die sogenannten inneren Werte abzuscannen: Wie riecht der Mensch, was sagt seine Körperhaltung aus, wie sind Mimik, Gestik, Rhetorik? Heraus kommt dann ein Urteil, dass zwar schnell, aber oft erstaunlich treffend ist: Zicke. Macho. Blag.

So ist es auch mit den Ländern. Ein Wochenende in Paris, und schon kann man sagen, wie »die Franzosen« sind? Einmal in einem Amsterdamer Pilzshop und schon maßt man sich ein Urteil über »die Holländer« an, obwohl meist nur Touris die Pilze gekauft haben?

Ja, beziehungsweise: Ist das denn so schlimm? Lieber offen zu seinen Klischees, zu seinen Ansammlungen aller möglichen Vorurteile stehen, als sie stumm zu fühlen und sie damit wie ein Insekt in Bernstein zu konservieren: unbeweglich, aber für alle sichtbar.

Nehmen wir also für einen Moment an, wir Deutsche sind tatsächlich Europas Klassendepp. Kind reicher Eltern, aber unbeliebt und ungeliebt. Erinnern Sie sich, bestimmt kennen Sie einen solchen Fall auch aus Ihrer Schulzeit. Und was ist aus diesem Jüngelchen bei Ihrem letzten Klassentreffen geworden? Ein erfolgreicher Comedian (Oliver Pochers Eltern waren bei den Zeugen Jehovas, aus diesem Startmalus hat er sich erfolgreich befreit), ein guter Fußballer (Jürgen Klinsmann ist Bäckersohn – und heute Fußballguru), ein Schlagersänger (Peter Maffay hat eine eigene Olivenbaumplantage auf Mallorca).

Erst wenn wir anfangen, uns nicht mehr für unsere Verklemmtheit zu schämen, sondern statt dessen auf unsere etwas bemühte Art von Sorgfalt und Gründlichkeit, nein, nicht stolz zu sein, aber zumindest auch nicht peinlich verschämt, dann, ja dann könnte man vielleicht auch ein Buch herausbringen mit dem Titel »50 liebenswerte Schrullen der Deutschen«. So bleibt es aber vorerst bei der nüchternen Aufzählung. Vielleicht ist das schon unsere größte Schrulligkeit.

9783938060292_smallKatrin Wilkens
50 einfache Dinge, die typisch deutsch sind
Westend Verlag 2009, 14,95

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