Ich habe meistens keine Lust, darüber zu schreiben, wenn mir eine Zeitung oder Zeitschrift nicht gefällt. Wenn ich mich aber besonders ärgere, geht es nicht anders. Wie nach dem 11. September 2001, als die inzwischen eingestellte Max mit ellenlangen Bilderstrecken zum Anschlag auf das World Trade Center eine perverse Ästhetisierung des Schreckens betrieb. Immerhin habe ich auf meinen Leserbrief aus der Chefetage eine Antwort erhalten. Inhalt vergessen, war aber dürftig. Diesmal habe ich mich nicht geärgert, diesmal fühlte ich mich nur extrem peinlich berührt, als ich mir auf einer längeren Bahn-Fahrt das von Gruner + Jahr frisch gelaunchte „Business Punk“ angeschaut habe.
Fremdschämen in Extremform. Nicht nur ist das Konzept (Claim: „Word hard. play hard“) dürftig. Mit dem Heft wollen die Hamburger die jüngeren Leser von Wirtschaftsmedien erreichen, und zwar, wie in einem
Erklärstück zum Titel geschrieben wird, diejenigen, die sich dafür interessieren, dass „Unternehmer ausbrechen und aufrühren“, „sich auflehnen und ablehnen, was der Rest für gute Tradition hält“. Wer bei dieser Beschreibung kein role model vor Augen hat, für den listet das Blatt die „20 berühmtesten Business Punks“ der Welt auf, von Microsoft-Brüllbär Steve Ballmer (der keine Hemmungen habe) über Richard Branson (dem die Titelgeschichte gewidmet ist) bis hin zum deutschen Verleger Benedikt Taschen (Taschen Verlag).
Ok, das Konzept verspricht: Hier soll es um Coolness in der Wirtschaftswelt gehen, und genau daran scheitert das Blatt, weil die Hamburger Coolness irgendwie missverstehen. Besonders deutlich wird dies an einer Reportage über den „Mythos Allnighter“, also Leute, die gerne die Nacht zum Tag machen: Juristen oder Werber, die, um eine Deadline einhalten zu können, durcharbeiten. Statt das Thema auf konventionelle Art auszurecherchieren (und sich, nach alter Schule, dabei als Journalist auch ein bisschen zurückzuhalten), machen die Autoren (BP-Chef Nikolaus Röttger und Horst von Buttlar) einen auf dickes Portemonnaie und beschreiben, wie sie nach London fliegen, dort Banker und Unternehmensberater zum Thema Durchmachen interviewen und tüchtig feiern, bevor sie am nächsten Morgen wieder in der Mittagskonferenz in Hamburg aufschlagen. Ganz nette Idee (wobei man sich schon fragen muss, warum die Jungs sich nicht in Frankfurt umgehört haben – hauen sich die Londoner härter eine Nacht um die Ohren?), seltsam umgesetzt.
Tenor des Recherche-Teils ist, dass die Allnighter eigentlich arme Säcke sind, weil die Nächste kühl und einsam sind. Konterkariert wird dies aber durch den Erlebnisbericht der Autoren selbst, die sich in ihrer Rolle sichtbar cool vorkommen, von ihrer „lauten, schrillen Party mit viel Wodka Red Bull und vielen jungen Mädchen in engen, kurzen Kleidern, die sich an die teuren Tische schmiegen“, berichten – um am nächsten Morgen die Frauen daheim anzurufen, die am Frühstückstisch sitzen („Die haben großzügig verstanden, was wir hier machen“). Und die kurz vor Toreschluss ins Abenteuer-Pathos („Wir sind noch im heute. irgendwie zeitlos. Wer jetzt einschläft, ist ein Gefallener“) verfallen. Irgendwie passt das nicht zusammen. Performativer Widerspruch. Und mit peinlicher Coolness-Attitüde (was sich am besten an dem Foto der beiden Reporter auf der Straßeninsel – der eine sinniert, der andere hackt seinen Text ins Laptop – zeigt. Journalisten sind nicht cool. Auch nicht, wenn man sie mitten auf die Straße setzt).
Peinlich ist das Heft auch durch sein Frauenbild. Freilich sind Business Punks immer männlich, weshalb in der Liste keine Frau auftaucht. Natürlich feiern Röttger & Co. coole Jungs
wie Virgin-Chef Branson, der sich auch schon mal eine nackte Frau beim Wasserski-Fahren auf den Rücken schnallt. Und daher wundert es auch nicht, dass (fast) die einzige Frau, die im Heft überhaupt auftaucht, die „sexy Sekretärin“ ist, die „mehr als eine Angestellte“ sei – eine „ständige Versuchung“ (siehe Foto „zur Sache, Kätzchen“). Soll wohl heißen: Andersdenkende Punker gibt es offenbar nur in der Männerwelt. Und die Frauen sind eigentlich nur dazu da, den coolen Jungs ihr Andersdenken zu versüßen, möglichst in High Heels.
Ich könnte noch einiges zum Stil der Geschichten und zu den Lügen der Hamburger schreiben, was jedoch Handelsblatt-Kollege Thomas Knüwer schon erledigt hat. Bleibt nur zu hoffen, dass der Hamburger Punker ein Solist bleibt und in irgendeiner coolen Londoner Bar auf Nimmerwiedersehen versackt.



0 Kommentare zu “Wenn coole Jungs einen draufmachen”