70er Jahre – Krisenjahre und Veränderungen in der Arbeitswelt

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Landauf, landab gibt es Rückblicke und Analysen zum 60-jährigen Bestehen der Bundesrepublik, doch kaum einer hat sich so intensiv mit der deutschen Geschichte beschäftigt wie ecolot.de-Mitarbeiter Rüdiger Dingemann. „60 Jahre Deutschland. 1949-2009“ heißt der zehnbändige Rückblick, den Dingemann zusammen mit seiner Frau Renate Lüdde für den Bucher-Verlag zusammengestellt hat. Für ecolot.de schaut der Autor in einer siebenteiligen Serie zurück auf 60 Jahre Wirtschaftsgeschichte. Teil 4: 70er Jahre – Krisenjahre und Veränderungen in der Arbeitswelt.

Der Tiger im Tank nutzt nichts mehr

Die vermehrte Abhängigkeit der Industrienationen von Erdölimporten wurde in den 70er Jahren deutlich. Ein Lieferboykott der OPEC-Länder löste 1973 einen regelrechten Ölschock aus. Die Bundesrepublik reagierte u.a. mit einem vorübergehenden Fahrverbot an vier Wochenenden.

Gleichzeitig war damit ein Bewusstseinswandel eingeläutet. Die Grenzen des (ungehemmten) Wachstums und der Machbarkeit wurden überdeutlich. Mit der Ölkrise wurde der Kohlenabsatz kurzfristig wieder belebt, als Energiereserve behält die Kohle ihre Bedeutung. Ab 1975 wurde mit dem sogenannten Kohlepfennig eine Zwangsabgabe auf den Strompreis erhoben, der den Kohlenabbau subventionierte.

Mit der sich verschlechternden Weltkonjunktur veränderte sich auch die Lage im Ruhrgebiet. 1973 wurde noch der größte Hochofen Europas im Duisburger Norden eingeweiht. “Schwelgern 1″ zählte zu den Giganten auf der Welt. Er produzierte täglich 10 000 Tonnen Roheisen. Mitte der 70er Jahre gab es noch zwanzig Hüttenwerke, Ende der 80er nur noch acht; vom Roheisen zum Fertigprodukt bieten nur noch vier Werke an. Die Stahlproduktion war über die Jahre kontinuierlich zurückgegangen,. Die Zahl der Beschäftigten halbierte sich von 283.000 auf 157.000. Die Steinkohleförderung sank 1978 auf 83 Millionen Tonnen.

Erdgaslieferungen aus der Sowjetunion, dessen Lieferungen 1973 begannen, befriedigten zusätzlich den Energiehunger. Allen fossilen Energieträgern war und ist jedoch gemein, dass ihre Ressourcen begrenzt sind.

Weltwirtschaft

Zwar sank die Auslandsnachfrage infolge der Ölkrise kurzzeitig, doch konnte sich die Exportnation gegen die wachsende Konkurrenz auf den Weltmärkten behaupten. Neue Entwicklungen in der Forschung, der sich anbahnende strukturelle Wandel der Industrie und die sinkende Bedeutung früherer Schlüsselindustrien wie Kohle und Stahl ließen die westdeutsche Arbeitslosigkeit auch in Zeiten des Konjunkturaufschwungs weiter wachsen.

Die engeren weltweiten Verflechtungen der Wirtschaftsmärkte erforderten immer mehr gemeinsames Handeln der Industrienationen. Ab 1975 trafen sich auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt und des französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing die Staats- und Regierungschefs der (damals noch) sieben führenden Industrienationen (G6:neben Deutschland, die USA, Japan, Großbritannien, Frankreich und Italien) einmal jährlich zu einem Gipfel, um wirtschaftspolitische Themen zu beraten. 1976 kam Kanada hinzu (G7).

Das internationale Währungssystem konnte ab 1971 nur durch Stützungskäufe vor dem kompletten Zusammenbruch bewahrt werden. Die Staaten der europäischen Gemeinschaft koppelten ihre Währungen ab, indem sie einen europäischen Währungsblock bildeten. Der Wechselkurs der D-Mark wurde freigegeben, darüber hinaus ein konjunkturpolitisches Stabilitätsprogramm beschlossen.

1979 trat das Europäische Währungssystem -EWS – in Kraft. Mit dem EWS sollten die Wechselkurse der Währungen der damaligen Mitgliedstaaten stabilisiert werden, um eine funktionierende Währungszone im ökonomischen Kernbereich Europas zu schaffen.

Geld, Gesetze und Veränderungen

Mit einer Kartellgesetznovelle von 1974 wurde die Preisbindung, die bis dahin bei den Markenherstellern lag, aufgehoben. Damit ging eines ihrer wichtigsten Markt-Machtinstrumente verloren.
Trotz Wirtschaftskrise gab es mehr Geld in den Taschen der Arbeitnehmer. Der Streik im Öffentlichen Dienst ein Jahr später brachte nach nur drei Streiktagen eine Lohnerhöhung von elf Prozent. Viele wollten jedoch noch mehr und weiterstreiken.  Mit dem Streik durchbrach die ÖTV die staatlich verordnete Lohnleitlinie. Der Streik hatte keinen geringen Anteil daran, dass Kanzler Willy Brand, ausgelöst durch die Spionageaffäre um Guillaume, kurze Zeit später zurücktreten mußte.

1976 wurde die paritätische Mitbestimmung gesetzlich eingeführt. Damit sollte ein Gleichgewicht zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern im Aufsichtsrat eines Unternehmens gewährleistet werden.

Die Steigerungsraten bei den Löhnen und Gehältern lag in den wichtigsten Bereichen zwischen 4 und 5 Prozent. Bereits 1977 lag der durchschnittliche Stundenlohn in der Bundesrepublik bei 18,50 DM. Das war Weltspitze.

1978 war in der BRD wieder Streikjahr: die Hafenarbeiter, die Drucker und Metall- und Stahlarbeiter streikten für mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten bzw. für die 35 Stundenwoche. Ein wirklicher Erfolg war jedoch nur der Streik der Hafenarbeiter.

Beim punktuellen Streik in der Druckindustrie ging es u. a. um den Erhalt des tariflichen Besitzstandes, den die Arbeitnehmer durch die Einführung computergesteuerter Textverarbeitungssysteme gefährdet sahen. Die Arbeitgeber gingen auf die Forderungen nicht ein und sperrten 70 000 Beschäftigte aus.

Pleiten Pech und Krisen

Die traditionsreiche Firma AEG-Telefunken stand mit weltweit 178 000 Mitarbeitern 1970 noch an zwölfter. Stelle der weltgrößten Betriebe. Ölkrise, Konjunktureinbruch und interne Probleme stürzten das Elektrounternehmen Mitte der siebziger in die Krise.

Die Kölner Privatbank Herstatt musste infolge von Devisenspekulationen Insolvenz anmelden. Ihr Zusammenbruch war die erste größere Bankenpleite in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Etwa 35 000 Sparer, die ihr Geld bei Herstatt angelegt hatten, erhielten ihre Einlagen jedoch aus dem von deutschen Banken in Höhe mit 130 Milliarden DM ausgestatteten “Feuerwehrfonds” zurück.

Made in GDR und Intershop

Für die DDR Bürger war in den 70er Jahren ein, wenn auch bescheidener Wohlstand erreicht. Nicht selten kam es aber nach wie vor zu Versorgungslücken; Konsumgüter wurden zur Mangelware. In vielen Geschäften gab es die sog. “Bückware”, die unterm Ladentisch gehandelt wurde.

Es wurde eine Anordnung erlassen , das bestimmte Betriebe 5 Prozent ihrer Produktion der Herstellung von Konsumgütern widmen mussten. So kam es zum Beispiel dazu, das ein Betrieb, der eigentlich Dieselmotoren baute, plötzlich noch Dosenöffner herstellte. Es kam jedoch auch zu einem Überangebot von bestimmten Produkten. Das führte wiederum zu mancherlei Hamsterkäufen von Waren, die man eigentlich nicht benötigte, aber später tauschen konnte: Das Tauschgeschäft blühte.

Die letzten ca. 11 300 privaten Betriebe wurden verstaatlicht. Sie stellten bis dahin 40 Prozent der Gebrauchsgüter her. So wurde beispielsweise aus dem Stofftierproduzenten C. M. Breitung in Sonneberg der VEB Plüti.

Ein neues Markenzeichen – Made in GDR –zierte ab 1970 die Produkte. Viele der Waren wurden nicht nur in den Westen exportiert, sondern ausschließlich für das „kapitalistische Ausland“ produziert. Deren Markenware fand man im Intershop. Und wer über Devisen (ab 1974 war dies zulässig) verfügte, konnte dort einkaufen, oder in Ostwährung weit überhöhte Preise bezahlen.

Zu den “Exquisit”-Läden (seit 1962) kamen 1976 “Delikat-Läden” dazu. Beide Handelsketten sollten den “gehobenen Bedarf” abdecken. In erster Linie dienten sie allerdings der Kaufkraft-Abschöpfung. Und so mancher Käufer fühlte sich hinterher – “nach abgeschöpft ziemlich geschröpft”. Neue Wortschöpfungen charakterisierten die Verhältnisse trefflich. So wurden bereits in den 60er Jahren die Exquisit-Läden als “Uwubus” (Ulbrichts Wucherbuden) bezeichnet.

Arbeitslosigkeit war auch in Zeiten von Weltwirtschaftskrisen und Rohstoffmangel nicht bekannt. Das monatliche Durchschnittseinkommen lag bei 860 Mark. Eine Fahrt mit S-Bahn oder Straßenbahn kostete 20 Pfennige. Den Grundbedarf subventionierte der Staat mit ca. 80%.

Auf hundert Haushalte kamen 26 Autos, 82 Fernseher, 86 Kühlschränke und 73 Waschmaschinen. Die Wohnungsmieten waren festgeschrieben und preiswert. Eine 3 Zimmer Wohnung mit Balkon kostete ca. 65 Mark. Das deckte weder die Herstellungskosten noch die Instandhaltung bei weitem nicht ab. Seit 1972 wurde in Dörfern, kleineren und mittleren Städten der private Wohnungsbau wieder zugelassen.

Die Verschuldung des Staates wuchs infolgedessen, so dass er Ende der 70er Jahre kurz vor der Pleite stand. Die Schneekatastrophe im Winter 1978/79 machte dies zudem durch die maroden Einrichtungen der Energieversorgung zusätzlich deutlich.

Das „Auto“ des kleinen Mannes war auch Mitte der 70er noch ein Motorrad mit Beisitzer, wie zum Beispiel produziert im traditionsreichen MZ-Werk in Schopau. Die Wartezeiten für PKWs waren immer noch lang. So wurden 1978 vorübergehend einige tausend West-Autos wie der Golf von VW, Citroen-, Renault- oder Volvo-Modelle importiert. Das Problem der fehlenden Ersatzteile für diese Autos war ein zusätzliches Handicap.

Teil 5: 80er Jahre – Nichts bleibt wie es ist

BuecherRenate Lüdde, Rüdiger Dingemann: „60 Jahre Deutschland. 1949-2009“. 10 Bände im repräsentativen Schmuckschuber. Buch Verlag, 119 Euro. Die Einzelbände kosten 14,95 Euro.

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1 Kommentar zu “70er Jahre – Krisenjahre und Veränderungen in der Arbeitswelt”


  1. 1 Armandina Shumake

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