60 Jahre Made in Germany: Vom Wiederaufbau zur Globalisierung

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Landauf, landab gibt es Rückblicke und Analysen zum 60-jährigen Bestehen der Bundesrepublik, doch kaum einer hat sich so intensiv mit der deutschen Geschichte beschäftigt wie ecolot.de-Mitarbeiter Rüdiger Dingemann. „60 Jahre Deutschland. 1949-2009“ heißt der zehnbändige Rückblick, den Dingemann zusammen mit seiner Frau Renate Lüdde für den Bucher-Verlag zusammengestellt hat. Für ecolot.de schaut der Autor in einer siebenteiligen Serie zurück auf 60 Jahre Wirtschaftsgeschichte. Teil 1: Vom Wiederaufbau zum Exportweltmeister bis zur Globalisierung. Eine Einleitung.

“Der Markt ist der einzige demokratische Richter, den es überhaupt in der modernen Wirtschaft gibt”, und “Kompromisse setzen die Beherrschung der Kunst voraus, eine Torte so aufzuschneiden, das jeder glaubt, er habe das größte Stück bekommen.” (Ludwig Erhard)

In den vergangenen sechs Jahrzehnten kam es zu sechs großen Konjunkturzyklen, die in Zeiten zunehmender Globalisierung zwangsläufig mit der Entwicklung der Weltwirtschaft zusammenhingen.

Der stetige Aufschwung über die 50er Jahre endete 1966, als das Bruttoinlandsprodukt zum ersten Mal sank. Acht Jahre später kam es zu einem erneuten konjunkturellen Einbruch während der ersten Ölkrise. Nach der zweiten Ölkrise 1981/82 setzte ein erneuter Abschwung ein. 1993 kam es zu einer Rezession, der bis dahin einzigen in der Bundesrepublik. Sie hatte überwiegend binnenwirtschaftliche Gründe: Der übersteigerte Boom unmittelbar nach der Wiedervereinigung hatte durch die hohe Inflation und die darauf einsetzende restriktive Geldpolitik sein Ende gefunden. 2001 platzte die so genannte IT-Blase am Neuen Markt der Börsen. Erst vier Jahre später setzte wieder eine neue Phase des Wirtschaftswachs ein, die jedoch 2008 abrupt endet. Der Einbruch der weltweiten Finanzmärkte führte zur ersten weltweiten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Arbeiten um zu Leben oder Leben um zu Arbeiten

Nur etwa fünf bis max. zehn Prozent der bundesrepublikanischen Bevölkerung vermehrt ihr Einkommen und damit ihr Vermögen. Im unteren sozialen Segment werden hingegen immer mehr Menschen von der Gesellschaft abgekoppelt, und die Mittelklasse kämpft um die Erhaltung ihres Statusquo.

Zwischen 1950 bis etwas Mitte der 70er Jahre war das Einkommen stetig gewachsen und hatte sich vierfacht. Das ist mit keinem neuen Wirtschaftswachstum zu wiederholen. Die Rahmenbedingungen sind heute andere: Demographischer Wandel, Globalisierung und Klimaveränderungen auf dem Erdball werden die wirtschaftspolitischen Entscheidungsprozesse der nächsten Jahrzehnte bestimmen.

Die Veränderungen in der Arbeitswelt leiteten in den 70er Jahren einen Strukturwandel in der Bundesrepublik ein. Der Ölschock machten zum ersten Mal deutlich, wie abhängig die heimische Wirtschaft vom Weltmarkt war.

In den Zeiten des Wohlstands der 80er Jahren schien alles möglich zu sein: Die Deutschen im Westen bewegten sich zwischen Genusssucht und Umweltängsten. Zum Krisenthema Nr.1 wurde in den 90 er Jahren die Massenarbeitslosigkeit. Shareholder Value regierte in den Manageretagen der großen Konzerne. Und mit sog. Volksaktien meinte mancher reich werden zu können und landete doch in der Pleite.

Solidarität in schlechten wie guten Zeiten war mit Beginn des neuen Jahrtausends von den Deutschen gefordert. Der Wirtschaftsstandort Deutschland bewährte sich in Zeiten verschärfter Globalisierung, trotz des Wandels von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsnation, zugleich entstand eine Medien- bzw. Informationsgesellschaft.

Wandel

In den 60er Jahren war die Industriegesellschaft in eine neue Phase getreten. Das in den 50er Jahren angeschlagene Tempo hatte nicht nachgelassen. Im Gegenteil: Mit der allgemeinen Beschleunigung, sowohl in der technischen Entwicklung als auch in der Medialisierung des Alltags, kam es auch zu einer Veränderung des modernen Lebensstils. Nicht nur im Westen, sondern auch im Osten.

Bewirkt wurde dies durch eine dynamische Veränderung volkswirtschaftlicher Strukturen: In der Landwirtschaft arbeiteten zu Beginn der 60er im Esten nur 14 Prozent der Erwerbstätigen, der Dienstleistungssektor wuchs stetig; es waren dort bald mehr Menschen beschäftigt, als in Industrie und Handwerk. Und: Es gab mehr Beamte und Angestellte als Arbeiter. Vor allem traten auch immer mehr Frauen aus der häuslichen in die erwerbstätige Arbeitswelt ein. Die Geschichte der Gastarbeiter in Bundesrepublik hatte bereits Mitte der 50er Jahre begonnen.

Carpe diem oder Die schöne neue Arbeitswelt

Die Erwerbsarbeit gibt den Takt für die Lebenszeit vor. Sie bestimmt den Rhythmus der Arbeits- und Freizeit. Die neuen sozialen Muster der derzeitigen Industriegesellschaft lauten: Entweder „viel Arbeit, wenig Geld und wenig Zeit“ oder „wenig Arbeit, viel Geld und viel Zeit“ oder „keine Arbeit und Zeit im Überfluss“.

Im 18. Jahrhundert zahlten in England einige Großgrundbesitzer ihren Tagelöhnern während der Erntezeit einen guten Lohn. Als diese ihren hergebrachten Tagesverdienst beisammen hatten, hörten sie mit ihrer Feldarbeit auf. Für mehr Geld, was sie hätten verdienen können, wollten sie nicht mehr schuften. Sie wussten mit dem Rest des Tages besseres anzufangen, die freie Zeit war ihnen wichtiger. Heute ist das anders. Für schnellere und effektivere Arbeit werden höhere Löhne gezahlt, für mehr Lohn länger gearbeitet. Die gewachsene Arbeitsproduktivität veränderte das Leben, Geld ist mehr Wert als Zeit. Der Takt der Arbeit strukturiert die Freizeit mit ihren Angeboten für Fitness, Wellness, Kultur etc. Ein neues inneres Zeitmaß bestimmt den heutigen Alltag, und das Tempo gibt die sich immer noch beschleunigende Produktivität vor. Teilzeitarbeit ist in Deutschland mit 16 Prozent im Vergleich zu anderen EU-Ländern weniger stark verbreitet.

Von der Landwirtschaft zur Lebensmittelindustrie

Die allgemeine fortschreitende Automatisierung machte auch vor den Bauernhöfen nicht halt. Mit der Massentierhaltung wurde der Zuchtbetrieb Teil der gigantischen Lebensmittelindustrie. Aus Tierställen wurden Mastanlagen. Mancher Schweinezüchter entwickelte sich zum “Schweinebaron”. Gemeint ist damit aber nicht die romantisierte Figur des Zigeunerbaron aus der gleichnamigen Operette von Johann Strauss. “Mein idealer Lebenszweck ist Borstenvieh, ist Schweinespeck”. Sondern das Gegenteil: Zum Beispiel wurde bei Hassleben in Mecklenburg-Vorpommern 1979 von einer LPG die größte Schweinemastanlage Europas betrieben. Hier wurden mehr als 160.000 Schweine gezüchtet …

Die Konsumgesellschaft

Der Entwicklung der Konsumgesellschaft schienen lange Zeit keine Grenzen mehr gesetzt zu sein. Das Angebot an industriell hergestellten und konservierten Lebensmitteln wuchs – von herkömmlichen Lebensmitteln bis zu Fertiggerichten, von der Frischware bis zur Tiefkühlkost.

Das erste Einkaufszentrum wurde 1964 in der Nähe von Frankfurt eröffnet. Der Lebensmitteldiscounter Aldi, in den 50er Jahren aus einem Lebensmittel-Einzelhandelsgeschäft entstanden, verfügte 1960 bereits über 300 Filialen.

Die zunehmende Automatisierung, der technische Fortschritt im Haushalt wie in der Arbeitswelt weckte immer wieder neue Wünsche. Die monatlichen Gehälter der Bundesbürger erlaubten Neuanschaffungen.

Hatten die Westdeutschen schon alles im Überfluss, so regierte in der DDR nach wie vor der Mangel. Die Planwirtschaft schaffte es nicht, sich aus der Mangelwirtschaft heraus zu entwickeln. Nicht nur Produkte waren Mangelware sondern vor allem Rohstoffe, die zur Herstellung nötig waren. Angefangen bei bestimmten Lebensmitteln, über Modewaren bis zur Autoproduktion mussten lange Wartezeiten (-schlangen) einkalkuliert werden. Wer Verwandte in der BRD hatte, freute sich, wenn z.B. zu Weihnachten ein Paket mit Lebensmitteln oder Modeartikeln aus dem Westen kam, die man in der DDR nicht oder nur zu einem hohen Preis kaufen konnte.

Die Ausgrenzungen

Arbeitsplatzverlust führt zu einer Krise des Selbstwertgefühls und zu sozialen Ausgrenzungen. Millionen Arbeitsplätze gingen vor allem seit Ende der 70er Jahre im Laufe der Zeit verloren. Neue wurden zwar geschaffen, doch diese konnten die Verluste nicht kompensieren.

Mit der Agenda 2010 – u. a. der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld – sank die Arbeitslosigkeit. Viele ehemalige Arbeitslose arbeiteten nun im Niedriglohnsektor und es wurden vermehrt Leiharbeiter auf Zeit eingestellt. Darüber hinaus boomt(e) die Schattenwirtschaft; ihr Anteil am Bruttosozialprodukt beträgt etwa 16 Prozent, das sind 330 Milliarden Euro jährlich.

Im Zeitraum von 1991 bis 2009 entwickelten sich die Arbeitslosenzahlen zum Teil besorgniserregend. 1991 waren 7,3 Prozent bzw. 2, Millionen Arbeitslose gemeldet (West: 6,2 % bzw.1,6 Mio.; Ost 10,2 %. 1 Mio. Menschen)

2009 hatte sich im Zuge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt wieder gedreht: Die Arbeitslosenquote stieg, nachdem sie im Vorjahr bereits auf 7,3 Prozent gefallen war, auf 8,3 Prozent. Die leichte konjunkturelle Erholung, die im Laufe des Jahres 2008 spürbar geworden war, schmolz schnell dahin. Der Abschwung hatte den Arbeitsmarkt erreicht. Im Januar 2009 waren fast 3,5 Millionen Erwerbslose registriert.. In Westdeutschland waren 2.3 Millionen Menschen ohne Arbeit (6,9 %), im Osten Deutschlands waren es etwa 1,2 Millionen (13,9 %).

Viele von diesen Arbeitslosen sind inzwischen aus dem “System gefallen”. Vor allem Langzeitarbeitslose und HartzI IV-Empfänger. Sie haben zum Teil ihre Hoffnung aufgegeben, fühlen sich aufgrund ihrer prekären Situation abgehängt. Diese soziale Schicht bezeichnet die Soziologie als „Prekariat“.

Flexibilität kann unter Umständen auch in die Prekarität führen. Dieses “Janus-Gesicht” der heutigen Wirtschaft zeigt sich immer deutlicher. Bei Modernisierungen von Unternehmen, obwohl diese solide gewirtschaftet haben, werden die Arbeitsplätze zunehmend “flexibel” und zugleich unsicher. Top-Manager erhalten Boni, langjährige Mitarbeiter der unteren Ebenen werden hingegen entlassen.

Die globale Finanzkrise erreichte Ende 2008 Deutschland. Sie erschütterte zunächst die Bankenwelt. Einige Kreditinstitute mussten durch staatliche Sicherungsmaßnahmen gestützt werden. Die Börsen gerieten unter Druck. Den Opel-Werken, seit 1929 eine hundertprozentige Tochter des US-Automobilbauers General Motors, gewährte die Bundesregierung unter Auflagen eine Milliarden-Bürgerschaft. Die Regierung legte milliardenschwere Konjunkturprogramme auf. Die Neuverschuldung des Bundes 2009  von 86,1 Milliarden Euro ist eine Folge der schärfsten Rezession seit gut 60 Jahren. Damit erreichte die Staatsverschuldung den Höchststand seiner Geschichte: über 1,5 Billionen Euro …

Teil 2: 50er Jahre – Währungsreform und Wirtschaftswunder folgt

BuecherRenate Lüdde, Rüdiger Dingemann: „60 Jahre Deutschland. 1949-2009“. 10 Bände im repräsentativen Schmuckschuber. Buch Verlag, 119 Euro. Die Einzelbände kosten 14,95 Euro.

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