Wahl in Japan: „Ein vergifteter Kelch“

Die internationale Wirtschaftspresse bezweifelt, dass die japanischen Demokraten das Land aus seiner tiefen Wirtschaftskrise befreien können. Der Economist glaubt an ein Comeback der Großkonzerne. Der Business Standard wüscht sich frischen Wind in der Doha-Runde. Fundstück: Pioniere der Burger-Diplomatie.

“Japans Wähler haben die regierende Partei, die mehr als ein halbes Jahrhundert die Nation lenkte, zurückgewiesen – und stattdessen einen unerfahrenen Rivalen gewählt, der nun Probleme wie die schwächelnde Wirtschaft oder die Überalterung der Gesellschaft anpacken soll”, stellt das Wall Street Journal nüchtern fest. Es sei fraglich, ob “die Neuen” Japans tiefe strukturelle Probleme lösen und seinen Bürgern Vertrauen in die Zukunft geben könne. Finde dieser historischer Wechsel doch in einer Zeit statt, in der Japan am Scheideweg stehe: “Die globale Krise hat das Land in einen tiefen Abschwung gerissen, sein Status als Weltwirtschaftsmacht schwindet, China wird Japan unweigerlich als Nummer Zwei hinter den USA ablösen.” Von den Demokraten werde aber eher erwartet, dass sie Familien und das Individuum in den Fokus rücken, die Entfaltung großer Wirtschaftsunternehmen dagegen behindern. “Sie haben zwar Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft in Aussicht gestellt, zugleich aber auch einen ambitionierten Sozialplan, der u. a. ein Kindergeld von 3.300 Dollar pro Jahr vorsieht.” Im Raum stehe das Versprechen, die Konsumsteuer nicht zu erhöhen und auch den Aktienmarkt nicht anzutasten, doch wie Leistungen wie das Kindergeld finanziert werden sollen, sei vielen noch unklar.

“Das Wahlergebnis wird an der Wirtschaftsmisere nichts ändern”, gibt sich auch die International Business Times aus Australien pessimistisch. “Die Liberalen haben einen deutlichen Verlust eingefahren, doch der Sieg für die Demokraten ist wie ein vergifteter Kelch: Ohne finanzielle Ressourcen und Flexibilität in Politik und Führung sind sie machtlos – und werden zwangsläufig ins Stolpern geraten.” Um Japan aus dem lähmenden Konservatismus zu befreien, müssten die Wahlsieger die Wirtschafts- und Sozialpoliktik entscheidend verändern, doch das werde beim derzeitigen Zustand der japanischen Wirtschaft schlichtweg nicht möglich sein. “Lange galt in Japan, dass Exporte und Wirtschaft zuerst kommen, Konsum und Verbraucher erst an dritter und letzter Stelle.” Das habe zu einem enormen Haushaltsdefizit geführt, zu hohen Arbeitslosenzahlen, zu desaströsen Wirtschaftskennzahlen. Der neuen Regierung bleibe vorerst nur, wie ihre Vorgänger die Wirtschaft durch staatliche Maßnahmen zu stützen und auf China zu hoffen. “Die Demokraten kontrollieren nun sowohl das Ober- als auch das Unterhaus. Das könnte ihre einzige Rettung sein – und die Basis für radikale Veränderungen, zu gegebener Zeit.”

Um eine reine Protestwahl könnte es sich bei den Ergebnissen handeln, gibt auch das Wirtschaftsblatt aus Österreich zu Bedenken: Angesichts von wirtschaftlicher Unsicherheit, rekordhoher Arbeitslosigkeit, sinkender Einkommen und eines Rentenskandals habe das Volk die Nase voll gehabt. Yukio Hatoyama, Vorsitzender der Demokratischen Partei Japans und einstiger Musterknabe der Weltwirtschaft, stehe vor gewaltigen Problemen. Die Wirtschaft wachse nur noch geringfügig, die Bevölkerung gar nicht mehr, der hohe Lebensstandard stehe zur Disposition. Ob die Demokratische Partei in der Lage sei, Japan wieder auf die Beine zu bringen, müsse sie erst noch beweisen: “Sie ist ein heterogenes Sammelbecken aus LDP-Überläufern, Sozialdemokraten und früheren Gewerkschaftern.” Ihre vollmundigen Versprechungen seien angesichts einer Staatsverschuldung von fast 200 Prozent nicht glaubwürdig, andererseits hätten gerade die Liberalen die Neuverschuldung massiv ausgeweitet. “Um Japan aus der strukturellen Krise herauszuführen, braucht das Land nach Ansicht von manchen Beobachtern vor allem mehr Offenheit, um im Wettbewerb eine höhere Produktivität zu erreichen.” Ein Beispiel wäre die Öffnung des Agrarmarktes. Dass Hatoyama die Agrarpolitik auf Einkommenszuschüsse für die Bauern umstellen wolle, sei nach Ansicht von Experten ein gutes Zeichen.

Die Großkonzerne sind zurück

Die Rückkehr großer Konzerne progonstiziert der Economist aus Großbritannien. Ende der 90er Jahre schien deren Existenz massiv gefährdet, ein 637-Mitarbeiter-Unternehmen wie Yahoo! habe zum Beispiel 1998 dieselbe Börsenbewertung geschafft wie Boeing mit 230.000 Mitarbeitern. Doch die “Großen” seien wieder im Kommen – dank der Finanzkrise, die den Risikokapitalmarkt, wichtig für kleine Unternehmen und Start-Ups, praktisch leer gefegt habe. “Hinzu kam, dass Regierungen Firmen wie Citigroup oder General Motors als zu groß betrachteten, um insolvent zu gehen, und sie stützten.” Ein weiterer Grund sei, dass die Deregulierung, die kleine Firmen gefördert habe, wieder außer Mode sei. “Mehr noch: Steuern und Abgaben sind gestiegen, und die verkraften große Unternehmen besser als kleine.” Verträge an kleine Subunternehmer würden mit größerer Vorsicht genossen, lieferten diese doch häufig nicht die gewünschte Qualität. Und letztlich sei heute klar, dass auch große Firmen gut gemanagt werden können. “Die Großen könnten ein Segen für die Weltwirtschaft sein. Manager sollten aber nicht um jeden Preis das Wachstum vorantreiben – und Politiker sollten diese nicht am Wachstum hindern.”

L’Oréal setzt auf Schwellenländer

“Ist der Optmismus von L’Oréal-Chef Jean-Paul Agon gerechtfertigt?”, hinterfragt das französische Wirtschaftsblatt Challenges die von dem Konzern veröffentlichten Halbjahreszahlen. Der Umsatz sei gestiegen, und das Betreibsergebnis liege nur wenig unter dem vom 1. Halbjahr 2008 – obwohl gerade der Luxus-Sektor des Konzerns unter der Krise leide. Dass Agon tatsächlich auf Besserung hoffen könne, verdanke er seinen zwei Lieblingsmarken Garnier und Kiehl?s. Erstere habe ein Umsatzplus in den ersten sechs Monaten 2009 von vier Prozent geschafft, letztere im gleichen Zeitraum gar erstaunliche 18 Prozent. “Diese Zuwächse sind auf Neueröffnungen von Läden in China und Japan zurückzuführen.” Agon scheine nun vor allem auf die Marke Garnier zu setzen, denn sie biete innovative Kosmetik zu akzeptablen Preisen. “Wir erfüllen damit die Erwartungen unserer Kunden. Zudem ist Garnier die einzige grüne Marke weltweit auf Basis natürlicher Rohstoffe”, so Agon. Wohl deshalb, so die Vermutung des Blattes, treibe L’Oréal die Entwicklung dieser Marke für Märkte in Schwellenländern massiv voran – und wolle nun die Produktpalette um Hygieneartikel und Deodorants erweitern.

Frischer Wind für die Doha-Runde

Zu einer informellen Konferenz treffen sich in dieser Woche in Indien die wichtigsten Mitglieder der Welthandelsorganisation (WTO), berichtet der indische Business Standard . Ziel sei es, den ins Stocken geratenen Gesprächen der Doha-Runde frische Impulse zu geben. Mit der Doha-Runde wollten die WTO-Mitgliedsstaaten den globalen Handel auf eine neue Grundlage stellen und das Welthandelsvolumen steigern. Doch auch der vierte Anlauf, zu einem einstimmigen Ergebnis zu kommen, scheiterte 2008. Hauptstreitpunkt dabei seien die hohen Agrarsubventionen aus den USA und Europa gewesen. Das informelle Treffen nun dürfte bereits dann ein Erfolg sein, wenn sich die Teilnehmer soweit entgegen kämen, dass die offiziellen Verhandlungen neu aufgenommen werden könnten, meint das Blatt. Allerdings seien Verhandlungen zum Thema Handel so kompliziert, dass mit einem Abkommen frühestens Ende 2010 zu rechnen sei. Vor allem die Europäische Union sei daran interessiert, die Doha-Runde zu beenden, sie plane bereits den Haushalt für die kommenden Jahre. Die USA müssten dagegen enormes Entgegenkommen zeigen, wollten sie nicht als Sündenbock der gescheiterten Runde dastehen.

Fundstück: Pioniere der Burger-Diplomatie

Die Financial Post aus Kanada gratuliert George Cohon, Gründer von McDonald’s Canada und McDonald’s Russia, zur Auszeichnung durch das Woodrow Wilson International Center für sein Weg bereitendes Engagment in der früheren Sowietunion. Der Fast-Food-Manager sei mit seinem Unternehmen ein Pionier gewesen in der so genannten “Burger-Diplomatie”, die dazu beigetragen habe, dem Kalten Krieg seine Schräfe zu nehmen. Das vor 20 Jahren eröffnete McDonald’s am Moskauer Puschkin-Platz sei das Gewinn bringendste überhaupt, und mit 224 Filialen und 80.000 Mitarbeitern sei McDonald’s Russia eines der profitabelsten Unternehmen. Die schlichte Erklärung Cohons für diesen Erfolg: “Wir haben 1976 begonnen und die absolute Loyalität der Politiker. Wir waren Pioniere, und so nennen sie uns auch. Wir haben jeden Einsatz gewürdigt, wir spielen nach den Regeln, und wir zahlen Steuern.”

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Kerstin Herrn.

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