Nobelpreis: Comeback einer Disziplin

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an Elinor Ostrom und Oliver Williamson und begrüßt die Rückkehr der institutionellen Ökonomie. Die Börsen-Zeitung warnt vor neuen Eskalationsstufen in der Sarrazin-Debatte. Expansión lehnt Staatshilfen für die spanische Autobranche ab. Fundstück: Sarrazin öffnet Augen.

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an Elinor Ostrom und Oliver Williamson. Aus Sicht der Financial Times haben beide Ökonomen den Preis verdient. Dass diese beiden US-Wirtschaftswissenschaftler ausgezeichnet würden, sei vor dem Hintergrund der Finanzkrise eine Würdigung der „großen Erkenntnisse“, zu denen eine gute ökonomische Wissenschaft beitragen könne. Beide Preisträger untersuchten die ökonomische Kontrolle: durch Firmen und Institutionen im Falle von Williamson und durch Allmendenutzer, also die Gemeinschaft, bei Ostrom. „Dieser Preis anerkennt, dass Ökonomen ebenso viel zu den Grenzen wie zu der Macht von Märkten sagen können. Er ist außerdem eine rechtzeitige Bestätigung für methodischen Pluralismus“, schreibt das britische Blatt.

Aus Sicht der BusinessWeek ist zumindest Ostrom eine überraschende Preisträgerin – kaum ein Ökonom habe sie auf dem Favoritenzettel gehabt, anders als Williamson. Die politischen Implikationen des diesjährigen Nobelpreises seien eindeutig: Während der Nachwehen der Finanzkrisen „ekeln“ sich viele vor den Märkten; gleichwohl sei es genausowenig „genießbar“, der Regierung die Verantwortung über die Wirtschaft zuzuschieben, weil keiner davon ausgehe, dass Politiker und Bürokraten einen besseren Job machen könnten. Vor diesem Hintergrund komme der Ostrom/Williamson-Preis zur exakt richtigen Zeit, weil er zeige, dass es glaubwürdige Alternativen zu den duellierenden Polen von Regierung und Markt gebe.

In seinem Blog für die New York Times gratuliert der letztjährige Träger des Wirtschaftsnobelpreises, Paul Krugman, dem Ökonomen-Duo. Mit dem Preis werde diesmal die institutionelle Ökonomie ausgezeichnet, die besonders während der Großen Depression von den Keynesianern und den mathematischen Wirtschaftswissenschaftlern – besonders Paul A. Samuelson – in den Hintergrund gerückt worden sei. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich für die institutionelle Ökonomie jedoch ein leises Comeback abgezeichnet. „Falls das Ziel darin besteht, die Schaffung von ökonomischen Institutionen zu verstehen, dann ist es entscheidend, sich bewusst zu machen, dass es eine große Vielfalt bei den Institutionen gibt, eine große Bandbreite an Strategien, die funktionieren, statt einer allzu einfachen binären Unterscheidung zwischen Individuen und Firmen“, schreibt Krugman.

Thomas C. Schelling, Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises 2005, lobt für Forbes besonders die Auszeichnung von Ostrom. Sie sei nicht nur die erste Frau, die den Preis erhalte. Ebenso sei sie die erste politische Aktivistin, die ausgezeichnet worden sei – was zeige, dass man heute keinen Doktortitel mehr benötige, um mit der eigenen Arbeit die „ökonomische Wissenschaft“ voranzutreiben. „Es scheint, als ob die Nobelpreis-Jury – deren Mitgliedschaft von Zeit zu Zeit wechselt, weshalb sich auch die Selektionskriterien ändern – das Feld der ökonomischen Wissenschaften auf die Sozialwissenschaften ausdehnt“, analysiert Schelling. Dieser Schritt sei zu begrüßen, und zwar nicht nur, weil viele Ökonomen von heute es nicht mehr mit dem ersten Dutzend Nobelpreisträgern in der 40-jährigen Geschichte des Preises – in der sich oft drei Ökonomen den Preis teilen mussten – aufnehmen könnten. Das Überlappen von Disziplinen sei grundsätzlich zu begrüßen.

Soll Sarrazin weggemobbt werden?

Die Börsen-Zeitung kommentiert den Verlauf der Diskussion über die Äußerungen des Bundesbank-Vorstands Thilo Sarrazin. Allmählich müssten alle Beteiligten aufpassen, den Bogen nicht zu überspannen. Denn der Reputationsschaden für die Währungsbehörde, den Bundesbank-Präsident Axel Weber als Folge von Sarrazins Kopftuchmädchen-Interview konstatiert habe, drohe nämlich nicht allein durch das Interview mit Sarrazin selbst von Tag zu Tag größer zu werden – sondern auch durch diejenigen, die den Konflikt auf immer neue Eskalationsstufen höben, während Sarrazin schweige. „Der Rückhalt für den früheren Berliner Finanzsenator in der Öffentlichkeit und in maßgeblichen Teilen der Wirtschaft nimmt jedenfalls offenbar zu, je länger und intensiver nicht nur an den Stammtischen über Integrationsfähigkeit und -bereitschaft von Türken und Arabern oder die volkswirtschaftliche Bedeutung des Obst- und Gemüsehandels diskutiert wird.“ Fazit der Börsen-Zeitung: Entweder müsse Weber jetzt bessere Argumente für Sarrazins Entlassung auf den Tisch legen – oder den Vorgang schnell ad acta legen. „Andernfalls könnte der Verdacht aufkommen, hier solle ein unbequemes Vorstandsmitglied weggemobbt werden.“

Dax: Gefährliche Politik des billigen Geldes

Die Financial Times Deutschland beobachtet den Höhenflug des Dax. Gestern habe der Index den bislang höchsten Wert in diesem Jahr erreicht – 15 Prozent plus gegenüber dem Jahresbeginn und fast 60 Prozent plus seit dem Tief gegen Anfang März. Deutlich sei, dass die Konjunktur- und Unternehmenszahlen – die nur deshalb als so gut erschienen, weil sie sehr niedrige Erwartungen übertreffen würden – die Börsen stark trieben. „Kapital ist im Übermaß vorhanden. Ohne die niedrigen Zinsen hätten viele Marktteilnehmer wie Banken und Hedge-Fonds kein Geld übrig, das sie in Aktien stecken könnten. Ohne die niedrigen Zinsen ständen auch Profi- und Privatanleger nicht vor der Frage, wie sie ansehnliche Renditen erzielen sollen – mit Anleihen ist das derzeit kaum erreichbar.“ Vor diesem Hintergrund stehe und falle die Hausse mit der lockeren Geldpolitik der Notenbanken. Sobald die Niedrigzins-Phase aber enden werde, was wahrscheinlich früher, als so mancher Marktteilnehmer glaube, erfolge, kämen auch die Aktienkurse zum Stehen und könnten sogar wieder fallen.

Keine Staatshilfen für die Autobranche

Die spanische Wirtschaftszeitung Expansión zeigt sich besorgt über die Zusage des spanischen Präsidenten José Luis Rodríguez Zapatero, zur Not auch staatliche Mittel einzusetzen, um im Automobilsektor Arbeitsplätze zu schützen und die Produktivität der Branche aufrecht zu erhalten. Vielleicht sei sich der Regierungschef nicht im Klaren, dass gerade die Politik staatlicher Eingriffe in den Markt dazu geführt habe, dass eine der modernsten und effektivsten Autofabriken Europas – das Opel-Werk in Figueruelas – nun vor einer ungewissen Zukunft stehe. Kein Unternehmen solle seine Zukunft davon abhängig machen müssen, ob und in welcher Höhe es Subventionen erhalte. Vielmehr müsse sich der Automobilsektor weltweit an die neuen Marktbedingungen anpassen. Finanzhilfen für nicht-wettbewerbsfähige Unternehmen verzögerten deren Leidensweg dabei unnötig.

Retten Apple und Amazon die Medienindustrie?

Die schwedische Wirtschaftszeitung Dagens Industri rekapituliert Amazons Ankündigung, den E-Book-Reader Kindle rund zwei Jahre nach seiner Markteinführung in den USA endlich auch in Europa einzuführen. Amazons Kindle und Apples iPhone mit dem dazugehörigen „App Store“ seien die berühmten Strohhalme, nach denen die Medienindustrie greifen sollte, um endlich einem zukunftsträchtigen Geschäftsmodell näher zu kommen. Die beiden Unternehmen verfügten über die technologische Kompetenz und seien auch schon so weit, die Konsumenten mit einem attraktiven Angebot dazu zu bringen, für digitale Inhalte Geld zu bezahlen. Diese Infrastruktur solle sich die Medienbranche doch zunutze machen. Ein nächster denkbarer Schritt nach dem App Store wäre doch ein „Media Store“, eine Plattform, auf der man Zeitungen, Bücher und auch Filme kaufen und konsumieren könnte, schlägt das Blatt vor. Der Schlüssel zum Erfolg seien nicht einmal die digitalen Inhalte selbst, sondern die entsprechenden Portale und die passende Hardware. Neue Endgeräte zum Konsum von digitalen Inhalten könnten die Jagd nach digitalen Einkünften und damit auch die Zusammenarbeit zwischen Medien- und IT-Branche beflügeln, hofft die Zeitung.

Wird der Geldhahn zugedreht?

Die Business Times aus Singapur beschäftigt sich mit Exit-Strategien. Auf makroökonomischer Ebene sei eine entscheidende Frage, wie und wann sich die Notenbanken, die Milliarden in die Unterstützung strauchelnder Wirtschaften gepumpt hätten, „taktvoll zurückziehen“. Und: Was passiere, falls dies voreilig geschehe? Zuletzt habe Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank, vor dem Dilemma der Inflations- (bei weiterhin niedrigen Leitzinsen) und Deflationsgefahren (bei höheren Leitzinsen) gewarnt. Doch Investoren dürften sich von Bernanke nicht verängstigen lassen, schreibt das Blatt. Dass er und seine Wall-Street-Kollegen etwas Drastisches in den kommenden drei bis sechs Monaten unternähmen, was die Wall Street missbillige, sei höchst unwahrscheinlich. Stattdessen werde voraussichtlich alles versucht, um die schwachen Wirtschaftszahlen mit „clever gestreuten Nachrichten zu beschönigen und den Geldhahn weit offen zu lassen“.

Fundstück: Sarrazin öffnet Augen

In der Bild-Zeitung gibt Kolumnist Franz Josef Wagner dem gescholtenen Bundesbanker Thilo Sarrazin Rückendeckung. „Statt über die Probleme der Integration zu diskutieren, was Ihr Thema ist, werden Sie als Schreckensgestalt gemobbt“. Dies sei ein Zeichen für die „Kultur der Blindheit“, in der wir lebten. „Wir lieben die Bundesgartenschau, Thomas Gottschalk (…). Wir wollen nicht das Ungute sehen. Ehrenmorde, Parallelgesellschaften. Wir sind da blind. Sarrazin hat uns die Augen geöffnet. Für mich ist er ein Mann, der die Augen aufmacht.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer, Fridolin Pöschl

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