Die internationale Wirtschaftspresse sieht im Festhalten von General Motors an Opel eine Blamage für die deutsche Regierung und eine Niederlage für Magna. Für Opel selbst und die europäische Autoindustrie ergäben sich jedoch bessere Perspektiven. Aktuell überlegten die GM-Manager sogar, ob man den Standort im Ruhrgebiet in abgespeckter Form nicht doch fortführen könne.
Das Wall Street Journal berichtet, dass die GM-Manager bereits an einem neuen Restrukturierungsplan für Opel und Vauxhall arbeiteten und dabei trotz der Empörung auf deutscher Seite zuversichtlich seien, finanzielle Hilfe vom deutschen Staat zu erhalten. Der bei GM für die Restrukturierung verantwortliche Manager John Smith gehe davon aus, dass die europäischen Regierungen und Gewerkschaften den Plan mögen werden, da dieser dem Magna-Entwurf sehr ähnlich sei; so werde man ebenfalls mindestens 10.000 Stellen in Europa abbauen. Aktuell überlegten die GM-Manager aber, ob man das Werk in Bochum in abgespeckter Form nicht doch fortführen könne – laut Smith gebe es Hoffnung für Bochum. „Das Bochumer Werk zu schrumpfen, statt zu schließen, könnte für Frau Merkel ein Hoffnungsschimmer sein, für die die GM-Entscheidung die größte Schlappe seit dem Gewinn der Wahl im September darstellt.“
Die Entscheidung von GM sei gut für Europas Autoindustrie, kommentiert die britische Financial Times . Das Votum der deutschen Regierung für Magna habe den Stellenabbau in Deutschland zu Lasten anderer Länder entschärfen sollen. „Dieser teure Beschäftigungsschutz war ein schamloser Bruch mit dem Geist des europäischen Binnenmarktes“, kritisiert das Blatt im Rückblick. Hinzu komme, dass der „Deus ex machina“ eine gute Chance biete, das Unternehmen sauber zu restrukturieren. Dass GM Opel behalte, habe Vorteile: So verleihe die Restrukturierung auf dem US-Binnenmarkt – wo GM 50.000 Jobs abbaue – dem Unternehmen die Glaubwürdigkeit, um Opel/Vauxhall auf einer wirtschaftlichen Basis neu auszurichten. „GM blufft nicht. Das Unternehmen muss Opel aus der Krise führen.“
Russland sehe auf den ersten Blick wie der große Verlierer des geplatzten Opel-Verkaufs an das Magna-Sberbank Konsortium aus, schreibt Vedomosti . Der Traum vom Zugang zu modernen Technologien durch den Kauf eines europäischen Herstellers und von deren Umsetzung beim russischen Hersteller GAZ sei ausgeträumt. „Vielleicht ist diese Wendung sogar zum Besseren“, kommentiert das Blatt. „Unter heutigen Bedingungen sollten die Russen weniger von Nano – und sonstigem Hightech – träumen, sondern sich lieber Gedanken über den Umbau des Staates nachdenken, damit das Unternehmertum wieder Luft zum Atmen hat“, so die Forderung der Zeitung. Dann werde es jemanden geben, der die Technologien erfindet und umsetzt. „Sonst bleibt alles beim leeren Gequatsche“. GM habe bereits angekündigt, selbst direkt mit GAZ zusammenzuarbeiten.
Unsicherheit folge in Spanien auf die anfängliche Überraschung über den von GM gestoppten Verkauf von Opel an Magna, beobachtet die Wirtschaftszeitung Cinco Días . Mit Nachdruck poche die spanische Regierung darauf, die mit Magna verhandelten Eckpunkte zum Stellenabbau im Werk Figueruelas nicht zu gefährden. Man werde keine einzige weitere Kündigung akzeptieren, die über die vereinbarte Zahl hinausgehe, zitiert die Zeitung den Wirtschaftsminister Miguel Sebastián. Auch der spanische Arbeitsminister, Celestino Corbacho, fordere mit Nachdruck, dass es bei den mit Magna vereinbarten Sparmaßnahmen bleibe. Großes Misstrauen herrsche bei den Beschäftigten des Opel-Werkes. Trotzdem zeige sich deren Gewerkschaft UGT den Umständen entsprechend gelassen und vertraue auf den guten Ruf des Opel-Standortes in Spanien. Schließlich sei kein anderes Werk von GM so produktiv wie Figueruelas, zitiert sie die Zeitung.
Das Wirtschaftsblatt aus Österreich schreibt, man könne General Motors keinen Vorwurf machen. „Die Amerikaner haben einfach ihr Recht als Eigentümer gewahrt. Als solcher ist es legitim, sich Zeit zu lassen und einen Rückzieher zu machen.“ Die Amerikaner hätten erfolgreich auf Zeit gespielt: Jetzt schaue die Konjunktur wieder besser aus, GM sei aus dem Gröbsten heraus und habe wieder etwas finanziellen Spielraum. „Wieso soll man sich dann aus Europa zurückziehen und einen neuen Konkurrenten in Russland einhandeln?“ Für Magna sei die Entscheidung eine Niederlage. Das Unternehmen stehe mit leeren Händen da, außerdem bleibe ein Imageschaden, und man habe sich mit den Opel-Plänen bei Kunden keine Freunde gemacht. „Der einzig wirkliche Verlierer ist die deutsche Politik, der wieder einmal vor Augen geführt wurde, wer in der Welt das Sagen hat. Bis zur nächsten Wahl ist das aber auch wieder vergessen.“
Die italienische ilsole24ore fragt nach der politischen Auswirkung der überraschenden Wendung aus Detroit. Die deutschen Gewerkschaften hätten einen Streik angekündigt, der sich europaweit auswirken werde. Dies bringe die Regierungen Englands und Spaniens ins Spiel, wo weitere Werke sind. Während sich Spaniens Minister für Industrie, Miguel Sebastián, überrascht gezeigt habe, komme nur aus Großbritannien Beifall für die Entscheidung von GM. Der britische Gewerkschaftsführer Tony Woodley freue sich über die Entscheidung von General Motors, Opel und Vauxhall zu behalten. Auch die britische Regierung werde die Verhandlungen mit General Motors bald beginnen.
Das chinesische Portal sina.com vermutet, dass die wiederauflebende Autoindustrie in den USA und Europa die Entscheidung von GM bedingt hätten. Im Oktober seien die Verkaufszahlen von GM in den USA um 4,1 Prozent; der Oktober-Absatz in Höhe von 15 Millionen Fahrzeugen sei der höchste in diesem Jahr gewesen. Außerdem wolle GM an den strategischen Vorteilen von Opel festhalten: Man benötige die Produktionslinien für Kleinwagen in Europa, um konkurrenzfähig zu bleiben. Schließlich habe die neue Regierungskonstellation in Deutschland ein anderes politisches Stimmungsbild auf den Verkauf von Opel geworfen – dass Opel nach der Wahl bei GM bleiben könnte, habe Treuhänder Dirk Pfeil bereits vor der Wahl vorhergesagt.
Fundstück: Opelaner sind keine Roboter
Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner zeigt viel Empathie mit den Opelanern: „Menschen sind keine Roboter, seelenlose Produktionskörper. Menschen atmen ein und aus. Menschen haben ein Gärtchen, einen Sohn oder eine Tochter, die studieren. Menschen brauchen Planungssicherheit.“ Für die Opelaner sei die Illusion – „gerettet“, „nicht gerettet“, „halb gerettet“ – das Schlimmste gewesen. „Opelaner zu sein, ist wie die Angst, Krebs zu haben. Unsicherheit ist das Schlimmste. In dieser Unsicherheit leben die Opelaner.“
Mitarbeit: Cornelia Bruckner, Florian Käfer, Maxim Kireev, Mingli Lauscher
ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird.
Foto: Opel




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