ING: Das große Bankenzittern

Für die internationale Wirtschaftspresse ist die Aufspaltung von ING der Anfang großer Veränderungen auf dem europäischen Finanzmarkt. Die Financial Times Deutschland gibt keine Entwarnung bei Daimler. Gazproms Exporte in die EU gehen drastisch zurück, berichtet Vedomosti. Fundstück: Wem gehört eigentlich Ihr Haus?

Die von der Europäischen Kommission verordnete Aufspaltung des Bank- und Versicherungskonzerns ING in die einzelnen Sparten habe, zeige neben dem Muskelspiel der Kommission, auch zwei wichtige Trends, schreibt der Economist . Zum einen sei das Konzept der „Bancassurance“, also einer integrierten Bank und Versicherung, gescheitert – am gleichen Tag wie ING habe etwa auch der Versicherer Standard Life angekündigt, seine Bankensparte an Barclays zu verkaufen. Die Aufspaltung der ING verstärke zudem den Trend unter vielen Privatkundenbanken, sich stärker auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. „Die ING wird auf einen Weg gezwungen, den sie sowieso hätte gehen müssen“, meint das Magazin. Marktteilnehmer wetteten darauf, dass Institute wie die Royal Bank of Scotland, die Lloyds Banking Group oder die belgische KBC ebenfalls zur Restrukturierung gezwungen werden könnten. Ihre Aktienkurse seien allesamt abgeschmiert.

„Die Europäische Kommission meint es also ernst“, resümiert das Wall Street Journal . Die Umstrukturierung der ING falle mit der Aufspaltung in einzelne Sparten und zahlreichen anderen Verkäufen und Zugeständnissen viel radikaler aus, als zuerst angenommen. „Das sind schlechte Nachrichten für die ING und für die anderen 30 Banken, deren Umstrukturierungspläne noch die Zustimmung der EU brauchen“, kommentiert das Blatt. Nach dem Umbau werde sich das Institut von einem Global Player zu einer Regionalbank der Benelux-Staaten verwandelt haben. Andere europäische Banken wie die britischen Riesen Lloyds Banking Group and Royal Bank of Scotland könnten ebenfalls gezwungen werden, einen ähnlichen Weg wie die ING zu gehen, meint auch das WSJ. „Die EU konnte mit der ING hart verhandeln, weil diese auf eine schnelle Einigung angewiesen war. Nach diesem auffälligen Erfolg der EU könnte es für andere Banken schwerer sein zu widerstehen“, glaubt die Zeitung.

Die Europäische Kommission habe starken Einfluss auf die Banken, die Staatshilfe während der Finanzkrise erhalten haben, analysiert der Business Spectator aus Australien. Die ING sei kein isoliertes Beispiel für Interventionen der Kommission. Deutschlands Commerzbank habe in diesem Jahr bereits die Hälfte ihrer Bilanz abstoßen müssen, als Preis für die Zustimmung zu ihrer Rettung. Sollte die EU ihren Ansatz, den sie im Hinblick auf die ING gewählt habe, auch anderen Banken gegenüber vertreten, werde dies die Landschaft der Finanzdienstleistungen in Europa – und dadurch auch auf anderen Märkten – nachhaltig verändern. „Europa wird am Ende mit zahlreicheren, kleineren und weniger risikoanfälligen Instituten dastehen“, prophezeit die Zeitung. Die Krise habe gezeigt, dass Größe und Vielfalt nicht zur Sicherheit beigetragen hätten. „Tatsächlich haben Komplexität und Größe dazu geführt, dass die Institute nicht nur ,too big to fail’ geworden sind, sondern auch zu komplex zu managen und zu regulieren“, kritisiert das Blatt.

Keine Entwarnung bei Daimler

Die Financial Times Deutschland gibt, trotz des positiven Quartalsergebnisses, keine Entwarnung für Daimler. „Den Gewinn hat der Konzern kaum steigenden Absätzen zu verdanken als viel mehr straffen Kostenschnitten“, begründet die Zeitung. Das Absatzplus für die E-Klasse sei für ein neu eingeführtes Modell gegenüber dem Vorjahr zu mager ausgefallen. „Richtig beunruhigend“ sei die Situation bei der neuen S-Klasse, die als Luxuskarosse die höchsten Margen bringe. Von Juli bis September habe Mercedes gerade 14.600 Stück davon verkauft. Das auslaufende Modell habe im Vorjahresquartal immerhin 23.100 Käufer gefunden. Auch bei der wichtigen Lastwagensparte sei keine Erholung in Sicht. „Das milliardenschwere Sparprogramm greift zwar, die Probleme sind aber längst nicht gelöst“, kommentiert das Blatt.

Bayer: Die Stärke des Konglomerats

Die Struktur des Chemieriesen Bayer als Mischkonzernen mit drei Sparten sei von Vorteil in Krisenzeiten, analysiert die Börsen-Zeitung. Zwar erscheine es wie verhext: „Kaum hat Bayer eine Krise in einem der drei Teilkonzerne halbwegs überwunden, gerät ein anderer Teilkonzern ins Schlingern.“ Im dritten Quartal sei es etwa die Pflanzenschutzsparte gewesen, die für Enttäuschung gesorgt habe. Demgegenüber profitiere jedoch die Kunststoffsparte unübersehbar von der konjunkturellen Erholung. Zwar verlangten Analysten bisweilen noch immer die komplette Trennung vom Chemiegeschäft. Bayer scheine jedoch die richtigen Lehren aus der Ausgliederung eines Teils der Chemiesparte, der jetzt als Lanxess eigenständig weiterlebt, gezogen zu haben. „In Krisenzeiten – seien sie konjunkturell oder hausgemacht – beweist der Mischkonzern mit einem geglätteten Ergebnis auf Konzernebene Stärke“, kommentiert die Zeitung.

Gazproms flüssige Konkurrenz

Der Einbruch der Gasexporte des russischen Energieriesens Gazprom nach Europa sei alarmierend, kommentiert die Wirtschaftszeitung Vedomosti. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres seien 28,3 Prozent weniger Gas geflossen. Dabei sei der Einbruch nicht primär auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen. Im ersten Quartal, in dem die Ausfuhren besonders stark schrumpften, sei die Gesamtnachfrage nach Erdgas in Europa nur um 5,6 Prozent zurückgegangen. Die Gründe für den Verlust der Marktanteile seien vielmehr die hohen Preise für Gazproms Energieträger und die unflexible Preispolitik. Ob sich die Exporte in naher Zukunft erholen würden, sei unklar. „Einerseits wegen der noch unsicheren wirtschaftlichen Situation in der EU und andererseits wegen der wachsenden Konkurrenz auf den internationalen Gasmärkten“, erklärt die Zeitung. Flüssiggas, das zunehmend auf den europäischen Markt dränge, werde die Preise auf den Märkten weiter drücken. „Statt sich auf die Konkurrenz auf den schnelllebigen Spotmärkten einzustellen, verteidigt Gazprom jedoch seine Politik der Langzeitverträge“, kritisiert das Blatt.

Schwedens Haushalte zunehmend verschuldet

Die schwedische Wirtschaftszeitung Dagens Industri fragt sich angesichts der jüngsten Finanzmarktstatistik, ob die Regierung mit ihrer Zinspolitik „total versagt“ habe. Die Investitionsrate der Unternehmen sei seit Monaten rückläufig und die Verschuldung der privaten Haushalte explosionsartig angestiegen. Kein Grund zur Unruhe, meint Robert Bergqvist, Chefökonom der Skandinaviska Enskilda Banken (SEB): Zur Zeit sei der Investitionsbedarf der Unternehmen konjunkturbedingt einfach nicht so groß. Die wahre Herausforderung folge auch für die Banken erst in sechs bis zwölf Monaten, wenn die Unternehmen, aufgrund der gestiegenen Nachfrage, wirklich Kredite benötigten. Eher beunruhigend sei die Verschuldung der privaten Haushalte, meint der Chefökonom, aber die schwedische Reichsbank sei im Moment offenbar noch froh darüber, dass die Zinspolitik überhaupt Auswirkungen zeige. Die bevorstehende Zinserhöhung könnten die schwedische Haushalte allerdings gut verkraften, da sie mehr denn je „auf der hohen Kante“ hätten.

Fundstück: Wem gehört eigentlich Ihr Haus?

Die „hypothekarisch gesicherten Wertpapiere“, jene komplizierten Finanzinstrumente, die großen Schaden in der amerikanischen Wirtschaft und im Bankensektor angerichtet haben, bereiten neue Schwierigkeiten. Einige Hypothekengeber könnten ihre Ansprüche bei Zwangsversteigerungen der Immobilien nicht beweisen, berichtet das Portal Daily Finance . So habe ein Gericht den Anspruch der Gesellschaft PHH Mortgages auf fast 500.000 Dollar nicht feststellen können. „Die Struktur der Papiere ist so kompliziert, dass es unklar ist, was sich dahinter verbirgt“, schreibt das Portal. Während des Hypothekenbooms seien die Papiere gebündelt und an Unmengen von Investoren verkauft worden. Die Spur, wem das Haus wirklich gehöre, sei verloren gegangen. Ein Richter habe nun die Schulden der Hausbewohner gegenüber PHH für getilgt erklärt, da die Gesellschaft keine Hypothek habe nachweisen können. „Unklar ist, ob der Fall eine Ausnahme darstellt oder bald zum Alltag der amerikanischen Gerichte gehören wird“, schreibt das Blatt.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Fridolin Pöschl

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