Patient Deutschland auf dem Weg zur Besserung

Die internationale Wirtschaftspresse warnt trotz der positiven Wirtschaftsindikatoren davor, das Ende der Krise in Deutschland auszurufen. Das Wall Street Journal geht dem Verdacht nach, dass der Lockerbie-Attentäter freigelassen wurde, um britischen Ölfirmen den Zugang in Lybien zu erleichtern. Die Financial Times applaudiert der Tobin-Steuer. Fundstück: Wall Street Story.

Die spanische Wirtschaftszeitung Cinco Días untersucht den „Patienten” Deutschland auf Herz und Nieren. Stabil sei Deutschland, das werde schon an den positiven Ergebnissen des letzten Ifo-Geschäftsklimaindex deutlich. Am erneuten Aufstieg Deutschland bestehe sicherlich kein Zweifel, allerdings könne auch ein Rückfall nicht völlig ausgeschlossen werden. Immerhin liege das Bruttoinlandsprodukt aktuell rund sieben Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Der weltweite Konsumrückgang habe seine Spuren hinterlassen in einem Land, für dessen Wachstum der Export lebensnotwendig ist. Obwohl dank staatlicher Konjunkturpakete die Arbeitslosigkeit bisher nur gering zugenommen habe, so sei kurz- bis mittelfristig doch mit höherer Staatsverschuldung, Stellenabbau und nachlassender Binnennachfrage zu rechnen, prognostiziert die Zeitung.

Die Wirtschaftswoche kommentiert die Wirtschaftsindikatoren, die in Deutschland auf breiter Front nach oben zeigten: Dies gelte für die Konjunktur- und Einkommenserwartungen der Konsumenten sowie den Ifo-Geschäftsklimaindex’. Dennoch sei es zu früh, das Ende der Krise auszurufen. Die Wirtschaft befinde sich trotz aller Aufwärtstendenzen immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau. Der sich anbahnende Aufschwung könne bei Schocks durch Schweinegrippe oder Kreditklemme schnell wieder abgewürgt werden. „Vor allem über dem deutschen Arbeitsmarkt brauen sich dunkle Wolken zusammen. Noch verhindert Kurzarbeit das Schlimmste, doch schon bald können sich viele Unternehmen eine Verlängerung dieser Hilfsmaßnahme nicht mehr leisten, obwohl die Politik das möglich gemacht hat. Für Herbst warnen Ökonomen deshalb vor einer Entlassungswelle. Spätestens dann könnte die Stimmung wieder einbrechen, denn arbeitslose Verbraucher sind schlechte Kunden.“

Auch die Börsen-Zeitung warnt vor Euphorie. Auch wenn Deutschland nach dem globalen Finanz- und Wirtschaftssturm inzwischen das rettende Ufer erreicht habe – auf sicherem Grund fest verankert sei der nun offenbar einsetzende Aufschwung damit noch lange nicht. „Denn es gibt einige inhärente Ungleichgewichte, etwa die zunächst vermutlich noch steigenden Arbeitslosenzahlen, die zu Schlingerbewegungen führen und das Eintreten in eine solide Wachstumsphase verzögern können.“ Die Gefahr, dass sie den Aufschwung abwürgten, sei angesichts des jüngsten Ifo-Stimmungsindikators allerdings deutlich gesunken.

Big Oil in Lybien

Das Wall Street Journal geht dem Verdacht nach, dass der Lockerbie-Attentäter Abdel Baset al-Megrahi in der vergangenen Woche nur deshalb freigelassen wurde, um britischen Ölfirmen den Zugang zum Öl in Lybien zu erleichtern. In Wirklichkeit sei „Big Oil“ längst vor Ort. Doch der anfängliche Enthusiasmus bei der ersten Runde der Vergabe von Ölförderlizenzen 2004 sei längst verflogen – wegen willkürlicher Gesetze, drakonischer Verträge und byzantinischer Bürokratie. So müssten die Ölfirmen beispielsweise hohe Zölle bei der Einfuhr von Geräten zahlen, obwohl in ihren Verträgen Ausnahmen festgeschrieben worden seien; außerdem seien sie verpflichtet, lybische Arbeiter zu beschäftigen, obwohl diesen oft die nötige Erfahrung fehle.

Applaus für Tobin-Steuer

Die Financial Times kommentiert das Votum von Lord Adair Turner, Chef der britischen Finanzmarktaufsicht, für eine Tobin-Steuer auf internationale Devisengeschäfte, um Exzesse im Finanzsektor zu beenden. Seit der Ökonom James Tobin vor deri Jahrzehnten eine solche Steuer angeregt habe, hätten sich nur wenige Politiker getraut, die „unglaublich unmoderne“ Idee zu propagieren. Erstaunlich sei, dass Turner früher bei den McKinsey-Unternehmensberatern gearbeitet habe, die zu den wichtigsten Predigern des Shareholder Value, freier Märkte und Finanzkapitalismus gehörten. Insofern sei Turners Umdenken ein Zeichen des Zeitgeistes. Und verdiene Applaus, da er zumindest versuche, „das Undenkbare wieder zu denken“. Die Frage sei jetzt nur, ob sich andere Regulierer in Europa und den USA im anschlössen.

UBS-Informant unfair behandelt

Der US-Wirtschaftsdienst Bloomberg kritisiert die Entscheidung, dass Bradley Birkenfeld, der Informant im Steuerstreit der UBS mit den amerikanischen Behörden, für fast vier Jahre hinter Gitter müsse. Dies sei insofern unfair, als nur Birkenfelds Aussagen die Jagd auf die US-Steuersünder ermöglicht hätten. Hinzu komme, dass Birkenfelds ehemals größter Kunde, der kalifornische Milliardär Igor Olenicoff, mit zwei Jahren auf Bewährung davon gekommen sei, obwohl er 200 Millionen Dollar am Fiskus vorbei geschleust habe. Dass Olenicoff schließlich 52 Millionen Dollar an Steuern zurückgezahlt habe, sei ebenfalls Birkenfelds Verdienst gewesen. Sogar der frühere Boss von Birkenfeld, der das globale Steuerbetrugs-Geschäft bei der UBS geleitet habe, sei besser weggekommen: Er habe in die Schweiz ausreisen dürfen, als freier Mann, ohne Strafe.

Taiwans Wiederaufbau per Börsengang

Der Wiederaufbau der durch den Taifun Morakot zerstörten Insel Taiwan animiere die Inselregierung dazu, ihre staatliche Land Bank an die Börse zu bringen, berichtete die asiatische Financial Times. Der Plan müsse noch durch den Gesetzgeber genehmigt werden. Eine 40-prozentige Beteiligung solle an der Börse 1,2 Milliarden Dollar einspielen, mit denen der Staatshaushalt verbessert werden sollten. Schon vor der Verwüstung der Südinsel habe die Regierung mit einem riesigen Haushaltsdefizit kämpfen müssen. Neben dem geplanten Börsengang der Land Bank plane die Regierung, im kommenden Jahr rund 14 Milliarden Dollar an Staatsanleihen auszugeben.

Fundstück: Wall Street Story

„Das ist die Wall Street, hier hast Du nichts verloren“, rappt der eine. „Du denkst doch immer nur in deiner Vierfelder-Matrix“, spottet der andere. Ähnlich wie sich früher die Gangs in der West Side Story beharkt haben, treten in diesem YouTube-Video Banker und Unternehmensberater gegeneinander an. Protzen mit ihrer Schulbildung, den letzten Bonizahlungen und ihrer Rolle im Wirtschaftssystem. Der Titel des Films verweist auf das gleichnamige Buch, „Damn It Feels Good to be Banker“, das schon vor einem Jahr erschienen ist. In den Kommentaren bei YouTube – fast 900 Stück – wird der Streit der beiden Fraktionen übrigens fortgeführt. Und andere mischen sich ein: „Du bist nur ein blöder Analyst im ersten Jahr“, ist dort zu lesen. „Die Teilhaber rocken.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Bingying Sun-Liebke.

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