Max Otte war einer der wenigen, die vor dem Kollaps der Finanzkrise frühzeitig gewarnt haben. In seinem Buch „Der Informationscrash“ beschreibt der Professor an der FH Worms die Krise auf den Finanzmärkten als Folge eines gigantischen Desinformationsprozesses. Im Interview beschreibt Otte seine These.
Aus Ihrer Sicht ist die Finanzkrise ein gigantischer Informationscrash. Inwiefern?
Wir haben mit fiktiven Produkten fiktive Werte geschaffen. Bereits im Frühjahr 2005 bemerkte ich, wie der Wahnsinn am amerikanischen Hypothekenmarkt um sich griff. Die amerikanischen Zeitungen berichteten allenthalben über explodierende Häuserpreise in Florida, Las Vegas, New York City und anderen Regionen. Das Immobilienspekulationsfieber hatte die USA erfasst. Fast jeder konnte aufgrund einer maßlosen Geld- und Kreditpolitik eine oder mehrere Hypotheken erhalten. Bürgerinnen und Bürger, Handwerker, Pizzabäcker, Friseure und Friseusen kauften Häuser, nur um sie nach kurzer Zeit mit Gewinn weiterzuverkaufen. Ich selber hatte erlebt, wie der Preis des kleinen Häuschens in Princeton, in dem ich mit drei anderen Doktoranden von 1989 – 1992 gewohnt hatte, von 130.000 Dollar im Jahr 1991 auf 360.000 Dollar im Jahr 2001 gestiegen war. In Boston fraß die Miete meines sehr einfachen Apartments 1998 knapp die Hälfte meines Einstiegsgehalts als Professor auf, obwohl ich am oberen Rand der Gehaltsbandbreite eingestiegen war. Und das war lange vor der wirklich „heißen Phase“ des Immobilienbooms.
Sie wurden daher als „Crash-Prophet“ tituliert.
Gegen diesen Titel habe ich mich immer gewehrt. Ich hatte 2005 lediglich das aufgeschrieben, was in meinen Augen offensichtlich war. Auch war ich nicht der Einzige. Es ist also keinesfalls meine besondere prophetische Gabe (die ich auch gar nicht besitze), welche Beachtung verdient, sondern die Tatsache, dass so wenige Experten die Blase gesehen haben. Notenbanken, Investmentbanken, Geschäftsbanken, Aufsichtsbehörden, Wirtschaftsprüfer, Analysten, Ökonomen, Ratingagenturen, Politiker – sie alle haben mitgemacht. Keiner schrie auf, geschweige denn, entwickelte wirksame Gegenkonzepte gegen den Crash. Dabei sprang der Wahnsinn am amerikanischen (und am spanischen und englischen) Immobilienmarkt jedermann in die Augen, der auch nur halbwegs in diese Richtung schaute. Und der Höhepunkt der Technologieblase lag auch gerade erst ein halbes Jahrzehnt zurück. Massenhaft merkten die Experten und Hofräte im Jahr 2008 auf einmal, dass der Kaiser keine neuen Kleider anhatte, sondern nackt war. Und so wird die Finanzkrise zum Symptom eines viel größeren Wahnsinns, der unsere Wirtschaft und Gesellschaft erfasst hat: der Virus der Desinformation. Unternehmen, Verbände, Politiker, aber auch sogenannte „Experten“ – sie alle setzen eine Vielzahl von „Wahrheiten“ in die Welt, hinter denen sich meistens versteckte Interessen verbergen. Bürgerinnen und Bürger wissen nicht mehr, wem sie glauben können, was sie glauben können, oder ob es überhaupt noch Sinn macht, sich darum tiefere und beständigere Einsichten zu bemühen, oder ob man es besser gleich aufgibt. Sie verfolgen die Flut an Informationen bis in den Alltag hinein: komplizierte Handytarife, Überinformationen von Medien und Politikern, undurchsichtige Preisstrukturen bei der Bahn.
Welche Absicht steckt dahinter?
Je schlechter ich den Kunden informiere oder je mehr ich ihn mit vielen wiedersprüchlichen Informationen alleine lasse, umso leichter kann ich ihm etwas verkaufen. Das ganze funktioniert in etwa so wie in Schubarts Gedicht von der Forelle, bei der der Angler erst erfolgreich ist, als er das Wasser trübt. Ich glaube nicht, dass es eine “Verschwörung” gibt. Ich glaube aber, dass die Politik weitestgehend die Kraft verloren hat, Standards zu setzen und sich Sonderinteressen entgegenzustellen.
Wie gelingt es dem Verbraucher, die Komplexität zu reduzieren?
Da wir in einem Umfeld mit einer explosionsartigen Vermehrung der Informations- (oder zumindest der Datenmenge) sind, ist das sehr, sehr schwer. In meinem Buch gebe ich einige Tipps, wohl wissend, dass das nur ein Anfang sein kann. Paradoxerweise ist dabei das Wichtigste, sich ein Netzwerk und Umfeld von Dienstleistern zu schaffen, denen man vertrauen kann. Das heißt nicht, bin den “Social Networks” präsent zu sein, sondern Beziehungen zu Menschen und Organisationen aufzubauen, denen man vertrauen kann. So etwas geht nicht über Nacht und muss durch Belastungen und Herausforderungen wachsen. Ich empfehle auch, sehr selektiv mit den Medien umzugehen, auf Bücher zu setzen (nur hier bekommt man noch komplexe Gedankengänge präsentiert) und – nach Miriam Meckel – zeitweilig unerreichbar zu sein. Paradoxerweise geht es mit dem Thema “Vertrauen” in die vorindustrielle Zeit zurück, genauso wie manche Praktiken an den Märkten heute eher an eine neuofeudale Gesellschaft erinnern. In der Industriegesellschaft waren Standards und Rechtsnormen wichtig. Im selben Maße, wie diese ausgehölt werden, nimmt das Thema “Vertrauen” an Bedeutung zu.
Prof. Dr. Max Otte:
Der Informationscrash.
Wie wir systematisch für dumm verkauft werden
Econ 2009 (oktober), 19,90 Euro




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