Landauf, landab gibt es Rückblicke und Analysen zum 60-jährigen Bestehen der Bundesrepublik, doch kaum einer hat sich so intensiv mit der deutschen Geschichte beschäftigt wie ecolot.de-Mitarbeiter Rüdiger Dingemann. „60 Jahre Deutschland. 1949-2009“ heißt der zehnbändige Rückblick, den Dingemann zusammen mit seiner Frau Renate Lüdde für den Bucher-Verlag zusammengestellt hat. Für ecolot.de schaut der Autor in einer siebenteiligen Serie zurück auf 60 Jahre Wirtschaftsgeschichte. Teil 6: 90er Jahre – Von der Industrie zu Dienstleistungsgesellschaft.
Chancen des Neuanfangs
Mit der Wiedervereinigung hatte die Politik den Menschen in Ostdeutschland “blühende Landschaften” versprochen. Doch so schnell wie erhofft, ging es nicht. Aus der „Portokasse“ ließ sich der Vereinigungsprozess nicht bezahlen. Der Fond “Deutsche Einheit”, mit 115 Milliarden DM ausgestattet, sollte die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion finanzieren. Und alle Steuerzahler entrichten seit 1991 einen „Solidaritätsbeitrag“ von 7,5 Prozent auf Lohn und Gehalt, um die Kosten der Wiedervereinigung zu schultern. Der Staat begann erst am Anfang des folgenden Jahrzehnts die Sozialsysteme auf die neuen Erfordernisse umzustellen.
Nach dem Ausverkauf kam der Aufbau Ost
1990 war die zwischen beiden deutschen Teilstaaten getroffene Währungs-, Wirtschafts-, und Sozialunion in Kraft getreten. Die D-Mark wurde einziges Zahlungsmittel in der Noch-DDR. Für die Währungsunion war ein Umtauschkurs von 1:1 festgelegt worden. DDR-Waren verschwanden schnell aus den Regalen und wurden durch ein westliches Sortiment ersetzt. Ein Nachfrageboom setzte ein.
Eine neu gegründete Treuhandanstalt sollte bis 1994 die Umwandlung der Kombinate und etwa 8 000 Volkseigenen Betriebe (VEB) in Kapitalgesellschaften durchführen. Die „Abwicklung“ maroder DDR-Unternehmen geschah zum Teil unter Wert, d. h. sie wurden auch an Investoren, Spekulanten und Vereinigungsgewinnler veräußert.
Aus den ehemaligen Ost-Betrieben sollten marktfähige Unternehmen entstehen. Die meisten wurden jedoch stillgelegt. Etwa 30.000 Einzelhandelsgeschäfte, Hotels und Gaststätten, landwirtschaftliche Nutzflächen und Liegenschaften wurden ebenfalls von der Treuhand verwaltet. Betroffen waren davon vier Millionen Beschäftigte. Doch nur wenige Ostdeutsche konnten sich an der Privatisierung ihrer ehemaligen Betriebe beteiligen.
Neben öffentlichen Fördermitteln waren vor allem private Investitionen notwendig, die durch steuerliche Anreize gefördert wurden. Nicht wenige Westdeutsche sahen die Gunst der Stunde für eine Schnäppchenjagd. Nicht alle wurden “Krisengewinnler”, viele vor allem Kleinanleger bzw. -investoren verspekulierten sich.
Die zum Teil geringe Produktivität der Betriebe, ökologische Altlasten, ungeklärte Eigentumsfragen und der Zusammenbruch der osteuropäischen Märkte führten zum millionenfachen Arbeitsplatzverlust. Die Verkaufserlöse aus der Privatisierung des volkseigenen Vermögens kompensierten die wirtschaftlichen Folgelasten der Wiedervereinigung im Osten nicht. Neben der Sanierung der Betriebe hatte vor allem die der Infrastruktur wie Straßen, Schiene und Gebäude, sowie die der Telekommunikation oberste Priorität.
Nach starken wirtschaftlichen Einbrüchen setzte 1992 ein nur allmählich geringes Wachstum in den neuen Ländern ein. Etwa 40 Prozent des Bodens und 41 Prozent der Wohnungen befanden sich zum Zeitpunkt der Wende in Volkseigentum. Mit dem Vermögensgesetz wurde dem Prinzip “Rückgabe vor Entschädigung” Vorrang eingeräumt. Es verzögerte aber die Investitionstätigkeit. Bei etwa 2,2 Millionen Anträgen auf “Restitution von Grundvermögen” dauerte es Jahre, bis die Mehrzahl der Eigentumsfragen geklärt war.
Ostdeutsche Bürger zogen wegen besserer Arbeitschancen in den Westen. Der Osten drohte auszubluten. Es kam zu Leerständen von Wohnungen und Häusern, die nicht alle auf eine Luxussanierung warteten und damit Wohnraum zweckentfremdeten.
Die Mieten in der DDR waren nie kostendeckend gewesen. Dem weiteren Verfall der Bausubstanz war nur schwer entgegenzuwirken. Auch Plattenbauten waren inzwischen Sanierungsbedürftig geworden und mussten an den Wohnstandard angeglichen werden.
Noch während die Experten um ein Leitbild rangen, geriet die Innenstadt Dresdens unter ungeheuren Investitionsdruck. Die Grundstückspreise in zentralen Lagen schnellten in schwindelerregende Höhen von bis zu 20 000 DM pro Quadratmeter.
In Berlin setzte im Osten wie im Westen verstärkte Bautätigkeit ein. Der Potsdamer Platz wurde 1996 Europas größte innerstädtische Baustelle.
Ost-Immobilien schienen eine sicherere Geldanlage, bis sich vielerorts die Überbewertung mancher Immobilie herausstellte. Viele Klein-Investoren konnten mit ihrem Ersparten und den zusätzlich aufgenommenen Krediten nicht die Rendite erzielen, die sie sich erhofft hatten. Für die größte Immobilienpleite mit großem Bankenspektakel sorgte 1994 die Firmengruppe des Dr. Jürgen Schneider. Der Spekulant und Großinvestor wurde 1997 wegen Betrugs und Kreditbetrugs zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.
Der neue Automarkt im Osten
Die Autoindustrie war der erste Industriezweig, der unmittelbar nach der Wiedervereinigung einen neuen Aufschwung erlebte. Bereits 1990 lief der erste westdeutsche Wagen in Zwickau vom Band: der VW-Polo. Ein Jahr später kam dann das Ende des DDR-„Volkswagens“ Trabant; insgesamt waren ca. 3 Millionen Pkw dieses Typs produziert worden.
Später zogen auch Opel und BMW in den Osten und errichteten in Eisenach bzw. Leipzig Werke. In Dresden eröffnete VW das gläserne Werk für die Endmontage des Oberklassenmodells „Phaeton“.
Doch 1993 musste VW allerdings die Viertage-Woche in den westdeutschen Stammwerken bei entsprechendem Lohnverlust einführen. Auch die Daimler Benz AG kündigte im selben Jahr den Abbau von weltweit 44.000 Arbeitsplätzen, davon ca. 35.000 in Deutschland bis 1994 an. Fünf Jahre später fusionierte Daimler mit dem angeschlagenen US-Automobilkonzern Chrysler. Es war einer der bisher größten Industriezusammenschlüsse weltweit, 2007 trennten sich beide wieder.
Kohle, Stahl und Kernenergie
Der Bergbaukrise folgte die Stahlkrise. 1993 demonstrierten Stahlarbeiter in der “Nacht der 1000 Feuer” gegen drohende Massenentlassungen. Die Saarstahl AG in Völklingen meldete Konkurs an. Das Stahlwerk Duisburg-Rheinhausen des Krupp-Hoesch-Konzerns wurde endgültig geschlossen.
Der Kohlepfennig, auf den Strompreis aufgeschlagen, war vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig erklärt, und wurde 1994 abgeschafft. Die Subvention der Kohle reduzierte sich auf 5,5 Milliarden DM. Die deutschen Zechen vereinigten sich 1998 in der “Deutschen Steinkohle AG”.
Hauptstandorte für Rohstahlerzeugung der fusionierten Krupp Hoesch Stahl AG (1993) blieben in Dortmund und Duisburg-Huckingen Am Ende des Jahrzehnts erfolgte eine weitere Fusion mit Thyssen zur ThyssenKrupp AG.
Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich durfte wegen mangelnder Erdbebensicherheit nicht wieder in Betrieb genommen werden. 1991 war auch der Abriss aller Reaktorblöcke des ostdeutschen Kernkraftwerks Greifswald wegen Sicherheitsbedenken beschlossen worden. Über den Schnellen Brüter in Kalkar wurde im selben Jahr zunächst ein Baustopp verhängt. Die Wiederaufbereitung abgebrannter Kernbrennstäbe wurde jedoch 1999 in „Konsensgesprächen zur Atompolitik“ vorerst nicht untersagt.
Die Atommüll-, die sog. Castor-Transporte aus der Wiederaufbereitungsanlage von La Hague in Frankreich in das Zwischenlager Gorleben im Landkreis Lüchow-Dannenberg können bis heute nur unter massivem Protest und Blockaden durch Kernkraftgegner durchgeführt werden. Die Transporte waren auch für geraume Zeit wegen Verstrahlung der Behälter unterbrochen worden.
Firmen-Hochzeiten und -Beerdigungen
Nach Einstieg von Daimler 1986 schien AEG gerettet. Doch der Versuch einen modernen Technologiekonzern zu entwickeln, war nicht von Erfolg gekrönt. Der Electrolux-Konzern übernahm 1994 die Sparte Hausgeräte und damit das Traditionswerk in Nürnberg. Das Aus für AEG wurde 1996 besiegelt. Einige Bereiche wurden von Daimler-Benz AG weitergeführt. Das berühmte Markenzeichen der “AEG” blieb.
Der Baukonzern Holzmann meldete 1999 Konkurs an. Eine staatliche Hilfe, vom neuen Kanzler Gerhard Schröder medial in Szene gesetzt, rettete das verschuldete Unternehmen jedoch nur vorübergehend.
Das größte deutsche Schiffbauunternehmen, die Bremer Vulkan Verbund AG, geriet Mitte der 80 Jahre in finanzielle Bedrängnis. Hinzu kam der Vorwurf, dass für ostdeutsche Werften gedachte Gelder veruntreut worden waren. Der Konkurs konnte 1997 nicht mehr abgewendet werden. 22 500 Arbeitsplätze gingen verloren.
Europa wächst zusammen
Die ursprünglichen zwölf EG-Staaten gründeten mit dem Maastrichter Vertrag eine Wirtschafts- und Währungsunion, die auch die Einführung der europäischen Währung (ECU) vorsah. Aus der EWG wurde die EG. Der Europäische Binnenmarkt trat 1993 in Kraft, ein Jahr später die Bestimmungen des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR).
Der Euro wurde in elf Staaten der EU im bargeldlosen Zahlungsverkehr eingeführt. Er startete im Devisenhandel mit einem Kurs von 1,18 Dollar. Bis zum Ende des Jahres sank er auf fast einen Dollar ab. Die EU-Kommission verabschiedete 1999 in der “Agenda 2000″ Reformen für die Agrar-, Struktur- und Finanzpolitik der Europäischen Union.
Teil 7: 2000 – 2009 – Der Wirtschaftsstandort Deutschland und die Globalisierung
Renate Lüdde, Rüdiger Dingemann: „60 Jahre Deutschland. 1949-2009“. 10 Bände im repräsentativen Schmuckschuber. Buch Verlag, 119 Euro. Die Einzelbände kosten 14,95 Euro.




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