2000 – 2009 – Der Wirtschaftsstandort Deutschland und die Globalisierung

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Landauf, landab gibt es Rückblicke und Analysen zum 60-jährigen Bestehen der Bundesrepublik, doch kaum einer hat sich so intensiv mit der deutschen Geschichte beschäftigt wie ecolot.de-Mitarbeiter Rüdiger Dingemann. „60 Jahre Deutschland. 1949-2009“ heißt der zehnbändige Rückblick, den Dingemann zusammen mit seiner Frau Renate Lüdde für den Bucher-Verlag zusammengestellt hat. Für ecolot.de schaut der Autor in einer siebenteiligen Serie zurück auf 60 Jahre Wirtschaftsgeschichte. Letzter Teil: 2000 – 2009 – Der Wirtschaftsstandort Deutschland und die Globalisierung

Von faulen Krediten, gierigen Managern und neuen “Gastarbeitern”

Das neue Jahrtausend begann in wirtschaftlicher Hinsicht nicht allzu euphorisch, jedoch mit Zweckoptimismus. Die Stimmung an der auch für immer mehr Kleinanleger wichtiger gewordenen Börse war noch gut. Die Emissionen, u.a. der T-Aktie, sorgten noch 2000 für ungetrübte Stimmung. Investoren erzielten Rekord-Zeichnungsgewinne, bis die IT-Blase am Neuen Markt dann ein Jahr später platzte.

Am Arbeitsmarkt sah es gar nicht rosig aus. Die Arbeitslosenzahlen überstiegen die Vier-Millionen-Marke. Mit den neuen Strukturreformen der Agenda 2010 wurde Arbeit billiger. Minijobs, Leiharbeit, Teilzeitjobs und Ich AGs ließen parallel zum konjunkturellen Aufschwung ab Mitte des Jahrzehnts die Arbeitslosenzahlen allmählich sinken.

Teilzeitstellen verdrängten reguläre Jobs: Die Zahl der Vollzeitstellen war seit 1997 stark gesunken. Jeder Vierte arbeitete inzwischen Teilzeit, als Leiharbeiter oder auf 400-Euro-Basis. Die Zahl der davon betroffenen Arbeitnehmer war um 2,6 Millionen auf 7,68 Millionen gestiegen. Im Gegenzug war die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten um 1,53 Millionen auf 22,49 Millionen gesunken.

Mit der Green Card wurde von 2000 bis 2003 ein „Sofortprogramm zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs“ aufgelegt, das später durch ein neues Zuwanderungsgesetz ersetzt wurde. Über die Greencard kamen in diesem Zeitraum 17.931 IT-Experten nach Deutschland. Die “Gastarbeiter” des neuen Jahrtausends waren hochqualifiziert im Vergleich zu den meist ungelernten Gastarbeitern der 50er und 60er Jahre.

Zwischen Banken und Hoffen

In der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts platzte erneut eine Wirtschaftsblase, und zwar die der Finanzmärkte. Es kam zur schwersten Bankenkrise seit 1929 in einem ungeahnten globalem Ausmaß.

Die internationale Finanzwelt hatte über Jahre wild spekuliert und nun eine Weltwirtschaftskrise und nachfolgende Rezession ausgelöst. Begonnen hatte es mit  faulen Immobilienkrediten in den USA und dem Handel mit so genannten Derivaten.

Bereits seit Mitte der 80er Jahre waren neue Finanzprodukte in Umlauf gekommen. Die lockere Geldpolitik der Zentralbanken weltweit stimulierte Investoren, die ihre Renditeerwartungen in schwindelnde Höhen geschraubt hatten. Die Kreditgeber bündelten ihre Verbindlichkeiten und verpackten sie in neuartige Wertpapiere. Viele ungeprüfte Kredite waren vergeben worden, Banken reichten sie weltweit weiter.

Mit der Pleite der US Bank Lehmann Brothers Ende 2008 kam das fragile Finanzgefüge weltweit ins Rutschen. Der Geldtransfer unter den Banken war nach dem Motto “Keiner traut keinem” zum Erliegen gekommen. Das Vertrauen, die Basis für eine florierende Finanzwirtschaft, war zerstört.

Der konjunkturelle Motor kam zum Erliegen. Der Staat wurde als Retter in der Not gerufen. Mit Milliarden-Bürgschaften und Krediten spannte er einen sogenannten “Rettungsschirm”, stützte ins Wanken geratene Banken, bei denen sich Defizite in Milliardenhöhe aufgetan hatten, und deren tatsächliche Verlust-Abschreibungen vorerst nicht endgültig abzusehen waren.

Weite Kreise der Öffentlichkeit reagierten mit Unverständnis auf die scheinbar endlose Gier der Bankmanager, die trotz ihrer verantwortungslosen Zocke noch Bonis kassierten. So mancher Vorstandsvorsitzende musste gehen, mancher Aufsichtsrat kam in Schwierigkeiten.

Betroffen waren in der Bundesrepublik vor allem die Deutsche Industriebank (IKB), bei der die staatliche KFW Bankengruppe (Kreditanstalt für Wiederaufbau) einspringen musste. Die Westdeutsche und Bayrische Landesbank erhielten von ihren jeweiligen Landesregierungen Milliardenzuschüsse.

Die Hypo Real Estate musste bis zum Januar 2009 insgesamt 92 Milliarden Euro staatliche Beihilfen und Garantien in Anspruch nehmen. Zeitweise wurde auch eine Verstaatlichung der Bank diskutiert.

Doch auch die anderen namhaften deutschen Geschäftsbanken kamen unter Druck. Die Commerzbank, die die Dresdner Bank 2008 gekauft hatte, musste ebenfalls vom Staat gestützt werden. Im Januar 2009 übernahm der SoFFin, der erst im Oktober 2008 von der Bundesregierung ins Leben gerufene Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung, für 1,8 Milliarden Euro 25 Prozent Anteile an der Commerzbank. Was einer Teilverstaatlichung gleich kam. Zusätzlich waren 8,2 Milliarden Euro an stillen SoFFin-Einlagen zur Verfügung gestellt worden.

Die Phantasie zur Lösung der Krise war seitens der “Bankspezialisten” weitreichend; so mancher verdiente in und während Krise seinen „Ackermann“(14 Millionen, das Jahresgehalt des Chefs der Deutschen Bank). Josef Ackermann glaubte lange Zeit noch an die „Selbstheilungskräfte der Märkte“. In Wirklichkeit ging es ohne den Staat nicht mehr, wenn das gesamte Finanzwesen nicht kollabieren sollte. Die Rufe nach dem Staat wurden ergänzt mit der Forderung nach einer “Bad Bank”, einer extra eingerichteten Bank, die wie ein Schrotthändler die “toxischen Wertpapiere” übernehmen sollte, damit die „notleidenden Banken“ wieder genesen könnten.

„Notleidende Banken“ wurde dann auch zum Unwort des Jahres 2008 gekürt. Es verkehrt das Prinzip Ursache und Wirkung. Die Täter wurden zu Opfern stilisiert. Doch es waren die Banken selbst, die die globale Krise durch ihre Spekulationsgeschäfte herbeigeführt hatten. Und: Sie hatten den Staat zur Rekordverschuldung genötigt. Die Neuverschuldung des Bundes 2009 von 86,1 Milliarden Euro ist eine Folge der schärfsten Rezession seit gut 60 Jahren. Damit erreichte die Staatsverschuldung den Höchststand seiner Geschichte: über 1,5 Billionen Euro …

Die Wirtschaftskrise erreichte Anfang 2009die BRD: Die Automobilindustrie als Schlüsselindustrie verzeichnete einen Umsatzrückgang im zweistelligen Prozentbereich. Kurzarbeit war an der Tagesordnung. Der Staat schnürte Konjunkturpakete. Umweltprämien wie die Abwrackprämie für alte Auto sollten kurzfristig den Autokäufer locken.

Die Arbeitslosenzahlen stiegen. Der mit Millionen von Subventionen entstandenen Firma Quimonda in Sachsen droht der Konkurs. Der fünftreichste Mann Deutschlands, der Multimilliardär Adolf Merckle, wurde zum prominentesten Opfer der Krise. Seine Unternehmensgruppe bestand aus einem vielfältigen Geflecht an Beteiligungen – von der HeidelbergCement über den Pistenraupenhersteller Kässbohrer bis zur Pharmafirma Ratiopharm. Er hatte sich 2008 verspekuliert. Um sein Lebenswerk gebracht, nahm er sich im Januar 2009 das Leben.

D-Mark lebe wohl

Der Euro, der 2002 eingeführt wurde, entwickelte sich zu einer starken Währung. Für den Verbraucher wurde er jedoch vielfach zum (gefühlten) “Teuro”. Offizielle Statistiken wiedersprachen dem. Die deutsche Wirtschaft war stolzer Exportweltmeister.

Mit dem wachsenden Energiebedarf u.a. von China, explodierten die Energiepreise zu Rekordhöhen. Die Heizölpreise verdoppelten sich von 2002 bis 2008. Die Energiepreise stiegen zuletzt um 21 Prozent an. Gaben die Haushalte im Jahr 2002 noch durchschnittlich 172 Euro im Monat für Strom, Gas, Heizung und Kraftstoffe aus, waren es vier Jahre später schon 221 Euro. Über 1,50 Euro kostete ein Liter Benzin, bevor mit der Krise die Preise auch für Benzin wieder fielen. 2008 lag die Inflationsrate mit 3,3 Prozent auf dem höchsten Niveau seit fast 15 Jahren. Mit der Beginn der Weltkrise sanken auch die Preise für Konsumgüter.

Umwelt und Energie

Im Jahr 2000 einigte sich die Bundesregierung mit der Energiewirtschaft auf den Ausstieg aus der Atomenergie. Der sog. Atomkonsens sieht vor, dass das letzte der 19 deutschen Kernkraftwerke 2021 vom Netz geht. Doch die Diskussion darüber ist noch lange nicht abgeschlossen.

Das Ende der Steinkohle-Subventionen wurde 2007 für das Jahr 2018 beschlossen. Damit endet die größte staatliche Förderung in der Geschichte der Bundesrepublik.

Neue Technologien haben sich zu ökonomischen Wachstumsmärkten entwickelt. Zahlreiche Windkrafträder prägen in Norddeutschland das Landschaftsbild. Solaranlagen sind heute auf vielen Dächern zu sehen. Vor zwei Jahrzehnten waren sämtliche Formen der alternativen bzw. regenerativen Energiegewinnung noch belächelt worden. Inzwischen werden sie staatlich gefördert und sind durchaus rentabel.

Seit der Energiekrise der 70er Jahre wurden verschiedene Maßnahmen zur Energieeinsparung getroffen. Im neuen Jahrtausend wurde z. B. der Energiepass für Gebäude eingeführt, der Heizkosten für Hausbesitzer und Mieter kalkulierbarer macht. Er liefert die Grundlange für Maßnahmen der Wärmedämmung bei Neubauten und zu sanierenden Häuser.

Alle Teile im Überblick:

Teil 1: Vom Wiederaufbau zum Exportweltmeister bis zur Globalisierung. Eine Einleitung.
Teil 2: 50er Jahre – Währungsreform und Wirtschaftswunder
Teil 3: 60er Jahre – Uns geht’s doch gut
Teil 4: 70er Jahre – Krisenjahre und Veränderungen in der Arbeitswelt
Teil 5: 80er Jahre – Nichts bleibt wie es ist
Teil 6: 90er Jahre – Von der Industrie zu Dienstleistungsgesellschaft
Teil 7: 2000 – 2009 – Der Wirtschaftsstandort Deutschland und die Globalisierung

BuecherRenate Lüdde, Rüdiger Dingemann: „60 Jahre Deutschland. 1949-2009“. 10 Bände im repräsentativen Schmuckschuber. Buch Verlag, 119 Euro. Die Einzelbände kosten 14,95 Euro.

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