Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert kontrovers die von Peer Steinbrück (Foto: SPD) geforderte Steuer auf grenzüberschreitende Finanzgeschäfte in den G20-Staaten. Die Financial Times Deutschland warnt vor einem Ausverkauf der Opel-Technologie nach Russland. Das Wirtschaftsblatt kritisiert die Flut an Staatsanleihen-Programmen. Der Economic Observer berichtet von Dumpingvorwürfen gegen chinesische Druckpapierindustrie. Fundstück: Buffett macht in Mode.
In der britischen Financial Times spricht sich Bundesfinanzminister Peer Steinbrück für eine Steuer auf grenzüberschreitende Finanzgeschäfte in den G20-Staaten aus. Diese sei nötig, damit die Akteure auf den Finanzmärkten ihre Rolle als Verursacher der Krise verstehen und ihren Willen demonstrieren könnten, eine Wiederholung zu verhindern. Außenminister Frank-Walter Steinmeier und er selbst schlügen eine Steuer in Höhe von 0,05 Prozent auf alle Transaktionen von Finanzprodukten vor; laut dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung ergäben sich so Steuermehreinnahmen von 690 Milliarden Dollar pro Jahr – eine Summe, die die Akteure auf den Finanzmärkten zwar nicht übermäßig belasten, gleichwohl aber einen signifikanten Teil der Kosten der Krise finanzieren würde. „Es gibt einen guten Grund für eine globale Finanz-Transaktionssteuer: Sie wäre gerecht, unschädlich und würde viel Gutes bewirken. Falls es eine bessere Idee zur Lastenteilung gibt, her damit. Falls nicht, sofort her mit der Steuer.“
Der Economist lehnt eine Tobin-Steuer ab. Zum einen würde diese nur funktionieren, falls alle Regierungen die Steuer einführten; andererseits würde die Liquidität der Finanzmärkte beeinträchtigt, da die Asset-Preise volatiler ausfielen. Schließlich wäre die Einführung der Steuer eine „armselige Lösung“ für die wahren Probleme des Bankensektors: zu viel Leverage, zu schlechte Risikoabwägung sowie Banken, die „too big to fail“ seien. „Sie (die Steuer) würde High-Frequency-Trading bestrafen, obwohl dieses nebensächlich für der Krise war. (…) Außerdem würde eine Tobin-Steuer keine Blasen verhindern können. (…) Investoren, die erpicht darauf sind, sich in Märkte einzukaufen, auf denen die Preise schon gestiegen sind, werden durch eine kleine Steuer nicht abgeschreckt.“
Die New York Times porträtiert Lord Adair Turner, Chef der britischen Finanzaufsicht Financial Services Authority (FSA), der auf Konfrontationskurs mit der Londoner City gegangen sei. Seine Kernfrage, wozu Banken gut sein sollen, falls diese nur sich selbst bereichern wollten, ohne der britischen Gesellschaft genügend zurückzugeben, habe den blaublütigen Turner dazu gebracht, unbequeme Maßnahmen zu fordern, darunter drastische Eigenkapitalerhöhungen für Banken sowie die Einführung der Tobin-Steuer. Diese schrecke viele Banker in der City ab, weil sie als gefährlich erachtet werde: Sie zerstöre Jobs und das gesamte Geschäft in London. Damit argumentierten die City-Banker auf einer Linie mit Labour und den Konservativen, die davor warnten, dass London seinen Status als wichtigstes Finanzzentrum der Welt verlieren würde. „Die Tobin-Steuer ist eine alte und schlechte Geschichte. Sie würde nicht die Spekulation eindämmen, und sie hätte keine Auswirkungen auf die Größe des Bankensektors“, zitiert das Blatt den Londoner Wirtschaftsprofessor Richard Portes.
Ausverkauf von Opel-Wissen
Die Financial Times Deutschland warnt vor einem Ausverkauf der Opel-Technologie nach Russland. Hintergrund sind die Meldungen über Stellenstreichungen beim Lada-Hersteller Avtovaz (bis zu 27.600 Mitarbeiter) und Opel-Partner Gaz (bis zu 14.000 Arbeitsplätze). Aus Sicht der Zeitung sind die Massenentlassungen ein klarer Hinweis darauf, dass Russland seine Autobauer sanieren wolle – mit Hilfe von Opel-Technik. Die Regierung in Moskau träume von einer großen nationalen Autoholding aus Avtovaz, Gaz und Kamaz, der allerdings westliches Ingenieurswissen fehle.
Die Nachricht von 27000 Entlassungen beim russischen Autobauer AvtoVAZ versetzt die Lada-Stadt Togliatti in Panik, schreibt das Wirtschaftsportal gazeta.ru. „Jeder hofft, dass es nicht ihn trifft“, zitiert das Blatt den Gewerkschaftschef Pjotr Zolotarjow. Viele Arbeiter würden noch immer im unbezahlten Urlaub zu Hause sitzen. „Vor Langeweile fangen die Leute einfach an zu trinken, entsprechend steigt auch die Kriminalität“, schreibt das Portal. Manch ein Stadtbewohner versuche, sich mit Pilzesammeln und Fischen über Wasser zu halten. Noch nie hätten die Fischer am Wolgaufer so dicht gedrängt gestanden wie in den letzten Tagen. Die unabhängige Gewerkschaft „Einheit“ habe bereits Proteste und Streiks angekündigt.
Staaten graben der Wirtschaft die Kredite ab
Das Wirtschaftsblatt kritisiert die Flut an Staatsanleihen-Programmen, durch die für die Privatwirtschaft eine Konkurrenz von staatlicher Seite entstehe. So habe die US-Regierung in der letzten Juliwoche Treasuries über 115 Milliarden Dollar begeben; Deutschland und Österreich seien zum ersten Mal seit Jahren erfolgreich in den Dollar denominierten Markt vorgedrungen. Dass die Staaten, anders als befürchtet, aufgrund der Emissionsschwemme nicht auf ihren Schuldverschreibungen sitzen geblieben und deflationäre Tendenzen ausgeblieben seien, sei zwar teilweise eine gute Nachricht. Kehrseite der Medaille sei jedoch, dass die Staaten der Wirtschaft die Kredite abgrüben. Das immense staatliche Anleihenangebot werde hauptsächlich von Banken – aufgesogen, die darin einen sicheren Investitionshafen sähen und entsprechend weniger motiviert seien, das Geld zu den Unternehmen zu leiten, wo das Risiko ungleich höher sei.
Santander fühlt sich in Brasilien wie zuhause
Die spanische Bank Santander lasse sich den Umzug ihrer beiden brasilianischen Tochterunternehmen Banespa und Banco Real in die neue gemeinsame Zentrale, den „Torre Sao Paolo“, ordentlich etwas kosten, stellt El Economista fest. Rund 1,6 Milliarden Euro investiere die spanische Bank in Umzug und Gebäude und rechne mit mindestens sechs Monaten, bis alles eingerichtet und einsatzbereit sei. Über 23 Milliarden Dollar habe Santander in den vergangenen zwölf Jahren in den Aufbau der Tochtergesellschaften in Brasilien investiert. Das erklärte Ziel von Santander-Chef Emilio Botín sei denkbar einfach: Er wolle seine Bank zur Nummer in Brasilien machen. Um dieses Ziel zu erreichen und das Filialnetz weiter ausbauen zu können, biete Botín 16 Prozent der Aktienanteile an seinen brasilianischen Tochtergesellschaften zum Kauf an.
Dumpingvorwürfe gegen chinesische Druckpapierindustrie
Der Economic Observer aus China berichtet über den Antrag zur Untersuchung von Preisdumping-Vorwürfen durch drei amerikanische Papierhersteller und die Gewerkschaft der United Steelworkers gegen die chinesische Druckpapierindustrie, die auf Kupferbasis arbeite. Laut Antrag seien im ersten Halbjahr 2009 die amerikanischen Importe des Druckpapiers gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 40 Prozent gestiegen; gleichzeitig seien die Verkaufszahlen der US-Hersteller um 38 Prozent gesunken. Nach Einschätzung der US-Firmen unterstütze China durch zinsgünstige Kredite und Steuerbeihilfen die eigene Industrie, wodurch sich der Marktanteil der chinesischen Hersteller 2009 gegenüber 2008 auf 30 Prozent verdoppelt habe. Einer der chinesischen Hersteller, NewPage Corp., habe die Vorwürfe zurückgewiesen und die niedrigen Preise auf Kapazitätssteigerungen der chinesischen Hersteller zurückgeführt; ebenso sei der Antrag zeitgleich zum G20-Gipfel eine Provokation.
Fundstück: Buffett macht in Mode
Das Wall Street Journal untersucht das jüngste Engagement von Investment-Legende Warren Buffett in China. Als Testimonial werbe Buffett per Video-Spot für eine bisher unbekannte chinesische Modemarke – und das mit Riesenerfolg. Nachdem der Modehersteller Dayang Group den Spot zu seiner Anzugmarke Trands am 10. September auf seiner Firmen-Webseite veröffentlicht hatte, habe die Aktie um rund 70 Prozent an Wert gewonnen. Die Gründerin des Unternehmens, Li Guilian, habe es Buffett sichtlich angetan. Die 63-jährige Bauerstochter, schreibt das Wall Street Journal, stamme aus der chinesischen Provinz und habe das Unternehmen in 30 Jahren von einer kleinen Fertigungsstätte mit wenigen Nähmaschinen in einen Modekonzern mit rund 15.000 Angestellten verwandelt. Auch Spiegel Online greift Buffetts Werbekampagne auf und schreibt verwundert: „Das Buffett-Video könnte eines Tages zu den Standards der Ausbildung für Werbetreibende werden. Denn es erfüllt nicht ein Kriterium, das die Branche für eine gute Kampagne als unerlässlich ansieht. Im Grunde handelt es sich um einen mit erkennbar geringem Aufwand erstellten Aufsager eines Mannes, der nach eigenem Bekunden wenig von Mode weiß und sich noch nicht einmal dafür interessiert.“
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